Archiv der Kategorie: Langgedanken

Goliath gegen Goliath

Während Netflix den konventionellen Fernsehsendern praktisch täglich demonstriert, wie altbacken und überholt ihr Programm ist, hat sich auch in der Musikbranche langsam die Erkenntnis durchgesetzt, dass digitale Vertriebswege nicht nur für Nerds und Produktpiraten interessant sind, sondern das neue „große Ding“. Und natürlich lässt sich damit auch trefflich Geld verdienen, was wiederum die großen Konzerne auf den Plan gebracht hat, die auch hier ihr wie üblich prächtig verziertes Stück Kuchen abgreifen wollen.

Nun hat Apple, nicht gerade bekannt für zurückhaltende Preispolitik oder ein egalitäres Verständnis von Gewinnbeteiligung, mit Apple Music schon unmittelbar nach dem Start erleben dürfen, dass die Künstler selbst vom digitalen Trend der ständigen Verfügbarkeit nicht immer so begeistert sind, wie die Kollegen im Vertrieb. Apples Plan, Künstlern für während der kostenfreien Probemonate gehörte Musik keine Tantiemen zu zahlen, scheiterte am lebhaften Widerstand Taylor Swifts, die damit drohte, den Apple-Nutzern ihr Album komplett vorzuenthalten.

Auf Taylor Swifts Drohung folgt Adeles Frontalangriff. Die britische Popsängerin hat den Streamingdiensten den Zugriff auf ihr aktuelles Album 25 komplett untersagt. Erhältlich ist das Album lediglich als CD und Download, nicht aber als Einzelabruf bei Spotify und Konsorten. Lediglich Dienste wie Pandora haben Stücke des Albums im Programm, da es sich bei ihnen aber um Radio-ähnliche Angebote handelt, unterliegen sie anderen Regularien und entziehen sich gewissermaßen auch dem Zugriff der Künstlerin und ihres Labels XL Recordings.

Was bedeutet das nun für die Branche? Zum einen zeigt sich, dass es eine Musikerin vom Format Adeles benötigt, um Swifts Drohung tatsächlich umzusetzen. Beides sind Popmusikerinnen, unterscheiden sich allerdings durchaus in Image und Zielgruppe. Es mag offen bleiben, ob Swift ihre Drohung tatsächlich umgesetzt hätte oder ob sie mit ihrem Image nicht doch zu sehr von der Fangemeinde der kalifornischen Apfelprodukte abhängig ist. Zum anderen braucht es offenbar Größen wie Swift und Adele, um überhaupt eine Erschütterung im medialen Dauerflimmern zu erzeugen. Mit großer Sicherheit gäbe es keine so erregte Diskussion, wenn eine kleine Indie-Band sich Spotify verweigern würde, weil die Tantiemen zu niedrig sind.

Adele braucht sicher nicht zu befürchten, dass sich ihr Fernbleiben vom Jederzeit-Zugriff auf ihre Popularität auswirken wird. Ganz im Gegenteil erzeugt sie durch den ausgelösten Diskurs ganz geschickt medialen Buzz, der sich sicherlich eher positiv auf die Verkaufszahlen auswirken dürfte. Ihr unternehmerisches Risiko ist also mit dem aufstrebender Musiker nicht zu vergleichen. Diese dürften sich vielmehr einer Maschinerie ausgeliefert sehen, in der ihnen die Kontrolle zunehmend genommen wird. Wer eine Generation von Jugendlichen erreichen will, die sich ein Leben ohne Smartphone und permanente Vernetzung gar nicht mehr vorstellen kann, kommt um Apple und Spotify wohl nicht mehr herum.

Dennoch, die Kritik etablierter Branchenvertreter, der sich Adele mit ihrer Entscheidung ausgesetzt sah, wirkt aus der Zeit gefallen. Der einflussreiche amerikanische Kritiker Bob Lefsetz warf Adele vor, ihre Fans in der Vergangenheit zu halten. Und auch Universal-Music-Manager Frank Briegemann wurde im Interview mit der SZ nicht müde zu betonen, dass Adele ihre Fans damit unnötig frustriere und insbesondere jüngere Hörer vom Zugriff auf ihre Musik ausschließe.

