Boza! Boo-zaa! Orhan Pamuks: „Diese Fremdheit in mir“

„In der Stadt konnte man inmitten einer Menschenmenge einsam sein, gerade das machte eine Stadt ja aus, dass man nämlich von lauter Menschen umgeben dennoch verbergen konnte, was für eine Fremdheit man im Kopf mit sich trug.“ (S. 117)

Mevlut ist kein besonderer Held. Weder wird Mevlut dazu beitragen, die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Istanbul in den 70er- und 80er-Jahren zu schlichten, noch heroisch für eine der Seiten  in den Kampf ziehen. Er wird sich weder für die Armen noch für die Unterdrückten einsetzen, keine Moschee stiften und kein Vermögen mit Spekulationen machen. Mevlut will nur Boza und Joghurt verkaufen, durch die Straßen Istanbuls wandern und seinen Gedanken nachhängen.

Erzählt Orhan Pamuk in Diese Fremdheit in mir also wieder die Geschichte eines endlosen Sehnens? Des Flanierens, des Sich-Ausgestoßen-Fühlens und des erfolglosen Strebens nach Geltung und Liebe? Man könnte es meinen, doch Pamuks Fremdheit ist mehr als eine Wiederholung der Topoi aus dem Museum der Unschuld. Pamuks Roman entzieht sich einer Klassifizierung, ist historisches Portrait von Stadt und Land und gleichermaßen Gesellschaftsstudie wie Entwicklungsroman und Liebesgeschichte. Vielleicht ist er auch, so unbefriedigend und schal diese Klassifizierung klingen mag, ein bisschen von allem.

Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mirWährend in Pamuks früheren Texten oft eine an der Handlung mehr oder weniger direkt beteiligte und daher unzuverlässige Erzählinstanz das Wort führte, lässt er in der Fremdheit nahezu alle wichtigeren Figuren – außer Mevlut selbst – zu Wort kommen. Wie in einer heiteren Familienrunde fallen sie einander und dem namenlosen Chronisten ins Wort, verbessern sich und geben unterschiedliche Blickwinkel auf das Geschehene zum Besten. Das gemeinschaftliche Erzählen erinnert ein wenig an die osmanische Kaffeehauskultur, als ein einzelner Erzähler eine Geschichte vortrug, zu der alle Anwesenden eigene Anekdoten und Varianten beizutragen hatten. Pamuk gelingt es damit, ein besonders vielschichtiges Bild seines Protagonisten zu zeichnen, seine Eigenheiten und Entscheidungen in stets anders belichteten Aufnahmen zu zeigen, die dem Leser ein eigenes Urteil über den Protagonisten ermöglichen.

Trotz besten Bemühens bleibt Mevlut Zeit seines Lebens Außenseiter: unter den Schuljungen an der Knabenschule ebenso wie unter den Straßenverkäufern Istanbuls. Mevlut bleibt der für Pamuk so typische, grüblerische Protagonist, der zwar stets am Leben beteiligt ist, aber doch gleichsam unbeteiligt an dessen Rändern steht, nicht reüssiert und stets fremd, stets Beobachter bleibt. Im Gegensatz zu früheren Figuren entstammt Mevlut aber nicht der gebildeten und gleichsam gelangweilten Oberschicht, sondern bleibt in den begrenzten Kreisen seiner Herkunft gefangen. Pamuks Blick auf die Arbeiterschicht zeigt: Auch hier gibt es Flaneure und Rebellen, Emporkömmlinge und Abgehängte. Die Schattierungen unterscheiden sich, nicht so sehr die Muster.

„Das Glück, das ihm das Leben verhieß, wurde ihm nur zuteil, wenn er fern von seinem Leben war, sich in andere Welten träumte.“ (S. 145)

Wieder ist es das Kino, das als Hort eines träumerischen Eskapismus eine Rolle spielt. Während Kemal im Museum noch dem türkischen Film anhing und später selbst in der Branche involviert war, findet der junge Mevlut aus dem Gecekondu seine Zuflucht in den zahlreichen Schmuddelkinos. Das Kino ist für Pamuks Figuren immer wieder Ort der Zuflucht und des Versteckens vor der Realität, an dem die Phantasie der Protagonisten nicht von der vermeintlichen Härte des Alltags zertreten wird.

Die Sehnsucht in den verschiedensten Spielarten bleibt für Pamuk das bestimmende Thema. Es ist die Sehnsucht nach Liebe, nach Teilhabe, Freiheit und Selbstverwirklichung, die auch Mevlut umtreibt und nur scheinbar ziellos durch die nächtlichen Straßen irren lässt. Pamuks Roman ist auch die Beschreibung einer ewigen Selbstfindung und Suche nach Identität in einer sich immer schneller verändernden Gesellschaft. Während frühere Figuren trotz bester Voraussetzungen eher aus Unlust an den Verhältnissen scheiterten, bleibt Mevlut ein Abgehängter, der seine Idealvorstellungen nicht mit seiner Sensibilität und der Härte des Alltags in Einklang bringen kann.

