Archiv der Kategorie: Montagskaffee

Montagskaffee #23

Guten Morgen.

In Die Verteidigung der Kindheit zeigt Martin Walser anhand der Lebensgeschichte Alfred Dorns ein exemplarisches Schicksal deutscher Teilung. Walsers Roman, geadelt durch Marcel Reich-Ranickis Verdikt, es handle sich dabei um einen der wichtigsten Romane der deutschen Nachkriegsliteratur, zeigt mit Dorn einen gleich mehrfach Entwurzelten. In der Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 verliert Dorn in Dresden nicht nur jegliche Erinnerung an seine Kindheit, sondern zugleich seine Großeltern und weite Teile der Geschichte seiner Heimatstadt. Im westdeutschen Exil erwächst daraus eine exzessive Sammelleidenschaft für alles Vergangene, ein manisches Festhalten an der Vergangenheit und Geschichte. Und es erwächst daraus ein facettenreicher Briefwechsel mit seiner Mutter, der zum fundamentalen Ausdruck der deutschen Teilung wird. Walsers Roman beruht auf dem realen Leben und Nachlass von Manfred Ranft. Teile des Nachlasses, darunter zahlreiche Fotografien, sind nun Teil der Ausstellung Schlachthof 5 – Dresdens Zerstörung in literarischen Zeugnissen im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Zu sehen noch bis zum 12. Mai 2015.

„Wozu Lyrik?“ gehört wohl zu den Fragen, die nicht nur zahlreiche Schüler im Deutschunterricht und einige Studenten der Germanistik, sondern auch der eine oder andere Literaturwissenschaftler mantraartig wiederholen, wenn das Wort auf die Gattung fällt. Rüdiger Zymner ist der Frage in Funktionen der Lyrik nachgegangen, das als zweiter Band seiner als Trilogie angelegten Lyriktheorie in Münster erschienen ist. Sonja Klimek und Christoph Gschwind stellen den Band im Journal of Literary Theory näher vor. Demnach waren die Lemmata „Funktion“ und „Funktionen“ bisher in der Regel „terminologische Joker“, die also oft gebraucht wurden, „ohne allzu genaue Vorstellungen von ihrer Semantik zu haben“. Zymner unterteilt in zwei Dimensionen und stellt der konventionellen „Literatur“ die Neuschöpfung „Poetrie“ gegenüber, in der außerhalb des normierten Diskurses ebenfalls Lyrik anzutreffen ist. Seine Beispiele findet er dabei sowohl im klassischen Kanon etablierter bürgerlicher Höhenkamm-Literatur als auch in der Populärkultur und eher ungewöhnlichen Nischen, wie einer Sarkophaginschrift aus dem Alten Ägypten. Interessant an Zymners Ansatz ist jedoch vor allem seine „Anthropologie der Lyrik“ und sein Versuch, ausgehend von einer „protolyrischen Kompetenz“ die Bedeutung von Lyrik für die Entwicklung des modernen Menschen zu skizzieren.

Für Warren Ellis hingegen starten Kulturtheorie und Philosophie gelegentlich schon mit dem falschen Ansatz und versuchen allzu oft, mit dem Kopf durch eine Wand der Fakten zu brechen. Diese Erschütterung lässt dann nachvollziehbarerweise ihre gesamte Argumentation ins Wanken geraten. Er rät daher dazu, alle tiefgreifende Analyse in Ehren, simple Logik und Fakten nicht einfach auszuschließen und hochgestochene Diskurstheoreme zu konstruieren, wo vielleicht ganz andere, nicht minder bedeutsame aber vielleicht dennoch pragmatischere Dinge zu finden sind.


Montagskaffee #22

Alaaf.

Mohamedou Ould Slahis Das Guantanamo-Tagebuch ist nun auch auf Deutsch erschienen und legt ein eindrückliches Zeugnis von den Zuständen im Militärgefängnis der USA auf Kuba ab. Wie die taz herausstellt, handelt es sich dabei aber mitnichten um ein authentisches Dokument. Das Tagebuch sollte vielmehr als ein Stück Literatur betrachtet werden, denn so zweifelhaft die Methoden der Amerikaner im rechtsfreien Raum Guantanamo sind, so unzuverlässig bleibt Slahis als Erzähler. Das Tagebuch ist für die Veröffentlichung geschrieben und dementsprechend hat Slahis dem Text eine von ihm intendierte Richtung gegeben und seinerseits entscheidende Stellen ausgelassen. Dennoch zeigen vor allem die vielen Schwärzungen durch die US-Behörden, welch hohle Farce der Freiheitsbegriff der USA mittlerweile geworden ist.

