Archiv der Kategorie: Rezensionen

Sherlock Gently: William Ritters „Jackaby“

„Hatun sieht eine andere Welt als Sie oder ich. […] Sie hat die Stadt und ihre Bewohner bereits unzählige Male vor irgendwelchen Ungeheuern gerettet. Dass diese Kämpfe für gewöhnlich nur in ihrem Kopf stattfinden, schmälert nicht ihre Tapferkeit. Die schwersten Kämpfe ficht man stets im Kopf aus.“ (S. 117)

Abigail Rook trifft im Winter 1892 in der amerikanischen Kleinstadt New Fiddleham ein und kann stolz die drei Problemklassiker jeder Abenteuergeschichte auflisten: kein Geld, kein Job, kein Dach über dem Kopf. Nachdem sie ihre Karriere vielversprechend mit einer kurzfristigen Beschäftigung als Tellerwäscherin beginnt, stolpert sie – einige Absagen und Altherrenwitze später – in die Dienste von R. F. Jackaby. Dieser ist Spezialist für „ungeklärte Phänomene“ und eine Art Seher, der übernatürliche Wesen, Geister und Kobolde wahrnehmen kann. Meist wird er von der örtlichen Polizei aber eher fest- als ernst genommen, was auch die großzügigen Rücklagen für Kautionszahlungen erklärt.

Schon der erste gemeinsame Fall hat es in sich: Ein Serienmörder hat es auf Bürger der Stadt und deren Blut abgesehen. Jackaby ist überzeugt, dass der Täter keinesfalls menschlicher Natur sein kann und nimmt die Ermittlungen auf, in deren Verlauf Abigail Banshees, Gestaltwandlern, Geistern und einem in eine Ente verwandelten früheren Assistenten begegnen wird.

William Ritters Idee, die klassische Detektivgeschichte mit Fantasy und Geistern zu kombinieren, hat durchaus Potenzial. Jackaby als schrullig-absurder Protagonist weiß durch seine kuriosen Eigenheiten zu unterhalten. Mit seinen Sonderlichkeiten wirkt Jackaby wie eine Mischung aus Sherlock Holmes und Dirk Gently, ohne jedoch ganz an die Qualitäten seiner Vorbilder heranzureichen. Hinzu kommt, dass Jackabys merkwürdiges Verhalten oft nicht ausreichend erklärt wird, was nicht nur Abigail, sondern auch den Leser unschlüssig zurücklässt. Es entsteht der Verdacht, dass Ritter das schrullige Verhalten seines Detektivs nutzt, um Plotlöcher zu kitten oder allzu offensichtliche Deus-Ex-Machina-Momente zu verhindern. Das wirkt jedoch selbst vor dem Fantasy-Kontext etwas billig.

Leider überzeugen die restlichen Figuren des Romans nicht. Abigail scheint nur die Funktion zu haben, sich unaufhörlich über die fantastischen und übernatürlichen Absonderlichkeiten zu wundern und Jackaby bei seinen erratischen Wanderungen hinterherzulaufen. Zu den Ermittlungen trägt sie nicht wesentlich bei, ihr Charakter bleibt über den gesamten Handlungsverlauf enttäuschend blass. Ihre sich andeutende Liebelei ist dabei allenfalls augenrollwürdig. Auch bei den übrigen Figuren wird zu oft deutlich, dass sie lediglich existieren, um den Plot voranzubringen. Sie haben meist wenig bis keine Tiefe, lediglich eine Funktion für die Handlung.

Wirklich störend sind hingegen Klischees und Kalauer, insbesondere am Anfang des Romans. Natürlich ist die rothaarige Frau Irin. Natürlich simuliert Abigail einen Schwächeanfall, um den (natürlich) dumpf-bräsigen Polizisten abzulenken und (natürlich) fühlt sie sich schlecht dabei, weil vermutlich sogar der Autor selbst weiß, wie ausgenudelt dieser Topos ist. Ritter versucht an vielen Stellen, einen an Terry Pratchett erinnernden humorigen Ton anzuschlagen, vergreift sich aber immer wieder in den Saiten, sodass viele Witze konstruiert und deplatziert wirken.

Der Roman wird im Verlauf besser und nimmt nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich Fahrt auf. Es ist erkennbar, dass Ritter im Lauf des Schreibens zu seinem eigenen Stil gefunden hat. Als Leser würde man sich jedoch wünschen, dass er den Anfang des Romans noch einmal überarbeitet und geglättet hätte. So bleibt Jackaby trotz der vielversprechenden Idee leider hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Oh, und eines möchte man Herrn Ritter immer wieder entgegenschreien: Nicht Archäologen graben nach Dinosauriern. Das waren auch 1892 schon Paläontologen.