Dabei gelingt es Pamuk, über die innere Zerrissenheit Mevluts – der im einen Moment die Konventionen des Landlebens kritisiert, sich im nächsten Moment aber darüber ärgert, dass das Kopftuch seiner Frau so locker sitzt – die Zerrissenheit der gesamten Gesellschaf zu verdeutlichen. Immer wieder stehen die Figuren des Romans im Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen der Lebensart der westlich-orientierten Stadtbevölkerung und den konservativ-islamischen Traditionen des Landlebens. Pamuks Sittenportrait zeigt, wie althergebrachte Konventionen und Ehrvorstellungen auf eine zunehmend säkulare, modernisierte Welt prallen, in der arrangierte Ehen und Blutrache zunehmend zum anachronistischen Relikt werden.

Und doch kann keine der Figuren ihre Herkunft verleugnen, die bekannten Konventionen gänzlich ablegen. Während Mevlut Zeit seines Lebens Boza verkauft, jenes süß-säuerliche Getränk, das anfangs Lebensunterhalt, später nur noch Verbindung zu einer längst verlorenen Vergangenheit ist, äußern seine Verwandten offen ihre Animosität zu später in die Stadt migrierenden Türken aus Anatolien. Obwohl sie selbst diesem Milieu entstammen, zeigen die jungen Emporkömmlinge die so typische diffuse Angst der Bessergestellten, ihren vermeintlichen Wohlstand teilen zu müssen. So sehr sich die Familie bemüht, zur Stadt zu gehören und so sehr sie es gegenüber den auf den Dörfern verbliebenen Verwandten deutlich zu machen versucht, so sehr grenzt sie sich doch zugleich in ihrer Doppelmoral von der vermeintlich moralisch verdorbenen und ruchlos-dekadenten eigentlichen Stadtbevölkerung ab. Pamuk spiegelt damit geschickt nicht nur die Zerrissenheit der modernen Türkei zwischen einem säkular-offenen Europa und reaktionär-konservativer Politik, sondern auch die allgemein in Europa wachsende Angst vor dem Fremden, das in etablierte Bequemlichkeitsmuster eindringt und vermeintlich den eigenen Wohlstand zu gefährden droht.

Die große Politik scheint in Mevluts Leben stets Rahmenhandlung zu bleiben. Auf diese Weise gelingt es Pamuk ganz raffiniert, die großen politischen Ereignisse in der Türkei zu behandeln, selbst wenn Mevlut wie immer stets am Rande zu stehen scheint, ohne sich an den Umwälzungen aktiv zu beteiligen. Den Militärputsch von 1971 erlebt der Schüler Mevlut als eindrucksvolle Welle staatlicher Willkür, als merkwürdig autoritäre Reinigungsaktion der Straßen, in denen auf einmal die vertrauen Händler verschwinden. Auch an den nationalistischen und religiösen Spannungen zum Ende der 70er-Jahre beteiligt sich Mevlut kaum, hängt mal dieser, mal jener Seite an, ohne jedoch wirklich Stellung zu beziehen. So wie Mevluts Coming-of-Age scheinbar ins Leere zu verlaufen scheint, bleiben auch die Spannungen dieser Zeit ohne langfristige Lösung für die Türkei. Wie die jüngsten Ergebnisse eindrucksvoll verdeutlichen, ist der interne Kampf längst nicht beendet. Während des Putsches von 1980 ist Mevlut zwar selbst beim Militär, allerdings in der verschlafenen Provinzstadt Kars, also wieder an der Peripherie und ohne aktive Beteiligung. Ein interessantes Gedankenspiel wäre, ob er in dieser Zeit K. über den Weg läuft, dem Protagonisten aus Pamuks Nobelpreis-Roman Schnee.

Ja, und dann ist da noch diese Liebesgeschichte, die sich mal explosionsartig impulsiv und melodramatisch, mal schleichend, hintergründig und sanft in den Vordergrund drängt. Diese Liebe, die mit einem scheinbar unüberwindlichen Hindernis und unter denkbar ungünstigsten Vorzeichen beginnt, sich dann aber frei vom vielleicht zu erwartenden Pathos zu einer zärtlichen und tiefen Beziehung entwickelt.

Orhan Pamuk gelingt auf knapp 600 Seiten ein komplexes, vielschichtiges und lebendiges Portrait der Türkei von 1969 bis 2012. Der stets unaufgeregte, manchmal grenzwertig nostalgisch-naive Blick Mevluts auf seine Zeit erzeugt eine nüchterne Distanz zu den erhitzten Umbrüchen und gesellschaftlichen Veränderungen, die in ihren Grundzügen bis in die heutige Türkei nachwirken. Dem Leser erlaubt es der feinsinnige Protagonist, mit distanziertem Blick in eine komplexe, von Irrungen und Umbrüchen geprägte Zeit einzutauchen, ohne sich in dogmatischen Ismen und erhitzter Politik zu verlieren – wohl auch, weil die tieferen Hintergründe in diesem Roman nicht ausgeführt werden. Mevlut selbst bleibt in all dieser Zeit ein fremder Beobachter, fremd gegenüber der von ihm so geliebten Stadt, ihren immer schneller wechselnden Bewohnern und seiner Familie – aber vor allem fremd gegenüber sich selbst.

Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mir. Abenteuer und Träume des Boza-Verkäufers Mevlut Karataş und seiner Freunde. Sowie: Ein aus zahlreichen Perspektiven erzähltes Panorama des Istanbuler Lebens zwischen 1969 und 2012.
Originaltitel: Kafamda Bir Turhaflık
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
München: Carl Hanser 2016
592 Seiten, gebunden
26,00 €

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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