Archiv der Kategorie: Langgedanken

Seite 2.0 – Von der Digitalisierung des Lesens

Es gibt Dinge, die kann man nicht aufhalten. Lawinen zum Beispiel. Oder den Lauf der Zeit, falls man es pathetischer mag. Im Jahr 2017 muss dann wohl der letzte Analogromantiker feststellen, dass auch die Digitalisierung kaum mehr aufzuhalten, allerhöchstens zu verschleppen ist. Und weil sich bekanntlich eine verschleppte Erkältung leicht mal drastisch verkomplizieren kann, wird es mit der Digitalisierung auch nicht einfacher, je länger sie vorweggeschoben wird.

Wer mich kennt, kennt mich als Freund des gedruckten Wortes. Vorzugsweise auf feinem Papier zwischen verstärkten Buchdeckeln, aber gerne auch in jeder beliebig anderen Form drucktechnischen Erzeugnisses. Lesegeräte für elektronische Bücher habe ich lange abgelehnt. Zu fummelig. Zu unansehnlich. Zu unromantisch. Und überhaupt – die riechen ja nicht einmal gut.

Nun, der aufmerksame Leser wird es bereits gesehen haben – auch die Seite Zwei hat digital aufgerüstet und widersetzt sich nicht länger der Wirklichkeit. Auch wenn der Markt beweist, dass die elektronischen Bücher zwar ihre Anhänger und Berechtigung haben, das klassische Buch aber wohl längst nicht ersetzen werden. Das wäre ja auch noch schöner.

Nach einigen Monaten des Tests kann an dieser Stelle ein erstes Fazit gezogen werden. So liest es sich also, mit dem tolino shine 2HD:

Nun, zuerst einmal: Ja, es liest sich sehr ordentlich. Ja, es ist schon praktisch, mehrere Bücher herumtragen zu können, ohne merklich Gewicht zu spüren. Ja, auch die Beleuchtung erfüllt ihren Zweck und kam schon mehrfach zum Einsatz. Und dennoch wird dem tolino auf lange Sicht doch nur der zweite Rang bleiben, denn an das haptische Gesamterlebnis eines Buches kommt der Reader schlicht nicht heran.

Ich habe mich im April für den shine 2HD entschieden, weil er einen guten Mittelweg zwischen den damals drei erhältlichen Versionen tolino page, tolino shine 2HD und tolino vision 4HD anbot. Ein Amazon Kindle kam für mich aus vielerlei Gründen nicht infrage, schon allein wegen der engen Bindung des Geräts an die Amazon-Infrastruktur und den Zwang zum Amazon-Dateiformat. Andere Wettbewerber wie Nook und Co. hatte ich zwar auf dem Schirm, doch erschien es mir zumindest ideell richtig, mit dem tolino den deutschen Buchhandel zu unterstützen.

Zwischen seinen Brüdern machte der shine 2HD den besten Eindruck. Der page ist zwar günstig, wirkt mit seiner in Leberwurstbraun gehaltenen billigen Plaste-Haptik aber wie ein Modell von Fisher-Price für Rentner. Der Qualitätsunterschied zu den anderen Modellen ist so gravierend, dass ich dem Hersteller unterstelle, das Einsteigermodell bewusst billig zu produzieren, um die teureren Modelle attraktiver zu machen. (Was funktioniert.)

Der vision 4HD hingegen ist der Angeber unter den Brüdern und glänzt vor allem mit Äußerlichkeiten, die den durchaus saftigen Aufpreis zum shine aber nicht rechtfertigen. Das smarte Licht, dass mit zunehmender Dunkelheit einen wärmeren Farbton annimmt, ist zwar sicher angenehm, die glatte Front des Geräts Erfahrungsberichten meiner Freunde zufolge aber eher kontraproduktiv, da das Gerät bei einigen Schutzhüllen zu sensibel reagiert und man viel zu häufig unbeabsichtigt umblättert. Bis auf den doppelten Speicher sind shine und vision technisch identisch.

Die internen Bibliothekare bei der Arbeit.

Die Ersteinrichtung ging zügig und unkompliziert vonstatten, die ersten Bücher waren dank simplem Drag&Drop-Verfahren innerhalb von Minuten installiert. Da der tolino keine eigene Software erfordert, sondern sich wie ein USB-Laufwerk verhält, ist das Aufspielen eigener Bücher oder anderer Textdokumente denkbar einfach. Das Gerät braucht dann, je nach Menge der neuen Bücher, ein paar Minuten, um die Neuzugänge in der internen Bibliothek zu sortieren, dann kann es im Grunde sofort losgehen.

Die Bedienung ist praktisch idiotensicher und wird über das interne Handbuch auch ausführlich erklärt. Umblättern erfolgt durch leichtes Tippen an den Seitenrand, es gibt Lesezeichen, eine Notiz- und eine Suchfunktion; zudem lassen sich Schrifttype, Größe, Zeilen- und Seitenrandabstand sowie die Textausrichtung nach Belieben anpassen. Sehr zu loben ist, dass als Type auch OpenDyslexic zur Verfügung steht, die Legasthenikern das Lesen erleichtern soll. Wer will, kann alles beim Verlagsstandard lassen, um dem gedruckten Buch so nahe wie möglich zu kommen.

Gleich bei der ersten Lektüre fiel mir positiv ins Auge, dass der tolinodamals im Gegensatz zum Kindle – in der Lage ist, Silbentrennung und Umbrüche sinnvoll anzuwenden und so ein einheitliches, gleichmäßiges und ansehnliches Schriftbild setzt. Ganz gleich in welcher Ausrichtung, nirgendwo Lücken, Löcher und unsinnige Abstände. Gerüchten zufolge hat Amazon nach knapp zehn Jahren Produktentwicklung diese bahnbrechende Entwicklung des Drucksatzes auch eingeführt, wie gut das da funktioniert kann ich aber nicht bezeugen.