William Ritter: Jackaby
Aus dem Englischen von Dagmar Schmitz
München: cbt 2016
320 Seiten, Taschenbuch
9,99 €


Tote Schweine fühlen nicht: Warren Ellis’ „Dead Pig Collector“

„Standing in the kitchen, facing Mister Sun, was a tall woman with very wide eyes. Lying in the kitchen, also facing Mister Sun, was his client, also with very wide eyes, and in addition sporting a superb Chinese chef’s knife in his head.” (S. 18)

Die Sachlage verkomplizierte natürlich den Auftrag von Mister Sun. Zugegeben, sein Auftraggeber war ein gehöriger Kotzbrocken, aber das hatte sich ja nun erledigt. Technisch betrachtet müsste er sich eigentlich um nichts mehr kümmern, wäre da nicht sein eigentliches Ziel, das ihn mit leichter Panik in der Stimme um Hilfe gebeten hatte. Mister Sun war kein Killer. Mister Sun entsorgte professionell Leichen und würde nun improvisieren müssen. Mister Sun war gut im Improvisieren.

Was folgt, ist ein bizarres und makabres Kammerspiel. Mister Sun, Protagonist in Warren Ellis’ Kurzgeschichte Dead Pig Collector, macht sich an die Arbeit und entsorgt, unter zunehmend faszinierterer Beobachtung von Amanda, die Leiche seines vormaligen Klienten. Fachmännisch, mit geübten und handwerklich geschulten Handgriffen. Dabei kommt er mit Amanda ins Gespräch, führt sie in seine Kunst ein und erklärt ihr die Arbeitsschritte.

„‘So, why have we drained all the blood out of the bastard?” Amanda asked. Mister Sun had torn one of his heavy duty sacks off the roll and was shaking it open. ‘Because it’s going to make it much easier and cleaner to joint him.’ Amanda just looked at him. ‘I wouldn’t have expected that.’” (S. 44)

Innerhalb der wenigen Seiten, die Ellis für seine Erzählung benötigt, entspannt sich eine feine Beziehung zwischen Sun und Amanda, die trotz der grotesken Begleitumstände fast so etwas wie Nähe aufkommen lässt. Für Amanda scheint sich durch den brachialen Tod ihres früheren – und abservierten – Liebhabers ein Ausweg aus einem langweiligen kalifornischen Oberklasseleben aufzutun, und auch Suns Alltag ist geprägt von Routinen, wenn auch nicht im Sinne eines klassischen Neun-bis-Fünf-Jobs.

Entspannt sich also eine Liebesgeschichte, ein Bonnie-und-Clyde-Abenteuer? Die Bausteine dafür sind jedenfalls vorhanden. Doch immer, wenn sich das Menschliche in den Vordergrund zu rücken versucht, drückt es Ellis mit staubtrocken eingeflochtenen Details wieder zurück und erinnert daran, dass Sun und Amanda gerade eine Leiche zerstückeln.

Das führt zu morbiden, teilweise krassen Gegensätzen, deren Bildlichkeit nichts für Zartbesaitete ist. Sprachlich bleibt sich Ellis treu, ohne dabei in die Derbheit von Crooked Little Vain oder Transmetropolitan zu wechseln. Vielmehr bildet der elaborierte Umgang, den Sun und Amanda pflegen, einen überzeugenden Kontrast zur plastisch (aber nie voyeuristisch) geschilderten Handlung, der die Erzählung davor rettet, in Richtung Pulp abzudriften. Dead Pig Collector ist eine finstere und zugleich urkomische Kurzgeschichte; eine makabre Parabel auf den aussichtslosen Kampf gegen den Alltagstrott – und Warren Ellis in Bestform.

Warren Ellis: Dead Pig Collector
New York City: Farrar, Straus and Giroux 2013
29 Seiten (printäquivalent), E-Book
ab 0,99 €


„Orwell“: Sei der Große Bruder

„Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ (George Orwell)

Ein Marktplatz einer europäisch anmutenden Stadt. Straßencafés, Geschäfte, ein Denkmal und Tauben. Menschen hetzen zum Bus, bummeln in die Läden und gehen ihrer Wege, als eine Explosion den Platz erschüttert und Passanten in den Tod reißt.

Ein Terroranschlag – und weitere sind zu erwarten. Bereits in der Vergangenheit gab es Demonstrationen gegen das neue Sicherheitsgesetz der Regierungspartei, nun also Gewalt und Todesopfer. Die Regierung gerät in Erklärungsnot und setzt erstmals das im Geheimen entwickelte Überwachungssystem „Orwell“ ein, das in Echtzeit die Ermittlungen im Cyberspace vorantreiben soll.

