Archiv der Kategorie: Langgedanken

Die Zerstörung der Wiege der Kultur

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.
(Heinrich Heine)

Jüngst haben die Fanatiker des IS ihren Bildersturm gegen Zeugnisse antiker Kulturen mit der systematischen Zerstörung von Nimrud und Hatta auf eine neue Ebene gehoben. Der internationale Aufschrei blieb angesichts dieser widerholten Zerstörungsmeldungen jedoch verhalten.

Selbstverständlich ist die humanitäre Katastrophe der islamistischen Terrorherrschaft um ein Vielfaches bedeutender als die rein materielle Zerstörung alter Stätten. Die kulturelle Verwüstung der IS-Mördertruppen darf andererseits aber auch nicht einfach beiseite gewischt werden. Die Vernichtung der antiken Kulturdenkmale in Mesopotamien betrifft uns alle, gleich welcher Nationalität oder Glaubensgemeinschaft. Sie sind unser aller kulturelle Wurzel und Erbe.

Die Zerstörung der Kulturerbestätten ist Ausdruck der barbarischen Ignoranz des Islamismus gegenüber allem Nicht-Islamischen und ein orwellscher Versuch der Geschichtsbereinigung. Die Zeugnisse alter, nicht-islamischer Kulturen sind ein wunder Punkt im Singularitäts- und Unfehlbarkeitsanspruch des militanten Islamismus, den dieser mit aller ihm zur Verfügung stehenden Zerstörungskraft auszumerzen versucht. Der niederländische Anthropologe René Teijgeler nennt die Zerstörungen folgerichtig eine „Verlängerung des Genozids“, in der es darum gehe den Menschen nicht nur nach dem Leben, sondern nach ihrer Vergangenheit und ihren Erinnerungen zu trachten. Der Bildersturm ist dabei jedoch weder neu noch überraschend. Dass Zeugnisse früherer Zeiten absolute Herrschaftsansprüche durch ihre bloße Existenz unterminieren und entsprechend des jeweiligen Weltbildes getilgt werden sollten, demonstrierten schon die Diktaturen von Hitler und Pol Pot oder die Zerstörungen durch Islamisten in Timbuktu 2012 – allerdings auch der Bildersturm der europäischen Reformation und die Giftschränke des Vatikan[1]. weiterlesen


Noli timere messorem – Zum Tod von Sir Terry Pratchett

The sun goes down upon the Ankh,
And slowly, softly fades –
Across the Drum; the Royal Bank;
The River-Gate; the Shades.

A stony circle’s closed to elves;
And here, where lines are blurred,
Between the stacks of books on shelves,
A quiet ‚Ook‚ is heard.

A copper steps the city-street
On paths he’s often passed;
The final march; the final beat;
The time to rest at last.

He gives his badge a final shine,
And sadly shakes his head –
While Granny lies beneath a sign
That says: ‚I aten’t dead.‘

The Luggage shifts in sleep and dreams;
It’s now. The time’s at hand.
For where it’s always night, it seems,
A timer clears of sand.

And so it is that Death arrives,
When all the time has gone…
But dreams endure, and hope survives,
And Discworld carries on.

(Poem_for_your_sprog via Reddit)

Am 12. März ist Sir Terry Pratchett im Alter von 66 Jahren in seiner Heimat in England gestorben. Mit Pratchett geht einer der großen Geister der Fantasy-Literatur, der mit scharfer Feder in mehr als 40 Romanen Generationen von Lesern zu begeistern wusste.

Seine Scheibenwelt-Romane sind ein rücksichtsloser Rundumschlag durch Bilder, Topoi und Konventionen von Fantasy, Märchen und Mythologien, deren irrlichternde Charaktere, stets changierend zwischen charmanter Bauernschläue und komplettem Irrsinn, stets auch eine spitze Satire unserer Gegenwart darstellen und sich dem oft kanonischen Ernst der Fantasy widersetzen.