Nach den Anschlägen auf ein Kulturzentrum und eine Synagoge in Kopenhagen ringt Dänemark um Fassung. „Das hier ist kein Kampf zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Das ist ein Kampf zwischen der Freiheit des Einzelnen und einer dunklen Ideologie“, fasst Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt die Situation zusammen. Am Wochenende waren zwei Menschen bei den Anschlägen ermordet worden. In dem kleinen Kulturzentrum, auf das der Täter zuerst das Feuer eröffnete, fand gerade eine Diskussionsrunde zur Meinungsfreiheit statt, an der auch der Karikaturist Lars Vilks von Jyllands Posten teilnahm. Neben diesem offensichtlichen Angriff auf die freie Diskussionskultur war erneut eine jüdische Einrichtung Ziel des oder der Täter. Es sollte daher nicht nur über den Terror gegen die Meinungsfreiheit debattiert werden, sondern auch über den dem modernen Terrorismus inhärenten Antisemitismus, der mit der Gewalt nach Europa zurückkehrt. Anzumerken ist zudem, dass auch der Täter von Kopenhagen der Polizei zuvor offenbar bekannt war. Welchen Nutzen umfangreiche Vorratsdatenspeicherung und Überwachung bringen, darf damit also erneut angezweifelt werden.

Um den Rosenmontag nicht allzu schwarz beginnen zu lassen, noch ein kurioser Bericht aus Köln: Anna Heller ist mit 29 Jahren nicht nur die jüngste Brauereichefin der Stadt am Rhein, mit ihrer kreativen Art, mit deutscher Brautradition umzugehen, sorgt sie darüber hinaus immer wieder für Furore. Zuletzt provozierte sie die Kölner vor einem Jahr mit der Ankündigung, nun ein Altbier zu brauen. Während Außenstehende den Nachrichtenwert suchen, riechen Kölner fast sofort einen Skandal, ist doch Altbier der beliebte Trunk der „Rivalen“ aus Düsseldorf und Co. Geht ja gar nicht! Geht ja wohl, bewies Heller und meldete schon nach anderthalb Wochen, dass die erste Marge ausverkauft sei. Bio ist das Bier übrigens obendrein.

Was zuletzt jedoch betrübt: John Stewart verlässt seine Daily Show. Welch ein Verlust für die politische Satire, haben doch er und Stephen Colbert den Amerikanern und der Welt mit hartnäckiger Regelmäßigkeit die Widersprüchlichkeiten der amerikanischen Politik und die mittlerweile auch für unsere Medienlandschaft typische Hysterie vor Augen geführt. Während Deutschland noch etwas verkrampft versucht, seinen Stil zu kopieren, muss die USA nun einen Nachfolger finden. Vielleicht lässt sich ja John Olivers Last Week Tonight zum ideellen Nachfolgeformat ausbauen.


Montagskaffee #21

Guten Morgen.

Tilman Spreckelsen schreibt in der FAZ über die neue Herausgeberschaft der Großen Brandenburger Ausgabe der Werke Theodor Fontanes, die auf die Göttinger Germanisten Gabriele Radeke und Heinrich Detering übergegangen ist. Mit Fontanes Autobiographie Von Zwanzig bis Dreißig ist nun der erste Band der beiden Forscher herausgekommen. Auf über 500 Seiten ist Fontanes Werk in der kommentierten Ausgabe angewachsen und bleibt dank der kenntnisreichen und eloquenten Kommentare von Wolfgang Rasch, der für den Band verantwortlich ist, dennoch eine unterhaltsame Lektüre. Wie Spreckelsen schreibt, ein „ständiger, mitunter amüsanter Dialog mit dem Autor“, in dem Rasch auch die eine oder andere Inkonsistenz in Fontanes Aussagen nüchtern widerlegt. Interessant an der neuen Ausgabe ist, dass gedruckt nur die Hälfte des Apparats zu finden ist. Die andere Hälfte ist auf den Webseiten der Uni Göttingen zu finden und bietet damit auch die Gelegenheit, ständig aktualisiert und ergänzt zu werden. Ein Vorteil, auch wenn die Präsentation und Nutzbarkeit noch etwas Feinschliff nötig hat.