Als Spieler von Orwell ist man einer dieser Ermittler und Teil der Überwachung.

Das von den kleinen Hamburger Osmotic Studios entwickelte Spiel Orwell zeigt eine Welt, in der die totale Überwachung alltäglich ist und die Privatsphäre des Einzelnen der vermeintlichen Freiheit und Terrorabwehr geopfert wurde. Auf bloße Verdachtsmomente hin werden Profile erstellt und Daten gesammelt, Verbindungen gezogen und Dossiers erweitert. Die Aufgabe des Spielers ist es, Webseiten, soziale Medien und E-Mails zu durchforsten und wichtige Daten in das System „Orwell“ zu übertragen. Immer tiefer dringt der Spieler in das Privatleben der überwachten Personen ein und stößt von Beginnn an auf das erste Dilemma: Einmal übertragene Daten lassen sich nicht wieder aus dem System entfernen.

© Osmotic Studios / Suprise Attack Games

Jede Handlung, jede Entscheidung, jedes Datenfragment hat Konsequenzen. Das differenzierte Bild, das sich der Spieler von den agierenden Figuren macht, wird gefiltert und für den Staat in Nullen und Einsen, in Kategorien und einfache Fakten aufgeschlüsselt. Im Scherz getätigte Äußerungen in den sozialen Medien können so zu Foltervorwürfen in der Personenakte werden.

Spätestens beim Sammeln der Daten ertappt sich der Spieler, wie er eigenen Vorurteilen aufliegt, Präferenzen setzt und einzelne Figuren bevorzugt. Erscheint eine Figur sympathisch, lässt der Spieler vielleicht ein pikantes, potenziell diskreditierendes Detail weg; gibt dafür aber bei ihm verdächtigen Personen jedes inkriminierende Detail weiter.

Die Konsequenzen daraus sind unmittelbar und für den Spieler nicht zu steuern. Die Rückschlüsse aus den Datenfragmenten ziehen andere im Überwachungssystem, es ist nicht der Spieler selbst, der Indizien verknüpft und Haftbefehle anweist. Es bleibt daher für den Spieler neben dem unangenehm voyeuristischen Aspekt immer auch der fade nachklingende Geschmack des Zweifels. Eilig übermittelte Daten können zur Festnahme eines Unschuldigen führen oder einen Anschlag verhindern. Daten entscheiden in Orwell über die Zukunft von Menschenleben.

© Osmotic Studios / Suprise Attack Games

Durch diesen menschlichen Faktor verdeutlicht Orwell die Schwäche jedes von Menschen geführten Systems. Die Überwachung bleibt fragmentarisch und ist weder absolut noch unvoreingenommen oder fehlerfrei.

Letzten Endes läuft es darauf hinaus, welche Informationen der Einzelne über sich preisgibt. Sei es in sozialen Netzwerken, in E-Mails oder in der alltäglichen Kommunikation. Aus all diesen Fragmenten lässt sich ein Bild zeichnen, dass je nach angelegter Schablone bestimmten Mustern folgt, gerade weil es fragmentarisch ist und so jeden irgendwie verdächtig macht.

Trotz der offensichtlichen Verweise ist Orwell aber nicht wie 1984 eine Metapher für einen Unterdrückungsstaat. Vielmehr thematisiert das Spiel auf eindrucksvolle Weise das Paradoxon zwischen übergriffiger staatlicher Überwachung auf der einen und ungehemmter Proklamierung privater Details im Internet auf der anderen Seite.

Auch wenn Orwell die Notwendigkeit eines gewissen Grades staatlicher Sicherheitsstrukturen akzeptiert, liegt dem Spiel ein deutliches und überzeugendes Bekenntnis zu einem freien Austausch von Meinungen und einem freien Internet zugrunde. Zugleich verdeutlicht die Handlung, wie Menschen aufgrund früherer Handlungen bewertet und kategorisiert werden und wie sich unbedachte Äußerungen negativ auf die Zukunft auswirken können.

Mit seiner politischen Botschaft, die Entwickler Daniel Marx eher als Mahnung zum vorsichtigen Umgang mit persönlichen Daten im Netz begreift, erinnert Orwell an den banalen, alltäglichen Terror von Papers, Please, ohne jedoch eine gleichermaßen düstere Dystopie zu zeichnen. Die Welt von Orwell ist kein faschistoider Unrechtsstaat, sondern eine moderne, bunte Demokratie. Dass der Spieler nicht Widerstandskämpfer, sondern Zahnrädchen im Apparat ist, ermöglicht ihm eine immersive und vielschichtige Perspektive. Es obliegt letztlich ihm, in welche Richtung und wie stark das Pendel zwischen persönlicher Freiheit und staatlicher Überwachung ausschlägt. Zugleich aber kann er sich dem System nicht völlig verweigern, da er selbst ein Teil davon und abhängig von dessen Erfolg ist.