Seine Romane gleichen Wimmelbildern, deren Komplexität sich dem Leser nicht über den ersten Eindruck vermitteln kann, sondern widerholte Lektüre einfordern, im Idealfall unterfüttert durch das Heranziehen weiterer Romane, die stets neue Bezüge und Details erklären. Pratchett war ein Meister darin, kuriose Details an einer Stelle bewusst unerklärt zu lassen, um sie an anderer Stelle mit betonter Nonchalance und Nebensächlichkeit zu erklären. Daraus ergibt sich die Vielschichtigkeit und Vernetzung seiner Scheibenwelt, die so viel mehr ist als die mit akademischem Aufwand erdachte Welt Mittelerdes.

In Pratchetts Welt gibt es keine Normalität. Für ihn war der beständige Zweifel an der Wirklichkeit Methode; jede Begebenheit konnte hinterfragt und überzeichnet werden, um die Absurdität des Alltäglichen in unserer Welt zu erleuchten.

Pratchett litt an einer posterioren kortikalen Atrophie (PKA), einer alzheimer-ähnlichen Erkrankung, die er selbst eine „Embuggerance“ nannte. Den Tod fürchtete er nicht. Noli timere messorem heißt es auf dem ihm 2010 vom Clarenceux King of Arms verliehenen Wappen – Fürchte den Sensenmann nicht. In einer ganzen Romanreihe hat Pratchett dem Tod nicht nur den Schrecken genommen, sondern ihn zu einem beinahe tragischen, zumindest jedoch sympathischen Charakter gemacht. Der Tod ist nicht grausam, höchstens schrecklich. Schrecklich gut in seinem Job – Und für die Wichtigen nimmt er sich persönlich Zeit. Es ist zu hoffen, dass er und Sir Terry eine lange und aufschlussreiche Unterhaltung führen konnten.


„God has no country.“ Arno Molfenters und Rüdiger Strempels: Über die weiße Linie

Der katholischen Kirche wird oft vorgeworfen, sich während des Zweiten Weltkrieges zu wenig gegen Hitler und den menschenverachtenden Wahnsinn des Nationalsozialismus engagiert zu haben. Auch wenn dieser Vorwurf gegen die Institution und den Papst sicher seine Berechtigung haben wird, so ist das – wie so oft – nur ein verkürzter Teil der Wahrheit. Am Beispiel des irischen Priesters Monsignore Hugh O’Flaherty zeigen Arno Molfenter und Rüdiger Strempel eindrücklich, welch selbstlosen Einsatz Angehörige der Kirche und italienische Bürger für Juden, Hilfsbedürftige und geflohene Kriegsgefangene zeigten.

Cover Ueber die Weisse LinieAm 10. Juli 1943 waren britische und amerikanische Truppen im Rahmen der Operation Husky auf Sizilien gelandet. Bis zum 17. August hatten sie die Insel vollständig unter Kontrolle. Bereits im Juli hatte der „Große Faschistische Rat“ Diktator Benito Mussolini abgesetzt und später inhaftieren lassen. Der neue Ministerpräsident Marschall Pietro Badoglio leitete Geheimverhandlungen mit den Alliierten ein, die am 3. September im Waffenstillstand von Cassibile mündeten, womit das Deutsche Reich Italien als Verbündeten verlor. Dadurch trat der „Fall Achse“ ein, der zu einer deutschen Besetzung Norditaliens und Roms führte. Der wieder befreite „Duce“ stand als Staats- und Regierungschef an der Spitze des Marionettenstaates „Repubblica Sociale Italiana“ – dessen Staatsgebiet entsprechend des alliierten Vormarsches jedoch praktisch täglich schrumpfte.

Dennoch war Rom besetzt und der Vatikan von deutschen Truppen eingeschlossen. Obwohl der Vatikan auf strenge Neutralität bedacht war, kursierten immer wieder Gerüchte, wonach Hitler den Kirchenstaat besetzen und den Papst ins Reich entführen wolle. „Wir werden bei dieser Schweinebande ausmisten!“ hatte sich Hitler über Rom und den katholischen Kirchenstaat ereifert. Ernsthaft in Erwägung gezogen hatte Hitler diesen Wahnsinnsplan jedoch nicht, selbst ihm war wohl die Tragweite einer solchen Torheit bewusst.