Das zeugt nicht nur von offensichtlicher Realitätsverweigerung, sondern auch einer nicht zu übersehenden Arroganz. Adeles Album 25 verkaufte sich in der ersten Woche 3,38 Millionen Mal und wurde als erstes Album überhaupt auch in der zweiten Woche mehr als eine Million Mal verkauft. Mittlerweile ist 25 das bestverkaufteste Album eines Jahres und hat den bisherigen Verkaufserfolg von 5,8 Millionen aus dem Jahr 2011 eingestellt. Übrigens gehalten von Adeles vorherigem Album 21.

Ignorant wird Briegemann, wenn er einer ganzen Generation die Fähigkeit abspricht, eine selbstständige Entscheidung zum Kauf eines Albums zu treffen. So Smartphone-versessen wir heute alle sein mögen, dass Adele jüngere Hörer von ihrer Musik ausschließen würde, weil sie nicht bei Spotify zu hören ist, ist schlicht absurd. Da 25 auch als Download erhältlich ist, muss man nicht einmal das Haus verlassen, um das Album hören zu können.

Bei allem Optimismus gegenüber der Digitalisierung sollte die Musikbranche nicht den Fehler begehen, die Bedeutung des Streamings zu überschätzen. Genau wie das Buch wird auch der physische Tonträger nicht aussterben. Zuletzt erlebte ja auch die Vinyl-Schallplatte ihre Renaissance. Gleichermaßen wird Adele die Streaming-Dienste wohl nicht erschüttern oder bahnbrechende Veränderungen in deren Geschäftsmodellen hervorrufen. Es bleibt auch abzuwarten, ob 25 nicht doch über kurz oder lang auch im Stream erhältlich sein wird, natürlich erst nachdem der Anfangshype und das Weihnachtsgeschäft ausgereizt sind. So sehr man Adeles Schritt begrüßen mag, sie bleibt nicht zuletzt auch eine sehr clevere Geschäftsfrau. Und der Erfolg gibt ihr Recht.

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Defätismus des Zeitgeists: Michel Houellebecqs „Unterwerfung“

Einiges ist über Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung schon geschrieben worden. Insbesondere über dessen vermeintliche Islamfeindlichkeit, die Houellebecq mit seinem Szenario einer moderaten islamistischen Partei an der Spitze der französischen Regierung bediene. Dieser Vorwurf gilt mithin als wiederlegt und es soll an dieser Stelle nicht der Versuch unternommen werden, weiter nach Ressentiments zu suchen, die man Houellebecq bei seinen öffentlichen Äußerungen in der Vergangenheit gerne nachweisen mag, von denen sich aber im Roman keine finden lassen.

Houellebecq_UnterwerfungFrankreich, die nicht allzu ferne Zukunft. Nachdem es der rechtspopulistische Front National bei den Präsidentschaftswahlen bis in die Stichwahl geschafft hat, bilden die Sozialdemokraten und die republikanische UMP des ehemaligen Präsidenten Sarkozy eine opportunistische Allianz mit der islamistischen Muslimbruderschaft, um einen Aufstieg der Nationalisten zu verhindern. Damit jedoch führen sie Mohammed Ben Abbes zur Präsidentschaft und Frankreich in eine hastige Islamisierung, die zwar vordergründig sozialen Zusammenhalt und einen drastischen Rückgang der Arbeitslosigkeit hervorruft, beides jedoch erkauft, indem man etwa Frauen jegliche Berufsausübung verbietet.

Unterwerfung ist nicht nur eine scharf beobachtete Kritik am maroden westeuropäischen Wertesystem, sondern eine bissige Satire auf den intellektuellen Universitätsbetrieb, seine Unterwürfigkeit unter die jeweils herrschenden Systeme und seine unersättliche Gier nach Macht, Anerkennung und Fördergeldern. Die Zeiten revoltierender Professoren sind bei Houellebecq längst vorüber und erschütternd nüchternem Opportunismus gewichen. Insbesondere die Literaturwissenschaft erschöpft sich in selbstreferentiellem Eskapismus, der einzig auf Selbsterhalt ausgelegt ist und für die Literatur der Gegenwart nichts als elitäre Verachtung übrig hat. Dementsprechend sachlich konstatiert Houellebecqs Protagonist François:

