Montagskaffee #14

Guten Morgen.

Anlässlich des Mauerfalljubiläums stellt die Süddeutsche Zeitung sich und ihren Lesern die Frage, was denn eigentlich in der Zeit zwischen dem 10. November ’89 und dem Beitritt ein Jahr später geschehen ist. Das Jahr, in dem die DDR plötzlich bunt wurde, sei das Jahr, das von vielen Chroniken mit konstanter Beharrlichkeit ausgeblendet wurde. Was berichtet wird, sind die immer gleichen Tropen zwischen Währungsunion und Zonen-Gabi. Dass letztere eigentlich eine Angestellte aus Worms war und dass die Stimmen der Revolution, Christa Wolf und Stefan Heym zum Beispiel, davor warnten, dass die Revolution zum idealen Sozialismus ja nun noch nicht abgeschlossen sei, bleibt oft ungesagt. Seither dominieren Klischees das zurechterinnerte Geschichtsbuch; Bilder von Fackeln in Hoyerswerda – obwohl man zum Beispiel in Niedersachsen von Kohl forderte, nun auch die Oder-Neiße-Grenze einzureißen – und die Bilder vom Jammer-Ossi und dem bräsigen Westdeutschen, der den Marshallplan mit dem eigenen Verdienst verwechselt. Der Blick zurück lohnt sich schon deshalb, um genau diese zum 25. Jahrestag nett in Messingplatten gravierten Vorstellungen einmal zu überdenken und die eigene Geschichte etwas differenzierter zu rekapitulieren.

Wem der klassische Familienroman zu bieder ist, der sollte einen Blick auf Katherine Dunns Geek Love werfen. Der Roman ist nun – nach 31 Jahren – in einer deutschen Übersetzung verfügbar. Anna-Lena Thiel stellt den Roman mit dem deutschen Titel Binewskis. Verfall einer radioaktiven Familie auf literaturundfeuilleton vor. Dunns Roman oszilliert um die Frage nach einer Definition von Normalität angesichts des Abnormen, und stellt – ursprünglich vor dem Hintergrund der aufkommenden Gentechnik – unseren Blick auf das „Andere“ in Frage.

Wie man am allgemeinen zweifelhaften deutschen Frohsinn, der renitenten Spendenaufforderung auf Wikipedia und dem sich an Geschmacklosigkeit übertrumpfenden Einzelhandel erkennen kann, ist wieder einmal Advent und bald Weihnachten. Weil es die Schokolade schon seit September gibt, wird es an den Festtagen keine Hohlkörper mehr geben und bis dahin bleibt es interessantes Gesellschaftsspiel, möglichst lange den Hör-Kontakt zu Last Christmas zu vermeiden. Die Seite Zwei empfiehlt Gegenbeschallung. Etwa mit der Pabofski Droge.

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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