Im Querformat gut lesbar: Die Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus.

Die Textformatierung funktioniert allerdings nicht bei PDF-Dokumenten. Diese werden vom Gerät in ihrer Originalformatierung angezeigt, also auch in der vorgegebenen Seitenzahl. Das führt dazu, dass im Grunde zu viel Text auf dem dafür zu kleinen Display dargestellt wird. Die vom Gerät angebotene Konvertierung in das interne Format zerlegt aber die Textformatierung, sodass man sich schnell mit einem unübersichtlichen Blocksatz konfrontiert sieht. Für längere Texte ist das wohl nicht sinnvoll. Meine Lösung dafür ist es, die Seitenansicht zu drehen und die Seiten dann wie bei einem Tablet durch wischen hoch- und runterzuschieben. Umblättern erfolgt ganz normal. Im Querformat lässt sich der tolino weiterhin gut halten und bietet bei den allermeisten Texten ausreichend Platz für noch lesbare Schriftgröße. Ansonsten muss näher herangezoomt werden, was aber Wischen in alle Richtungen erfordert.

Ich habe oft darüber gelächelt, dass nun auch E-Reader beleuchtete Displays haben; war es doch zu Beginn ihrer Existenz das große Alleinstellungsmerkmal, dass sie eben nicht beleuchtet und daher einer realen Papierseite so ähnlich wie möglich waren. Nun ist das Licht praktisch omnipräsent und wird als das große Ding beworben. Glücklicherweise kann man es beim shine (die Namensironie ist mir nicht entgangen) jederzeit ausschalten und sich auf Sonnenlicht oder Leselampe verlassen. Dann wirken die Seiten des shine wie Ökopapier – nicht strahlend weiß, aber mehr als ausreichend kontrastreich. Ich besitze Taschenbücher, deren Papier grauer ist. Bei Tag ist das Licht in den unteren Helligkeitsstufen meist nicht einmal wahrnehmbar und reduziert lediglich die – übrigens sehr formidable – Akkulaufzeit.

Bei Dunkelheit hingegen, in typisch schlecht beleuchteten Zügen oder in Abwesenheit einer Leselampe leistet die Beleuchtung gute Dienste und hellt das Display auf, ohne allzu penetrant zu leuchten. Dazu sei angemerkt, dass ich das Licht fast ausschließlich auf der dunkelsten Stufe belasse, da mir dies bei Dunkelheit völlig ausreicht. Gerade im Bett – wenn aus Rücksicht auf schlafende Partner die Lampe aus bleibt – sind die helleren Stufen meiner Ansicht nach zu grell. Vermutlich alles Geschmackssache.

Wirkliche Probleme hatte ich bislang nicht. Schnelles An- und Ausschalten des Geräts mag tolino nicht, dann neigt er zu Überforderung und Hängern. Ein oder zwei Mal hat sich das Gerät aufgehangen und von selbst neugestartet, aber nicht der Rede wert. Der Seitenaufbau könnte allerdings manchmal etwas schneller gehen. Die interne Tastatur erfüllt ihren Zweck, ist für längere Texte aufgrund der trägen Reaktionszeiten des Touchscreens aber völlig ungeeignet. Gerüchten zufolge kann man mit dem tolino auch im Netz surfen, das habe ich mir aber bislang noch nicht angetan.

Der einzige in meinen Augen störende Punkt ist die Kopplung des Geräts an den Online-Shop der jeweiligen Buchhandlung, in der man das Gerät gekauft hat. Auch wenn es problemlos möglich ist, jedes beliebige E-Book auf das Gerät zu laden und man die eigenen Online-Bibliotheken bei anderen namhaften Buchhandlungen verknüpfen kann, so habe ich doch stets im unteren Drittel meiner Startseite die Empfehlungen von Hugendubel liegen, die – da ich das WLAN nur für Software-Updates aktiviere – immer gleich bleiben und diametraler zu meinem Lesegeschmack nicht sein könnten. Hier zählen offenbar nur die im Hugendubel-Shop beliebtesten Titel. Also seichte Frauenromane mit einsamen Bänken vor Strandhütten auf dem Cover. Mich persönlich reizt das nicht gerade dazu, bei zuckeligem Seitenaufbau im Online-Shop zu stöbern.

Insgesamt bin ich positiv angetan von meinem shine, seiner intuitiv-simplen Bedienung und dem scharfen und artefaktfreien Display. Dessen Größe ist ausreichend, um mit einem gängigen Taschenbuch mitzuhalten und erfordert bei vernünftiger Schriftgröße auch kein ständiges Blättern. Die Akkulaufzeit ist so hoch, dass man durchaus mal von dem dezenten Hinweis auf niedrigen Ladestand überrascht wird. Ach ja, den muss man ja laden.

Angenehm flach: Der Stapel ungelesener Bücher.

Das Regal ersetzen wird der tolino aber nicht. Für mich wichtige Bücher werde ich weiterhin in gedruckter Form in den Händen halten wollen. Gerade für leichtere Unterhaltungslektüre, meine Warhammer-Bolterromane zum Beispiel, ist das Format jedoch ideal, da ich die ohnehin selten mehrfach lese und sie so schnell stupide Regalmeter füllen würden. Zudem lassen sich auf dem tolino PDF-Dokumente, Aufsätze und digital erscheinende Zeitschriften durchaus bequem lesen, ohne dafür auf einen Computerbildschirm starren zu müssen. Dank der Suchfunktion hätte mir das Gerät beim Studium sicher die Lektüre von manch wissenschaftlichem Aufsatz erleichtert und Druckertinte gespart.

