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„Game of Thrones“ holt Romanvorlage ein

George R. R. Martin ist in Verzug. Was viele bereits vermuteten, ist eingetreten: Er wird es nicht schaffen, den anstehenden nächsten Band der Fantasy-Reihe The Song of Ice and Fire pünktlich fertigzustellen. Seit mehr als fünf Jahren schreibt er nun an The Winds of Winter, vor April wird er aber damit nicht fertig.

Nun ist Martin nicht der erste Schriftsteller, der seine Fortsetzungen nicht so schnell liefern kann, wie es die Leserschaft gerne hätte. Interessant daran ist aber, dass ihn damit die HBO-Fernsehserie Game of Thrones praktisch eingeholt hat. Deren sechste Staffel wird im April auf Sendung gehen und damit Material zeigen, zu dem es noch keine (veröffentlichte) Romanvorlage gibt. Es tritt also eine aus literarischer Sicht bemerkenswerte Situation ein, in der die Adaption die Vorlage überholt und wohl künftig ohne Vorlage weiter arbeiten wird.

Man darf wohl davon ausgehen, dass Martin auch in Zukunft eng mit den HBO-Produzenten zusammenarbeiten wird und wohl schon die grobe Handlung für den weiteren Verlauf im Kopf hat. Aber dennoch stellt sich die Frage, ob es in dem Moment eine Umkehrung geben wird und Martin für die noch ausstehenden Romane letztlich von der schon vorab erschienenen TV-Version beeinflusst wird oder ob er letztlich Entscheidungen trifft, die in der Serie nicht umgesetzt wurden und dadurch zwei unterschiedliche Handlungslinien entstehen, was Martin quasi bereits ankündigte.

Am Erfolg beider Serien, Roman wie TV, wird dies wohl nichts ändern, allerdings dürfte manch Fan wohl mit Wehmut dem gern und oft betonten Überlegenheitsgefühl hinterhertrauern, dass man dem Fernseh-Plebs doch zumindest voraus habe, als „echter Fan“ die Romane gelesen zu haben.


Goliath gegen Goliath

Während Netflix den konventionellen Fernsehsendern praktisch täglich demonstriert, wie altbacken und überholt ihr Programm ist, hat sich auch in der Musikbranche langsam die Erkenntnis durchgesetzt, dass digitale Vertriebswege nicht nur für Nerds und Produktpiraten interessant sind, sondern das neue „große Ding“. Und natürlich lässt sich damit auch trefflich Geld verdienen, was wiederum die großen Konzerne auf den Plan gebracht hat, die auch hier ihr wie üblich prächtig verziertes Stück Kuchen abgreifen wollen.

Nun hat Apple, nicht gerade bekannt für zurückhaltende Preispolitik oder ein egalitäres Verständnis von Gewinnbeteiligung, mit Apple Music schon unmittelbar nach dem Start erleben dürfen, dass die Künstler selbst vom digitalen Trend der ständigen Verfügbarkeit nicht immer so begeistert sind, wie die Kollegen im Vertrieb. Apples Plan, Künstlern für während der kostenfreien Probemonate gehörte Musik keine Tantiemen zu zahlen, scheiterte am lebhaften Widerstand Taylor Swifts, die damit drohte, den Apple-Nutzern ihr Album komplett vorzuenthalten.

Auf Taylor Swifts Drohung folgt Adeles Frontalangriff. Die britische Popsängerin hat den Streamingdiensten den Zugriff auf ihr aktuelles Album 25 komplett untersagt. Erhältlich ist das Album lediglich als CD und Download, nicht aber als Einzelabruf bei Spotify und Konsorten. Lediglich Dienste wie Pandora haben Stücke des Albums im Programm, da es sich bei ihnen aber um Radio-ähnliche Angebote handelt, unterliegen sie anderen Regularien und entziehen sich gewissermaßen auch dem Zugriff der Künstlerin und ihres Labels XL Recordings.

