Montagskaffee #31

Guten Tag.

Heute geht es mal um Statistiken. Big Data ist ja das neue Ding und auch in der Verlags- und Buchbranche sucht man akribisch nach Möglichkeiten, aus Papier Daten zu gewinnen. Was mit kollektiven Anmerkungen im Kindle begann (gibt es die eigentlich noch?), mündet mittlerweile in Diensten wie Jellybooks, die kostenfreie E-Books anbieten und dafür fleißig wie die Eichhörnchen Nutzerdaten sammeln und an die Verlage weitergeben. Nun haben sich Jodie Archer und Matthew L. Jockers an das große Geheimnis der Buchbranche gewagt und einen Algorithmus entwickelt, der helfen soll, potenzielle Bestseller zu entdecken. Aus den Bestsellern der vergangenen 30 Jahre haben Archer und Jockers 2.799 Eigenschaften herausgesucht, die bei Bestsellern gehäuft auftreten. Starke weibliche Protagonisten, wenig Sex, eher Hunde als Katzen und so weiter. Sofort wird natürlich beteuert, damit nicht den Lektor abschaffen, sondern ihm nur ein neues Handwerkszeug zur Seite zu geben. Der Kulturpessimist in mir wittert aber eine neue Gleichförmigkeit der ganz „großen“ Erfolgsromane. Heitere Ironie: Des Algorithmus liebster Roman ist Dave Eggers‘ The Circle.

Keinen Algorithmus, aber gute alte Statistik hat Miriam von schiefgelesen bemüht, um die Cover deutscher Romane im internationalen Vergleich zu betrachten. Herausgekommen ist eine illustre Sammlung mit teilweise überraschenden Varianten. Geht man davon aus, dass das Cover eines Buches bereits einen ersten Eindruck seines Inhalts geben kann, könnte man bei manchem Beispiel völlig unterschiedliche Romane erwarten. Spannend fände ich auch mal einen ausführlichen Vergleich der Titel-Übersetzungen, da leisten sich deutsche Verlage bei Übersetzungen ja gelegentlich den einen oder anderen Griff ins Klo. Ich jedenfalls versuche, mich nicht allzu sehr vom Cover eines Romans beeinflussen zu lassen, oft herrscht da ja ein beeindruckender Konformismus immer gleicher Motive (einsame Bank am See, abwesend schauende Dame im historischen Kostüm, merkwürdig verlassen wirkende Stühle, Vogelschwärme …). Interessant daher der Ansatz einiger Buchhandlungen zu „Blind Dates“, etwa bei Elizabeth’s Bookshop im australischen Newtown, wo ausgewählte Bücher in Packpapier gepackt und von den Mitarbeitern nur mit einigen Schlagworten versehen verkauft werden. Überraschung!

Zeit zu Lesen gibt es ja jetzt genug, denn ganz grundsätzlich soll der Sommer ja jetzt vorbei sein, wenn man glauben mag, was man sich so auf der Straße erzählt. Den Bücherfreund freut es, was braucht es schon mehr als Bücher und  Kaffee … ganz ohne große Daten.

montagskaffee_31

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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