„Ein Studium im Fachbereich Literaturwissenschaften führt bekanntermaßen zu so ziemlich gar nichts außer – für die begabtesten Studenten – zu einer Hochschulkarriere im Fachbereich Literaturwissenschaften.“ (S. 13)

Den Universitätsbetrieb der Sorbonne, finanziert von saudischen Petrodollars, karikiert Houellebecq als nur allzu schnell unter das Scharia-Dekret gleichgeschaltete Männerrunde, die es sich mit elitärem Dünkel gemütlich im neuen System einrichtet, ohne dessen eigentliche Bildungsfeindlichkeit zu erkennen.

Man mag Unterwerfung als ebenso elitären, stellenweise nihilistischen Altherren-Porno kritisieren, das Urteil wäre gerechtfertigt. Doch Unterwerfung ist zynisch und präzise, eine sprachlich messerscharfe Analyse des Zeitgeistes und zugleich eine tiefdüstere Dystopie. Die Erzählfigur passt in dieses Gesellschaftsbild, in dem es keinen echten Widerstand gibt und für die auch die Flucht in die Natur umso entlarvender die unbewusste Unterwerfung unter die Zustände verdeutlicht. Letztendlich strebt François, wie der von ihm verehrte Joris-Karl Huysmanns, nach der bürgerlichen Ruhe eines „ehrlichen Haushaltes“ und Herdfeuers, an dem außen der kalte Winter vorüberzieht. Auch bei ihm sind Ausschweifungen und Exzess ein Trick, diesen im Grunde konventionellen Wunsch zu verbergen und sich vermeintlich gegen das gesellschaftliche Wertesystem zu wenden, ohne es dabei aber tatsächlich infrage zu stellen.

Houellebecq charakterisiert die Einsamkeit des Individuums in einer kranken Gesellschaft, die Geld-, Erfolgs- und Leistungsdrang hinter einer übersteigerten politischen Korrektheit verbirgt, die wiederum einen krampfhaften Zusammenhalt proklamiert, wo in Wirklichkeit übersteigerter Egoismus herrscht. Wenn Houellebecq dabei die islamistische Partei als jene darstellt, die mit dem Versprechen konventioneller Werte, Zusammenhalt und Familie erfolgreich jenes Vakuum füllen will, so ist die Partei nur eine austauschbare Schablone für funktionierende politische Propaganda. Auch die extreme Rechte wirbt im Grunde mit den gleichen Ideen; Zusammenhalt, Familie, Wertegemeinschaft und Reduzierung der Frau auf ihre Rolle als Mutter. Da Islamkritik im Gegensatz zu Nationalismuskritik in Houellebecqs Vision wie in unserer Gegenwart nicht opportun ist, unterwirft sich die politische und intellektuelle Elite des Landes willfährig dem scheinbar kleineren Übel, um die eigene Haut und den eigenen Wohlstand zu sichern. Frauen und Juden werden – zumindest in Houellebecqs düsterer Prognose gar nicht erst gefragt.

Beleidigt dürften sich Muslime von Houellebecq indes nicht fühlen, denn auf sie zielt seine Satire nicht. Vielmehr auf den europäischen Wohlstandsdefätismus, die fast schon zur Prostitution neigende Anpassungswilligkeit des Liberalismus und auf ein Frankreich, dem es an historischer Aufarbeitung ähnlicher Kollaborationen mangelt. Houellebecqs Figur François ist letztlich weder revolutionär noch reaktionär, sondern verkörpert die allgemein gewordene farblos-gleichgültige Unentschlossenheit eines Nihilisten.

Michel Houellebecq: Unterwerfung
Köln: DuMont 2015
272 Seiten, gebunden
22,99 €


Kein guter Stern für den Sternenkrieger – Welle: Erdballs „Starfighter F-104G“

Ein Gastbeitrag meinerseits für die Bamberger Anthologie „Deutsche Lieder“.

