Nachtfarben: Brigitte Kuthy Salvis „Lichtspuren“

Wie soll man einer Fünfzehnjährigen erklären, dass sie die Sterne am marokkanischen Nachthimmel, diesen winzigen und doch überwältigenden Eindruck der Unendlichkeit, nie wieder wird sehen können? Wie ist es zu erklären, dass die Welt der Farben und Lichter, der Bilder und Buchstaben, nun für immer verschlossen bleibt?

Cover Brigitte Kuthy Salvi: LichtspurenBrigitte Kuthy Salvi machte diese Erfahrung am eigenen Leib und verbrachte ihre erste Nacht ohne Augenlicht mit der Frage, ob ein Leben in jener neuen, schattenreichen Welt überhaupt möglich sei. Nur langsam begriff sie, dass Sehen nicht nur Betrachtung mit den Augen ist, sondern eine allumfassende Wahrnehmung mit allen Sinnen. Die Bilder ihrer Erinnerungen, die Beschreibungen der Anderen und ihre tiefen Eindrücke von Momenten, Personen und Umgebungen wurden für sie zu Lichtspuren; zu Resten jener sehenden Persönlichkeit, die sie noch immer wie eine Zwillingsschwester begleitet. Es ist ein Kampf, der zu einer tiefen Freundschaft mit ihr selbst führt und von Verdrängung, Verzweiflung und Hoffnung erzählt. Es ist keine Klage, kein Aufschrei gegen die Ungerechtigkeit der Welt, sondern eine Ballade über das Schicksal und die Herausforderung eines Lebens, das die gewohnten, berechenbaren Bahnen verlassen hat.

Lichtspuren versammelt Salvis Erinnerungen und Gedanken. Essayistisch berichtet sie von kleinen und großen Momenten ihrer Entwicklung, Momenten der Scham und alles überflutender Freude. Und von jenen Erfahrungen, die ihr die Kraft gaben, ihren Makel als Gabe zu akzeptieren. Mit einer Sprache, deren Bildgewaltigkeit die Grenzen des Sehens weit hinter sich lässt, beschreibt sie jene Welt, die sich der sehenden Vorstellung entzieht. An keiner Stelle droht die Frage nach dem „Was wäre wenn?“, Salvis Prosa gestattet weder Angst noch Verzweiflung. Gesättigt mit Lebenskraft vermittelt sie einen tief berührenden Eindruck all jener Dinge, für die das sehende Auge blind ist. Ihre Welt ist nicht grau und dunkel, sondern in ihrer Fülle manchem lichtmüden Blick weit überlegen.

Brigitte Kuthy Salvi: Lichtspuren
Aus dem Französischen von Katja Meintel
Zürich: Limmat 2010
151 Seiten, gebunden
23 €

Rezension erschienen in: rezensöhnchen – Zeitschrift für Literaturkritik 47 (2010), S. 41.

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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