„God has no country.“ Arno Molfenters und Rüdiger Strempels: Über die weiße Linie

Der katholischen Kirche wird oft vorgeworfen, sich während des Zweiten Weltkrieges zu wenig gegen Hitler und den menschenverachtenden Wahnsinn des Nationalsozialismus engagiert zu haben. Auch wenn dieser Vorwurf gegen die Institution und den Papst sicher seine Berechtigung haben wird, so ist das – wie so oft – nur ein verkürzter Teil der Wahrheit. Am Beispiel des irischen Priesters Monsignore Hugh O’Flaherty zeigen Arno Molfenter und Rüdiger Strempel eindrücklich, welch selbstlosen Einsatz Angehörige der Kirche und italienische Bürger für Juden, Hilfsbedürftige und geflohene Kriegsgefangene zeigten.

Cover Ueber die Weisse LinieAm 10. Juli 1943 waren britische und amerikanische Truppen im Rahmen der Operation Husky auf Sizilien gelandet. Bis zum 17. August hatten sie die Insel vollständig unter Kontrolle. Bereits im Juli hatte der „Große Faschistische Rat“ Diktator Benito Mussolini abgesetzt und später inhaftieren lassen. Der neue Ministerpräsident Marschall Pietro Badoglio leitete Geheimverhandlungen mit den Alliierten ein, die am 3. September im Waffenstillstand von Cassibile mündeten, womit das Deutsche Reich Italien als Verbündeten verlor. Dadurch trat der „Fall Achse“ ein, der zu einer deutschen Besetzung Norditaliens und Roms führte. Der wieder befreite „Duce“ stand als Staats- und Regierungschef an der Spitze des Marionettenstaates „Repubblica Sociale Italiana“ – dessen Staatsgebiet entsprechend des alliierten Vormarsches jedoch praktisch täglich schrumpfte.

Dennoch war Rom besetzt und der Vatikan von deutschen Truppen eingeschlossen. Obwohl der Vatikan auf strenge Neutralität bedacht war, kursierten immer wieder Gerüchte, wonach Hitler den Kirchenstaat besetzen und den Papst ins Reich entführen wolle. „Wir werden bei dieser Schweinebande ausmisten!“ hatte sich Hitler über Rom und den katholischen Kirchenstaat ereifert. Ernsthaft in Erwägung gezogen hatte Hitler diesen Wahnsinnsplan jedoch nicht, selbst ihm war wohl die Tragweite einer solchen Torheit bewusst.

Eingeschlossen von deutschen Truppen und mit der täglichen Bedrohung, überrannt zu werden, kann die Zurückhaltung des Papstes zwar noch immer nicht gutgeheißen, jedoch zumindest nachvollzogen werden.

Es zählt daher zu den besonderen Leistungen von Arne Molfenter und Rüdiger Strempel, in Über die weiße Linie nicht nur die Heldengeschichte eines einzelnen katholischen Priesters zu erzählen, sondern dessen selbstloses Wirken in ein Netzwerk von Helfern und Unterstützern gebettet zu schildern. Ohne die Hilfe von Hunderten römischen Bürgern, Mitarbeitern des Vatikans und diverser Botschaften, Priestern, Nonnen und Ordensbrüdern sowie zahlreicher italienischer Bauern und wohlhabenden Geldgebern wäre die bemerkenswerte Leistung Hugh O’Flahertys und seiner direkten Mitstreiter nicht in diesem Umfang möglich gewesen.

Hugh Joseph O’Flaherty wurde am 28. Februar 1898 in Lisrobin im Südwesten Irlands geboren. Irland, ausgezehrt von Hungersnöten und massenhafter Emigration, seit Jahrhunderten von England aus zwangsverwaltet, durchlebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen ebenso schnell wie radikal wachsenden Nationalismus, der vor allem auf eine Unabhängigkeit von England abzielte. Darin jedoch war das Land innerlich zerstritten; während die zumeist katholische Bevölkerung eine vollständige Unabhängigkeit anstrebte, wollten die eher protestantischen Unionisten die politische Verbindung zum Vereinigten Königreich aus dem Act of Union von 1801 beibehalten.