Eingeschlossen von deutschen Truppen und mit der täglichen Bedrohung, überrannt zu werden, kann die Zurückhaltung des Papstes zwar noch immer nicht gutgeheißen, jedoch zumindest nachvollzogen werden.

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Eine neue Erinnerung

Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, fordert, den Besuch in einem Konzentrationslager zur Pflichtveranstaltung an deutschen Schulen zu machen. Auch wenn dem grundsätzlichen Gedanken beizupflichten ist, jeden Deutschen (und Europäer) im Laufe seines Heranwachsens mit dem realen Grauen der Konzentrationslager und nicht nur mit der abstrakten Theorie des Geschichtsunterrichts zu konfrontieren, kann eine gesetzliche Verpflichtung nicht der richtige Weg sein. Eine Verpflichtung gießt lediglich Wasser auf die Gebetsmühle, der „Schlussstrich“-Befürworter. Angesichts der jüngsten Zahlen einer dementsprechenden Befragung der Bertelsmann-Stiftung dürfte sich der Zentralrat mit seiner Forderung einen Bärendienst erweisen.

Der Aufforderung nach einem Ende der Auseinandersetzung mit dem Holocaust muss jedoch entschieden widersprochen werden. Gerade angesichts der sich in Europa verschärfenden Ressentiments gegen Muslime, einem nicht zu übersehenden Antisemitismus muslimischer Radikaler und noch immer anhaltendem Antiziganismus darf es kein Ende der Auseinandersetzung geben. Der Holocaust steht als schreckliches Sinnbild am Ende einer Kette von Missgunst, Angst, Fremdenfeindlichkeit und Unmenschlichkeit, die sich so nicht wiederholen darf.

Dabei allerdings darf die Auseinandersetzung nicht zur gelangweilten Pflichtübung verkommen. Weder Antisemitismus noch Völkermord sind bloße Vergangenheit. Selbstverständlich tragen jüngere Generationen keine persönliche Schuld am Nationalsozialismus und Holocaust, aber sie haben von ihren Eltern und Großeltern die Verpflichtung geerbt, die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten, sie auf die Gegenwart anzuwenden und aus dieser Vergangenheit zu lernen. Zu einer Aktualisierung der Methode muss es also gehören, den Fokus nicht mehr allein auf die deutsche Schuld zu legen, sondern Ursachen zu analysieren und auch zu untersuchen, weshalb ein solcher Völkermord vor den Augen der Welt möglich war. Zudem muss allen Tendenzen entgegengewirkt werden, die den Holocaust relativieren oder für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen.

Als ein Beispiel sei hierfür die kritische Auseinandersetzung mit der Nachkriegsliteratur zu nennen. Es kann heute nicht mehr genügen, Standardwerke der KZ-Befreiungsliteratur wie Bruno Apitz‘ Nackt unter Wölfen oder Anna Seghers‘ Das Siebte Kreuz im Schulunterricht zu lesen. Auch die Intention jener sozialistisch geprägten Literatur muss kritisch hinterfragt werden.

Seghers beschwört in ihrem Ausbruchsroman[1] einen wortlosen und klassenübergreifenden Zusammenhalt der Bevölkerung zum Schutze der Entflohenen, wie er so in der Realität wohl nur in Ausnahmefällen existiert hat. Ein Filmdokument der Gedenkstätte KZ Osthofen[2] zeigt, dass die Bevölkerung des Ortes bereits Ende der 1980er-Jahre vom Lager entweder nichts wissen wollte, dessen Existenz rundheraus abstritt oder man die Bedeutung des Lagers mit dem Verweis, dort habe man ja nur „echte Kriminelle“[3] eingesperrt, relativierte. Ob man in diesem Klima dem „Kriminellen“ Georg Heisler geholfen hätte, bleibt fraglich.

