Ein Visionär der europäischen Idee – René Schickele

Einen „zweisprachigen Grenzlandvogel“ nannte er sich selbst, steter Wanderer zwischen Deutschland und dem Elsass, geboren in Oberehnheim, gelebt unter anderem in Strasbourg, Berlin, Badenweiler; bewundert und verachtet von beiden Ländern – das Grenzlandschicksal ist René Schickeles Biographie immanent. In Deutschland galt er als Franzose, in Frankreich als Deutscher. Er schrieb auf Deutsch und fühlte sich doch nicht als Deutscher, sondern als Grenzgänger und Kosmopolit. Mit seiner Idee einer grenzüberschreitenden Heimat wirkte Schickele mit am Fundament einer europäischen Idee, die sich heute in der Europäischen Union zu verwirklichen beginnt.

Im Mitteldeutschen Verlag erschien nun vor kurzem ein eleganter kleiner Sammelband unter dem Titel Das Wort hat einen neuen Sinn[1], herausgegeben von Christian Luckscheiter und Hansgeorg Schmidt-Bergmann. Darin finden sich Essays, Briefe und Gedichte des elsässischen Schriftstellers, die Schickeles Europaidee aufgreifen und um seinen Begriff der Heimat kreisen. Aus diesem Spektrum erschließt sich die Bedeutung der Neuauflage Schickelscher Texte zu einem Zeitpunkt, da in der Europäischen Union radikal-konservative Kräfte an Einfluss gewinnen und sich dezidiert europakritische Stimmen mehren.

 

„Hier bin ich geboren, hier bin ich zuhause. Heimat, das ist für uns eine so köstliche, so lebendige Tatsache, daß wir darüber die unvermeidlichen Irrwege vergessen.“ (Erlebnis der Landschaft, 96)

 

1883 wurde René Schickele in Oberehnheim, Elsass, als Sohn eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter geboren. Schon seine Familienkonstellation scheint sein deutsch-französisches Grenzgängerschicksal zu determinieren. Obwohl er zuhause nur Französisch sprach, wurde Schickele schnell Klassenbester im Deutschunterricht. Er immatrikulierte sich naturwissenschaftlich, gab bereits zu Studentenzeiten eine eigene Zeitschrift und Gedichte heraus, pilgerte umher zwischen Paris, Berlin, Strasbourg und München und ging letztlich auf Weltreise. In Berlin beteiligte er sich an einem Verlagshaus, ging Bankrott und kehrte als Redakteur nach Strasbourg zurück. Es erschienen Romane, Gedichte und Erzählungen. Immer produktiv, immer mehr als Schriftsteller tätig kehrte Schickele nach Berlin zurück und gab dort die Weißen Blätter heraus. Während des Krieges lebte er in der Schweiz, von dort aus fand er in Badenweiler seine ideale Heimstätte, nur um auch von dort wieder vertrieben zu werden (Autobiographische Notizen, 7ff). Er, der stete Vermittler und Pazifist starb 1940, gebrochen und resigniert durch den deutschen Faschismus und den erneuten Krieg zwischen seinen beiden Heimatländern. Erst viele Jahre später konnte sein Wunsch erfüllt und sein Grab nach Badenweiler verlegt werden. Den Fall Frankreichs an Nazideutschland musste er nicht mehr erleben.

 

„Das Land der Vogesen und das Land des Schwarzwaldes waren wie die zwei Seiten eines aufgeschlagenen Buches – ich sah deutlich vor mir, wie der Rhein sie nicht trennte, sondern vereinte, indem er sie mit seinem festen Falz zusammenhielt.“ (Blick vom Hartmannsweilerkopf, 66)

 

In seinem schriftstellerischen Schaffen, seinen Briefen, Essays, Romanen und Gedichten, entwirft Schickele ein für seine Zeit kontroverses und bewusst antiimperialistisches Europabild. In Zeiten des blühenden Nationalismus verwendet Schickele selbst zwar ähnlich klingende Rhetorik, bleibt in seinen Idealen jedoch konsequent pazifistisch. Europäisierung kann für ihn nur durch Demokratisierung gelingen (Finck 1992, 18). Ein Krieg – besonders zwischen Deutschland und Frankreich – wäre das schlimmste anzunehmende Übel für seine Heimat, die unweigerlich zum Schlachtfeld werden und sich innerlich zerreißen müsste (Finck 1992, 19).

