Montagskaffee #23

Guten Morgen.

In Die Verteidigung der Kindheit zeigt Martin Walser anhand der Lebensgeschichte Alfred Dorns ein exemplarisches Schicksal deutscher Teilung. Walsers Roman, geadelt durch Marcel Reich-Ranickis Verdikt, es handle sich dabei um einen der wichtigsten Romane der deutschen Nachkriegsliteratur, zeigt mit Dorn einen gleich mehrfach Entwurzelten. In der Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 verliert Dorn in Dresden nicht nur jegliche Erinnerung an seine Kindheit, sondern zugleich seine Großeltern und weite Teile der Geschichte seiner Heimatstadt. Im westdeutschen Exil erwächst daraus eine exzessive Sammelleidenschaft für alles Vergangene, ein manisches Festhalten an der Vergangenheit und Geschichte. Und es erwächst daraus ein facettenreicher Briefwechsel mit seiner Mutter, der zum fundamentalen Ausdruck der deutschen Teilung wird. Walsers Roman beruht auf dem realen Leben und Nachlass von Manfred Ranft. Teile des Nachlasses, darunter zahlreiche Fotografien, sind nun Teil der Ausstellung Schlachthof 5 – Dresdens Zerstörung in literarischen Zeugnissen im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Zu sehen noch bis zum 12. Mai 2015.

„Wozu Lyrik?“ gehört wohl zu den Fragen, die nicht nur zahlreiche Schüler im Deutschunterricht und einige Studenten der Germanistik, sondern auch der eine oder andere Literaturwissenschaftler mantraartig wiederholen, wenn das Wort auf die Gattung fällt. Rüdiger Zymner ist der Frage in Funktionen der Lyrik nachgegangen, das als zweiter Band seiner als Trilogie angelegten Lyriktheorie in Münster erschienen ist. Sonja Klimek und Christoph Gschwind stellen den Band im Journal of Literary Theory näher vor. Demnach waren die Lemmata „Funktion“ und „Funktionen“ bisher in der Regel „terminologische Joker“, die also oft gebraucht wurden, „ohne allzu genaue Vorstellungen von ihrer Semantik zu haben“. Zymner unterteilt in zwei Dimensionen und stellt der konventionellen „Literatur“ die Neuschöpfung „Poetrie“ gegenüber, in der außerhalb des normierten Diskurses ebenfalls Lyrik anzutreffen ist. Seine Beispiele findet er dabei sowohl im klassischen Kanon etablierter bürgerlicher Höhenkamm-Literatur als auch in der Populärkultur und eher ungewöhnlichen Nischen, wie einer Sarkophaginschrift aus dem Alten Ägypten. Interessant an Zymners Ansatz ist jedoch vor allem seine „Anthropologie der Lyrik“ und sein Versuch, ausgehend von einer „protolyrischen Kompetenz“ die Bedeutung von Lyrik für die Entwicklung des modernen Menschen zu skizzieren.

Für Warren Ellis hingegen starten Kulturtheorie und Philosophie gelegentlich schon mit dem falschen Ansatz und versuchen allzu oft, mit dem Kopf durch eine Wand der Fakten zu brechen. Diese Erschütterung lässt dann nachvollziehbarerweise ihre gesamte Argumentation ins Wanken geraten. Er rät daher dazu, alle tiefgreifende Analyse in Ehren, simple Logik und Fakten nicht einfach auszuschließen und hochgestochene Diskurstheoreme zu konstruieren, wo vielleicht ganz andere, nicht minder bedeutsame aber vielleicht dennoch pragmatischere Dinge zu finden sind.

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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