Montagskaffee #18

Guten Morgen.

Nahezu alle großen Medien setzen sich seit den Anschlägen in Frankreich mit der Frage auseinander, wie auf die Bedrohung durch Terror, Unterdrückung und Hass reagiert werden soll. Die Freiheit der Meinung, darin sind sich alle einig, darf nicht gefährdet werden, darf nicht geopfert oder eingeschränkt werden. Wo allerdings die Grenzen jener Freiheit sind, was erlaubt sein soll und was nicht, darüber herrscht keine Einigkeit. Der norwegische Autor Karl Ove Knausgaard machte eben diese Auseinandersetzung zum Thema seiner Festrede anlässlich der Verleihung der Oxfam Novib/PEN-Awards for Freedom of Expression. Seiner Ansicht nach können nur Autoren, die moralische Grenzen überschreiten, zu einer kollektiven Identität beitragen. Meinungsfreiheit sei ein „paradoxes und komplexes Recht“, so Knausgaard. Indem man eine Grenze dessen setze, was nicht gesagt werden sollte oder dürfe, erlaube man auch das Böse, Schlechte und Zerstörerische, das gegen diese Meinungsfreiheit ankämpft. Das kollektive „Wir“ einer Gesellschaft erzeuge durch den Diskurs die unsichtbaren Grenzen, von denen sich Extremisten ausgeschlossen fühlen. Erst wenn ein Autor die Grenze durchbreche, mache er sie und ihre Arbitrarität sichtbar für die Gemeinschaft. Nur dann könne man Moral und Werte einer Gesellschaft neu verhandeln.

Für Irritationen sorgte zum Jahreswechsel Facebook-Gründer Mark Zuckerberg mit seiner Ankündigung, einen Bücherclub auf Facebook einzurichten, an dem tatsächlich jeder teilnehmen könne. Alle zwei Wochen wolle Zuckerberg nun ein neues Buch durcharbeiten, angefangen mit The End of Power von Moisés Naím. Wie selbstironisch. So ganz nachvollziehbar ist jedoch noch immer nicht, worauf Zuckerberg hinauswill, wenn er als Avatar einer Bewegung mit verkürzter Aufmerksamkeitsspanne ausgerechnet diese ollen Bücher zum „Ding“ des Jahres erklärt. Vielleicht erhält er seine Buchtipps ja auch von Jeff Bezos. Jedenfalls ereilte ihn nun beim ersten Treffen seines Lektürezirkels das gleiche Schicksal, wie schon unzähligen Literaturenthusiasten vor ihm: Niemand kam. Und wer kam, hatte das Buch nicht gelesen. Die darauf folgende Diskussion in etwa so verlief, wie jede andere in sozialen Netzwerken, war es wohl auch Facebooks eigener Algorithmus, der die Diskussion torpedierte und die wenigen Beiträge, in denen es um das Buch ging, nicht mehr anzeigte. Die waren einfach nicht „hot“ genug.

David L Katz, Medizinprofessor an der Yale University, spricht im aktuellen ZEITmagazin (3/2015) sehr aufgeräumt und sachlich über gesunde Ernährung. Dogmatismus sei in der Debatte (wie eigentlich überall) nicht hilfreich. Es bringe wenig, das Kind mit dem Bade auszuschütten und beispielsweise von heute auf morgen etwas überhaupt nicht mehr zu essen, nur weil es im Verdacht steht, möglicherweise ungesund zu sein. „Esst Gemüse, esst Obst, esst Vollkornprodukte, esst keine Fertigessen, und übertreibt’s nicht mit Zucker, Fleisch und Milchprodukten. Das war’s.“ Damit allerdings lassen sich schwerlich Bücher oder Zeitschriften verkaufen, die voll sind mit schlechten Ratschlägen und angeblichen Wunderdiäten. Eine kurze Recherche bei einem bekannten Internet-Großhändler ergab auf die Schlagworte „Ratgeber“ und „Ernährung“ 19.860 (!) Ergebnisse, von denen das erste ein Ernährungsratgeber für Katzen war. Vor so viel Unvernunft könne man fast resignieren, so Katz. „Dieselben vernünftigen Erwachsenen, die niemals auf einen Hütchenspieler hereinfallen würden, glauben daran, dass es einen einfachen Trick gibt, schlank und gesund zu werden. […] Wir müssen erwachsen werden. Wir müssen aufhören zu glauben, dass das, was wir für wahr halten wollen, auch wahr ist.“ Und: „Fanatismus ist auch beim Essen völlig unangemessen.“

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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