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Du hast, Siegfried, scheint mir, etwas zu erzählen: Siegfried Lenz‘ „So zärtlich war Suleyken“

„Der Alarm“, sagte mein Großvater, „ist gekommen zur unrechten Zeit. Könnte man ihn nicht, bitte schön, nach dem Frühstück geben?“
„Es handelt sich“, schrie Trunz, „um einen Alarm auf Schmuggler. Sie sind gesichtet worden an der Grenze. Zu dieser Zeit, nicht nach dem Frühstück.“
„Dann muß ich“, sagte Hamilkar Schaß, „auf den Alarm verzichten.“ (S. 16)

Masuren liege, so stellt Siegfried Lenz in seinen „diskreten Anmerkungen“ am Schluss des Erzählbandes So zärtlich war Suleyken fest, gewissermaßen „im Rücken der Geschichte“ und habe daher bislang praktisch keine größeren Persönlichkeiten von Weltrang hervorgebracht. Dies sieht die dann doch überraschend umfangreiche Liste masurischer Persönlichkeiten auf Wikipedia offenbar anders. Da Lenz selbst in jener Liste vertreten ist, offenbart sich an dieser Stelle gleich ein erster der von Lenz augenzwinkernd und mit großer Herzlichkeit porträtierten masurischen Charakterzüge: hintergründige Bescheidenheit.

So zärtlich war Suleyken erschien 1955 als erster Erzählband des masurischstämmigen Autors und soll eine „zwinkernde Liebeserklärung“ sein an die Region, ihre Menschen und Eigenheiten. In 20 kurzen Erzählungen stellt Lenz das Personal eines kleinen, trotz Namensgleichheit fiktiven Örtchens vor, das repräsentativ jenes „unscheinbare Gold der menschlichen Gesellschaft“ repräsentiere, das dem Autor zufolge die masurische Bevölkerung ausmacht.

Und so zeigt sich Suleyken in den Erzählungen als liebenswerte, verschrobene, zuweilen ins karikaturenhaft Absurde gesteigerte Örtlichkeit. Deren Bewohner trotzen mit einer tief verwurzelten Bauernschläue und bodenständigem Realismus Einflüsterungen, Aberglaube und gewissermaßen allen Annäherungsversuchen von außerhalb. So ist für sie der Zirkus durchaus ein Ereignis, bei dem man sich mit den Nachbarn und Verwandten austauschen, vielleicht ein paar Salzgürkchen naschen und etwas flanieren kann; so recht verstehen, weshalb man in der Manege mit Messern auf die doch ausnehmend höfliche Zirkusbesitzerin werfen sollte, kann man indes nicht.

Der Erzähler, der immer wieder seine teils komplizierten Verwandtschaftsbeziehungen zum Figurenrepertoire beteuert, tritt zwar selbst nie als handelnde Figur auf, ist aber über die Vorgänge in der Stadtgeschichte bestens informiert. Da ihm Lenz Spuren des masurischen Dialekts in den Mund legt und immer wieder durch Zwischenfragen oder Einschübe Mündlichkeit fingiert, wirken die Erzählungen wie fundierte Tatsachenberichte. Das wiederum macht den Charme der Erzählungen aus, dass sie eben nicht von einem Außenstehenden dargeboten werden, der sich vielleicht über die manchmal gar zu schrulligen Bewohner amüsieren könnte. Lenz‘ Figuren sind weder Dorftrottel noch Einfaltspinsel, sie sind fest in ihrem bodenständigen Leben verankert, herzlich und höflich, für jeglichen Firlefanz aber vollständig unzugänglich.

Auf die Frage beispielsweise, ob denn die Prophezeiung der örtlichen Wahrsagerin für den Kneipenwirt Ludwig Karnickel auch in Erfüllung gegangen sei, antwortet dieser mit hintergründiger Schläue: „Es ist, Stanislaw Griegull, alles gekommen wie prophezeit. Nur manchmal, Gevatterchen, hat es gekostet ein wenig Mühe, alles richtig zu machen.“ (S. 110) Lenz nennt diese Eigenheit „unterschwellige Intelligenz“, die mit „landläufigen Maßstäben“ nicht greifbar, nicht näher zu definieren und doch „auf erhabene Weise unbegreiflich“ sei.

So zärtlich war Suleyken ist eine launige, tiefgründige und zutiefst charmante Liebeserklärung an eine heute fast in Vergessenheit geratene Region. Schelmengeschichte und Posse, Gruselepisode und tapsig-dörfliches Liebesidyll wechseln sich, mit ebenfalls wechselndem und sich überschneidendem Figurenrepertoire ab. Es sind fiktive Erinnerungen an ein fiktives Örtchen – und doch machen Lenz‘ Erzählungen ein Stück Geschichte lebendig und ermöglichen einen kleinen, verschmitzten Blick in die Vergangenheit der Masuren.