Indes sprach der Berliner Schriftsteller Sherko Fatah mit dem Tagesspiegel über den Sinn von Literatur angesichts von Gewalt und Leid in der Welt und der zunehmenden „Verwahrlosung demokratischer Gesellschaften“. In Anbetracht des tagesaktuellen Grauens sieht Fatah durchaus das Problem, dass Literatur irgendwann nicht mehr ausreichen könne, die Realität darzustellen und zu erklären. Schon Johnathan Littell sei mit seinem Versuch, in Die Wohlgesinnten das Grauen des Holocaust aus Sicht der Täter darzustellen, gescheitert. Die grundsätzliche Fokussierung auf die Religion hält er jedoch nicht für den richtigen Ansatz, um den islamistischen Terror und seine Anziehungskraft auch auf radikalisierte junge Westeuropäer zu erklären. Vielmehr erkennt er einen „Terror der Sitten, für den man eine spezifische Religion gar nicht bräuchte: Die Verhältnisse wären auch so repressiv, das waren sie nämlich schon vor der Islamisierung.“

70 Jahre nach dessen Tod sind nun auch die Urheberrechte von Antoine de Saint-Exupéry erloschen, was zu zahlreichen Neuauflagen seines bekanntesten Textes Der Kleine Prinz führt. Auch in Deutschland wird es drei Neuauflagen des Klassikers geben, die sich in ihrer Tonalität überraschend unterscheiden, wie Joseph Hanimann in der Süddeutschen Zeitung beschreibt. Er hebt besonders die Variante von Hans Magnus Enzensberger heraus, die im DTV erscheinen wird und sich durch ihre Sprachliche Klarheit auszeichnet. Allerdings offenbaren alle Auflagen, dass nach wie vor der sprachlichen Brillanz de Saint-Exupérys nur schwer beizukommen ist.

Ach ja. Vergangene Woche startete die 65. Berlinale, wie eigentlich überall zu lesen ist.


Montagskaffee #20

Guten Morgen.

Es ist sicherlich keine Überraschung, dass die Kulturbetriebe nicht gerade die Speerspitze der Digitalisierung ausmachen. Dies ist insofern nicht tragisch als dass ein Museum ja schon per Definition dem Anspruch von Tagesaktualität nicht genügen kann. Es ist also weder notwendig noch zwingend wünschenswert, wenn Museen und Kultureinrichtungen auf jeden digitalen Trend aufspringen und ihn sofort in ihre Marketing- und Vermittlungsstrategien integrieren. Damit würden sie sich viel zu sehr zum Kasper einer hyperaktiven ADS-Gesellschaft machen, eine Rolle die von anderen Medien und der Werbeindustrie eigentlich schon gut genug ausgefüllt wird. Allerdings darf man natürlich auch nicht völlig den Anschluss verlieren und sollte sich zumindest hintergründig Gedanken um die eigene digitale Strategie machen. Christian Henner-Fehr plädiert in seinem Beitrag zum „digitalen Erlebnisraum“ ebenfalls dafür, nicht mehr für jedes Museum eine eigene App zu gestalten, die Zeit dafür sei mittlerweile wohl eher abgelaufen. Heute bestünde die Aufgabe vielmehr darin, einen Erlebnisraum zu schaffen, der die Besucher dazu anhält, von sich aus über das Museum zu berichten (Stichwort: „Earned Media“). Um das zu erreichen, ist aber zuerst ein „soziales Objekt“ vonnöten, um das herum der digitale Erlebnisraum geschaffen werden kann. Die Institutionen brauchen also zuerst eine Beschäftigung mit ihren eigenen Inhalten, bevor sie sich an die digitale Vermarktung setzen.

Wer an Romane denkt, die sich mit Überwachung und Unterdrückung in totalitären Systemen beschäftigen, denkt fast automatisch – und zu Recht – an 1984. So prägnant und erschreckend aktuell, wie Orwell die total Überwachung und Bespitzelung der Bürger in einem faschistisch-allmächtigen Staat beschrieben hat, ist es wohl bisher keinem Autor wieder gelungen. Dennoch ist das Thema mit 1984 nicht abgeschlossen. Hannah Komrowski stellt in der Kritischen Ausgabe den Roman Paranoia von Viktor Martinowitsch, der in seiner Konstellation – Liebespaar im totalitären Staat – dem Gerüst von 1984 recht ähnlich ist. Auch Martinowitsch versetzt seine Handlung an einen fiktiven Ort, doch ist dieser im Gegensatz zu Orwell sehr deutlich als Minsk, Weißrussland, zu erkennen. Martinowitschs Heimat, in der seit 1994 Aljaksandr Lukaschenka, der „letzte Diktator Europas“, herrscht, ist wie die Gesellschaft im Roman geprägt von einem Klima der Angst, Paranoia und vorauseilendem Gehorsam. Geschürt wird dieses Klima von der ständigen Androhung staatlicher Repressalien, die auch Martinowitsch zu spüren bekam. Bereits kurz nach der Veröffentlichung war sein Roman, der jetzt auf Deutsch erschienen ist, aus den Buchhandlungen verschwunden. Ein offizielles Urteil habe es nicht gegeben, der Verkauf war einfach verboten worden.