Während Anna Seghers 1938 aus dem mexikanischen Exil heraus noch die Hoffnung auf erfolgreichen Widerstand beschwor und versuchte, an der Allmacht des Faschismus zu rütteln, grenzt Apitz‘ Romanhandlung an Geschichtsklitterung. Sein 1958 veröffentlichter Roman schildert die Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, die so in der Realität nicht stattgefunden hat. Zwar zeigt auch Apitz im antifaschistischen Widerstand vereinte Menschen, lässt aber lediglich den Kommunisten aktive und gestalterische Rollen zukommen. Dabei unterschlägt er beispielsweise die nicht seltene Verstrickung und Kollaboration der Häftlings-Kapos mit der Lagerleitung. Zudem wird von Apitz das Leid der Juden verklärt und mit dem Klischee des sein Schicksal still erleidenden Juden belegt. Im Gegensatz zu den Kommunisten bleiben die jüdischen Häftlinge passiv und schwach, auch das von der Protagonistengruppe zu rettende – und selbst völlig hilflose – Kind ist jüdisch.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust muss auch weiterhin fest an den Schulen und im öffentlichen Diskurs verankert bleiben. Aber sie darf nicht in einer einseitigen Betrachtungsweise verharren und etablierte Gedenkmuster institutionalisieren. Bestehende Methoden und Formen des Erinnerns dürfen und müssen kritisch hinterfragt werden, nicht zuletzt auch um eine Vereinnahmung des Gedenkens zu verhindern. Der Fokus muss sich weg vom rein rekapitulierenden Blick auf die Vergangenheit hin zu einer vergleichenden Auseinandersetzung mit der Gegenwart verschieben. Die deutsche Verantwortung für den Holocaust ist nicht widerlegbar. Es darf in der Debatte jedoch nicht mehr nur um Schuld gehen, sondern darum, welche Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen sind und wie diese unser heutiges Zusammenleben beeinflussen. Der Besuch von Gedenkstätten sollte daher eine Selbstverständlichkeit sein, keine Pflicht.

[1] Die deutsche Industrial-Band „Feindflug“ greift das Thema in ihrem Stück Erinnerung ebenfalls auf, verlegt aber die Handlung in das Jahr 1936.

[2] Auf dieses Lager bezieht sich Seghers, verfremdet den Namen in ihrem Roman aber zu „Westhofen“.

[3] In Osthofen waren bis zur Schließung des Lagers 1934 zahlreiche politische Gefangene interniert. Auch die Definition dessen, was während des Nationalsozialismus bereits als „kriminell“ galt, wäre an dieser Stelle zu diskutieren.


Nur der Dialog kann die Antwort sein

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Thränen fließen. (Heine)[1]

Unter dem Eindruck der jüngsten Ereignisse auf der Welt möchte man die Augen verschließen und sich abwenden – Elend, Leid, Terror und Krieg nicht an sich heranlassen und in ein heiteres Tomatenzüchterlummerland ausweichen. Doch die beunruhigenden Ereignisse sind längst in Europa angekommen und Teil unserer Gegenwart. Die „Pegida“-Bewegung und ihre zum Teil stark von Rechtspopulisten und Rechtsextremen unterwanderten regionalen Ableger sind derzeit drauf und dran, ein historisches Erbe anzutreten, das eigentlich überwunden geglaubt wurde.

6.500 Menschen gingen am Mittwochabend in Köln gegen den lokalen Ableger „Kögida“ auf die Straße, um ein Zeichen zu setzen für Menschlichkeit, Toleranz und Brüderlichkeit. Auf der Gegenseite versammelten sich etwa 150 selbsternannte „Patrioten“, unter ihnen auch zahlreiche Anhänger der „Hogesa“, jener Hooliganbewegung, die bereits am 26. Oktober 2014 eine Straßenschlacht mit der Kölner Polizei anzettelte und die mit ihrem islamophoben Gedankengut der „Kögida“-Bewegung nahesteht.