Leider scheint WordPress die Formatierung des ursprünglichen Beitrags zu zerlegen, wenn man versucht, diesen auf korrektem Weg zu teilen. Hier daher ein kurzer Auszug:

„Das nächste Lied handelt von einem Flugzeug.“ Der Titel Starfighter F-105G der Hannoveraner Minimal-Elektro-Formation Welle: Erdball hat – trotz oder gerade wegen seines eher zynisch-düsteren Hintergrunds – in der Szene Kultstatus erlangt. Die stampfenden Rhythmen machen den Titel zu einem idealen Lied für die Tanzfläche, wo ganz bewusst der im Lied thematisierte Kontrollverlust erreicht werden soll. Kontrolle ist das zentrale Thema des Liedes. Nicht nur das Sänger-Ich, das mit seinem Flugzeug abzustürzen droht, auch die realen Piloten in den Kampfflugzeugen vom Typ Lockheed F-104 „Starfighter“ rangen um die Kontrolle über sich und ihre Maschinen. Letzten Endes mussten selbst die Politiker in der sogenannten Starfighter-Affäre eingestehen, dass sie die Kontrolle über die Vorgänge im Rahmen der Beschaffung, Umrüstung und Verwendung der Flugzeuge verloren hatten.

Deutsche Lieder. Bamberger Anthologie

Welle: Erdball

Starfighter F-104G

Mein Name ist Joachim von Hassel. Ich bin Pilot der Bundeswehr und sende euch aus meinem Flugzeug den Funkspruch, den niemand hört. (Kontrolle!) Verzweifelt drücke ich die Tasten, doch das Fahrwerk fährt nicht aus. Gefangen in der Welt der Technik. Gefangen in einem Sarg aus Stahl. Dies ist mein letzter Flug in meine Ewigkeit. Doch ich habe keine Angst, denn du bist bei mir. Du bist bei mir! Mein Name ist Joachim von Hassel, und mein Vater wird stolz auf mich sein. Denn ich bin schneller als der Schall, und ich nehme euch jetzt alle mit. Verzweifelt regel’ ich die Schubkraft, doch das Triebwerk reagiert nicht mehr. Gefangen in der Welt der Technik. Gefangen in einem Sarg aus Stahl. Dies ist mein letzter Flug in meine Ewigkeit. Doch ich habe keine Angst, denn du wirst bei mir sein. Und auch der Schleudersitz bricht mir nur…

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Die Zerstörung der Wiege der Kultur

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.
(Heinrich Heine)

Jüngst haben die Fanatiker des IS ihren Bildersturm gegen Zeugnisse antiker Kulturen mit der systematischen Zerstörung von Nimrud und Hatta auf eine neue Ebene gehoben. Der internationale Aufschrei blieb angesichts dieser widerholten Zerstörungsmeldungen jedoch verhalten.

Selbstverständlich ist die humanitäre Katastrophe der islamistischen Terrorherrschaft um ein Vielfaches bedeutender als die rein materielle Zerstörung alter Stätten. Die kulturelle Verwüstung der IS-Mördertruppen darf andererseits aber auch nicht einfach beiseite gewischt werden. Die Vernichtung der antiken Kulturdenkmale in Mesopotamien betrifft uns alle, gleich welcher Nationalität oder Glaubensgemeinschaft. Sie sind unser aller kulturelle Wurzel und Erbe.

Die Zerstörung der Kulturerbestätten ist Ausdruck der barbarischen Ignoranz des Islamismus gegenüber allem Nicht-Islamischen und ein orwellscher Versuch der Geschichtsbereinigung. Die Zeugnisse alter, nicht-islamischer Kulturen sind ein wunder Punkt im Singularitäts- und Unfehlbarkeitsanspruch des militanten Islamismus, den dieser mit aller ihm zur Verfügung stehenden Zerstörungskraft auszumerzen versucht. Der niederländische Anthropologe René Teijgeler nennt die Zerstörungen folgerichtig eine „Verlängerung des Genozids“, in der es darum gehe den Menschen nicht nur nach dem Leben, sondern nach ihrer Vergangenheit und ihren Erinnerungen zu trachten. Der Bildersturm ist dabei jedoch weder neu noch überraschend. Dass Zeugnisse früherer Zeiten absolute Herrschaftsansprüche durch ihre bloße Existenz unterminieren und entsprechend des jeweiligen Weltbildes getilgt werden sollten, demonstrierten schon die Diktaturen von Hitler und Pol Pot oder die Zerstörungen durch Islamisten in Timbuktu 2012 – allerdings auch der Bildersturm der europäischen Reformation und die Giftschränke des Vatikan[1]. weiterlesen


Noli timere messorem – Zum Tod von Sir Terry Pratchett

The sun goes down upon the Ankh,
And slowly, softly fades –
Across the Drum; the Royal Bank;
The River-Gate; the Shades.

