Der moderne Panther

„Ein Gedicht!“ heißt es wöchentlich auf der letzten Seite der Zeit, und die Leser sind aufgerufen, klassische Werke der Lyrik in neues Licht zu rücken. Und so entstehen unter dem Eindruck mal großer, mal kleiner Begebenheiten neue Interpretationen bekannterer oder unbekannterer Gedichte.

Diese Woche ist es wie so oft zuvor Der Panther. Mein Eindruck mag mich täuschen, doch mir scheint, Rilkes Verse sind tatsächlich die am meisten interpretierten in dieser kuriosen Anthologie.

Das hat er gut gemacht, der Rilke, mit seiner Beobachtung des (post-)modernen Menschen. Nicht wahr?

 

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

In: Rilke, Rainer Maria: Neue Gedichte. Leipzig: Insel 1907, S. 37.

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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