Auch wenn „Pegida“ in Dresden ebenfalls seit Oktober 2014 auf die Straße geht, formiert sich offenbar erst jetzt, nach den Anschlägen in Frankreich vom 7. Januar, organisierter Widerstand. Am vergangenen Montag fanden bundesweit zahlreiche Gegendemonstrationen statt, zu denen insgesamt mehr als 120.000 Menschen zusammenkamen. Demgegenüber standen auf den verschiedenen Kundgebungen 33.700 Anhänger der „Pegida“.[2]

Teilnehmer der Kundgebungen am 12. und 15 Januar 2015

Teilnehmer der Kundgebungen am 12. und 15 Januar 2015. Quelle: Eigene Recherche.

In allen Städten, in denen gleichzeitige Kundgebungen stattfanden, überstieg die Zahl der Gegendemonstranten die der „Pegida“-Anhänger. In allen, außer in Dresden. Was macht Dresden zur Heimatstadt der Islamgegner, die in der Zuwanderungswelle eine Gefährdung ihrer „abendländischen Kultur“ sehen? Die schiere Masse der Flüchtlinge kann es in Sachsen wohl kaum sein.[3] Es dürfte aber zugleich auch keine Reaktivierung jener oft unterstellten Rückständigkeit des „Tals der Ahnungslosen“ sein.[4] Es darf also davon ausgegangen werden, dass sich in Dresden Demonstranten aus einem deutlich größeren Einzugsbereich versammeln, weil dort eine kritische Masse überschritten wurde. Während sich andernorts nur einige Hundert mit zahlenmäßig deutlich stärkeren Gegenveranstaltungen konfrontiert sehen, lässt es sich in Dresden im Schutze Zehntausender demonstrieren. Die Masse schafft Sicherheit und sorgt zusätzlich für gesteigerte Wahrnehmung.

Einen stärkeren Hang zum Rechtspopulismus oder gar eine latente Nähe zum Rechtsextremismus sollte man den Dresdnern daher nicht unterstellen. Dennoch muss sich das Land Sachsen und speziell die Stadt Dresden fragen, weshalb etwa die Dresdner Polizei angesichts der blutüberströmten Leiche des in Dresden getöteten Flüchtlings anfangs „keine Anhaltspunkte auf eine Fremdeinwirkung“ erkennen wollte. Eine derartig groteske Fehleinschätzung muss gerade im aktuellen Kontext besonders genau untersucht werden.

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Leider supergeil

Kürzlich analysierte David Hugendick in der Zeit die aktuelle Flut an Selbstorganisations- und Glückseligkeitsratgebern, die eine muntere Selbstausbeutung zum Endzweck jedes Arbeits- und Karriereverhältnisses erheben. Musste man früher noch Durchhalteparolen ausgeben, die den anstrengenden Berufsalltag mit Hoffnung auf Pension, Urlaub und Feierabend erträglich machen sollten, scheint es heute ausgemachtes Ziel der Unternehmen zu sein, die Arbeit zur persönlichen Erfüllung umzudeuten und so die lästige Freizeit gänzlich obsolet zu machen. Hindernisse werden zu „spannenden Herausforderungen“ für die leistungswilligen Angestellten, die auf „notwendige Umstrukturierungen“ doch bitte mit Flexibilität, Eigenverantwortung und permanenter Verfügbarkeit reagieren mögen. Dabei liegt dieser Arbeitsanschauung, wie auch Hugendick erkennt, ein bösartiger Zynismus zugrunde, der der willfährigen Menge eine Demokratisierung des Arbeitserfolges verspricht. Angesichts von Wirtschaftskrisen, stagnierenden Gehältern bei noch immer exponentiell wachsenden Managerboni und einer immer unwahrscheinlicheren Rente eine „alberne Utopie“. weiterlesen


Mind the Gap: Dmitry Glukhovskys „Metro 2033“ und „Metro 2034“

Es scheint, als habe Stanisław Lem Recht behalten. In seiner 1983 erschienenen fiktiven Rezension Waffensysteme des 21. Jahrhunderts oder The Upside Down Evolution[1] beschreibt er nicht nur düster präzise die Entwicklung moderner Waffensysteme, sondern auch deren Einfluss auf die Geisteswelt der Menschheit. So werde die Angst vor der thermonuklearen Vernichtung die Menschen zum Entwurf immer größerer Bunkeranlagen treiben, die der finalen Logik des Totrüstens zufolge jedoch immer eine Stufe zu schwach bleiben müssen. „Jene Konzeption“, so Lem, „befruchtete nur die damalige Science-fiction mit finsteren und entsetzlichen Visionen, in denen die Reste einer entarteten Menschheit in betonierten, mehrstöckigen, tief unter der Erdoberfläche befindlichen Maulwurfslöchern unter den Ruinen der verbrannten Städte vegetierten.“[2]