Was bedeutet das nun für die Branche? Zum einen zeigt sich, dass es eine Musikerin vom Format Adeles benötigt, um Swifts Drohung tatsächlich umzusetzen. Beides sind Popmusikerinnen, unterscheiden sich allerdings durchaus in Image und Zielgruppe. Es mag offen bleiben, ob Swift ihre Drohung tatsächlich umgesetzt hätte oder ob sie mit ihrem Image nicht doch zu sehr von der Fangemeinde der kalifornischen Apfelprodukte abhängig ist. Zum anderen braucht es offenbar Größen wie Swift und Adele, um überhaupt eine Erschütterung im medialen Dauerflimmern zu erzeugen. Mit großer Sicherheit gäbe es keine so erregte Diskussion, wenn eine kleine Indie-Band sich Spotify verweigern würde, weil die Tantiemen zu niedrig sind.

Adele braucht sicher nicht zu befürchten, dass sich ihr Fernbleiben vom Jederzeit-Zugriff auf ihre Popularität auswirken wird. Ganz im Gegenteil erzeugt sie durch den ausgelösten Diskurs ganz geschickt medialen Buzz, der sich sicherlich eher positiv auf die Verkaufszahlen auswirken dürfte. Ihr unternehmerisches Risiko ist also mit dem aufstrebender Musiker nicht zu vergleichen. Diese dürften sich vielmehr einer Maschinerie ausgeliefert sehen, in der ihnen die Kontrolle zunehmend genommen wird. Wer eine Generation von Jugendlichen erreichen will, die sich ein Leben ohne Smartphone und permanente Vernetzung gar nicht mehr vorstellen kann, kommt um Apple und Spotify wohl nicht mehr herum.

Dennoch, die Kritik etablierter Branchenvertreter, der sich Adele mit ihrer Entscheidung ausgesetzt sah, wirkt aus der Zeit gefallen. Der einflussreiche amerikanische Kritiker Bob Lefsetz warf Adele vor, ihre Fans in der Vergangenheit zu halten. Und auch Universal-Music-Manager Frank Briegemann wurde im Interview mit der SZ nicht müde zu betonen, dass Adele ihre Fans damit unnötig frustriere und insbesondere jüngere Hörer vom Zugriff auf ihre Musik ausschließe.

Das zeugt nicht nur von offensichtlicher Realitätsverweigerung, sondern auch einer nicht zu übersehenden Arroganz. Adeles Album 25 verkaufte sich in der ersten Woche 3,38 Millionen Mal und wurde als erstes Album überhaupt auch in der zweiten Woche mehr als eine Million Mal verkauft. Mittlerweile ist 25 das bestverkaufteste Album eines Jahres und hat den bisherigen Verkaufserfolg von 5,8 Millionen aus dem Jahr 2011 eingestellt. Übrigens gehalten von Adeles vorherigem Album 21.

Ignorant wird Briegemann, wenn er einer ganzen Generation die Fähigkeit abspricht, eine selbstständige Entscheidung zum Kauf eines Albums zu treffen. So Smartphone-versessen wir heute alle sein mögen, dass Adele jüngere Hörer von ihrer Musik ausschließen würde, weil sie nicht bei Spotify zu hören ist, ist schlicht absurd. Da 25 auch als Download erhältlich ist, muss man nicht einmal das Haus verlassen, um das Album hören zu können.

Bei allem Optimismus gegenüber der Digitalisierung sollte die Musikbranche nicht den Fehler begehen, die Bedeutung des Streamings zu überschätzen. Genau wie das Buch wird auch der physische Tonträger nicht aussterben. Zuletzt erlebte ja auch die Vinyl-Schallplatte ihre Renaissance. Gleichermaßen wird Adele die Streaming-Dienste wohl nicht erschüttern oder bahnbrechende Veränderungen in deren Geschäftsmodellen hervorrufen. Es bleibt auch abzuwarten, ob 25 nicht doch über kurz oder lang auch im Stream erhältlich sein wird, natürlich erst nachdem der Anfangshype und das Weihnachtsgeschäft ausgereizt sind. So sehr man Adeles Schritt begrüßen mag, sie bleibt nicht zuletzt auch eine sehr clevere Geschäftsfrau. Und der Erfolg gibt ihr Recht.