In der vergangenen Ausgabe der Zeit sprach Iris Radisch mit Michel Houellebecq über dessen Roman Unterwerfung und die aktuelle Stimmung in Frankreich. Obwohl das Interview nicht allzu viel Neues ergab, so ist doch unterhaltsam, wie lakonisch und ungerührt sich Houellebecq dagegen wehrt, als Autor die Positionen seiner Romanfiguren einzunehmen. Schon erstaunlich, dass die Trennlinie zwischen Autor und Werk noch immer mit voyeuristischer Neugier übertreten wird. Frau Radisch sollte das eigentlich besser wissen.


Montagskaffee #19

Guten Morgen.

Der Tod des Autors wurde nun schon oft genug beklagt und besungen. Während Roland Barthes sich der Diskussion mit dem Blickwinkel auf die literarische Funktion und Wahrnehmung näherte, stellt sich für Warren Ellis in dessen aktuellem wöchentlichen Newsletter Orbital Operations eher die Frage, welche Berechtigung denn der Autor noch hat, wenn der aktuelle Diskurs sich wieder einmal mit der Redundanz des Romans an sich beschäftigt. Während David Shields in Reality Hunger noch davon ausgehe, dass der Roman nicht mehr ausreichend sei, die heutige Wirklichkeit darzustellen und sich eher dem lyrischen Essay oder der literarischen Collage zuwendet, zeige etwa Karl Ove Knausgård Min kamp (Der provokante Titel Mein Kampf wird in der deutschen Edition übrigens konsequent vermieden.) die zunehmend verschwimmende Linie zwischen Roman und Autobiographie. Ellis spekuliert daraufhin, welche neuen Möglichkeiten der Publikation es angesichts eines Verschwindens des Romans geben würde und kommt naturgemäß zu einer Analogie zu Comics. Vorstellbar wäre für ihn eine ähnlich offene Publikationsart mit 5.000 bis 10.000 Wörtern im Monat, die episodenweise zu kaufen und lesen wäre.

Das Hergé-Museum im belgischen Louvain-La-Neuve hat eine für diese Tage angekündigte Karikaturen-Ausstellung abgesagt. Man reagiere damit auf Sicherheitsbedenken, gab Direktor Nick Rodwell an, nachdem die belgische Polizei das Museum auf mögliche Risiken aufmerksam gemacht habe. Die Schau sollte eine Hommage an den Namenspatron des Museums, Hergé, sein, der sich auch als Karikaturist betätigte. Unter anderem war geplant, auch das letzte Titelblatt von Charlie Hebdo zu zeigen. Erst vor Kurzem waren in Belgien bei einer umfassenden Razzia gegen eine Terrorzelle zwei Verdächtige getötet. Die Sicherheitsstufe im Land ist noch immer auf dem zweithöchsten Niveau, auch eine für heute geplante Demonstration eines belgischen „Pegida“-Ablegers wurde untersagt. Dem Museum sollte man nicht den Vorwurf machen, vor der Terrorbedrohung eingeknickt zu sein, da wohl kaum von einem kleinen Museum erwartet werden kann, für ausreichend Sicherheitskräfte zu sorgen. Wohl aber sollte sich die Polizei fragen, ob es nicht vielmehr ihre Aufgabe sein sollte, eine solche Ausstellung mit aller Kraft zu schützen, statt sie durch Hinweise auf mögliche Risiken abzusagen.