Bleibt nur noch abzuwarten, wie lange das Gerät insgesamt hält. Die Verarbeitung wirkt hochwertig, mit Auseinanderfallen ist also wohl nicht zu rechnen. An die oft zitierten Orte wie Badewanne oder Strand nehme ich den Reader ohnehin nicht. Weder der tolino noch ein richtiges Buch vertragen Wasser, Sand hingegen kann man zwar aus einem Taschenbuch ausschütteln, nicht aber aus USB-Kontakten. Es wird also noch weiter Einsatzfelder für günstige Paperbacks geben. Dank einer stabilen Hülle (gekauft über – *tusch* – Amazon!) dürften die Oberflächen des Geräts gut geschützt sein. Ob die zusätzliche Schutzfolie auf dem Display hingegen wirklich nötig ist, wird sich zeigen.

Dazu ein letzter Tipp: Wer Staubflusen und Blasen unter der Folie verhindern will, sollte sie nicht „mal eben“ an einem Sommermorgen auf der Terrasse aufkleben …

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pagina centesima – Zum 100. Beitrag

Um manche Zahlen kommt man nicht herum. Im Grunde ist ja jedes Jubiläum arbiträr, doch scheinen manche Zahlen gleicher zu sein als andere, nur weil irgendwann festgelegt wurde, dass Fünfer- und Zehnerschritte besonders beachtenswert seien (warum nicht Primzahlen?). Einerlei – die Seite Zwei erreicht mit diesen Worten ihren 100. Beitrag, ein traditionell idealer Anlass für Reflexion und Nabelschau. Hat es sich gelohnt? Sind Ziele erreicht worden? Hat sich etwas verändert? Wie soll es weitergehen? Nun – der Reihe nach.

Die Frage, ob sich das Bloggen gelohnt hat, lässt sich kaum beantworten. Ist das überhaupt messbar? Finanziell sicherlich nicht, denn darum geht es hier ja nicht. Klickzahlen? Die bleiben überschaubar. Kommentare? Dito. Aber sind das überhaupt Motivation und Ziel? Natürlich nicht, ruft man reflexartig empört – schließlich geht es hier ja darum, Gedanken auszudrücken, zu schreiben und einer sinnstiftenden Tätigkeit nachzugehen. Naja und trotzdem vergleicht man sich, schaut immer wieder mal in die mageren Statistiken und freut sich zugleich über jeden Leser, jedes „Gefällt mir“ und erst recht über jeden Kommentar. Schließlich sind wir hier im Internet, wo jede Zuckung messbar und Erfolg die einzige Währung ist.

Und doch. Und doch ist es mir gleich, ob meine Texte von den immer gleichen drei Leuten (Hallo! <3) gelesen werden oder von Hunderten. Die Seite Zwei ist für mich in erster Linie eine Plattform, auf der ich meine Gedanken zu Literatur, Medien und dem Zirkus drumherum veröffentlichen kann. Da literarische Salons ja bedauerlicherweise aus der Mode gekommen sind, muss das Internet als Ersatz herhalten; für den Austausch über Literatur, um Gedanken auszuformulieren und gezielt Bücher zu besprechen. Dass ein Blog natürlich in erster Linie eine sehr eindimensionale Kommunikationsform bleibt, ist mir bewusst. Das ist eine Rezension in einer Tageszeitung allerdings auch. Im Gegensatz zu Tageszeitungen kann ich mich auf meinen eigenen Seiten aber auf die Bücher konzentrieren, die ich gelesen habe, ohne Trends und Bestsellerlisten hinterherzujagen. Insofern kann ich beruhigt antworten: Ja, es hat sich gelohnt, mit der Seite Zwei eine Plattform für meine Gedanken zu finden, mich erproben und äußern zu können und einer Beschäftigung nachzugehen, von der ich von Beginn an überzeugt war, dass sie mich nie ernähren, aber auch nie verlassen wird.

Was uns zur nächsten Frage, den erreichten Zielen bringt. Ein interessanter Punkt, der zugleich die immanente Frage nach erklärten Zielen aufwirft. Gab es die denn? Ein Blick in meinen winzigen Erklärungsversuch offenbart, dass die Seite Zwei bescheidene Ziele hat. Gedanken aufwerfen. Den Austausch über Literatur anregen. Die Lust am Lesen wecken. Habe ich diese Ziele erreicht? Einhundert Beiträge, einige Tausend Klicks und eine erlesene Handvoll Abonnenten später kann ich auch diese Frage ruhig mit Ja beantworten. Gedanken wurden geteilt, über Literatur wurde sich ausgetauscht und die Lust am Lesen gefördert. Und sei es nur meine eigene Leselust.

Hat sich diese meine Art zu lesen durch das Bloggen verändert? Ja und nein. Der Drang zu rezensieren (gibt es dafür ein Wort?), mich über das Gelesene auszutauschen und anderer Leser Verständnis zu hören, bestand schon lange zuvor. Doch ein Ventil, eine Möglichkeit, die Gedanken zu publizieren, bestand nicht. Insofern denke ich seit Bestehen der Seite Zwei durchaus wieder intensiver über das Gelesene nach, mache Notizen, Anstreichungen und Eselsohren, um wichtige Stellen zu markieren. Einen Einfluss auf das noch zu Lesende, den oft beschworenen Stapel ungelesener Bücher, hat es nicht. Vielmehr lese ich manche Bücher bewusster, andere gelassener, bei wieder anderen beginnt es vielleicht gelassen – um am Ende in einer überraschenden Rezension zu enden. Durch schlechte Bücher quäle ich mich um des Verrisses Willen aber nicht. Dafür ist mir meine Zeit zu schade.