A stony circle’s closed to elves;
And here, where lines are blurred,
Between the stacks of books on shelves,
A quiet ‚Ook‚ is heard.

A copper steps the city-street
On paths he’s often passed;
The final march; the final beat;
The time to rest at last.

He gives his badge a final shine,
And sadly shakes his head –
While Granny lies beneath a sign
That says: ‚I aten’t dead.‘

The Luggage shifts in sleep and dreams;
It’s now. The time’s at hand.
For where it’s always night, it seems,
A timer clears of sand.

And so it is that Death arrives,
When all the time has gone…
But dreams endure, and hope survives,
And Discworld carries on.

(Poem_for_your_sprog via Reddit)

Am 12. März ist Sir Terry Pratchett im Alter von 66 Jahren in seiner Heimat in England gestorben. Mit Pratchett geht einer der großen Geister der Fantasy-Literatur, der mit scharfer Feder in mehr als 40 Romanen Generationen von Lesern zu begeistern wusste.

Seine Scheibenwelt-Romane sind ein rücksichtsloser Rundumschlag durch Bilder, Topoi und Konventionen von Fantasy, Märchen und Mythologien, deren irrlichternde Charaktere, stets changierend zwischen charmanter Bauernschläue und komplettem Irrsinn, stets auch eine spitze Satire unserer Gegenwart darstellen und sich dem oft kanonischen Ernst der Fantasy widersetzen.

Seine Romane gleichen Wimmelbildern, deren Komplexität sich dem Leser nicht über den ersten Eindruck vermitteln kann, sondern widerholte Lektüre einfordern, im Idealfall unterfüttert durch das Heranziehen weiterer Romane, die stets neue Bezüge und Details erklären. Pratchett war ein Meister darin, kuriose Details an einer Stelle bewusst unerklärt zu lassen, um sie an anderer Stelle mit betonter Nonchalance und Nebensächlichkeit zu erklären. Daraus ergibt sich die Vielschichtigkeit und Vernetzung seiner Scheibenwelt, die so viel mehr ist als die mit akademischem Aufwand erdachte Welt Mittelerdes.

In Pratchetts Welt gibt es keine Normalität. Für ihn war der beständige Zweifel an der Wirklichkeit Methode; jede Begebenheit konnte hinterfragt und überzeichnet werden, um die Absurdität des Alltäglichen in unserer Welt zu erleuchten.

Pratchett litt an einer posterioren kortikalen Atrophie (PKA), einer alzheimer-ähnlichen Erkrankung, die er selbst eine „Embuggerance“ nannte. Den Tod fürchtete er nicht. Noli timere messorem heißt es auf dem ihm 2010 vom Clarenceux King of Arms verliehenen Wappen – Fürchte den Sensenmann nicht. In einer ganzen Romanreihe hat Pratchett dem Tod nicht nur den Schrecken genommen, sondern ihn zu einem beinahe tragischen, zumindest jedoch sympathischen Charakter gemacht. Der Tod ist nicht grausam, höchstens schrecklich. Schrecklich gut in seinem Job – Und für die Wichtigen nimmt er sich persönlich Zeit. Es ist zu hoffen, dass er und Sir Terry eine lange und aufschlussreiche Unterhaltung führen konnten.


„God has no country.“ Arno Molfenters und Rüdiger Strempels: Über die weiße Linie

Der katholischen Kirche wird oft vorgeworfen, sich während des Zweiten Weltkrieges zu wenig gegen Hitler und den menschenverachtenden Wahnsinn des Nationalsozialismus engagiert zu haben. Auch wenn dieser Vorwurf gegen die Institution und den Papst sicher seine Berechtigung haben wird, so ist das – wie so oft – nur ein verkürzter Teil der Wahrheit. Am Beispiel des irischen Priesters Monsignore Hugh O’Flaherty zeigen Arno Molfenter und Rüdiger Strempel eindrücklich, welch selbstlosen Einsatz Angehörige der Kirche und italienische Bürger für Juden, Hilfsbedürftige und geflohene Kriegsgefangene zeigten.