Anke von Heyl resümiert indes den aktuellen Trend zu Museumsselfies. Was derzeit auf den Straßen im Selfie-Stick ausgeartet ist, ist natürlich auch längst in den Museen angekommen und äußert sich dort in mehr oder weniger kreativen Selbstaufnahmen neben ebenso mehr oder weniger bekannten Kunstwerken. Anke von Heyl sieht darin jedoch nicht nur eine Plage, sondern vor allem eine Chance, den Dialog zwischen Museum und Besucher einen Schritt weiter zu bringen. Dafür allerdings brauche es kreativen Umgang mit dem Phänomen statt kulturpessimistischer Ablehnung oder reiner Duldung. Interessant ist dabei ihr Ansatz zum „Storytelling“, also der Gestaltung von Selfies über den reinen Selbstzweck hinaus zum interaktiven Kommentar der Besucher zum Kunstwerk, der Ausstellungssituation oder der Kunst allgemein. Dem ist grundsätzlich zuzustimmen, wenngleich immer der reflektierte Umgang mit den Urheberrechten eines Kunstwerkes im Vordergrund stehen sollte. Gerade das stupide Teilen der Fotos auf Facebook muss bedacht werden, geben doch Nutzer alle Nutzungsrechte an ihren Bildern direkt an Facebook weiter. „Wohl dem, der Alte Meister hat“, schreibt von Heyl. Alle anderen müssen wohl darauf bauen, dass jeder Daumen hoch auf Facebook nicht zuletzt kostenloses Marketing ist. [Nachtrag: Auch die Grenzen des Geschmacks sollten diskutiert werden.]

Den diesjährigen Adalbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung erhält Sherko Fatah für sein Gesamtwerk und insbesondere seinen jüngsten Roman Der letzte Ort. Fatahs Romane würden das „interkulturelle literarische Schreiben durch ihre schonungslose Darstellung von Krieg und Terror“ bereichern, heißt es in der Begründung der Jury. Dabei stünden stets die Innenwelt der Opfer sowie deren „niemals auszulöschende Hoffnung auf eine friedliche und humane Welt“ im Vordergrund. Die beiden Förderpreise gehen in diesem Jahr an Olga Grjasnowa und Martin Kordić. Verliehen werden die Preise am 5. März in der Münchner Residenz.


Montagskaffee #18

Guten Morgen.

Nahezu alle großen Medien setzen sich seit den Anschlägen in Frankreich mit der Frage auseinander, wie auf die Bedrohung durch Terror, Unterdrückung und Hass reagiert werden soll. Die Freiheit der Meinung, darin sind sich alle einig, darf nicht gefährdet werden, darf nicht geopfert oder eingeschränkt werden. Wo allerdings die Grenzen jener Freiheit sind, was erlaubt sein soll und was nicht, darüber herrscht keine Einigkeit. Der norwegische Autor Karl Ove Knausgaard machte eben diese Auseinandersetzung zum Thema seiner Festrede anlässlich der Verleihung der Oxfam Novib/PEN-Awards for Freedom of Expression. Seiner Ansicht nach können nur Autoren, die moralische Grenzen überschreiten, zu einer kollektiven Identität beitragen. Meinungsfreiheit sei ein „paradoxes und komplexes Recht“, so Knausgaard. Indem man eine Grenze dessen setze, was nicht gesagt werden sollte oder dürfe, erlaube man auch das Böse, Schlechte und Zerstörerische, das gegen diese Meinungsfreiheit ankämpft. Das kollektive „Wir“ einer Gesellschaft erzeuge durch den Diskurs die unsichtbaren Grenzen, von denen sich Extremisten ausgeschlossen fühlen. Erst wenn ein Autor die Grenze durchbreche, mache er sie und ihre Arbitrarität sichtbar für die Gemeinschaft. Nur dann könne man Moral und Werte einer Gesellschaft neu verhandeln.

Für Irritationen sorgte zum Jahreswechsel Facebook-Gründer Mark Zuckerberg mit seiner Ankündigung, einen Bücherclub auf Facebook einzurichten, an dem tatsächlich jeder teilnehmen könne. Alle zwei Wochen wolle Zuckerberg nun ein neues Buch durcharbeiten, angefangen mit The End of Power von Moisés Naím. Wie selbstironisch. So ganz nachvollziehbar ist jedoch noch immer nicht, worauf Zuckerberg hinauswill, wenn er als Avatar einer Bewegung mit verkürzter Aufmerksamkeitsspanne ausgerechnet diese ollen Bücher zum „Ding“ des Jahres erklärt. Vielleicht erhält er seine Buchtipps ja auch von Jeff Bezos. Jedenfalls ereilte ihn nun beim ersten Treffen seines Lektürezirkels das gleiche Schicksal, wie schon unzähligen Literaturenthusiasten vor ihm: Niemand kam. Und wer kam, hatte das Buch nicht gelesen. Die darauf folgende Diskussion in etwa so verlief, wie jede andere in sozialen Netzwerken, war es wohl auch Facebooks eigener Algorithmus, der die Diskussion torpedierte und die wenigen Beiträge, in denen es um das Buch ging, nicht mehr anzeigte. Die waren einfach nicht „hot“ genug.