Auch wenn der erste Weltkrieg ein herber Rückschlag gewesen sein muss, ließ sich Schickele davon zunächst nicht beeindrucken. Unermüdlich setzt er sich – auch im Schweizer Exil – für seine Idee ein und sympathisiert anfänglich mit den Revolutionären des 9. November. Erst die Gewalthandlungen stoßen ihn ab, wie auch die Entwicklungen in Russland, die ihn von seiner sozialistischen Grundhaltung entfremden. Eine Gewalt dürfe nicht durch eine andere ersetzt werden und im russischen Bolschewismus wittert Schickele früh eine neue Form des immer gleichen Militarismus (Finck 1992, 21).

Schickeles Suche nach einer europäischen Identität wird für ihn zur persönlichen Identitätskrise. Er kann sich nicht auf eine Heimat festlegen, sondern muss die Zweiheit beibehalten, um nicht in die Schienen der verhassten Nationalisten zu passen. Seine „Einheit der Zweiheit“ bildet das Muster für die „Einheit der Vielfalt“ im heutigen Europa (Finck 1992, 22).

Bei der Verwirklichung dieser Idee bleibt Schickele Realist und sieht die Herausforderungen vor allem in der Verständigung. Er sieht, dass der Prozess Zeit brauchen wird und vor allem in der umstrittenen Grenzregion Elsass am schwierigsten ist. „Dies Land war von je der Punkt, wo das deutsche an das französische Herz schlug, der Geist der beiden Völker sich in Fleisch und Blut begegnete“ (Im Süden, 105), schrieb er noch 1932 an Annette Kolb über die Region um den Rhein; als der deutsche Faschismus erneut drohte, Europa in einen Krieg zu stürzen. Die Differenzen der Kulturen beizubehalten, ist für Schickele von elementarer Bedeutung. Nur so könne eine gleichberechtigte Verständigung auf europäischer, nicht mehr nationalstaatlicher Ebene gelingen. Die Gegenseitige Achtung funktioniert nicht, wenn sich ein Partner dem anderen anpassen oder von diesem unterdrückt wird. Die schmerzhafte Lektion der Versailler Verträge hat dies ebenso gezeigt, wie die immer wieder wechselnden Annektierungen des Elsass. Nur durch die Bewahrung der kulturellen Eigenheiten und ihre gegenseitige Achtung kann eine gleichberechtigte Zusammenarbeit entstehen. Was für Schickele die Erhaltung des Elsässerdeutschen (Finck 1992, 24) beziehungsweise das gegenseitige Erlernen der jeweils anderen Sprache war[2], zeigt sich heute vielleicht auch in der ständigen Übersetzung sämtlicher Dokumente der EU in die Sprachen ihrer Mitglieder. Man mag darin einen Akt unnützer Bürokratie sehen, doch zeigt sich darin auch der Respekt vor den sprachlichen Traditionen der Mitglieder, die in einer konstruierten Gemeinschaft wie der EU unbedingt erhaltenswert sind und nicht durch das Aufzwingen einer offiziellen Amtssprache unterdrückt werden sollten.

Der Nationalsozialismus wird für Schickele zur europäischen Katastrophe, die ihn seiner Vermittlerrolle beraubt und ihn sowohl in Frankreich wie in Deutschland zum Ausgestoßenen macht. Aus Angst, von kommunistischer Seite instrumentalisiert zu werden zieht er sich mehr und mehr zurück (Finck 1992, 25) und beäugt resigniert die erneute Vereinnahmung der Intellektuellen. Eine Gefahr, die sich auch heute wieder abzuzeichnen beginnt, wenn europakritische Lager versuchen, die intellektuell-bürgerliche Mitte zu erreichen. Sie propagieren, aus der „Mitte der Gesellschaft“ zu stammen und präsentieren stolz ihre mehrheitstauglichen Unterstützer aus Politik, Wirtschaft und Feuilleton, während unter dem Deckmantel eines angeblichen Volksinteresses ein reaktionär-nationalstaatliches Gefüge zementiert werden soll.