Cover Ueber die Weisse LinieAm 10. Juli 1943 waren britische und amerikanische Truppen im Rahmen der Operation Husky auf Sizilien gelandet. Bis zum 17. August hatten sie die Insel vollständig unter Kontrolle. Bereits im Juli hatte der „Große Faschistische Rat“ Diktator Benito Mussolini abgesetzt und später inhaftieren lassen. Der neue Ministerpräsident Marschall Pietro Badoglio leitete Geheimverhandlungen mit den Alliierten ein, die am 3. September im Waffenstillstand von Cassibile mündeten, womit das Deutsche Reich Italien als Verbündeten verlor. Dadurch trat der „Fall Achse“ ein, der zu einer deutschen Besetzung Norditaliens und Roms führte. Der wieder befreite „Duce“ stand als Staats- und Regierungschef an der Spitze des Marionettenstaates „Repubblica Sociale Italiana“ – dessen Staatsgebiet entsprechend des alliierten Vormarsches jedoch praktisch täglich schrumpfte.

Dennoch war Rom besetzt und der Vatikan von deutschen Truppen eingeschlossen. Obwohl der Vatikan auf strenge Neutralität bedacht war, kursierten immer wieder Gerüchte, wonach Hitler den Kirchenstaat besetzen und den Papst ins Reich entführen wolle. „Wir werden bei dieser Schweinebande ausmisten!“ hatte sich Hitler über Rom und den katholischen Kirchenstaat ereifert. Ernsthaft in Erwägung gezogen hatte Hitler diesen Wahnsinnsplan jedoch nicht, selbst ihm war wohl die Tragweite einer solchen Torheit bewusst.

Eingeschlossen von deutschen Truppen und mit der täglichen Bedrohung, überrannt zu werden, kann die Zurückhaltung des Papstes zwar noch immer nicht gutgeheißen, jedoch zumindest nachvollzogen werden.

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Eine neue Erinnerung

Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, fordert, den Besuch in einem Konzentrationslager zur Pflichtveranstaltung an deutschen Schulen zu machen. Auch wenn dem grundsätzlichen Gedanken beizupflichten ist, jeden Deutschen (und Europäer) im Laufe seines Heranwachsens mit dem realen Grauen der Konzentrationslager und nicht nur mit der abstrakten Theorie des Geschichtsunterrichts zu konfrontieren, kann eine gesetzliche Verpflichtung nicht der richtige Weg sein. Eine Verpflichtung gießt lediglich Wasser auf die Gebetsmühle, der „Schlussstrich“-Befürworter. Angesichts der jüngsten Zahlen einer dementsprechenden Befragung der Bertelsmann-Stiftung dürfte sich der Zentralrat mit seiner Forderung einen Bärendienst erweisen.

Der Aufforderung nach einem Ende der Auseinandersetzung mit dem Holocaust muss jedoch entschieden widersprochen werden. Gerade angesichts der sich in Europa verschärfenden Ressentiments gegen Muslime, einem nicht zu übersehenden Antisemitismus muslimischer Radikaler und noch immer anhaltendem Antiziganismus darf es kein Ende der Auseinandersetzung geben. Der Holocaust steht als schreckliches Sinnbild am Ende einer Kette von Missgunst, Angst, Fremdenfeindlichkeit und Unmenschlichkeit, die sich so nicht wiederholen darf.

Dabei allerdings darf die Auseinandersetzung nicht zur gelangweilten Pflichtübung verkommen. Weder Antisemitismus noch Völkermord sind bloße Vergangenheit. Selbstverständlich tragen jüngere Generationen keine persönliche Schuld am Nationalsozialismus und Holocaust, aber sie haben von ihren Eltern und Großeltern die Verpflichtung geerbt, die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten, sie auf die Gegenwart anzuwenden und aus dieser Vergangenheit zu lernen. Zu einer Aktualisierung der Methode muss es also gehören, den Fokus nicht mehr allein auf die deutsche Schuld zu legen, sondern Ursachen zu analysieren und auch zu untersuchen, weshalb ein solcher Völkermord vor den Augen der Welt möglich war. Zudem muss allen Tendenzen entgegengewirkt werden, die den Holocaust relativieren oder für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen.