Montagskaffee #27

Guten Morgen.

Die spanische Literaturwelt steht Kopf. Da hat man nicht nur pünktlich zu seinem 400-jährigen Geburtstag die Gebeine des Miguel de Cervantes endlich entdeckt und postwendend exhumiert und ausgestellt, jetzt debattiert man über eine sprachliche Modernisierung des großen Klassikers Don Quichotte de la Mancha. Man könne doch nicht! – klagen die einen. Man kann sehr wohl, meint Andrés Trapiello, der vor Kurzem eine eben solche modernisierte Fassung herausgebracht hat. Während es also im Theater gang und gäbe ist, Klassiker teilweise bis zur Unkenntlichkeit zu modernisieren, scheint es noch immer ein Skandal zu sein, sich an den originalen Text zu wenden. Doch wem nützt der verehrte Klassiker, wenn dessen Sprache so antiquiert ist, dass ihn kaum einer freiwillig lesen will? Immerhin 14 Jahre habe Trapiello damit verbracht, Sätze zu straffen und Vokabeln auszutauschen, damit der Don Quichotte wieder ohne Fußnoten gegen Windmühlen anrennen kann. Vermutlich hätte sich Trapiello keinen besseren Roman aussuchen können, um gegen die Veränderungsunlust der Hochkultur anzutreten.

Die FAZ und die Süddeutsche Zeitung setzen sich indes mit Salman Rushdies neuem Roman Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte auseinander. In diesem erzählt Rushdie die Geschichte des Ibn Ruschd, nach dessen Vorbild Rushdies Vater einst seinen Nachnamen änderte. Angesiedelt auf drei Zeitebenen vom Mittelalter über die nahe Zukunft in New York bis zu einer fernen Zukunft entspanne sich in Rushdies Roman ein „Kampf der Welten“ zwischen mystischen Wesen aus 1001 Nacht, resümiert die SZ. „Eine Gesamtentfesselung aller Medien des Wunderbaren und Fantastischen“ nennt die Zeitung den zwischen philosophischer Erzählung und Science-Fiction angelegten Roman. Für die FAZ hingegen ist der Roman „bloß verquere Mythen und Zahlenspielerei“, für die Rushdie „weder Lob noch Preis erwarten“ dürfe. Seine früheren Bücher allerdings verdienten „allerhöchste Ehre“, weshalb die FAZ zugleich fordert: „Gebt Salman Rushdie den Nobelpreis!“

Zu guter Letzt noch „was mit Medien“. Axel Springer hüpft derzeit ja mal wieder eifrig durch die Nachrichtenwelt. Also zumindest der nach ihm benannte Verlag und die entsprechend bedruckten Altpapierreste. Aus dem russischen Markt hat sich Springer nun zwar zurückgezogen, dafür werden ja Springer-Chef Mathias Döpfner und Neo-Hipster Kai Diekmann von der Bild nicht müde, die Bedeutung der Digitalisierung zu betonen – und wie geil doch die Aufstellung der Springer-Pamphlete online sei. Seit letzter Woche ist der Online-Kiosk „Blendle“ das neue Ding der Branche und kommt soweit auch ziemlich gut an. Nicht dabei ist allerdings: die Bild. Nun mag das für Blendle ein Gewinn sein, merkwürdig ist es aber schon, da Springer mit drei Millionen Euro an dem niederländischen Start-up beteiligt ist. Weshalb die Bild nicht dabei ist, erklärt Stefan Niggemeier in seinem Blog und versucht sich zugleich an einer Interpretation dessen, was herauskommt, wenn sich Bild-Chef Diekmann an Humor versucht. Der tl;dr ist übrigens: Bild wollte Extrawürste und Sonderbedingungen. Überraschung.