Siegfried Lenz: So zärtlich war Suleyken
Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch 2013
128 Seiten, Taschenbuch
6,95€

Zitiert wurde nach der Ausgabe von 1983.

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Nordseemorde: Tilman Spreckelsens „Das Nordseegrab“ und „Der Nordseeschwur“

Bevor wir zur Sache selbst kommen, eine Erkenntnis: Einen Nordseekrimi in eine Ferienwohnung an der Nordsee mitzunehmen, ist praktisch Eulen nach Athen tragen für Anfänger. Interessanterweise fand ich in unserem wirklich reizenden Domizil einen weiteren Storm-Krimi vor, was mir nicht nur verlängerte Lesefreude bescherte, sondern auch die Erkenntnis, dass ich mir mit dem Nordseeschwur Band drei einer Reihe organisiert und als Urlaubslektüre vorgenommen hatte.

Nun, glücklicherweise war mit dem Nordseegrab Band eins vorrätig, also konnte ich von vorne beginnen. Leider fehlt jetzt das Interim Der Nordseespuk, für das Verständnis von Band drei hatte das lobenswerterweise aber keine negativen Auswirkungen. Also, zur Sache.

„Der arme Lüdersen wird ermordet, praktisch vor meinen Augen, und vom Mörder fehlt jede Spur. Auf dem Pfingstmarkt wird ein Lichtbild mit acht Porträts ehrenwerter Bürger gezeigt, und der Besitzer der Bude schwört Stein und Bein, dass er es noch nie gesehen hat und nicht weiß, wie es in seinen Schaukasten kommt. Mein Klient ist immer noch in Haft und lügt mich an oder schweigt beleidigt. Und mein Schreiber wird am helllichten Tag grün und blau geprügelt – pardon, ich meine, er ist bös gestürzt. Immerhin singt Husums Jugend in meinem Chor, eher eifrig als talentiert, aber was will man machen. Und in acht Wochen treten wir zum ersten Mal auf, Söt. Ich wünschte, es wären acht Monate.“ (Das Nordseegrab, S. 113f.)

Husum im Jahr 1843. Der junge Anwalt Theodor Storm bekommt von seinem Vater, dem ehrenwerten Advokat und Koogschreiber Johann Casimir Storm, einen persönlichen Schreiber engagiert, damit Junior in seiner eigenen Kanzlei – selbstredend auf eigene Kosten – erst einmal eigene Erfahrungen sammeln möge, bevor er in die väterliche Kanzlei einsteigen und gegebenenfalls dereinst die väterliche Nachfolge antreten könne.

Bereits wenig später wird auf dem stormschen Dachboden ein Bottich mit Blut und einer Leiche gefunden, die sich als Wachspuppe von Storm Senior herausstellt. Eine Warnung? Immerhin hat der Täter, einem Menetekel gleich, eine in Blut geschriebene Liste mit Namen Husumer Kaufleute hinterlassen. Als einer der Herren wenig später bei einer Landpartie im Wald erschlagen wird, werden Storm und sein Schreiber Peter Söt aufmerksam und finden erste Spuren einer finsteren Verschwörung, in die ein ganzes Dorf verwickelt zu sein scheint.

Storms Schreiber Söt ist es, durch dessen Augen der Leser die Geschichte erlebt. Er ist zugleich Erzählinstanz und eigentlicher Protagonist des Romans. Insbesondere im ersten Band ist es Söts eigene zwielichtig-mysteriöse Vergangenheit, die einen nicht unwichtigen Part zur Handlung beizutragen scheint. Spielt Söt gar ein doppeltes Spiel mit Storm? Söts ungleich berühmterer Arbeitgeber gerät dabei eher zwischen die Fronten, als wirklich Handlungsträger zu sein. Storm ist weder klassischer Ermittler noch Detektiv aus Eigenantrieb, auch wenn seine Kanzlei scheinbar ganz ohne Zutun zum Dreh- und Angelpunkt der Kriminalgeschichte wird. Der Inhaber arbeitet viel engagierter daran, das kulturelle Leben des verschlafenen Husums zu beleben, schreibt an eigenen Gedichten und einer Sagensammlung der Region (ist aber heimlich frustriert, weil seine Freunde erfolgreicher publizieren) und übt den Anwaltsberuf eigentlich nur seines Vaters wegen aus, der wollte, dass der Sohnemann „etwas ordentliches“ studiert. Man kennt das. Lebte Storm im Jahr 2017, er würde ziemlich sicher twittern.