© Osmotic Studios / Suprise Attack Games

Oft heißt es, das Internet sei wie eine Sandfläche, auf der man immer Spuren hinterlasse, egal wie vorsichtig man sich auf ihr bewege. Genau wie jeder Schuhabdruck, jeder weggeworfene Kaugummi oder eine verlorene Brieftasche etwas über den Besitzer verrät, genauso ermöglicht auch das Internet mit jedem Datenfragment, jedem Tweet und jedem Kommentar auf Facebook Rückschlüsse auf den Urheber.

Das Internet ist aber keine einfache Sandfläche, sondern eher die Oberfläche des Mondes; in deren Staub sich jeder Makel der Schuhsole perfekt abbildet. Ohne die in jeder Wüste wehenden Winde bleiben die Spuren aber bestehen und geben lange Zeugnis von jedem gegangenen Schritt – ganz gleich, in welche Richtung man einst ging.

Orwell
Genre: Narrative Exploration
Plattform: PC (Win/Linux), Mac
Erhältlich über Steam für 9,99 €.


Die Leben der Anderen: Dragan Velikićs „Das russische Fenster“

Wäre nicht „Aus dem Leben eines Taugenichts“ ein geeigneterer Titel für den Roman? Mitnichten. Eine wirkliche Leistung vollbringt der Protagonist zwar nicht, doch Leistung ist nicht das Thema von Dragan Velikićs Roman Das russische Fenster. Es ist vielmehr die Kraft der Phantasie, der Träume und einer Suche nach sich selbst.

Dragan Velikić: Das russische FensterRudi Stupar, Velikićs Protagonist, wächst in den neunziger Jahren in einer Kleinstadt nahe Belgrad auf und weiß seit früher Kindheit mit Bestimmtheit: Er ist geboren für die Schauspielerei und ganz gleich, wie hart das Schicksal ihm zusetzen wird, seine Bestimmung wird sich eines Tages erfüllen. Seine Jugend lässt er verstreichen, Liebesabenteuer gehen an ihm vorüber, denn auch die Liebe ist ihm vorherbestimmt: Die wahre Frau wird sich ihm eines Tages von selbst zeigen.

Doch die Schauspiel-Akademie in Belgrad teilt seine Auffassung nicht. Zweimal wird er abgewiesen. Schließlich absolviert er ein halbherziges Germanistikstudium und wird zum professionellen Müßiggänger. Als sein Vater stirbt und die Einberufung zur Armee auf dem Tisch liegt, flieht er nach Budapest, der Ausbruch des Krieges in seiner Heimat macht das Intermezzo zum Exil.

Velikić erzählt facettenreich und lebendig von der Spannung zwischen Monotonie und Vielfalt des Alltags in Belgrad, Budapest und München. Seine klar gezeichneten und nie stereotypen Figuren defilieren am Protagonisten Rudi vorbei, der ihre Geschichten in sich aufnimmt und mit seiner eigenen Vergangenheit mischt. Während die Zeit an ihm vorbeifließt, Orte und Menschen verändert und mitreißt, verharrt Rudi als Fixpunkt des Romans und wird wie der Leser zum Betrachter seines eigenen Lebens. Das russische Fenster zeigt die Suche eines Mannes nach sich selbst, seiner Funktion und einem Halt, die Suche eines Mannes, der sich in den fremden Leben verliert, sich treiben lässt und erst langsam den Mut gewinnt, sein Leben von dem der anderen zu trennen.

Dragan Velikić: Das russische Fenster
Aus dem Serbischen von Bärbel Schulte
München: DTV 2008
400 Seiten, Taschenbuch
14,90 € (derzeit vergriffen, antiquarisch etwa bei Eurobuch)

Rezension erschienen in: rezensöhnchen – Zeitschrift für Literaturkritik 43 (2008), S. 47.


