Stilblüten #3: Legendenbildung im Fußball

Kürzlich sei Uwe Seeler, eine „wahrhaftige Legende“, 80 Jahre alt geworden, informierte die Süddeutsche Zeitung am Montag in ihrer „Streiflicht“-Glosse, um danach etwas gequält-launig die derzeitige Misere des HSV mit den illustren Schwierigkeiten Seelers mit Sprichwörtern aufs Korn zu nehmen. Nunja. Sich über sprachliche Auslassungen von Fußballern zu amüsieren ist im Grunde das Dem-Baby-den-Lutscher-Klauen des Geisteswissenschaftlers, und über verwurschtelte Redewendungen machen sich ja sogar amerikanische Krimiserien lustig.

Auffällig sind die Ironiepunkte, die das „Streiflicht“ schon im ersten Satz einsammelt. Eine „wahrhaftige Legende“? Das Sprachbild ist so krumm wie eine Bananenflanke. Zum heutigen Start des Literaturfests München unter dem Motto „ein wort gibt das andere“ daher eine gute Gelegenheit, nicht nur der Legende von der Legende auf die Spur zu gehen, sondern auch den etwas heitereren Beitrag zur Blogparade #einwortgibt nachzureichen.

legendeLegende, die. Substantiv, feminin, abgeleitet vom lateinischen legenda – „das, was zu lesen ist“ oder „das Vorzulesende“. Schon hier ein erster Hinweis auf die Charakteristika der Legende. Der Duden erklärt: „kurze, erbauliche religiöse Erzählung über Leben und Tod oder auch das Martyrium von Heiligen“ und – damit kommen wir der Sache näher – „Person oder Sache, die so bekannt geworden ist, einen solchen Status erreicht hat, dass sich bereits zahlreiche Legenden um sie gebildet haben“. Vergleiche: „Mythos“.

Die Definitionen haben eines gemein: den Charakter des Erzählten, Kolportierten, Erdachten. Legenden sind, und das definiert der Duden weiter: „etwas, was erzählt, angenommen, behauptet wird, aber nicht den Tatsachen entspricht“. Was also, liebes „Streiflicht“, ist eine „wahrhaftige Legende“? Etwas, das „den Tatsachen entsprechend nicht den Tatsachen entspricht“?

Nun könnte man ein geschickt platziertes Oxymoron vermuten und die beste Intention unterstellen, nämlich eine selbstironische Brechung gleich zu Beginn – doch das darf im Fußballland Bayern angezweifelt werden. (Obwohl, „Uns Uwe“ war ja nie bei den Bayern, …) Insofern ist also davon auszugehen, dass die Legende hier ganz ironiefrei genutzt wurde, quasi als Hutantippen gegenüber Seeler und dessen Leistungen.

Aber auch damit wird die Bananenflanke nicht zum präzisen Torschuss, denn die Legende zielt nicht auf eine nachweisbare Wahrheit, sondern vermittelt Glaubenswahrheiten, gerne ausgeschmückt und dekoriert. Dass Fußball viel mit Glauben und Wünschen zu tun hat, mag stimmen, macht Seeler aber noch nicht zum Heiligen und schon gar nicht Märtyrer. Ganz im Gegenteil, zeichnet sich doch Uwe Seeler vor allem dadurch aus, dass er schon zu seinen aktiven Zeiten auf den ganzen melodramatischen Allürenquatsch verzichtete und in erster Linie einmal einfach guten Fußball spielte. Für hagiographisch interessante Wunder waren andere zuständig.

Ich tippe hier also auf eine Mischung aus „Gut gemeint ist nicht gut gemacht“ und die derzeit beliebte Überstilisierung von praktisch allem und jedem. Wenn der „Star“ nicht mehr reicht, muss halt die „Legende“ her. Allerdings zeigt das Beispiel, dass sich die Legende eben nur noch bedingt weiter steigern lässt. Spitzfindig? Vielleicht. Sich nach einem solchen Auftakt aber über die krummen Redewendungen Seelers zu amüsieren, liebes „Streiflicht“, ist doppelt schlechter Stil.

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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