Bleibt das so? Die Zeit wird es zeigen. Pläne für die Zukunft habe ich nicht – außer vielleicht die Frequenz der Beiträge etwas zu erhöhen. Die Seite Zwei ist keiner jener schnurrend aktiven Bücherblogs, auf denen es jeden Tag Neues zu entdecken, neue Rezensionen zu lesen und Empfehlungen zu hören gibt. Da im allgemeinen Brummen des digitalen Zeitalters die Frequenz jedoch der Schlüssel zur Wahrnehmung ist, nagt an dieser Stelle aber der publizistische Ehrgeiz, vielleicht doch die Reichweite wenn nicht zu erhöhen, dann zumindest beibehalten zu können.

Am Inhalt indes werde ich nichts verändern. Vielleicht wird es auch mal die eine oder andere Neuerscheinung auf die Seite Zwei schaffen, eine sichere Wette ist das aber nicht. Die Freiheit, mir meine Inhalte selbst auszusuchen, ist für mich der wichtigste Punkt dieser Unternehmung. Ich bin nicht gezwungen, Trends und Moden hinterherzujapsen, muss nicht den neusten Krausser-Hegemann-Funke-Meyer vorstellen, um mir Supi-Bussi-Herzchen-Likes abzuholen. Ich kann Texte besprechen, die mir am Herzen liegen, die mich berührt, amüsiert, frustriert und gefesselt haben und von denen ich überzeugt bin, dass sie auch anderen einen Mehrwert bieten können. Das wird auch weiterhin der Kern der Seite Zwei bleiben und ich freue mich über jeden Leser, jeden Kommentar und auch über das vereinzelte Supi-Bussi-Herzchen-Like, das mich auf diesem Weg begleitet.


#einwortgibt den Ausschlag – Wohlfeile Provokationen im Privatfernsehen

Manche Dinge kann man sich nicht ausdenken. Manche Dinge sind so verquer, dass ich nicht genau weiß, ob und wie man darauf angemessen reagieren kann und sollte. Manches nimmt einem sprichwörtlich die Worte oder provoziert laute, unangemessene Reaktionen, die dann wiederum zu wortgewaltigen, zerstörerischen Selbstläufern werden. Doch ich greife voraus.

Vor zwei Tagen riefen die Organisatoren des Literaturfests München zu einer Blogparade unter dem Stichwort #einwortgibt auf. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, heißt es dazu bei Wittgenstein und unter dieser Prämisse soll ausgelotet werden, wie Sprache dabei helfen kann, Grenzen einzureißen, Begegnungen zu fördern und somit einen Dialog zu schaffen. Aber auch die Grenzen der Sprache sollten beleuchtet werden, ihre Fallstricke vielleicht, ihr Missbrauch. Ich hatte dazu spontan Ideen, eher auf der positiveren als der dunkleren Seite dieses Spektrums. Doch dann kam ProSieben.

Eigentlich, so dachten wir, hätten wir alles gesehen. Jede Entgleisung und Provokation, jeden gezielten Angriff auf Moral, Anstand und guten Geschmack (Sind das nicht auch diese christlich-abendländischen Traditionen, die von einer überschneidenden Zielgruppe derzeit so oft im Fackelschein beschworen werden?). Alles dagewesen, zwischen Narumol und Ronald Schill im Adamskostüm, eigentlich fehlte nur noch die Real-Umsetzung von Running Man.

Denkste. Im verzweifelten Versuch, die Aufmerksamkeit der Zuschauer von ihren Smartphones abzulenken, denken sich die privaten und öffentlichen Sender immer neue Formate aus, die noch lauter, noch greller, noch tabubrechender um Quoten buhlen. Und weil es gerade so schrecklich „in“ ist, politisch unkorrekt zu sein, springt ProSieben mit der Zuverlässigkeit eines pawlowschen Reflexes auf den Zug auf. Der Hypetrain ist nie ausgebucht.

„Applaus und Raus“ soll also das neue Format sein, und es passt zur degenerierten Aufmerksamkeitsspanne des Privatfernsehens. Oliver Polak gibt den Late-Night-Host, dem reihenweise Gäste vorgeführt werden. Gerät das Gespräch ins Stocken, langweilt sich also Polak (oder fällt ihm nichts mehr ein), drückt er einen Knopf, der Gast ist raus, der Nächste bitte. Zappen innerhalb der Talkshow, irgendwie auch meta.

Aber leider von Beginn an unter üblen Vorzeichen. Einen Hooligan, der schon einmal jemanden ermordet hat könne sich Polak als Gast vorstellen. Oder einen der „Lügenpresse“-Schreier. „Normale Leute halt“, schwadronierte er gegenüber dem Tagesspiegel. Das traurigerweise einzig normale daran ist die Provokation mit Ansage. Es geht von Anfang an gar nicht um den Inhalt des Gesprächs, sondern nur um den gezielten Bruch selbstkonstruierter Tabus. Und Polak ist sich dessen durchaus bewusst. „Politische Korrektheit ist ja oft nur eine Masche, um sich mit einem Missstand nicht auseinandersetzen zu müssen“, sagt Polak und wünscht sich daher in bester „Ich bin Jude, ich darf das“-Manier Henryk M. Broder oder Adolf Hitler als Gäste. Ohne Konfrontation könne ja schließlich kein Dialog entstehen.