Zwischen Dorfidyll und Mondkratern: Arno Schmidts „KAFF auch Mare Crisium“

Was hasdu heut Nachmittag eigntlich mit dem ‚helleborosen Farrago‘ gemeent?“ ; Hertha ; tiefsinnich. : „Einen ‚nieswurzwürdijen Mischmasch‘.“ – Aber ihr einzijer Dank beschtant in 1 wüstn Blick. Dann fiel ihr was ein : „Also ‚eine echte Bereicherunk im Sinne der tria corda des Ennius‘“, leierte sie haßvoll=auswenndich. Und TH ließ die Augn behaaklich zwischen uns hin & her gehen. „Was’n Tühnkram, nich?“ sagte sie liebevoll : „Deswegen ischa auch nix aus ihm gewordn : weil er den Kopf immer zu voll von seuchn Zeuch hadde. – Aber man wird’a guder Laune von, Mädchen.“ setzte sie mahnend hinzu : „Ich finnd‘ : wenn Einer mehr als bloß seine ‚Tausn Worde Deutsch‘ kann – man bleibt, auch als Frau=da – “ ( sie fingerte nach dem betreffenden Ausdruck ) : „ – Beweeklicher, nich. Oder?“ (S. 116)

Ein Kaff in Niedersachsen, 1960. Hertha und Karl, Angestellte aus der Stadt, besuchen in ihrer (Schlesierin, als junges Mädchen geflohen) Isetta seine (Kriegsveteran, vergeistigter Antimilitarist) Tante Heete (TH). Dorfidyll mit schmutzigen Kühen, Bauernleben und Dorftheater. Es riecht nach Kohleofen und Sülze mit Bratkartoffeln. The simple life. Parallel dazu, in seiner (Phantast, Worte=Schmied) Erzählung an sie (traum-a-tisiert, verunsichert), eine post-nukleare Kolonie der Amerikaner auf dem Mond. Science Fiction in Badehosen (wegen der Temperatur, Grünhauseffekt), die Farce eines Parlaments mit Kriegz=Minister (stehendes Herr: 2 Mann) und glühendem Patriotismus, dafür ohne Klopapier und praktisch ohne langfristigen Plan. Auf der dunklen Seite eine Kolonie der Russen. Pragmatischer, ohne Pathos und deutlich überlebensfähiger, weil man das Problem der Überalterung und das der Unterversorgung mit Proteinen in einem Zug gelöst hat.

Arno Schmidt: KAFFAuf Erden dann ein Angebot, Geistes- und Landleben zusammenzulegen. Den Eskapismus als maximale Kritik an Wirtschaftswunder und Wiederaufrüstung zu zelebrieren und – ganz uneigennützig von TH – das Erbteil vor der tumben Verwandtschaft zu retten.

Die eigentliche Handlung bleibt im Grunde belanglos und in ihrer Belanglosigkeit der Szenerie angemessen. Was KAFF auszeichnet, ist Arno Schmidts Spiel mit der Sprache. Sein gänzlicher Verzicht auf und Bruch mit orthographischen Konventionen. Schmidt entwickelt im KAFF seine lautmalerische Sprache, verknüpft mehrere Erzählebenen und zugleich ländlichen Realismus mit futuristischer Science Fiction. Damit verweist KAFF bereits auf Schmidts Spätwerk und Opus Magnum Zettels Traum, jedoch ohne dessen enorme und stellenweise unzugängliche Komplexität.

Schmidts Sprache und Stil sind bewusste und radikale Brüche mit der Konvention der Literatur der Bundesrepublik in den 60ern. Über seine anfangs gewöhnungsbedürftige, trotz ihrer scheinbaren Willkürlichkeit aber schnell eingängigen Otto=gra=vieh vermittelt Schmidt seine deutliche Kritik am Einfach-Weiter der BRD. Als sprachlicher Rebell stellt er sich gegen das Gewohnte und protestiert auf allen Ebenen gegen die unterlassene Aufarbeitung der Nazizeit, die deutsche Teilung, Wiederaufrüstung und verpasstes Wirtschaftswunder, Besatzung und den Kalten Krieg. Sprache ist ihm Mittel der Wahl, doch wird die Kritik auch in den Unterhaltungen der Figuren deutlich und letztlich in der Farce eines postnuklearen kalten Krieges auf dem Mond ironisch auf die Spitze getrieben. Mein persönlicher Favorit ist der hohle Heroismus in der verfremdeten Version des Nibelungenlieds des amerikanischen Nazional-Dichters auf dem Mond. Der beschworene Nibelungenwille zum patriotischen Durchhalten kann, nicht einmal 20 Jahre nach Stalingrad, nur zynisch-bitter schmecken.[1]

Im Grunde ist es daher schade, dass Schmidts Duktus heute in dieser Form nicht mehr funktionieren würde. Spuren davon mögen sich in 1 von der facebookisierten ich-schreibe-wie-meine-finger-halt-die-tasten-treffen-Mentalität geprägten Jugendsprache finden, seine kritische, subversive Kraft hat der bewusste (und damit sowohl absichtliche als auch gezielt-gedankenvolle) Bruch jeglicher orthographischer Regeln aber längst verloren.[2] Heute jedoch wird das Spiel zum Meme, zur bloßen popkulturellen Hülse, die man ein paar Wochen herumkrakeelt, bevor selbst der Bayerische Rundfunk auf den Zug aufspringt und sich die Influencer auf Twitter einen neuen Gag ausdenken müssen, um im immerwährenden Sozialmediengekreisch aufzufallen. Arno Schmidt hätte es vermutlich trotzdem amüsiert. Vong intelleggd her.