Stilblüten #2

Nicht nur in der Werbung, auch in den der Presse zugereichten Materialien versuchen Hersteller in der Regel alles, ihre Produkte in einem möglichst guten Lichte stehen zu lassen. In der 76 Seiten starken Beschreibung zum überarbeiteten 1er finden sich dann auch reichlich poetische Ausführungen, etwa zur Gestaltung der neuen Frontschürze:

Eine verfeinerte Linienführung und größere Lufteinlässe verhelfen der Frontschürze der neuen BMW 1er-Reihe zu einer präzise gestrafften Flächenanmutung sowie zu einer ausdrucksstarken, sportiven Ausstrahlung. Das gewachsene Volumen der äußeren Öffnungen wird zusätzlich durch eine horizontale Spange im oberen Bereich betont, die auch die Breite der Fahrzeugfront unterstreicht.

Kein Wunder, dass die auto motor und sport mutmaßt, ein konzerneigener „sensibler Intellektueller im schwarzen Rollkragenpulli“ hätte diese lyrischen Ausführungen vor einem prasselnden Kaminfeuer verfasst.


Zuckungen

DSDS-Finale trotz Bombendrohung! DSDS. DSDS? Ach ja, die Talentsuchshow, bei der RTL einen Haufen unbegabter Stümper mit etwas Taschengeld bezahlt, damit sie von Dieter Bohlen halbwegs kreativ fertiggemacht werden können. Zur Belustigung der Millionen.

Es ist immer ein Alarmsignal, wenn Formate in der zwölften Ausgabe nur durch eine Bombendrohung (übrigens ein Trittbrettfahrer) zurück ins öffentliche Interesse rutschen. Nicht so sehr wegen der Bombe, als vielmehr wegen des Trauerspiels, zu dem ausgelutschte Fernsehformate auf diese Art werden. Wer zwölf Spielzeiten lang dasselbe Stück zeigt, erschöpft sich in Wiederholung und Redundanz. Das wiederum will niemand sehen, und so verwundert es wenig, dass die Quoten des RTL-Knüllers zuletzt eher bei mageren 3-4 Millionen stagnierten. Es darf erinnert werden: Zu Hochzeiten waren es 13 Millionen, die sich an Bohlens verbalen Entgleisungen und dem offensichtlichen Unvermögen der Kandidaten verlustierten. Insofern passt ein 77-jähriger Schlagersänger, der seine Jugendlichkeit über Coversongs wiederentdeckt hat, dann irgendwie doch ins Konzept.

Wenn aber nun die Kandidaten einer Show, die Live-Entertainer und Musiker sucht, in vorab an entlegenen Orten der Welt aufgezeichneten Einspielungen vorgestellt werden, geht auch noch das letzte Quäntchen Glaubwürdigkeit irgendwo zwischen Tahiti und Ossendorf baden. Gewählt werden durfte dann in der „Größten Show ever“ wieder live, moderiert von einem eher begrenzt motivierten Oliver Geissen.

Das große „American Idol“ wird, wie der Kultursender FOX jüngst mitteilte, wie zuvor schon „X Factor“ nach der nächsten Staffel eingestellt. Die Quoten waren nicht mehr ausreichend, um noch genügend Werbekunden zu motivieren. Bei RTL hingegen zelebriert man derweil das „Größte Finale aller Zeiten“, was angesichts der geschrumpften Quote an Selbstbetrug kaum noch zu überbieten ist. Das Pferd „DSDS“ ist längstens tot. In Köln hat man das aber offenbar noch nicht bemerkt und feuert weiter eifrig an.


Montagskaffee #22

Alaaf.

Mohamedou Ould Slahis Das Guantanamo-Tagebuch ist nun auch auf Deutsch erschienen und legt ein eindrückliches Zeugnis von den Zuständen im Militärgefängnis der USA auf Kuba ab. Wie die taz herausstellt, handelt es sich dabei aber mitnichten um ein authentisches Dokument. Das Tagebuch sollte vielmehr als ein Stück Literatur betrachtet werden, denn so zweifelhaft die Methoden der Amerikaner im rechtsfreien Raum Guantanamo sind, so unzuverlässig bleibt Slahis als Erzähler. Das Tagebuch ist für die Veröffentlichung geschrieben und dementsprechend hat Slahis dem Text eine von ihm intendierte Richtung gegeben und seinerseits entscheidende Stellen ausgelassen. Dennoch zeigen vor allem die vielen Schwärzungen durch die US-Behörden, welch hohle Farce der Freiheitsbegriff der USA mittlerweile geworden ist.