Stimmt, aber Polak muss sich fragen lassen, ob eine Talkshow im Spätprogramm eines Privatsenders zwischen „Circus Halligalli“ und „The Big Bang Theory“ der richtige Ort dafür ist. Oder ob die bewusste Verletzung sprachlich-gesellschaftlicher Konventionen nicht doch nur ein billiger Versuch ist, die Quoten aufzuputschen, auf dass sich die Zuschauer vor den Fernsehgeräten angesichts des kantigen Tabubruchs wohlig den Bauch kraulen können. Endlich sagt’s mal jemand.

Nein, das ist weder unterhaltsam noch dialogfördernd, das ist schäbig. Umso weniger überrascht es, dass der Sender als offiziellen Hashtag seiner Sendung für die sozialen Netzwerke die Entgleisung „#gastoderspast“ gewählt hat. Auch das eine wohlfeile Provokation, vermutlich auch, um sich ein wenig der Jugend anzubiedern, in Teilen derer sich „Spast“ hartnäckig im Wortschatz hält.

Spätestens damit hat die Sendung ihr Ziel erreicht, der Fäkalsturm liegt in der Luft, auch schlechte PR ist ja bekanntlich gute PR – und auch ich mache mich ja dessen gerade schuldig, der Ironie bin ich mir bewusst. Mit dem Überschreiten dieser sprachlichen Grenze bestätigen sich aber ganz deutlich alle zuvor zynisch geäußerten Vermutungen zur wahren Intention der Sendung und entlarven das Kalkül hinter der vermeintlichen Suche nach Dialog. weiterlesen


Ankaras Einflussnahme auf die Kultur in Europa

Bluttests für Bundestagsabgeordnete, Drohungen gegen Deutschland und die EU, Anschuldigungen gegen den Papst: Die Vehemenz, mit der der türkische Staatspräsident Recep Tayip Erdoğan auf die Armenien-Resolution des Bundestags und jeden Hinweis auf den Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915/16 reagiert, ist gleichermaßen schockierend wie entlarvend. Zuletzt durften deutsche Politiker ohne triftige Gründe die in der Türkei stationierten Bundeswehrsoldaten nicht besuchen und auch auf dem Gipfeltreffen der Nato in Warschau konnte keine diplomatische Lösung gefunden werden.

Ganz im Gegenteil, ließ die türkische Regierung doch verbreiten, man fordere die Bundesregierung auf, sich offiziell von der Armenien-Resolution zu distanzieren. Ohne diesen Schritt sei keine Lösung für den Dissens möglich. Die Vorstellung, die Bundesegierung könne sich tatsächlich von einer Entscheidung des Bundestags distanzieren, die sie nahezu einstimmig mitgetragen hat, ist nicht nur himmelschreiend absurd, sondern offenbart auch, welche Vorstellung von Demokratie, Herrschaft und Regierung Erdoğan verfolgt.

Die Armenien-Resolution und die Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Armeniern sorgt jedoch nicht nur für außen- und verteidigungspolitische Konflikte, sondern provozierte auch eine dreiste kulturpolitische Einmischung Ankaras. Gemeint ist damit nicht Erdoğans pikiert-beleidigte Reaktion auf die durchschaubare Provokation von Jan Böhmermann Ende April. Diese ist an anderer Stelle in aller Ausführlichkeit diskutiert worden.

Bereits im November 2015 initiierten die Dresdner Sinfoniker anlässlich des 100. Jahrestages des Völkermords an den Armeniern gemeinsam mit dem Gitarristen Marc Sinan das Konzertprojekt „aghet – ağıt“. Ağıt, türkisch für „Klagelied“, Aghet, armenisch für „Katastrophe“ und Synonym für den Genozid, der mit der Verhaftung armenischer Intellektueller begann und mit dem Tod von rund 1,5 Millionen Menschen endete. Die Konzerte sollen ein Zeichen der Versöhnung sein und entstehen als deutsch-armenisch-türkisch-jugoslawisches Gemeinschaftsprojekt.

Gefördert wurde und wird das Projekt, das im April und Mai in Dresden und Brandenburg an der Havel aufgeführt wurde und im November auch nach Belgrad, Jerewan und Istanbul kommen soll, auch von der EU-Kommission. Genau dort hat die türkische Regierung ihren Protest angesetzt. Mehrfach sei der türkische EU-Botschafter vorstellig geworden und habe die Institution aufgefordert, die finanzielle Unterstützung einzustellen, erklärte Markus Rindt, Intendant der Sinfoniker. Dieser „Angriff auf die Meinungsfreiheit“ hatte offenbar zumindest teilweise Erfolg, denn der Hinweis auf die finanzielle Unterstützung für „Aghet“ verschwand in der Folge von den Webseiten der Kommission.

Das Absurde daran ist, dass auch die Türkei ganz offiziell Partner und Geldgeber des Projekts ist. Auch am vorherigen Projekt des Komponisten Sinan war die Türkei anfangs beteiligt. Als jedoch in „Dede Korkut“ ebenfalls vom „Massaker“ die Rede war, zog schon damals die Regierung in Ankara ihre finanzielle Unterstützung zurück. In „Aghet“ jedoch wird der Völkermord explizit als solcher bezeichnet, eine Änderung entsprechender Passagen lehnt Sinan entschieden ab – entsprechend vorhersehbar also die türkische Reaktion.

„Was in unseren Theatern gespielt wird, dürfen weder Herr Erdoğan noch Herr Putin entscheiden“, kritisierte im April Grünen-Ko-Vorsitzender Cem Özdemir, einer der Hauptunterstützer der am 2. Juni vom Bundestag nahezu einstimmig[1] beschlossenen Armenien-Resolution.