Arno Schmidt: KAFF auch Mare Crisium
Frankfurt: S. Fischer 1980
368 Seiten, Taschenbuch
9,95 €

[1] Einen tiefer gehenden Zugang bietet das Projekt mare crisium. das in Kooperation mit der Arno Schmidt Stiftung Bargfeld Materialien zum Text, Erläuterungen und Hintergründe sammelt. Eine Fundgrube, die den Zettelkästen des Autors angemessen ist!

[2] Übrigens nutzte bereits im Jahrhundert zuvor Oskar Panizza phonetische Orthographie zur Obrigkeitskritik. Dass ihn Schmidt kannte, darf getrost angenommen werden, auch wenn Panizzas Texte erst in den 60ern langsam wieder rezipiert wurden.


Sede vacante: Robert Harris‘ „Konklave“

„‚Dann gehen Sie also davon aus, dass unser Freund in seiner Ablehnung des Petrusstuhls nicht ganz aufrichtig war.‘ ‚Doch, doch, ich halte ihn für absolut aufrichtig. Genau das ist einer der Gründe, warum ich ihn unterstütze. Die gefährlichen Männer, die man aufhalten muss, das sind die, die das Amt aktiv anstreben.‘“ (S. 104).

Eigentlich sollte man meinen, dass die katholische Kirche nach etwas über 2.000 Jahren ihres Bestehens für alle Eventualitäten gerüstet ist. Doch man kann nie wissen. Papst Johannes XXIII. etwa war bei seiner Wahl selbst die größte vorhandene Soutane zu klein, sodass sie aufgeschnitten und ihm wie ein ziemlich prunkvoller OP-Kittel praktisch um den massigen Leib geschneidert werden musste.

Auch in Robert Harris‘ jüngstem Roman Konklave muss die Kirche auf alle Eventualitäten gefasst sein. Wie es sich für den namensgebenden Ritus gehört, ist der aktuelle Papst, der durchaus Züge von Papst Franziskus trägt, verstorben. Auch in Zeiten der Unsicherheit – der Roman spielt in einer sehr nahen Zukunft – wird in aller Tradition das Konklave einberufen und beginnt seine Arbeit, einen neuen Vertreter Petri auf Erden zu ernennen.

Konklave ist jedoch keine kirchenhistorische Nacherzählung einer vom heiligen Geist beseelten Papsternennung, sondern ein glänzend recherchierter Politthriller, der nur an wenigen Stellen etwas zu übereifrig wird und ansonsten dem ehrfürchtigen Rahmen sehr gerecht wird.

Robert Harris: KonklaveErzählt wird die Handlung aus der Sicht des Dekans des Kardinalskollegiums, Jacopo Kardinal Lomeli. Dieser ist, trotz oder gerade wegen seiner langen Zeit im Verwaltungsdienst der Kirche getrieben vom Zweifel. Zweifel an seinem Handeln, am Glauben und an der Institution Kirche. Doch Lomeli schöpft aus dem Zweifel letztlich Kraft und erkennt die ihm innewohnende positive Energie, um die Gemeinschaft der Gläubigen zu erhalten. Nicht der Zweifel ist zu fürchten, sondern die Gewissheit, die als Feind der Einheit und der Toleranz zur Gefahr wird. „Gäbe es nur Gewissheit und keinen Zweifel, dann gäbe es kein Geheimnis und wir brauchten den Glauben nicht.“ (S. 123)

Damit findet Lomeli eine Antwort darauf, wie der Absolutheitsanspruch der katholischen Kirche und des Pontifikats mit der Ungewissheit des 21. Jahrhunderts in Einklang zu bringen sein könnte. Einer Zeit, die gleichermaßen geprägt ist von Zweifeln und Unsicherheit wie von immer stärkeren Absolutismen und Dogmen. Lomeli spiegelt die innere Zerrissenheit einer Gegenwart, die sich nach Sicherheit und Rückhalt sehnt, starre Strukturen aber ablehnt und immer wieder aufzubrechen versucht. Nur der ständige Zweifel ermöglicht die nötige Flexibilität, um diese Spannungen auszuhalten.

