Montagskaffee #8

Guten Morgen.

Es ist nicht mehr lange hin, bis auch in diesem Jahr wieder der Deutsche Buchpreis verliehen wird. Die Entscheidung ist bereits in die zweite Runde vorgedrungen, mittlerweile wurde die Shortlist veröffentlicht, auf der noch sechs Titel übrig geblieben sind. Neben Thomas Hettches historischem Preußenroman Pfaueninsel stehen noch auf der Liste: Angelika Klüssendorfs April, Gertrud Leuteneggers Panischer Frühling, Thomas Melles 3000 Euro, Lutz Seilers Kruso und Der Allesforscher von Bruno Steinfest.

Natürlich gerät die literarische Landschaft darüber alljährlich in helle Aufregung und so überrascht es wenig, dass die Debatten auch in diesem Jahr wieder mit verbitterter Vehemez geführt werden. Natürlich hätte es dieser und jener schon auf die Long- und erst recht auf die Shortlist schaffen müssen, vor allem die Frauen würden vernachlässigt und überhaupt sei die Auswahl doch eh stets zum Vorteil der Herbstautoren. Es überrascht, dass die Qualität der Bücher erst einmal keine Rolle zu spielen scheint, sondern vielmehr das Geschlecht der Autoren (respektive natürlich auch Autorinnen). Doch beißt sich nicht die Argumentation über arbiträre Auswahlkriterien hier selbst in den Schwanz, wenn indirekt eine Geschlechterquote gefordert wird, für die die literarische Qualität der Texte erst einmal zweitrangig ist?

Im Reigen der Kritik sticht in diesem Jahr die Österreicherin Marlene Streeruwitz hervor, die in einer galligen Polemik  in der „Welt“ dem Börsenverein all das vorwirft, was den Preis so fragwürdig mache. Ausgehend von der sprachlichen „Gleichschaltung“ unter dem generischen Maskulinum (worauf sie bis zur Grenze des Erträglichen herumreitet[1]) sei der Preis nur noch ein Marketinginstrument, mit dem mehr oder weniger geschickt der Buchmarkt im Sinne des Börsenvereins normiert werden solle. Der Verein stelle sich dabei als quasireligiöse Instanz ins Zentrum des eigenen Marketingmix‘ und generiere durch seine Jury erst die Autoren, die dem Preis würdig seien.

Ihr Roman Nachkommen, der den gesamten literarischen Betrieb zynisch parodiert, hat es übrigens nicht von der Long- auf die Shortlist geschafft.

Was also empfiehlt die Seite Zwei? Sie rät dazu, den Blick offen zu halten und die Preise als das zu begreifen, was sie sind: subjektiv, nie erschöpfend und immer in einem gewissen Grade willkürlich. Wer sich bei der Qualitätsbestimmung von Literatur nur noch den Ranglisten der diversen Literaturpreise unterwirft, hat die Eigenständigkeit seines Urteils längst verloren.

Wem die Frist bis zur Entscheidung noch zu lang ist, dem sei unterdessen Roman Ehrlichs neuer Erzählband Urwaldgäste ans Herz gelegt, aus dem die „ZEIT“ einen Auszug veröffentlicht. Ehrlichs letzter Roman Das Kalte Jahr ist eine faszinierend gespenstische Parabel auf die Einsamkeit des Individuums im moderenen Alltag. Die zitierte Erzählung Keine Drehung aus dem Schatten ins Licht schließt da an und wirft den Blick nun auf das Unangepasste, auf den Queraussteiger von der Norm.

[1] Reine Zahlen: Zwei von sechs Finalisten sind Frauen, vier von sieben Juroren sind Frauen.

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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