„Drohungen mit dem Ziel, die freie Meinungsbildung des Deutschen Bundestags zu verhindern, sind inakzeptabel“, erklärte Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Erklärung vor der Abstimmung zur Resolution[2]. Ebenso inakzeptabel ist auch die Einmischung in das freie Kulturschaffen und die künstlerische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Über die „Hintertür“ der Kulturfinanzierung hat Ankara versucht, ein für die türkische Position unbequemes Kulturprojekt zu verhindern und damit auch den unternommenen Versöhnungsprozess torpediert. Es ist beinahe unbegreiflich, mit welcher Vehemenz die Regierung Erdoğan versucht, jegliche Kritik im Keim zu ersticken. Was im eigenen Land mit Tränengas und Gefängnis funktioniert, wird international mit Drohungen und Einflussnahme versucht. Das ist umso erstaunlicher, als sich Ankara wiederum jegliche Kritik an den eigenen Methoden als „Einmischung in innere Angelegenheiten“ aufs Entschiedenste verbittet.

Bei aller gebotenen Diplomatie, eine derartige Einflussnahme auf die Kultur ist nicht akzeptabel. Das Verhalten Erdoğans erlaubt keine Beschwichtigung und es ist auch die Aufgabe der Politik, dies offen zu thematisieren. „Die Appeasementpolitik Europas ist brandgefährlich und wendet sich gegen die türkische Zivilgesellschaft“, mahnt auch der Musiker Marc Sinan. Europa kann und darf es sich nicht erlauben, den Machtphantasien Erdoğans derartig freien Raum zu lassen, ohne dabei die derzeit so oft zitierten europäischen Ideale zu verraten.

[1] Plenarprotokoll der 173. Sitzung vom 02.06.2016, 17039 A.

[2] Ebd., 17027 D.


Warum ich lese

Warum ich lese? Eine gute Frage. Und eine berechtigte obendrein. Lange Zeit habe ich mir darüber wenige bis keine Gedanken gemacht – Lesen war und ist praktisch ein selbstverständlicher Teil meines Lebens und gehört zu meinem Alltag, so lange wie ich mich zurückerinnern kann. Dann las ich kürzlich Uwe Kalkowskis Beitrag (praktisch eine Antwort auf Sandro Abbate) und sein entschiedenes Bekenntnis zum Lesen als Vehikel des Weiterkommens. Seitdem hängt mir die Frage an. Nicht wie nagender Zweifel, vielmehr wie eine grundsätzliche Überlegung. Ja, warum eigentlich?

Schon als Kind war Lesen für mich ein Weg, weiter zu kommen, die begrenzte Welt des Kinderzimmers in der Plattenbau-Dreiraumwohnung hinter mir zu lassen. Also begann ich mit dem überzeugenden Enthusiasmus eines Vierjährigen, meinem sicher schmunzelnden erwachsenen Umfeld Straßenschilder vorzulesen, die ich geschickt auswendig gelernt hatte.

Mein erstes Lieblingsbuch, Klaus Bär und die Umleitung von Dietlind Neven-du Mont, musste mir meine Mutter so oft vorlesen, dass ich es Wort für Wort auswendig konnte. Meine Mutter übrigens auch, und im Gegensatz zu mir kann sie es noch immer zitieren.

Später wurden Bücher dann tatsächlich zu einem Fluchtort, der mit großen Abenteuern und Erzählungen mehr zu bieten hatte, als dieses „Draußen“. Obwohl schon früh Videospiele in einen entschiedenen Wettbewerb traten, konnte kaum etwas das Lesen wirklich verdrängen.

Bücher sind Erinnerung, untrennbar mit Gefühlen, Stimmungen und Orten verbunden. S. W. Pokrowskis Ao der Mammutjäger, das ich – einem modernen Höhlenmenschen gleich – unter dem Esszimmertisch verschlungen habe. Die Jugendromane von Gudrun Pausewang lassen mich mein Klassenzimmer der ersten Jahre auf dem Gymnasium förmlich riechen, ähnlich der Küste Korsikas, an der ich die ersten Bände von Harry Potter aufsaugte und mir beim Lesen den schlimmsten Sonnenbrand meines Lebens holte. Übrigens griff ich aus purer Not zu Rowling, für die ich mich in pubertärer Ignoranz eigentlich schon zu alt wähnte: Mein eigenes Buch war zu schnell durch, also musste der Proviant meiner jüngeren Schwester geplündert werden.

Dass ich vermutlich als einziger meiner Klasse, bis auf Romeo und Julia (für pubertäre Jungs praktisch Folter) und Effi Briest (Oh Gott, die Langeweile!), fast alles in der Schullektüre heimlich doch ganz gut fand, war wohl der erste Indikator für meine spätere Studienfachwahl -auch wenn es erst des organisierten Stumpfsinns der Bundeswehr bedurfte, um mich zu überzeugen. Spätestens als ich im Panzer sitzend den Faust las, war es eigentlich klar und der Weg zur Germanistik prädestiniert. Die Neigung zu komplexerer Lektüre hat da sicherlich zusätzlich geholfen. Die Ausgabe von Der Name der Rose mit dem geschwärzten Schnitt habe ich als Kind mehrfach zur Seite legen müssen. Dass ich auch dafür erst das Labyrinth von Pubertät und Schule hinter mir lassen musste und gerade bei der recht humorfreien Armee den Weg durch die Abtei fand, darf getrost als Ironie des Lebens betrachtet werden.

Nein, das Studium der Germanistik hat mich der Literatur nicht entfremdet, eher meinen Geschmack und mein Urteil geschärft und mich mit der Fähigkeit (Oder dem Laster?) versehen, ständig mehrere Bücher gleichzeitig zu lesen.