Tatsächlich ist diese Vorstellung vielfach aufgegriffen worden. Postnukleare Welten, in denen sich Überlebende vor Sonnenlicht und Mutanten verstecken, finden sich in der Literatur etwa bei Walter M. Miller, Jr.‘s Lobgesang auf Leibowitz, Richard Mathesons Ich bin Legende oder Cormac McCarthys Die Straße.[3] Auch die Videospielwelt hat sich des Themas angenommen und daraus etwa die mittlerweile zu Kultstatus erhobene Fallout-Reihe geschaffen.

Bereits 2007 erschien mit Metro 2033 ein weiterer dystopischer Roman, der sich in die von Lem prophezeite Tradition einreihte. Angesiedelt im postnuklearen Moskau beschreibt der Roman von Dmitry Glukhovsky das Überleben einer größeren Menschengruppe, die sich noch während des Bombardements in die Moskauer Metro retten konnte. Hermetisch abgeriegelt konnten sie der nuklearen Zerstörung entgehen und fristen seither ihr Dasein in Dunkelheit und Angst, unter der ständigen Bedrohung von einbrechenden Wassermassen, Strahlung, Anomalien und Mutanten. 2009 folgte die Fortsetzung Metro 2034. Beide Romane sind nun bei Heyne in einer üppige 1088 Seiten umfassenden Doppelausgabe erhältlich.

Cover Dmitry Glukhovsky MetroGlukhovskys Metro 2033 ist eine Parabel auf den unbeugsamen Willen der Menschheit, in den widrigsten Umgebungen zu überleben; vor allem aber über ihre Hybris und Geschichtsvergessenheit, über ihre Unfähigkeit aus vergangenen Fehlern zu lernen und das permanente Gefühl, bedroht zu sein. Zur Bedrohung werden bei Glukhovsky das undurchdringliche Dunkel der Tunnel, die radioaktiven Strahlung der Oberfläche und die mutierten Kreaturen der postnuklearen Welt. Allgegenwärtig sind Angst, Paranoia und scheinbar gefährliche Anomalien, während der gefährlichste Feind des Menschen er selbst bleibt, in seiner alles überdauernden gegenseitigen Missgunst und Ideologie. Homo homini lupus.

Die Stationen der U-Bahn sind zu Zwergenstaaten mutiert, in denen die populären Ideologien des 20. Jahrhunderts in pervertierter Form fortexistieren. Die Bewohner der Stationen bekämpfen sich um die Vorherrschaft über ihr eigenes Gefängnis und um die Durchsetzung ihrer absurden Gottesvorstellungen. Kommunisten, Faschisten und Jehovas Zeugen, ein „Großer Wurm“ und „Unsichtbare Beobachter“ – es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen „gut“ und „böse“, nur noch den allgegenwärtigen Zwang, die eigene Machtlosigkeit gegenüber der selbst geschaffenen nuklearen Finsternis mit wirren Ideologien zu übertünchen. weiterlesen


Homo homini ovis

Eckers Bestiarium

Gedanken zu Menschen, Schafen und menschlichen Schafen

Von Tobias Illing

Für Hans-Peter Ecker zum 60. Geburtstag

Vorurteilsüberlegungen

Ovis orientalis aries, aus der Familie der Bovidae und Unterfamilie der Capridae, leistet dem Menschen wohl seit etwa 10.000 Jahren beste Gesellschaft. Die geselligen, gehörnten und wolligen Tiere haben es dabei nicht nur zum Pelz- und Fleischlieferanten gebracht, sondern sich durch ihre Anpassungsfähigkeit und Genügsamkeit auch einen Platz unter den weltweit verbreitetsten und beliebtesten Haustieren erobert. Und wie so häufig nutzt der Mensch sein liebes Vieh nicht nur für Genuss und Kleidung, sondern auch als Abbild seiner eigenen Unzulänglichkeiten. Das Schaf muss daher – ganz im Wortsinn – als Sündenbock für Dummheit, Feigheit oder Ängstlichkeit herhalten.