David L Katz, Medizinprofessor an der Yale University, spricht im aktuellen ZEITmagazin (3/2015) sehr aufgeräumt und sachlich über gesunde Ernährung. Dogmatismus sei in der Debatte (wie eigentlich überall) nicht hilfreich. Es bringe wenig, das Kind mit dem Bade auszuschütten und beispielsweise von heute auf morgen etwas überhaupt nicht mehr zu essen, nur weil es im Verdacht steht, möglicherweise ungesund zu sein. „Esst Gemüse, esst Obst, esst Vollkornprodukte, esst keine Fertigessen, und übertreibt’s nicht mit Zucker, Fleisch und Milchprodukten. Das war’s.“ Damit allerdings lassen sich schwerlich Bücher oder Zeitschriften verkaufen, die voll sind mit schlechten Ratschlägen und angeblichen Wunderdiäten. Eine kurze Recherche bei einem bekannten Internet-Großhändler ergab auf die Schlagworte „Ratgeber“ und „Ernährung“ 19.860 (!) Ergebnisse, von denen das erste ein Ernährungsratgeber für Katzen war. Vor so viel Unvernunft könne man fast resignieren, so Katz. „Dieselben vernünftigen Erwachsenen, die niemals auf einen Hütchenspieler hereinfallen würden, glauben daran, dass es einen einfachen Trick gibt, schlank und gesund zu werden. […] Wir müssen erwachsen werden. Wir müssen aufhören zu glauben, dass das, was wir für wahr halten wollen, auch wahr ist.“ Und: „Fanatismus ist auch beim Essen völlig unangemessen.“


Montagskaffee #17

Guten Morgen.

Die Hoffnungen, dass das neue Jahr besser, vernünftiger und humaner werden würde, haben sich schon am 7. Januar mit den blutigen Anschlägen auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo, mehrere Polizisten und einen französischen Supermarkt, bei denen insgesamt 17 Menschen ihr Leben verloren, in Luft aufgelöst. Die Welt zeigt sich schockiert von dem barbarischen Angriff auf die Freiheit von Presse und Meinung. Es bleibt zu hoffen, dass die Attentäter ihrem Fanatismus mit ihren Racheakten, die ihrem Gott den intellektuellen Jähzorn eines Dreijährigen und offenbare Handlungsunfähigkeit unterstellen, einen Bärendienst erwiesen haben. Angesichts der internationalen Solidarität mit den Opfern und der Zeitschrift ist es mehr denn je geboten, gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und religiösen Fanatismus anzuschreiben. Verdeutlicht wird dies wohl kaum so eindrucksvoll, wie durch das Bild des Bleistifts, aus dem durch Zerbrechen zwei neue Stifte werden. Interessant wäre in diesem Zusammenhang auch zu wissen, wie viele „Pegida“-Demonstranten, die sich nun durch die Attentate in ihren xenophoben Ansichten bestätigt fühlen, noch Tage zuvor „Lügenpresse! Lügenpresse!“ skandierten.

Der Zeitpunkt des Anschlages auf Charlie Hebdo ist in gleich mehrerer Hinsicht bitter. „Wartet ab, wir haben ja noch bis Ende Januar für unsere Neujahrsgrüße“, sagt ein mit Kalaschnikow bewaffneter Terrorist in einer Karikatur der letzten Ausgabe von Charlie Hebdo auf den Kommentar „Immer noch kein Attentat in Frankreich“. Es wirkt, als hätten die Attentäter keine günstigere, zynischere Gelegenheit finden können. Zeitgleich erschien Michel Houellebecqs neuer Roman Soumission („Unterwerfung“), der im Frankreich des Jahres 2022 einen islamistischen Politiker zum Staatspräsidenten aufsteigen lässt. Natürlich ließe sich ein solcher Text als Blaupause für islamkritische Ressentiments und als Warnung vor der Islamisierung der Gesellschaft lesen. Dies wäre jedoch zu kurz gegriffen und eine zu billige Auslegung. Vielmehr geht es um Heuchelei und Opportunismus und den reaktionären Gehalt des Islamismus. Houellebecqs Roman erscheint diese Woche auf Deutsch.

Zum Abschluss bleibt der Literaturwelt zu hoffen, dass sie von weiteren Schreckenszenarien in der Zukunft verschont bleibt oder sich ihrer weiterhin souverän und solidarisch erwehrt. Angesichts des gerade erst begonnenen und des eben verklungenen Jahres gab es natürlich wieder eine Menge Listen, die auf die besten Romane 2014 zurückblickten oder einen Ausblick auf 2015 wagen. Alles natürlich herrlich subjektiv, völlig unzureichend und selektiv. Aber als Inspiration und Leseanreiz mag es dienen.