Literatur ist und bleibt für mich essenziell. Ganz gleich, ob Höhenkamm, Graphic Novel oder Warhammer-Bolterroman: Lesen erweitert die Perspektive, regt Phantasie und Gedanken an und ermöglicht Einblicke in sonst verschlossene Welten. Von der ganz subjektiven Erfahrung abgesehen ist das Lesen als eine der ältesten Kulturtechniken überhaupt für das Funktionieren unserer Gesellschaft fundamental relevant – nicht nur, weil es den Wortschatz erweitert, sondern auch den Horizont und die Empathie.

Was wäre die Welt ohne das „Was wäre, wenn …“ der Fiktion, die Möglichkeit, Alternativen zu erproben oder eindrücklich vor drohenden Gefahren zu warnen? Nein, eine Erzählung von Astrid Lindgren kann nicht das Elend der Welt bekämpfen. Aber ihre Geschichten können Alt und Jung ganz mühelos zum Lächeln bringen. Und ist das heute nicht auch schon viel wert?


Offener Brief: Autoren wehren sich gegen Verlegerbeteiligung an Urheberpauschale

Diverse Autoren und Journalisten haben in einem Offenen Brief an Justizminister Heiko Maas deutliche Kritik an den Plänen der Regierung geäußert, Verlage weiterhin an den Urheberpauschalen der Verwertungsgesellschaften beteiligen zu wollen. Etwa 70 Autoren, darunter Navid Kermani, Daniel Kehlmann und Sibylle Berg, gehörten zu den Erstunterzeichnern. Mittlerweile ist die Liste auf knapp 1.000 Personen angewachsen.

Was ist passiert?

Im November des vergangenen Jahres hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass die beim Kauf von Kopierern oder in Copyshops anfallende sogenannte Urheberpauschale ausschließlich den Autoren zusteht. Damit wurde die bisherige Praxis gekippt, nach der Verwertungsgesellschaften wie die im Klagefall betroffene belgische Reprobel oder die deutsche VG Wort diese Tantiemen nach eigenem Ermessen auf Verleger und Autoren aufteilten (in der Regel 30/70, bei Fachliteratur 50/50). Da das Urteil gleichermaßen bedeutet, dass die Praxis europarrechtswidrig ist, sind ähnliche Urteile nun auch in den anderen EU-Mitgliedsstaaten zu erwarten. Ein Verfahren vor dem Bundesgerichtshof wurde im Dezember 2014 ausgesetzt, um eben jenes Reprobel-Urteil abzuwarten.

Was stört die Autoren?

Noch bevor der Bundesgerichtshof Zeit finden konnte, am 10. März ein entsprechendes Urteil zu finden, haben die Publikumsverlage in ihrer „Münchner Erklärung“ die Bundesregierung dazu aufgerufen, am bisherigen System festzuhalten. Bundesjustizminister Heiko Maas hat seine Unterstützung zugesichert und gemeinsam mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters eine entsprechende Initiative auf den Weg gebracht, die bisherige Praxis europarechtlich zu legalisieren.

Die Autoren zeigen sich nun zu recht irritiert über die Rechtsauffassung nicht nur der Verlage, sondern auch des Justizministers. Dessen Äußerungen stünden „in krassem Widerspruch zum Ziel der Bundesregierung, die Rechte der Autoren zu stärken“, heißt es im Brief. Tatsächlich würde Maas so nicht nur den bisherigen Rechtsbruch folgenlos ignorieren, sondern darüber hinaus die Vorgehensweise der Verwertungsgesellschaften nachträglich rechtlich legitimieren.

Natürlich darf die Arbeit der Verlage nicht ignoriert werden, ohne sie könnten Bücher nicht in der heute üblichen Qualität und Vielzahl auf dem Markt publiziert und vertrieben werden. Dennoch ist in der bisherigen Praxis ein deutliches Ungleichgewicht zulasten der Autoren zu erkennen. Wie diese in ihrem Brief deutlich machen, gehören Autoren mitnichten zu den Großverdienern. Das durchschnittliche Jahresgehalt eines Schriftstellers betrage gerade einmal rund 19.000 Euro und liege damit auf dem Niveau eines Zimmermädchens.

Niemand erwartet das große Geld in der Schriftstellerei. Kultur war, ist und bleibt ein Subventionsbetrieb. Doch auch für die Hauptakteure muss ein finanzielles Auskommen möglich sein. Gerade für wissenschaftliche Autoren sind die Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften ein wichtiges Zubrot. Deren Werke finden in den allerwenigsten Fällen reißenden Absatz und sind mit hohen Produktionskosten und entsprechend niedrigen Honoraren (falls überhaupt) verbunden. Selbstverständlich tragen Verlage das wirtschaftliche Risiko einer Publikation. Doch sie erhalten auch den Löwenanteil des Umsatzes, der ohne die geistige Arbeit der Autoren nicht möglich wäre.

Dass ausgerechnet der Justizminister nun nicht einmal die deutsche Rechtsprechung abwartet, sondern bereits daran arbeitet, die vom EuGH als europarechtswidrig deklarierte Praxis nachträglich zu legitimieren, ist nicht nur schlechter Stil, sondern in seiner gutsherrenartigen Rechtsauffassung höchst bedenklich.


Goliath gegen Goliath

Während Netflix den konventionellen Fernsehsendern praktisch täglich demonstriert, wie altbacken und überholt ihr Programm ist, hat sich auch in der Musikbranche langsam die Erkenntnis durchgesetzt, dass digitale Vertriebswege nicht nur für Nerds und Produktpiraten interessant sind, sondern das neue „große Ding“. Und natürlich lässt sich damit auch trefflich Geld verdienen, was wiederum die großen Konzerne auf den Plan gebracht hat, die auch hier ihr wie üblich prächtig verziertes Stück Kuchen abgreifen wollen.