Harris demonstriert das Hadern und Zögern desjenigen, der die Strukturen der Macht und Politik durchschaut, selbst aber keine Ambitionen hegt, die Macht zu ergreifen. Lomeli zur Seite steht das Kardinalskollegium in all seiner Internationalität und Vielseitigkeit: Aspiranten und Emporkömmlinge, weise alte Männer und verschrobene Theologen. Die möglichen Kandidaten geben ein gutes Bild der innerkirchlichen Spannungen. Darunter erzkonservative Traditionalisten wie der sprechend benannte Kardinal Tedesco; der trotz seiner glühenden Homophobie die afrikanischen Hoffnungen tragende Kardinal Adeyemi sowie der liberale, aber erschöpfte Bellini. Und natürlich gibt es einen Überraschungskandidaten, einen in pectore ernannten Kardinal, mit dem niemand gerechnet hatte.

Das Konklave ist eine Welt der Politik und Intrigen, in der schnell klar wird, dass es keinen idealen Kandidaten geben kann. Die vordergründige Einheit der Kirche wird stellenweise lediglich vom jahrhundertealten Ritual zusammengehalten. Einer nach dem anderen scheiden die Favoriten aus, gescheitert an ihren Ambitionen, an Kabalen ihrer Mitbewerber oder eingeholt von ihrer Vergangenheit. Zugleich bricht Harris die Erzählung aus dem machtvollen Zirkel mit Episoden der Menschlichkeit, die daran erinnern, dass es sich bei den mächtigsten Figuren der Kurie letztlich doch um gebrechliche, vom Schicksal gezeichnete Menschen handelt.

Es gelingt Robert Harris geschickt, den Widerspruch zwischen dem bis ins letzte Detail penibel institutionalisierten Ritus und der Fehlbarkeit des Menschen zu verdeutlichen. Konklave bietet einen von Pathos und Mystizismus befreiten Einblick in die inneren Strukturen, Konflikte und kirchenpolitischen Zusammenhänge des Vatikans, ohne das Tempo eines gut erzählten Thrillers zu gefährden. Und auch wenn es den letzten Twist am Ende wohl nicht gebraucht hätte: Die Einheit kommt in der Not.

Robert Harris: Konklave
Originaltitel: Conclave
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
München: Wilhelm Heyne 2016
352 Seiten, gebunden
21,99 €


„The madmen are in Power.“ Philip K. Dicks: „The Man in the High Castle“

„Perhaps if you know you are insane then you are not insane. Or you are becoming sane, finally. Waking up. I suppose only a few are aware of all this. Isolated persons here and there. But the broad masses … what do they think?“ (S. 44f.)

Was wäre, wenn …? Eine Frage, die in der Evolution existenzieller menschheitsgeschichtlicher Fragen wohl unmittelbar nach Quo vadis? und dem ganz grundsätzlichen Warum? entstanden ist.  Was wäre also, wenn der Krieg anders verlaufen wäre?

Die Welt des Jahres 1962 ist aufgeteilt zwischen den Siegermächten. Nach dem Sieg der Achsenmächte über die Alliierten ist die Welt gespalten in die vom Deutschen Reich besetzten Gebiete und das Großreich Japan. Eine demilitarisierte, neutrale Zone trennt das frühere Gebiet der USA in die von Deutschland besetzten Gebiete an der Ostküste und die Pazifischen Staaten von Amerika an der Westküste. Beide Mächte regieren mit eiserner Faust, die amerikanische Kultur ist praktisch vollständig unterdrückt und überlebt lediglich in der neutralen Pufferzone und als romantisiertes Sammelobjekt der japanischen Besatzer.

dick_castleInmitten des amerikanischen Besatzungsalltags kursiert ein begehrter Roman. Im Westen frei erhältlich, im Osten als illegale Bückware, schildert The Grasshopper Lies Heavy eine alternative, schockierende und fesselnde Zukunft, in der die Alliierten den Krieg gewonnen haben und die USA zur Weltmacht aufgestiegen sind. Zurückgezogen von der Welt hütet dessen Autor Hawthorne Abendsen das Geheimnis seiner Inspiration für den Roman und schützt sich in seinem angeblich festungsgleichen Domizil, dem „High Castle“, vor den Mordversuchen des deutschen Sicherheitsdienstes.