Nach den Anschlägen auf ein Kulturzentrum und eine Synagoge in Kopenhagen ringt Dänemark um Fassung. „Das hier ist kein Kampf zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Das ist ein Kampf zwischen der Freiheit des Einzelnen und einer dunklen Ideologie“, fasst Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt die Situation zusammen. Am Wochenende waren zwei Menschen bei den Anschlägen ermordet worden. In dem kleinen Kulturzentrum, auf das der Täter zuerst das Feuer eröffnete, fand gerade eine Diskussionsrunde zur Meinungsfreiheit statt, an der auch der Karikaturist Lars Vilks von Jyllands Posten teilnahm. Neben diesem offensichtlichen Angriff auf die freie Diskussionskultur war erneut eine jüdische Einrichtung Ziel des oder der Täter. Es sollte daher nicht nur über den Terror gegen die Meinungsfreiheit debattiert werden, sondern auch über den dem modernen Terrorismus inhärenten Antisemitismus, der mit der Gewalt nach Europa zurückkehrt. Anzumerken ist zudem, dass auch der Täter von Kopenhagen der Polizei zuvor offenbar bekannt war. Welchen Nutzen umfangreiche Vorratsdatenspeicherung und Überwachung bringen, darf damit also erneut angezweifelt werden.

Um den Rosenmontag nicht allzu schwarz beginnen zu lassen, noch ein kurioser Bericht aus Köln: Anna Heller ist mit 29 Jahren nicht nur die jüngste Brauereichefin der Stadt am Rhein, mit ihrer kreativen Art, mit deutscher Brautradition umzugehen, sorgt sie darüber hinaus immer wieder für Furore. Zuletzt provozierte sie die Kölner vor einem Jahr mit der Ankündigung, nun ein Altbier zu brauen. Während Außenstehende den Nachrichtenwert suchen, riechen Kölner fast sofort einen Skandal, ist doch Altbier der beliebte Trunk der „Rivalen“ aus Düsseldorf und Co. Geht ja gar nicht! Geht ja wohl, bewies Heller und meldete schon nach anderthalb Wochen, dass die erste Marge ausverkauft sei. Bio ist das Bier übrigens obendrein.

Was zuletzt jedoch betrübt: John Stewart verlässt seine Daily Show. Welch ein Verlust für die politische Satire, haben doch er und Stephen Colbert den Amerikanern und der Welt mit hartnäckiger Regelmäßigkeit die Widersprüchlichkeiten der amerikanischen Politik und die mittlerweile auch für unsere Medienlandschaft typische Hysterie vor Augen geführt. Während Deutschland noch etwas verkrampft versucht, seinen Stil zu kopieren, muss die USA nun einen Nachfolger finden. Vielleicht lässt sich ja John Olivers Last Week Tonight zum ideellen Nachfolgeformat ausbauen.


Axel-Springer und das Leistungsschutzrecht

Aus gegebenem Anlass sei auf einen Beitrag von Kollege Niggemeier verwiesen, der sehr schön zusammenfasst, welch absurde Züge die Auslegung des Leistungsschutzrechtes durch den Axel-Springer-Konzern mittlerweile angenommen hat. Schon mit dem ersten Versuch, Google dazu zu zwingen, für die Nutzung kleiner Inhaltsteile Geld zu zahlen, hat man im Grunde bereits die Marktmacht Googles akzeptiert und völlig ausgeblendet, dass es sich dabei keinesfalls um eine staatliche Institution mit Monopol und Versorgungspflicht handelt, sondern um ein Privatunternehmen, das sehr wohl nach Gusto Medien in seinen Nachrichtenüberblicksdienst aufnehmen kann – oder eben nicht. Wie sich Springer jetzt verrudert, grenzt an völligen Realitätsverlust; vor allem durch die Fußnote, dass die kostenfreie Lizenz, die Google die Nutzung von Ausrissen der Artikel gewährt, ausschließlich für Google gilt und nicht für andere Suchmaschinenanbieter. Müssten die jetzt nicht – um in der wirren Logik von Springer zu bleiben – jetzt wiederum den Springer-Verlag verklagen, da dieser seine Marktmacht ausnutzt und einzelne Anbieter diskriminiert?