Nun hat Apple, nicht gerade bekannt für zurückhaltende Preispolitik oder ein egalitäres Verständnis von Gewinnbeteiligung, mit Apple Music schon unmittelbar nach dem Start erleben dürfen, dass die Künstler selbst vom digitalen Trend der ständigen Verfügbarkeit nicht immer so begeistert sind, wie die Kollegen im Vertrieb. Apples Plan, Künstlern für während der kostenfreien Probemonate gehörte Musik keine Tantiemen zu zahlen, scheiterte am lebhaften Widerstand Taylor Swifts, die damit drohte, den Apple-Nutzern ihr Album komplett vorzuenthalten.

Auf Taylor Swifts Drohung folgt Adeles Frontalangriff. Die britische Popsängerin hat den Streamingdiensten den Zugriff auf ihr aktuelles Album 25 komplett untersagt. Erhältlich ist das Album lediglich als CD und Download, nicht aber als Einzelabruf bei Spotify und Konsorten. Lediglich Dienste wie Pandora haben Stücke des Albums im Programm, da es sich bei ihnen aber um Radio-ähnliche Angebote handelt, unterliegen sie anderen Regularien und entziehen sich gewissermaßen auch dem Zugriff der Künstlerin und ihres Labels XL Recordings.

Was bedeutet das nun für die Branche? Zum einen zeigt sich, dass es eine Musikerin vom Format Adeles benötigt, um Swifts Drohung tatsächlich umzusetzen. Beides sind Popmusikerinnen, unterscheiden sich allerdings durchaus in Image und Zielgruppe. Es mag offen bleiben, ob Swift ihre Drohung tatsächlich umgesetzt hätte oder ob sie mit ihrem Image nicht doch zu sehr von der Fangemeinde der kalifornischen Apfelprodukte abhängig ist. Zum anderen braucht es offenbar Größen wie Swift und Adele, um überhaupt eine Erschütterung im medialen Dauerflimmern zu erzeugen. Mit großer Sicherheit gäbe es keine so erregte Diskussion, wenn eine kleine Indie-Band sich Spotify verweigern würde, weil die Tantiemen zu niedrig sind.

Adele braucht sicher nicht zu befürchten, dass sich ihr Fernbleiben vom Jederzeit-Zugriff auf ihre Popularität auswirken wird. Ganz im Gegenteil erzeugt sie durch den ausgelösten Diskurs ganz geschickt medialen Buzz, der sich sicherlich eher positiv auf die Verkaufszahlen auswirken dürfte. Ihr unternehmerisches Risiko ist also mit dem aufstrebender Musiker nicht zu vergleichen. Diese dürften sich vielmehr einer Maschinerie ausgeliefert sehen, in der ihnen die Kontrolle zunehmend genommen wird. Wer eine Generation von Jugendlichen erreichen will, die sich ein Leben ohne Smartphone und permanente Vernetzung gar nicht mehr vorstellen kann, kommt um Apple und Spotify wohl nicht mehr herum.

Dennoch, die Kritik etablierter Branchenvertreter, der sich Adele mit ihrer Entscheidung ausgesetzt sah, wirkt aus der Zeit gefallen. Der einflussreiche amerikanische Kritiker Bob Lefsetz warf Adele vor, ihre Fans in der Vergangenheit zu halten. Und auch Universal-Music-Manager Frank Briegemann wurde im Interview mit der SZ nicht müde zu betonen, dass Adele ihre Fans damit unnötig frustriere und insbesondere jüngere Hörer vom Zugriff auf ihre Musik ausschließe.

Das zeugt nicht nur von offensichtlicher Realitätsverweigerung, sondern auch einer nicht zu übersehenden Arroganz. Adeles Album 25 verkaufte sich in der ersten Woche 3,38 Millionen Mal und wurde als erstes Album überhaupt auch in der zweiten Woche mehr als eine Million Mal verkauft. Mittlerweile ist 25 das bestverkaufteste Album eines Jahres und hat den bisherigen Verkaufserfolg von 5,8 Millionen aus dem Jahr 2011 eingestellt. Übrigens gehalten von Adeles vorherigem Album 21.

Ignorant wird Briegemann, wenn er einer ganzen Generation die Fähigkeit abspricht, eine selbstständige Entscheidung zum Kauf eines Albums zu treffen. So Smartphone-versessen wir heute alle sein mögen, dass Adele jüngere Hörer von ihrer Musik ausschließen würde, weil sie nicht bei Spotify zu hören ist, ist schlicht absurd. Da 25 auch als Download erhältlich ist, muss man nicht einmal das Haus verlassen, um das Album hören zu können.

Bei allem Optimismus gegenüber der Digitalisierung sollte die Musikbranche nicht den Fehler begehen, die Bedeutung des Streamings zu überschätzen. Genau wie das Buch wird auch der physische Tonträger nicht aussterben. Zuletzt erlebte ja auch die Vinyl-Schallplatte ihre Renaissance. Gleichermaßen wird Adele die Streaming-Dienste wohl nicht erschüttern oder bahnbrechende Veränderungen in deren Geschäftsmodellen hervorrufen. Es bleibt auch abzuwarten, ob 25 nicht doch über kurz oder lang auch im Stream erhältlich sein wird, natürlich erst nachdem der Anfangshype und das Weihnachtsgeschäft ausgereizt sind. So sehr man Adeles Schritt begrüßen mag, sie bleibt nicht zuletzt auch eine sehr clevere Geschäftsfrau. Und der Erfolg gibt ihr Recht.