Montagskaffee #16

Guten Tag.

1923 ist Ralph Giordano in Hamburg geboren. Aufgewachsen mit den Erfahrungen von Ausgrenzung, Missachtung und drohender Deportation überlebte er den Krieg in der Hansestadt und entschied sich wider alle Erwartungen dafür, in Deutschland zu bleiben. Die Aufarbeitung der Entmenschlichung während der Zeit des Nationalsozialismus wurde zu seinem erklärten Ziel, das er Zeit seines Lebens noch um die Aufklärung über Faschismus und Stalinismus erweiterte. In Dokumentarfilmen und Büchern berichtete er über die Brandherde der Welt (1990), bis er sich in seinem Roman Die Bertinis 1982 auch seiner eigenen Familiengeschichte widmete und einen Welterfolg schrieb, der die kritische Diskussion anheizte und letzten Endes auch seine weitere Beschäftigung mit der Frage nach der Verdrängung der Schuld in Deutschland nach 1945 anregte. Am 10. Dezember ist Ralph Giordano im Alter von 91 Jahren in Köln verstorben. Ein ausführlicher Nachruf lässt sich auf „Faz.net“ nachlesen.

Einen Film über den Völkermord an den Armeniern in der Türkei zu zeigen, galt bis vor Kurzem als unvorstellbar. Dass dieser Film auch noch von einem türkischen Regisseur stammt, ganz ausgeschlossen. Nun wird seit geraumer Zeit Fatih Akins The Cut gezeigt, auch in der Türkei. Die angekündigten ultranationalistischen Proteste sind bisher ausgeblieben und glaubt man der „taz“, so läuft bisher alles „geradezu erfreulich normal“. Akin selbst meinte nach dem Start des Films, die Türkei sein nun bereit für das Thema und erklärte in einem Interview mit der türkischen „Zaman“ zudem, weshalb er die Ereignisse von 1915 für einen Völkermord hält. Gedenkt man der früheren Hysterie, die das Thema bereits auslöste und etwa zu den Drohungen gegen Orhan Pamuk und gar dem Mord an Hrant Dink führte, eine erstaunliche Entwicklung. Erstaunlich auch das Paradoxon, welches die „taz“ angesichts Orhan Pamuks neuem Roman konstatiert: Über den Völkermord zu schreiben scheint erlaubt, jedoch bloß keine Kritik an Erdoğan oder dessen Politik.

Nach Dunkelheit am Ende des Tunnels (2012) erschien jetzt mit Das allgemein Unmenschliche eine weitere Prosasammlung des norwegischen Autors Tor Ulven. „Wenn man zu dem wesentlichen Schmerz im Leben gelangt, ist das Kunstwerk tot und machtlos“, sagte Ulven in seinem einzigen Interview, das dem schmalen Band beigelegt ist und das einen Einblick seine Poetik und sein Schaffenscredo gibt. Das allgemein Unmenschliche versammelt erneut Kurzprosa, die wie schon in Dunkelheit am Ende des Tunnels fast hermetisch um die Motive Auflösung, Verschwinden, Dunkelheit und das Vergehen der Zeit kreisen. Den Reiz seiner dunklen Poesie macht Ulvens nüchterne und doch bildgewaltige Sprache aus, die den Schrecken des Alltäglichen in sachliche Zeilen fasst, ihn greifbar macht, ohne ihn jedoch zu banalisieren.


Montagskaffee #15

Guten Morgen.

Große Neuigkeiten: Joanne K. Rowling schreibt für die Weihnachtstage ganze zwölf neue Geschichten rund um Harry Potter! Aufruhr! Begeisterung! Das Internet steht Kopf! Oder? Wie sich herausstellt, tut sie das nämlich mitnichten. Oder zumindest nicht in dem Umfang, wie man es jetzt vielleicht erwarten würde. Vielmehr sind die angekündigten zwölf Geschichten nichts mehr, als zwölf kleinere tägliche Updates auf der Plattform „Pottermore“, auf der sich begeisterte Fans der Serie rund um den überbegabten Zauberschüler austauschen können. Kleinere Updates durch Rowling, die hinter der Plattform steht, sind aber völlig normal und gehören dort dazu, ja, werden sogar erwartet. Was ist also passiert? Nur das übliche: Die ätzend-klebrige Mischung aus Gerüchten, Stiller Post, bewussten Missdeutungen, hysterischen „Medien“ und der nur allzu bereitwillig mitkreischenden Webzwonullmasse. Dabei mal ehrlich, wollte nach dem völlig überflüssigen Epilog zu Band 7 wirklich jemand noch mehr erfahren?

