War. War never changes: Joe Haldemans „Der ewige Krieg“

Der Krieg in der fernen Zukunft führt die Menschheit in die Tiefen des Alls. Vereint unter dem Banner einer universellen Verteidigungsstreitkraft reisen die Soldaten, ausgewählt aus der geistigen Elite des Planeten Erde zu fernen Planeten, um einen rätselhaften Feind zu bekämpfen. Während für die Männer und Frauen in der Truppe Wochen und Monate im Kampf verstreichen, vergehen nach den Gesetzen der Relativität auf der Erde Jahrhunderte. Jede Reise mit annähernder Lichtgeschwindigkeit wird so zur Zeitreise in eine Zukunft, die für die Soldaten zunehmend befremdlicher und unverständlicher wird.

Cover Joe Haldeman - Der ewige KriegWährend sich ihre Welt wenig ändert, wälzt sich die Vorstellung von Moral und Ethik auf der Erde vollständig um. Den Heimkehrern wird es zunehmend unmöglich, sich wieder in eine Gesellschaft zu integrieren, für die der Krieg jegliche Bedeutung verloren hat. Durch die Zeitdilatation sind ihre gerade errungenen Siege bereits Geschichte und bedeutungslos geworden, ihr Sold trotz enormer Zinsen von Inflation und Reformen der Ökonomie entwertet. Und da die Relativität auch für den Gegner gilt, wissen die Soldaten nie, ob ihnen der Feind bei der nächsten Rotation technologisch weit voraus oder hoffnungslos unterlegen sein wird.

Haldeman verarbeitet in Der ewige Krieg seine eigenen Erfahrungen aus dem Vietnamkrieg, der tausende Soldaten traumatisiert, verstümmelt und entwurzelt zurückließ. Die Jahrhunderte, die in Haldemans Krieg vergehen, sind eine überzeichnete Analogie der Entfremdung moderner Soldaten im Kampfeinsatz. Während sich zu Beginn die Heimat zwar als unfreundlicher, aber im Wesen gleicher Planet gestaltet, werden sich die Soldaten und die menschliche Gesellschaft mit zunehmender Dauer des Krieges völlig fremd, bis eine Reintegration für beide Seiten kaum noch möglich scheint.

Der ewige Krieg beschreibt eindrucksvoll wie kaum ein anderer Roman die Absurdität eines Krieges, der der zurückbleibenden Bevölkerung nicht mehr erklärt werden kann. Während der Tod für die Soldaten allgegenwärtig wird und sie auf fernen, lebensfeindlichen Planeten in aussichtslosen Kämpfen ihr Leben riskieren, ist auf der Erde niemandem mehr klar, weshalb der Krieg eigentlich geführt wird. Der ewige Krieg ist ein Krieg um des Krieges willen, gestützt auf fadenscheinige Argumente ohne Grund und Nutzen für die Bevölkerung oder die Menschheit als Ganzes. Angesichts der modernen Konflikte hat Der ewige Krieg seit seinem Erscheinen 1974 bis heute nichts von seiner Aktualität als Metapher für die ultimative Sinnlosigkeit des Krieges verloren.

Joe Haldeman: Der ewige Krieg
Titel der Originalausgabe: The Forever War
Aus dem Amerikanischen von Birgit Reß-Bohusch
München: Wilhelm Heyne Verlag 2014
400 Seiten, Taschenbuch
9,30 €

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

One response to “War. War never changes: Joe Haldemans „Der ewige Krieg“

  • DasRallum

    Das Buch klingt wirklich interessant und steht bereits auf meiner Wunschliste für den Weihnachtsmann. Der Krieg ist ein Extrembeispiel dafür, was passiert wenn sich Menschen, um ihrer Heimat zu helfen, sich von dieser Entwurzeln.

    Und das gilt meiner Meinung nach nicht nur für Soldaten. In Indonesien gibt es tausende Minenarbeiter, die zum finanziellen Wohle ihrer Familien für 8-14 Monate auf einer anderen Insel in einer Mine schuften, nur um dann ihre Familie für ein paar wenige Wochen wiederzusehen. Trotz der moderen Mittel zur Kommunikation entfremden sich die Arbeiter immer weiter von ihren Familien. Selbst wenn die Arbeiter irgendwann einen anderen Job in der Nähe ihrer Familie finden, kann ich mir vorstellen, dass nur die wenigsten zu einem „glücklichen Familienleben“ zurückfinden können.

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