Montagskaffee #17

Guten Morgen.

Die Hoffnungen, dass das neue Jahr besser, vernünftiger und humaner werden würde, haben sich schon am 7. Januar mit den blutigen Anschlägen auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo, mehrere Polizisten und einen französischen Supermarkt, bei denen insgesamt 17 Menschen ihr Leben verloren, in Luft aufgelöst. Die Welt zeigt sich schockiert von dem barbarischen Angriff auf die Freiheit von Presse und Meinung. Es bleibt zu hoffen, dass die Attentäter ihrem Fanatismus mit ihren Racheakten, die ihrem Gott den intellektuellen Jähzorn eines Dreijährigen und offenbare Handlungsunfähigkeit unterstellen, einen Bärendienst erwiesen haben. Angesichts der internationalen Solidarität mit den Opfern und der Zeitschrift ist es mehr denn je geboten, gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und religiösen Fanatismus anzuschreiben. Verdeutlicht wird dies wohl kaum so eindrucksvoll, wie durch das Bild des Bleistifts, aus dem durch Zerbrechen zwei neue Stifte werden. Interessant wäre in diesem Zusammenhang auch zu wissen, wie viele „Pegida“-Demonstranten, die sich nun durch die Attentate in ihren xenophoben Ansichten bestätigt fühlen, noch Tage zuvor „Lügenpresse! Lügenpresse!“ skandierten.

Der Zeitpunkt des Anschlages auf Charlie Hebdo ist in gleich mehrerer Hinsicht bitter. „Wartet ab, wir haben ja noch bis Ende Januar für unsere Neujahrsgrüße“, sagt ein mit Kalaschnikow bewaffneter Terrorist in einer Karikatur der letzten Ausgabe von Charlie Hebdo auf den Kommentar „Immer noch kein Attentat in Frankreich“. Es wirkt, als hätten die Attentäter keine günstigere, zynischere Gelegenheit finden können. Zeitgleich erschien Michel Houellebecqs neuer Roman Soumission („Unterwerfung“), der im Frankreich des Jahres 2022 einen islamistischen Politiker zum Staatspräsidenten aufsteigen lässt. Natürlich ließe sich ein solcher Text als Blaupause für islamkritische Ressentiments und als Warnung vor der Islamisierung der Gesellschaft lesen. Dies wäre jedoch zu kurz gegriffen und eine zu billige Auslegung. Vielmehr geht es um Heuchelei und Opportunismus und den reaktionären Gehalt des Islamismus. Houellebecqs Roman erscheint diese Woche auf Deutsch.

Zum Abschluss bleibt der Literaturwelt zu hoffen, dass sie von weiteren Schreckenszenarien in der Zukunft verschont bleibt oder sich ihrer weiterhin souverän und solidarisch erwehrt. Angesichts des gerade erst begonnenen und des eben verklungenen Jahres gab es natürlich wieder eine Menge Listen, die auf die besten Romane 2014 zurückblickten oder einen Ausblick auf 2015 wagen. Alles natürlich herrlich subjektiv, völlig unzureichend und selektiv. Aber als Inspiration und Leseanreiz mag es dienen.

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

One response to “Montagskaffee #17

  • DasRallum

    Die Wahl des Unwort des Jahres schallt wie eine Ohrfeige: „Lügenpresse!“. So benutzten dieses Wort in Geschichte meist jene, welche selbst excessiv Gebrauch von der Propaganda, also der gefärbten Presse, gemacht haben. Ich denke da vorallem an die Regierungen der zwei Weltkriege und der DDR. Oft genug wurde dieses Wort dazu verwendet um den Unterschied zwischen der wahrheitlichen Berichtserstattung von außerhalb und der eigenen gefärbten Variante zu „erklären“.

    Zugegeben, die Presse enthält trotz großer Sorgfalt die Objektivität zu wahren immer einen subjektiven Anteil und wirkt durch das hervorheben und vernachlässigen bzw. weglassen von Details mitunter auch manipulativ. Ich glaube sogar, dass es vorkommt, dass die Meinung eines Journalisten zu einen bestimmten Thema durchaus in die Wortwahl und die Art der Berichterstattung einfließt. Doch kein echter Journalist und keine renomierte Zeitung würde versuchen Unwahrheiten, also Lügen, zu verbreiten.

    So ist die Verwendung dieses Wortes durch die Pegida-Bewegung ein deutliches Zeichen dafür wie weit unsere unbequeme Kriegs- und Zonenvergangenheit aus den Köpfen der Menschen bereits verbannt wurde. Auch wenn ich mir fast sicher bin, dass die Intelligenten Köpfe hinter der Pegida-Bewegung durchaus über die Geschichte und die Falschaussage dieses Wortes Bescheid wissen, so scheinen die „einfachen Mitschreier“ diesen Teil ihrer Schulbildung bereits vergessen zu haben.

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