Dabei haben die geselligen Paarhufer diese himmelschreiende Ungerechtigkeit nun wirklich nicht verdient. Mal abgesehen von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung – allein auf Europas Weiden blöken wohl noch rund 60 Millionen Schafe – helfen sie vielerorts bei der…

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Ein Visionär der europäischen Idee – René Schickele

Einen „zweisprachigen Grenzlandvogel“ nannte er sich selbst, steter Wanderer zwischen Deutschland und dem Elsass, geboren in Oberehnheim, gelebt unter anderem in Strasbourg, Berlin, Badenweiler; bewundert und verachtet von beiden Ländern – das Grenzlandschicksal ist René Schickeles Biographie immanent. In Deutschland galt er als Franzose, in Frankreich als Deutscher. Er schrieb auf Deutsch und fühlte sich doch nicht als Deutscher, sondern als Grenzgänger und Kosmopolit. Mit seiner Idee einer grenzüberschreitenden Heimat wirkte Schickele mit am Fundament einer europäischen Idee, die sich heute in der Europäischen Union zu verwirklichen beginnt.

Im Mitteldeutschen Verlag erschien nun vor kurzem ein eleganter kleiner Sammelband unter dem Titel Das Wort hat einen neuen Sinn[1], herausgegeben von Christian Luckscheiter und Hansgeorg Schmidt-Bergmann. Darin finden sich Essays, Briefe und Gedichte des elsässischen Schriftstellers, die Schickeles Europaidee aufgreifen und um seinen Begriff der Heimat kreisen. Aus diesem Spektrum erschließt sich die Bedeutung der Neuauflage Schickelscher Texte zu einem Zeitpunkt, da in der Europäischen Union radikal-konservative Kräfte an Einfluss gewinnen und sich dezidiert europakritische Stimmen mehren.

 

„Hier bin ich geboren, hier bin ich zuhause. Heimat, das ist für uns eine so köstliche, so lebendige Tatsache, daß wir darüber die unvermeidlichen Irrwege vergessen.“ (Erlebnis der Landschaft, 96)

 

1883 wurde René Schickele in Oberehnheim, Elsass, als Sohn eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter geboren. Schon seine Familienkonstellation scheint sein deutsch-französisches Grenzgängerschicksal zu determinieren. Obwohl er zuhause nur Französisch sprach, wurde Schickele schnell Klassenbester im Deutschunterricht. Er immatrikulierte sich naturwissenschaftlich, gab bereits zu Studentenzeiten eine eigene Zeitschrift und Gedichte heraus, pilgerte umher zwischen Paris, Berlin, Strasbourg und München und ging letztlich auf Weltreise. In Berlin beteiligte er sich an einem Verlagshaus, ging Bankrott und kehrte als Redakteur nach Strasbourg zurück. Es erschienen Romane, Gedichte und Erzählungen. Immer produktiv, immer mehr als Schriftsteller tätig kehrte Schickele nach Berlin zurück und gab dort die Weißen Blätter heraus. Während des Krieges lebte er in der Schweiz, von dort aus fand er in Badenweiler seine ideale Heimstätte, nur um auch von dort wieder vertrieben zu werden (Autobiographische Notizen, 7ff). Er, der stete Vermittler und Pazifist starb 1940, gebrochen und resigniert durch den deutschen Faschismus und den erneuten Krieg zwischen seinen beiden Heimatländern. Erst viele Jahre später konnte sein Wunsch erfüllt und sein Grab nach Badenweiler verlegt werden. Den Fall Frankreichs an Nazideutschland musste er nicht mehr erleben. weiterlesen