Wer sich etwas tiefgründiger fürchten will, für den gibt es nun eine neue kommentierte Ausgabe der Werke von H.P. Lovecraft, die Charles Baxter auf TheNewYorkReview of Books vorstellt. Baxter stellt dabei fest, dass Lovecrafts typische Art zu schreiben und eine Welt aus Schock und Furcht zu gestalten, zwar keinen allzu hohen literarischen Ansprüchen genügen kann, wohl aber den Geist besonders Jugendlicher zu fesseln weiß. Lovecraft selbst, der einst sagte „Adulthood is hell“, schrieb ständig gegen die Welt der Erwachsenen und gegen den Verlust von Traumwelten an – und seien es die Welten furchterregender Alpträume. Für die über 800 Seiten starke Gesamtausgabe wurden Lovecrafts Texte, einst in Pulp-Magazinen erschienen, mit sorgfältigen Fußnoten, Anmerkungen und Illustrationen versehen. Trotz Lovecrafts unerträglichem Rassismus und Misogynie zeigt sein Werk den namenlosen, unbestimmten Schmerz einer – seiner – gequälten Seele und spiegelt, so schließt Baxter, die Erwartungshaltung der Adoleszenz: Das Universum wünscht uns nichts Gutes, Nirgendwo findet sich Liebe und die Wiedergeburt in diese Welt wäre eine Katastrophe.


Montagskaffee #14

Guten Morgen.

Anlässlich des Mauerfalljubiläums stellt die Süddeutsche Zeitung sich und ihren Lesern die Frage, was denn eigentlich in der Zeit zwischen dem 10. November ’89 und dem Beitritt ein Jahr später geschehen ist. Das Jahr, in dem die DDR plötzlich bunt wurde, sei das Jahr, das von vielen Chroniken mit konstanter Beharrlichkeit ausgeblendet wurde. Was berichtet wird, sind die immer gleichen Tropen zwischen Währungsunion und Zonen-Gabi. Dass letztere eigentlich eine Angestellte aus Worms war und dass die Stimmen der Revolution, Christa Wolf und Stefan Heym zum Beispiel, davor warnten, dass die Revolution zum idealen Sozialismus ja nun noch nicht abgeschlossen sei, bleibt oft ungesagt. Seither dominieren Klischees das zurechterinnerte Geschichtsbuch; Bilder von Fackeln in Hoyerswerda – obwohl man zum Beispiel in Niedersachsen von Kohl forderte, nun auch die Oder-Neiße-Grenze einzureißen – und die Bilder vom Jammer-Ossi und dem bräsigen Westdeutschen, der den Marshallplan mit dem eigenen Verdienst verwechselt. Der Blick zurück lohnt sich schon deshalb, um genau diese zum 25. Jahrestag nett in Messingplatten gravierten Vorstellungen einmal zu überdenken und die eigene Geschichte etwas differenzierter zu rekapitulieren.

Wem der klassische Familienroman zu bieder ist, der sollte einen Blick auf Katherine Dunns Geek Love werfen. Der Roman ist nun – nach 31 Jahren – in einer deutschen Übersetzung verfügbar. Anna-Lena Thiel stellt den Roman mit dem deutschen Titel Binewskis. Verfall einer radioaktiven Familie auf literaturundfeuilleton vor. Dunns Roman oszilliert um die Frage nach einer Definition von Normalität angesichts des Abnormen, und stellt – ursprünglich vor dem Hintergrund der aufkommenden Gentechnik – unseren Blick auf das „Andere“ in Frage.

Wie man am allgemeinen zweifelhaften deutschen Frohsinn, der renitenten Spendenaufforderung auf Wikipedia und dem sich an Geschmacklosigkeit übertrumpfenden Einzelhandel erkennen kann, ist wieder einmal Advent und bald Weihnachten. Weil es die Schokolade schon seit September gibt, wird es an den Festtagen keine Hohlkörper mehr geben und bis dahin bleibt es interessantes Gesellschaftsspiel, möglichst lange den Hör-Kontakt zu Last Christmas zu vermeiden. Die Seite Zwei empfiehlt Gegenbeschallung. Etwa mit der Pabofski Droge.