1916 erhoben sich die Iren im Osteraufstand gegen die englische Okkupation, wurden jedoch von der militärisch überlegenen britischen Armee brutal zurückgeschlagen. Das rücksichtslose Vorgehen der Briten sorgte jedoch letztlich dafür, in der Bevölkerung jenen Rückhalt für die Revolution zu erzeugen, der ihr zuvor fehlte. 1918 trat in Dublin das erste irische Parlament, der Dáil Eireann, zusammen und rief die Irische Republik aus. Im folgenden Unabhängigkeitskrieg kämpfte die Irish Republican Army mit Guerillataktiken gegen die lokalen Royal Irish Constabulary sowie die durch ihre Brutalität berüchtigten Auxiliarys und Black and Tans. Die partielle Unabhängigkeit als selbstverwaltetes Herrschaftsgebiet innerhalb des Empire – abzüglich Nordirlands – folgte erst 1921.

Jener Konflikt machte aus Hugh O’Flaherty einen „glühenden Nationalisten“ und es ist wohl Ironie des Schicksals, dass der Priester mit seinem selbstlosen Einsatz neben Verfolgten und Juden vor allem geflohenen britischen Soldaten half. Nach dem Krieg wurde er sogar zum Commander of the Most Excellent Order of the British Empire erhoben, was O’Flaherty mit amüsiertem Abwinken kommentierte.

Nach einer Ausbildung zum Hilfslehrer und einem späteren Theologiestudium kam O’Flaherty 1938, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, nach Rom in den Vatikan. In den Jahren zuvor war er in verschiedenen Ländern und Ämtern tätig und darin oft so erfolgreich, dass er schon einen hervorragenden Ruf sowie zahlreiche Auszeichnungen hatte, noch bevor seine eigentliche Karriere im Vatikan selbst begann.

Einen nicht zu unterschätzenden Vorteil brachte ihm dabei das Golfspiel, ein recht weltliches Hobby, das O’Flaherty Zeit seines Lebens nicht aufgeben sollte. Schon vor seiner Zeit in Rom nutzte er die sozialen Verbindungen, die sich in den oft exklusiven Clubs auftaten und so war er in der Ewigen Stadt bald ein gern gesehener Gast in den oberen Kreisen der Gesellschaft. O’Flaherty verstand es wie kein Zweiter, Netzwerke und Beziehungen in der Stadt aufzubauen. Kannte er jemanden nicht, so konnte er bald auf die Unterstützung von John May bauen, dem Butler des britischen Gesandten beim Vatikan, Sir Francis D’Arcy Godolphin Osborne. Während der Diplomat nur inoffiziell helfen konnte, wurde May ein unersetzbares Mitglied des Helferkreises. Wie der Priester war auch May bestens vernetzt und in der Lage, auf dem Schwarzmarkt alles Erdenkliche zu organisieren und für die Versorgung der Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen.

Während der betuchtere Teil der Gesellschaft, darunter Graf Sarsfeld Salazar von der schweizerischen Gesandtschaft, der später selbst nur knapp einer Festnahme durch die Deutschen entkam und in ein Kloster floh, die Unternehmung finanziell stärkten und trugen, konnten O’Flaherty und seine Mitstreiter auf die tatkräftige Unterstützung der „einfacheren“ Bevölkerung bauen. Eine von ihnen war Henrietta Chevalier, in deren Wohnung neben ihr und ihren fünf Töchtern zeitweilig bis zu neun Flüchtlinge untergebracht waren. Die allermeisten, denen O’Flaherty half, konnten in privaten Wohnungen untertauchen, da es schon bald zur logistischen Herausforderung wurde, die zahlreichen in Rom strandenden Flüchtlinge in offiziellen Gebäuden des Vatikans zu verbergen.

Neben May und Salazar wurde schon bald der britische Major Sam Derry, selbst aus einem Kriegsgefangenenlager geflohen, zur zweitwichtigsten Person und sozusagen O’Flahertys organisatorische rechte Hand. Während der Monsignore mit unerschrockenem Gottvertrauen zu helfen versuchte, war es Derrys Part, die Unternehmung zu organisieren, zu planen und den kühnen Priester gelegentlich an die Gefahren der Realität zu erinnern.

Die Aktivitäten des Monsignore blieben nicht lange verborgen und recht bald war den Deutschen klar, welches Spiel O’Flaherty spielte und wie bedeutend der Priester für den Widerstand geworden war. Im Laufe des Krieges entwickelte sich Herbert Kappler, SS-Obersturmbannführer und Leiter des SD in Italien zum Antagonisten O’Flahertys. Mehrfach konnte der Ire nur mit Chuzpe und Gottvertrauen einer Verhaftung und damit dem sicheren Tod entgehen. Durch die zahlreichen Helfershelfer gelang es zudem, immer wieder die Pläne der Gestapo zu durchkreuzen und Flüchtlinge kurz vor Razzien in Sicherheit zu bringen.