Schon Schickele lobte seinerzeit Aristide Briands „Politik des Vertrauens“, die sich in ihrer Offenheit gegenüber den deutschen Nachbarn entschieden von der „Politik der Angst“ Raymond Poincarés unterschied (Finck 1992, 26). Der Antagonismus von Vertrauen und Angst ist der deutsch-französischen Beziehung trotz aller Versöhnung bis heute geblieben. War es in den 90er-Jahren die französische Angst vor dem wiedervereinigten Deutschland, schürt heute der Front National Ängste vor der dominierenden deutschen Wirtschaftsmacht.

 

„Nein, wohin wir, im höchsten wie im gewöhnlichsten Sinne, gehören, was Heimat ist, das wissen wir besser und um so mehr, als unser Horizont keineswegs im Umkreis unseres Nestes beschlossen liegt.“ (Erlebnis der Landschaft, 96f.)

 

Die Suche nach einer Heimat und der Versuch ihrer Definition zeigt sich nicht nur in Schickeles Schlüsselessay Erlebnis der Landschaft, sondern zieht sich gleich einem Ariadnefaden durch sein Werk. Er war ein von Unruhe und Neugier getriebener Reisender und Beobachter (Storck 1992, 112), der sich im Zwiespalt zwischen Deutschland und Frankreich sein eigenes, vielschichtig-lebendiges Heimatbild schuf, das frei blieb vom verengten Nationalismus seiner Zeit (Storck 1992, 113). Sein Heimatideal wurzelte auf einer kosmopolitischen Offenheit (Storck 1992, 111), die er nicht zuletzt durch seine eigenen Reisen gewann und die sein Ideal vor dumpfer Vereinnahmung schützte.

Gerade in Krisenzeiten trat Schickele für seine Idee und gegen Imperialismus und Nationalismus ein. Ein Engagement, das ihn letztlich in den Augen sowohl der deutschen Faschisten als auch seiner französischen Landsleute verdächtig machte. Für die Deutschen ist er ein Franzose, für die Franzosen ein Deutscher – obwohl sein Heimatideal keine nationalstaatliche Identität voraussetzt. Wenn Schickele die Vogesen, den Schwarzwald und den Rhein als Ideal irdischer Heimat preist, so stets unpolitisch, grenzoffen und kosmopolitisch. Gerade in der Exilerfahrung formt sich in ihm ein universelles Heimatgefühl, das Gefühl, Europäer zu sein. Es ist eine Erfahrung, welche die durch die Entfremdung entstandene Lehre mit Sinn zu füllen versucht (Storck 1992, 116) – eine Erfahrung, die Schickele mit anderen Exilanten teilt. Heimat ist für Schickele nie nach innen gewandt, sondern offen nach außen, stets neugierig auf das „andere“.

 

Literatur:

 

Schickele, René: Das Wort hat einen neuen Sinn. Hrsg. von Christian Luckscheiter und Hansgeorg Schmidt-Bergmann. Jahresgabe der literarischen Gesellschaft/Scheffelbund 2014. Halle: Mitteldeutscher Verlag 2014.

 

Storck, Joachim W.: „Meine Herkunft ist mein Schicksal“. Heimat als Problem beim „zweisprachigen Grenzvogel“ René Schickele. In: Heimat im Wort. Die Problematik eines Begriffs im 19. und 20. Jahrhundert. Hg. von Rüdiger Görner. München: indicium 1992, S. 106-116.

 

Finck, Adrien: „Viel später erst folgten die Politiker …“ Europa im Leben und Werk René Schickeles. Rede zur Eröffnung des René-Schickele-Kolloquiums Straßburg, 16.11.1990, Palais de l’Europe. In: Ders.: „Geistiges Elsässertum“. Beiträge zur deutsch-französischen Kultur. Landau: Pfälzische Verlagsanstalt 1992, S. 17-31.

 

[1] Im Folgenden zitiert mit dem Titel des jeweiligen Textes und der Seitenangabe.

[2] Noch heute bemüht sich die René Schickele-Gesellschaft um die Vermittlung der Zweisprachigkeit im Elsass.

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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