„It is not hubris, not pride; it is inflation of the ego to its ultimate – confusion between him who worships and that which is worshipped. Man has not eaten God; God has eaten man.“ (S. 46)

Im Gegensatz zur gleichnamigen Amazon-Serie unternimmt Dick im Roman nicht den Versuch, eine spannende Agentengeschichte zu erzählen. Vielmehr ist das zentrale Motiv das ständige Bestreben der Figuren, in einer als verschoben wahrgenommenen Welt zu überleben und sich den Gegebenheiten der Besatzung anzupassen, einen Platz in ihrer Welt zu finden. Die Orientierung bieten dabei zwei Bücher: Die alternative Realität des Grasshopper und das I Ching, welches als esoterisches Orakel die Geschicke der Menschen in der japanischen Besatzungszone bestimmt. Beide Bücher stehen dabei in einem entscheidenden Gegensatz. Währen Abendsens Zukunftsentwurf die Menschen zu konkretem Handeln aufruft, etwa den Mordversuchen deutscher Agenten oder das Bestreben der Yogalehrerin Juliana Frink, Abendsen sein Geheimnis zu entlocken, drängt das Orakel die Menschen zu Passivität und bietet lediglich mystifizierte Erklärungsversuche für das Geschehen.

Was Abendsen beschreibt, ist ein vermeintliches Utopia, in dem sich die Siegermächte zumindest vorerst um die Welt zu kümmern scheinen und statt kaltem Krieg und globalkapitalistischer Wirtschaft soziale Reformen vorantreiben. Doch Dick, als realer Autor, zeigt schon seinen Zeitgenossen, dass die realen Siegermächte an diesem Anspruch gescheitert sind und es zu diesem Utopia nie kommen wird. Selbst im pervertierten Gegenwartsentwurf der Romanhandlung trifft Kriegsveteran Joe Cinnadella mit seiner zynischen Prognose den Nagel auf den Kopf: „They’re both [die USA und Großbritannien] plutocracies, ruled by the rich. If they had won, all they’d have thought about was making more money, that upper class. Abendsen, he’s wrong; there would be no social reform, no welfare public works plans – the Anglo-Saxon plutocrats wouldn’t have permitted it.“ (S. 157)

Was Dick ebenfalls zeigt, ist kulturelle Unterdrückung in zwei Extremen. Auf der einen Seite die archaische Gewalttätigkeit der Nazis, mit ihrer gänzlich materialistischen Ideologie von Stärke, Blut und Rassenlehre – auf der anderen Seite der japanische Mystizismus, der vordergründig feinsinnige Glaube an Orakel, Ahnen und Vorhersagen. Und doch gleichen sich beide Systeme in ihrer Perfektionierung der Unterdrückung, ihrer Etablierung von Hierarchie und Rangordnung. Exemplarisch wird das an der reichen japanischen Oberschicht, die sich mit Amerikana umgibt und die amerikanische „Geschichte“ mit dem kuriosen Interesse eines Kolonialherrn studiert. „The American Way of Life“ existiert nur noch als Inszenierung. Trotz Steak und Kartoffelecken fühlt sich der Antiquitätenhändler Robert Childan bei seinen Kunden als Fremder im eigenen Land. Deutlich wird dies auch an der Sprache der Figuren, die sich mehr und mehr dem vereinfachten Englisch der Japaner angleicht, deren Idiom übernimmt und sich so auch sprachlich unterwirft.

Bei der Lektüre des Romans verflechten sich ganz von selbst drei Ebenen der Realität. Die des Lesers, die des Romans und jene der fiktiven Erzählung Abendsens. Philip K. Dick unternimmt dabei keinerlei Wertung und beschreibt keinen der Entwürfe als überlegen oder utopisch. Vielmehr lässt sich die Welt in allen Versionen trotz ihrer teils gravierenden Unterschiede wiedererkennen. Diese Unterschiede ergeben sich durch den Einfluss von Zufall, Unwirklichkeit und die wiederkehrende Frage nach der Authentizität der Realität: zentrale Elemente bei der Überlegung, was möglich gewesen wäre oder möglich sein könnte.

Die Überlegung, Was wäre passiert, wäre der Krieg anders ausgegangen?, war bereits in den 60er-Jahren müßig. Weder die Realität noch die beiden von Dick vorgestellten Alternativen konnten den Anspruch an eine ideale Gesellschaft erfüllen. Dick verdeutlicht, dass keine Welt perfekt ist und sich der Lauf der Geschichte zu keinem Zeitpunkt mit Präzision vorhersagen lässt. Und zugleich warnt Dick mit seiner verstörend präzise beobachteten Version davor, dass es immer schlimmer kommen kann. Gerade in Zeiten der aktuell aller Orten populären Regression in reaktionären Nationalismus ist The Man in the High Castle nicht nur ein verspieltes Was wäre, wenn? – Dicks Dystopie ist vielmehr eine deutliche Mahnung davor, was möglich wäre – oder zumindest, Was uns erspart geblieben ist.

Philip K. Dick: The Man in the High Castle
London: Penguin Essentials 2014
265 Seiten, Paperback
6,99 €

Der Roman ist in deutscher Übersetzung von Norbert Stöbe bei Fischer Taschenbuch unter dem Titel Das Orakel vom Berge erhältlich.