Montagskaffee #12

Guten Morgen.

Es gebe gute Gründe, warum „Autoren wie Christa Wolf und Reiner Kunze, Heiner Müller und Hans Joachim Schädlich und Sarah Kirsch“ auch in Westdeutschland „so ernsthafte Leser“ fänden, orakelte Hans Mayer am 16. Juni 1979 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und setzte schon damals auf die einigende Kraft der Literatur. Heute, 25 Jahre nach der Wende, schildert Jochen Hieber in der gleichen Zeitung, weshalb diese Idee nur bedingt aufging. Nicht zuletzt Christa Wolfs Entwurf einer „sozialistischen Alternative zur Bundesrepublik“ zeigte, dass sich die DDR-Literatur nicht ganz so leicht in den Mantel einer „Einheitsliteratur“ zwängen lässt. Und doch, so Hiebers Urteil, bleibe sie „Einheitsliteratur“ wider Willen und wirke bis heute als solche, sei vielmehr so aktiv wie nie. Uwe Tellkamp, Lutz Seiler, Monika Maron … sie alle schreiben über die Wendezeit und setzen so gleichsam Mayers „große Einheitsbewegung“ fort.

Während Ingo Meyer im aktuellen Merkur den „Niedergang des Romans“ in einer neuen Auflage beschwört, stellt sich ihm Dirk Knipphals in der taz entgegen: Meyers Aufatz laufe auf den Punkt hinaus, dass Literatur sich heute vielerorts nur auf das „Droppen debattenfähiger Themen“ reduziere, dabei vergesse Meyer Autoren wie Wolfgang Herrndorf, Michael Kleeberg oder Sibylle Lewitscharoff. Damit verdeutlicht er allerdings das Problem einer literarischen Debatte, die sich mit der Beliebigkeit durch Überangebot beschäftigt: Jedes Argument muss unvollständig bleiben, weder sind alle Romane unzureichend, noch stets alle Ausnahmen genannt. Knipphals plädiert dafür, in den fallenden Diskursschranken endlich eine Chance zu sehen, „anstatt angeblich seligen Romankunstzeiten hinterherzutrauern“.

Da es aus organisatorischen Gründen in den letzten Wochen etwas ruhig war um die Seite Zwei, seien hier noch die diversen aktuellen Preisträger nachgereicht: Der Deutsche Buchpreis ging letztendlich an Lutz Seiler, Patrick Modiano erhielt den Literaturnobelpreis und der diesjährige Georg-Büchner-Preis ging an Jürgen Becker.

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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