ZEIT ONLINE startet „Freitext – Feld für literarisches Denken“

„ZEIT ONLINE“ hat heute das Projekt „Freitext – Feld für literarisches Denken“ gestartet, auf der deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie es heißt „fortlaufend und regelmäßig“ über Politik, Gesellschaft, Literatur und ihr Leben schreiben werden. Im Vordergrund stehen Austausch und Kommunikation, neben heiteren Kolumnen soll es auch Meinungsbeiträge und Polemiken geben.

Beteiligt sind unter vielen anderen: Feridun Zaimoglu, Nora Bossong, Thomas Glavinic, Ann Cotton und Ulrike Draesner.

Zu finden ist das Projekt hier.


Montagskaffee #9

Guten Morgen.

Plasma oder Papier? Die große Masse der Leser war noch nie dafür bekannt, stets einer Meinung zu sein, insofern war es nicht wirklich probematisch, dass man sich über die Frage nach klassisch analogem Buch oder digitalem E-Book-Reader wieder einmal in zwei Lager teilte. Nun allerdings zeigt sich, dass es mitnichten nur um Vorlieben oder Abneigungen gegen den digitalen Wandel geht, sondern dass auch im Gehirn unterschiedliche Prozesse ablaufen, je nachdem ob man von Papier oder Bildschirmen liest. Offenbar werden beim Lesen digitaler Inhalte andere Hirnregionen beansprucht, als durch das Lesen von Büchern. Problematisch daran ist, dass die Fähigkeit, konzentriert und tief zu lesen, abhanden kommt, wenn sie nicht regelmäßig genutzt wird. Was folgt, sind Konzentationsstörungen, weil das Hirn unbewusst die Buchseiten scannt und sich weniger an einzelnen Zeilen aufhält. Ein Punkt also für die Papier-Fraktion. So gut ist der Kindle eh nicht.

Auf io9.com rechnet Esther Inglis-Arkell mit der allzu oft romantisierten Vorstellung von Revolutionen in der Literatur ab. Das Problem vieler post- oder prä-revolutionärer Dystopien sei – neben Teenagern – dass die Revolutionen idealisiert und realitätsfern sind. In zehn Punkten zeigt sie auf, was so alles nicht stimmt, darunter die Vorstellung, es sei immer nur der böse Diktator schuld, nicht etwa vielleicht eine herrschende Elite oder Oberschicht. Auch beliebt: Uneingeschränkte Symmpathien und Unterstützung für die Helden durch Schmugglerbanden, die aber prinzipiell Teil des Systems sind und ihre Profite verlieren, wenn die Revolution obsiegt.

Apropos Groß gegen Klein und Papier gegen Plasma: Vergangene Woche hat der Online-Riese Amazon die neue Generation von Kindle und Fire-Tablet vorgestellt. Soweit, so unspektakulär.  Neu ist jedoch, dass es jetzt für den kostengünstigen Einstiegspreis von rund 150 US-Dollar eine Variante des Tablets für Kinder gibt. Schön bunt, vermeintlich unkaputtbar, und falls es doch zu Bruch geht (und das wird es, in Kinderzimmern gibt es kein „unzerstörbar“) ersetzt der Hersteller das Gerät in den ersten zwei Jahren ohne zu fragen. Höflich, nicht? Doch Amazon serviert hier eine Einstiegsdroge für die ganz Kleinen. Gedacht ist das Gerät nämlich für Kinder ab drei Jahren. Und obwohl es so daher kommt, ist es, wie Fridtjof Küchemann in der FAZ richtig bemerkt, mitnichten ein Spielzeug, sondern der Einstieg in die schöne neue Multimedia-Welt, in der Amazon den Kanon diktiert.