Dennoch musste die Hilfsorganisation immer wieder herbe Rückschläge hinnehmen. Helfer wurden gefasst oder Verstecke ausgehoben, was jedes Mal eine Tragödie für O’Flaherty war, ihn jedoch in keiner Weise abschreckte, weiterzuhelfen. Sein größter Rückschlag war es, dass auch unter den 335 Opfern des Massakers in den Ardeatinischen Höhlen fünf Helfer O’Flahertys waren. Das Grauen jener Terror- und Vergeltungsaktion durch die deutschen Besatzungstruppen und Kapplers SS konnte der Priester Zeit seines Lebens nur schwer verwinden. Zu den Höhlen ging er bei seinen späteren ausgedehnten Stadtrundgängen nur ein einziges Mal.

Es ist daher umso erstaunlicher, dass er nach Kriegsende ungebrochen sein Hilfswerk fortsetzte und sich nun für das Schicksal der Besiegten einsetzte. Unter ihnen war auch Herbert Kappler, jener Mann, der noch Monate zuvor ein Kopfgeld auf O’Flaherty ausgesetzt hatte und den der Ire nicht nur häufig persönlich besuchte, sondern mit dem er bis zu seinem Tode in Verbindung blieb. Was genau sich die beiden zu sagen hatten, ist nicht bekannt. Doch es war letztlich O’Flaherty, der Kappler 1959 in die katholische Kirche aufnahm und den der Deutsche später als „väterlichen Freund“ bezeichnete. Neben seinem selbstlosen Einsatz für alle Hilfs- und Schutzbedürftigen gehört die schier unendliche Gabe zu verzeihen zu den wohl bemerkenswertesten Eigenschaften Hugh O’Flahertys. Es sind diese Menschlichkeit und seine absolute Unfähigkeit zu Gehässigkeit oder Rachegelüsten, die ihn aus dem Kreis seiner Helfer herausheben und die unermesslicher Motor und Quell des Optimismus für die gesamte Hilfsorganisation waren. Ohne sie hätte das Netzwerk wohl nicht in dieser Art bestehen können.

Gerade im Schlusskapitel um die Bemühungen um eine Freilassung Kapplers aus italienischer Gefangenschaft zeigen Arne Molfenter und Rüdiger Strempel das Dilemma, in dem sich sowohl Italien als auch die Bundesrepublik der Nachkriegszeit befanden. Einerseits bemühte sich die BRD lange mit dem Grundsatz „Gnade vor Recht“ um die Freilassung Kapplers, der als letzter deutscher Kriegsverbrecher in Italien interniert war, zögerte nach Kapplers filmreifer Flucht jedoch zu lange, sich von den unlauteren Vorgängen zu distanzieren. Italien fühlte sich verständlicherweise hintergangen und protestierte lautstark, unterließ es aber seinerseits, sowohl die eigene faschistische Vergangenheit ausreichend zu thematisieren als auch die eigenen Versäumnisse bei der Bewachung Kapplers offenzulegen.

Im Rahmen des „Rechtsrucks“ der Bundesrepublik während des „Deutschen Herbstes“ 1977 offenbart sich auch in der unverhohlenen Unterstützung, die Kappler als verurteilter Angehöriger der SS und Verantwortlicher für das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen erfuhr, wie wenig die deutsche Bevölkerung noch 1977 bereit war, sich mit der eigenen Vergangenheit kritisch auseinander zu setzen. Erstaunlicherweise erwuchs daraus kein dauerhafter Schaden in den Beziehungen zwischen Italien und Deutschland. Hans-Dietrich Genscher fasste den Fall „Kappler“ als Symbol für das Unrecht zusammen, das Deutschland als zunächst Verbündeter und später Besatzungsmacht in Italien verübte. Kappler ist darüber hinaus ein Sinnbild für die noch weit über das Kriegsende hinaus wirkenden Verbrechen des Nationalsozialismus, die heute ebenso wenig in Vergessenheit geraten dürfen, wie die Erinnerung an die vielen, oft unbekannten Menschen, die sich wie Hugh O’Flaherty dem System widersetzten. Anlässlich seines 50. Todestages wurde Monsignore Hugh O’Flaherty in seiner Heimatstadt Killarney in Irland ein Denkmal gesetzt. Es zeigt ihn, wie er forschen Schrittes über den Petersplatz eilt und die weiße Demarkationslinie überschreitet.

Arne Molfenter und Rüdiger Strempel: Über die Weiße Linie. Wie ein Priester über 6.000 Menschen vor der Gestapo rettete. Eine wahre Geschichte aus dem Vatikan.
Köln: Dumont 2014
272 Seiten, gebunden
19,99 €

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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