Die Zerstörung der Wiege der Kultur

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.
(Heinrich Heine)

Jüngst haben die Fanatiker des IS ihren Bildersturm gegen Zeugnisse antiker Kulturen mit der systematischen Zerstörung von Nimrud und Hatta auf eine neue Ebene gehoben. Der internationale Aufschrei blieb angesichts dieser widerholten Zerstörungsmeldungen jedoch verhalten.

Selbstverständlich ist die humanitäre Katastrophe der islamistischen Terrorherrschaft um ein Vielfaches bedeutender als die rein materielle Zerstörung alter Stätten. Die kulturelle Verwüstung der IS-Mördertruppen darf andererseits aber auch nicht einfach beiseite gewischt werden. Die Vernichtung der antiken Kulturdenkmale in Mesopotamien betrifft uns alle, gleich welcher Nationalität oder Glaubensgemeinschaft. Sie sind unser aller kulturelle Wurzel und Erbe.

Die Zerstörung der Kulturerbestätten ist Ausdruck der barbarischen Ignoranz des Islamismus gegenüber allem Nicht-Islamischen und ein orwellscher Versuch der Geschichtsbereinigung. Die Zeugnisse alter, nicht-islamischer Kulturen sind ein wunder Punkt im Singularitäts- und Unfehlbarkeitsanspruch des militanten Islamismus, den dieser mit aller ihm zur Verfügung stehenden Zerstörungskraft auszumerzen versucht. Der niederländische Anthropologe René Teijgeler nennt die Zerstörungen folgerichtig eine „Verlängerung des Genozids“, in der es darum gehe den Menschen nicht nur nach dem Leben, sondern nach ihrer Vergangenheit und ihren Erinnerungen zu trachten. Der Bildersturm ist dabei jedoch weder neu noch überraschend. Dass Zeugnisse früherer Zeiten absolute Herrschaftsansprüche durch ihre bloße Existenz unterminieren und entsprechend des jeweiligen Weltbildes getilgt werden sollten, demonstrierten schon die Diktaturen von Hitler und Pol Pot oder die Zerstörungen durch Islamisten in Timbuktu 2012 – allerdings auch der Bildersturm der europäischen Reformation und die Giftschränke des Vatikan[1].

Dagegen vorzugehen scheint angesichts der Lage in den Kriegsgebieten aussichtslos. Unter der Organisation des Niederländers Teijgeler und des in Berlin lebenden syrischen Archäologen Isber Sabrine kämpft jedoch die Organisation „Heritage for Peace“ unermüdlich gegen die Windmühlen der Zerstörung. Archäologen und ehemalige Mitarbeiter der staatlichen Antikenverwaltung versuchen zu retten, was zu retten ist; sie dokumentieren noch bestehende Stätten und die Zerstörungen, beraten und helfen bei der Sicherung bestehender Sammlungen und verwischen Spuren von Raubgrabungen, um weitere Diebstähle zu verhindern.

„Monuments Men“ werden die Mitglieder von „Heritage for Peace“, in Anlehnung an eine gleichnamige Sondereinheit der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, vom Wall Street Journal prominent genannt. Doch sie kämpfen auch im profan wirtschaftlichen Sinne um ihr Überleben. Bisher wird die Organisation, abgesehen von einer Zuwendung durch die niederländische Regierung, kaum finanziell gefördert. Offenbar verhindern Bürokratie, Zurückhaltung und der ewige Kampf um Fördergelder eine größere Unterstützung oder eine koordinierte Zusammenarbeit mit anderen, staatlichen Organisationen oder der UNESCO (die beispielsweise nur mit in der UN organisierten Staaten verhandeln darf, nicht aber mit Gebilden wie der Freien Syrischen Armee oder der syrischen Exilregierung). Immerhin finden sich in der Liste der Unterstützer auch deutsche Museen, die sich in Workshops dem Thema widmen.

Finanziell profitieren von den Plünderungen andere, wobei der IS dabei mitnichten allein ist. Es ist bezeichnend für die Bigotterie des angeblich mit den hehren Zielen des Glaubens geführten Kampfes, dass im Grunde alle beteiligten Konfliktparteien ihr Militär mit dem illegalen Handel von Altertümern finanzieren. Dieser Handel braucht Käufer – und findet sie zahlreich und unverhohlen. Dass uralte Kulturgüter mit dubiosen Herkunftsbeziehungen mittlerweile sogar ihren Weg zu Ebay finden, zeigt, wie gewissenlos der westliche Kunstmarkt, Galerien und Auktionshäuser noch immer das Thema ignorieren.

Gewiss, die deutschen Museen handeln nach der Ratifizierung des „Übereinkommens über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut“ der UNESCO durch die Bundesregierung nach international geregeltem Standard. Dass zwischen Verfassen der Übereinkunft 1970 und Unterzeichnung durch die Bundesregierung 2007 insgesamt 37 Jahre vergingen, spricht aber für sich. In den Archiven lagern noch immer Stücke, deren Provenienz wenn nicht ungeklärt, so doch häufig zumindest fragwürdig ist, während sich die Provenienzforschung in der Regel publikumswirksam auf NS-Raubkunst beschränkt. Der Trend, die Schönheit der antiken Kunst in imposanten, bildgewaltigen Ausstellungen zu präsentieren, erscheint vor den gegenwärtigen Verwüstungen im Irak und in Syrien daher fast schon zynisch.

Die musealen Mühlen mahlen langsam. Doch es ist an der Zeit, dass sich die großen Häuser des Themas annehmen und es mit mehr als ein paar versteckten Schautafeln an die Öffentlichkeit tragen. Angesichts der katastrophalen Lage in Syrien dürfen sich die Museen nicht mehr nur digitalem Selfie-Eskapismus hingeben, sondern sollten sich an ihren Bildungsauftrag und eine der Kernsäulen der Museumsarbeit erinnern. Zum Bewahren gehört es auch, den Blick auf die Herkunft der schönen Stücke in den Vitrinen zu legen. Aus den reichen Antikensammlungen erwächst ebenso eine Verantwortung für den Erhalt der eigentlichen Monumente, denen die Fragmente einst entnommen wurden.

Zumindest hat der Deutsche Museumsbund die Provenienzforschung zum Thema seiner diesjährigen Jahrestagung gewählt, die sich jedoch hauptsächlich mit Objekten aus der Kolonialzeit, dem Nationalsozialismus oder der DDR beschäftigt. Zumindest soll sich eine Diskussion mit den Wegen und Irrwegen archäologischen Kulturguts befassen, eine konkrete Thematisierung der Lage in Syrien und im Irak fehlt jedoch. Bleibt abzuwarten, ob sich aus der Tagung und den tagesaktuellen Nachrichten neue Bestrebungen der Museen entwickeln.

[1] Die Geschichte eines ganzen Ordens begründet sich in der Abholzung einer heiligen Eiche, mit der der fromme Holzfäller beweisen wollte, dass sein Gott der mächtigere ist.

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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