Ein Rundgang durch die Renaissance: Tanja Kinkels „Die Puppenspieler“

Richard Artzt muss im Alter von zwölf Jahren mit ansehen, wie seine Mutter durch die Denunziation eines lüsternen Mönches in die Fänge der Inquisition gerät und auf dem Scheiterhaufen endet. Selbstverständlich schwört er Rache am Unrecht der Hexenprozesse und bekommt dank seines scharfen Geistes und klösterlicher Bildung reichlich Gelegenheit dazu. Verwandtschaftliche Bindungen bringen ihn nach Augsburg ins Haus Jakob Fuggers und von dort als Handelsgehilfen und Studenten nach Florenz zu Lorenzo de’Medici und weiter nach Rom, wo gerade Rodrigo Borgia durch geschickte Schachzüge die Papstwürde übernommen hat.

Cover Tanja Kinkel - Die PuppenspielerDie Puppenspieler ist gespickt mit bedeutenden Figuren der europäischen Geschichte, die sich durch das titelgebende Fädenziehen in die Geschichtsbücher taktiert haben oder ihren Anteil am kulturellen Fortschritt hatten. De’Medici, Borgia, Michelangelo Buonarotti, Angelo Poliziano, Giovanni Pico della Mirandola … – Die Begegnungen, die Richard auf seinen Reisen durch Italien macht, lesen sich wie eine Schlagwortliste zu einem kulturgeschichtlichen Seminar über die europäische Renaissance. Man merkt Tanja Kinkel an, dass ihr Roman hervorragend recherchiert ist. Kinkel kennt die Fakten und es sind die Abschnitte, in denen sie die römischen Intrigen oder das Leben in Augsburg und Florenz am Ende des 15. Jahrhunderts beschreibt, in denen ihr Erstling glänzt. Hier zeichnet sie ein lebendiges, dichtes Bild ohne verkitschte Historienverklärung und durchsetzt mit geistreichen Anspielungen auf das Zeitgeschehen am Wendepunkt vom Mittelalter zur Neuzeit.

Es sind eher die Stellen, die Die Puppenspieler vom unterhaltsamen Sachbuch zur Fiktion führen, in denen Kinkel Schwäche zeigt. Hier wirken die Dialoge hölzern, die Sprache zu kantig und allzu oft muss ein Deus ex machina die Handlungsfäden miteinander verknüpfen. Bei aller Bewunderung für den Geist der Renaissance ist Richard an vielen Stellen einen Ticken zu geistreich, zu modern und stoisch seinem Ziel verpflichtet, um glaubhaft zu bleiben. Die ständig eingeforderte Toleranz wirkt, da von Fremden über Araber, Juden, Huren und Zigeuner wirklich keine Randgruppe ausgelassen wird, bei aller Bedeutung stellenweise zu deutlich moralisch.

Dennoch kann Die Puppenspieler fesseln und die lebendig gestaltete Welt tröstet über erzählerische Schwächen hinweg. Kinkel zeigte mit ihrem Erstling Potenzial für historische Romane ohne Verklärung und bietet mit Die Puppenspieler ein anschauliches Bild über den Beginn der europäischen Neuzeit und darüber, dass der Hexenwahn mitnichten ein Phänomen des viel zitierten „finsteren Mittelalters“ war.

Tanja Kinkel: Die Puppenspieler
München: Goldmann 1993
672 Seiten, Taschenbuch
9,99 €

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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