Als ein Beispiel sei hierfür die kritische Auseinandersetzung mit der Nachkriegsliteratur zu nennen. Es kann heute nicht mehr genügen, Standardwerke der KZ-Befreiungsliteratur wie Bruno Apitz‘ Nackt unter Wölfen oder Anna Seghers‘ Das Siebte Kreuz im Schulunterricht zu lesen. Auch die Intention jener sozialistisch geprägten Literatur muss kritisch hinterfragt werden.

Seghers beschwört in ihrem Ausbruchsroman[1] einen wortlosen und klassenübergreifenden Zusammenhalt der Bevölkerung zum Schutze der Entflohenen, wie er so in der Realität wohl nur in Ausnahmefällen existiert hat. Ein Filmdokument der Gedenkstätte KZ Osthofen[2] zeigt, dass die Bevölkerung des Ortes bereits Ende der 1980er-Jahre vom Lager entweder nichts wissen wollte, dessen Existenz rundheraus abstritt oder man die Bedeutung des Lagers mit dem Verweis, dort habe man ja nur „echte Kriminelle“[3] eingesperrt, relativierte. Ob man in diesem Klima dem „Kriminellen“ Georg Heisler geholfen hätte, bleibt fraglich.

Während Anna Seghers 1938 aus dem mexikanischen Exil heraus noch die Hoffnung auf erfolgreichen Widerstand beschwor und versuchte, an der Allmacht des Faschismus zu rütteln, grenzt Apitz‘ Romanhandlung an Geschichtsklitterung. Sein 1958 veröffentlichter Roman schildert die Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, die so in der Realität nicht stattgefunden hat. Zwar zeigt auch Apitz im antifaschistischen Widerstand vereinte Menschen, lässt aber lediglich den Kommunisten aktive und gestalterische Rollen zukommen. Dabei unterschlägt er beispielsweise die nicht seltene Verstrickung und Kollaboration der Häftlings-Kapos mit der Lagerleitung. Zudem wird von Apitz das Leid der Juden verklärt und mit dem Klischee des sein Schicksal still erleidenden Juden belegt. Im Gegensatz zu den Kommunisten bleiben die jüdischen Häftlinge passiv und schwach, auch das von der Protagonistengruppe zu rettende – und selbst völlig hilflose – Kind ist jüdisch.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust muss auch weiterhin fest an den Schulen und im öffentlichen Diskurs verankert bleiben. Aber sie darf nicht in einer einseitigen Betrachtungsweise verharren und etablierte Gedenkmuster institutionalisieren. Bestehende Methoden und Formen des Erinnerns dürfen und müssen kritisch hinterfragt werden, nicht zuletzt auch um eine Vereinnahmung des Gedenkens zu verhindern. Der Fokus muss sich weg vom rein rekapitulierenden Blick auf die Vergangenheit hin zu einer vergleichenden Auseinandersetzung mit der Gegenwart verschieben. Die deutsche Verantwortung für den Holocaust ist nicht widerlegbar. Es darf in der Debatte jedoch nicht mehr nur um Schuld gehen, sondern darum, welche Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen sind und wie diese unser heutiges Zusammenleben beeinflussen. Der Besuch von Gedenkstätten sollte daher eine Selbstverständlichkeit sein, keine Pflicht.

[1] Die deutsche Industrial-Band „Feindflug“ greift das Thema in ihrem Stück Erinnerung ebenfalls auf, verlegt aber die Handlung in das Jahr 1936.

[2] Auf dieses Lager bezieht sich Seghers, verfremdet den Namen in ihrem Roman aber zu „Westhofen“.

[3] In Osthofen waren bis zur Schließung des Lagers 1934 zahlreiche politische Gefangene interniert. Auch die Definition dessen, was während des Nationalsozialismus bereits als „kriminell“ galt, wäre an dieser Stelle zu diskutieren.