Während der Fall im Nordseegrab sehr persönlich ist, wird es im Nordseeschwur politisch. Ein Jahr nach der Handlung von Band eins beteiligt sich Storm daran, ein Volksfest in einem der umliegenden Dörfer zu organisieren, wo rasch auch politische Reden und Lieder angestimmt werden. Revolutionsgeruch scheint sich unter die Seeluft zu mischen. Noch vor Beginn des Festes wird ein mysteriöser Besucher Storms brutal ermordet und auch auf dem Festgelände ereignen sich bald brutale Übergriffe. Stehen die Ermordeten in Verbindung? Was haben Metternichs Geheimpolizei und der glücklose Revolutionär Harro Harring damit zu tun? Bewahrheiten sich gar die anonymen Warnungen vor einem „Blutbad“ beim Volksfest der Friesen?

Söt und Storm ergänzen sich gut, auch wenn Storm trotz der sich in der Kleinstadt ansammelnden Todesfälle vordergründig etwas unbeteiligt scheint. Söt hingegen durchblickt das Ausmaß des Falls etwas schneller, scheint aber seinerseits dunkle Gestalten anzuziehen und ist oft widerwillig mittendrin, statt nur dabei. Das wirkt stellenweise etwas konstruiert, ohne aber direkt unglaubwürdig zu sein. Immerhin ist Husum klein und das düstere Netzwerk, aus dem sich Söt erst nach und nach zu befreien beginnt, offenbar allgegenwärtig. Von dieser Vergangenheit sagt sich Söt zum Ende des ersten Bandes allerdings los, ohne aber in der Folge von „mörderischen“ Zwischenfällen verschont zu bleiben. Nach all den Verwicklungen und Todesfällen sollte sich Söt nach Band drei zumindest einmal fragen, ob er nicht das Unheil irgendwie anzuziehen scheint.

Insgesamt sind beide Romane unterhaltsam und launig erzählt, auch wenn die Motivationen der Figuren an manchen Stellen etwas im Unklaren bleiben. Gerade Storm hätte – obwohl er die Titelfigur ist – etwas mehr Aufmerksamkeit durchaus verdient. Historisch sind die Romane präzise, stimmig und aufwändig recherchiert; der studierte Germanist, Historiker und FAZ-Redakteur Spreckelsen lässt hier nichts anbrennen. Sprachlich und handwerklich sind seine Storm-Krimis absolut wasserdicht. Tilman Spreckelsen gelingt ein lebendiges, atmosphärisch dicht gezeichnetes „Was-wäre-wenn“-Bild über den jungen, noch unbekannten Theodor Storm, das sich nicht zuletzt durch sein ungewöhnliches und kauziges Protagonistenduo und die gerade richtige Prise Schimmelreiter-Mystik positiv von gängigen Regionalkrimi-Topoi abhebt.

Tilman Spreckelsen: Das Nordseegrab
Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch 2015
272 Seiten, Taschenbuch
9,99€

Tilman Spreckelsen: Der Nordseeschwur
Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch 2017
240 Seiten, Taschenbuch
9,99€


Splitterfreuden: Brigitte Schwaigers „Wie kommt das Salz ins Meer“

„Beruf: Hausfrau, steht in meinem neuen Paß. Schnecke hätten sie besser geschrieben. Schnecke. Haare: gefärbt. Augen: braun. Besondere Kennzeichen: Keine, steht im Paß. Und ob. Man sieht sie nur nicht auf den ersten Blick. Besondere Kennzeichen: schlampig, ungerecht, undankbar, untüchtig, unrealistisch, unfroh, unzufrieden, faul, frech. Tisch decken, Tisch abräumen, Geschirr spülen, einkaufen, kochen, Tisch decken, Tisch abräumen, Geschirr spülen. Was koche ich zum Abendessen, dreihundertfünfundsechzigmal im Jahr die Frage: Was koche ich zum Abendessen? Sein oder Nichtsein, ob’s edler im Gemüt, was kosten jetzt die Tomaten?“ (S. 33)

Ihre Ehe ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt, aber eine bereits geplante Hochzeit absagen? So kurz zuvor? Wo doch schon alles geplant; so schöne Einladungen gedruckt und ein teures Restaurant gebucht ist? Nein, das geht wirklich nicht. Also durchstehen. Auch die Hochzeitsreise, natürlich Italien. Gardasee, Mailand, Florenz – übliche Stationen. Von den Spannungen, den Auseinandersetzungen und Vorwürfen wird man später im Fotoalbum nichts erkennen können. Eine schöne, eine vernünftige Hochzeitsreise.

Vernünftig, anständig, gutbürgerlich. Und die ständige Erwartung an die Protagonistin, wie deren Leben in der Vorstellung von Eltern, Familie und Ehemann zu verlaufen, wie sie sich zu verhalten und zu reagieren habe. In Ihrem Roman Wie kommt das Salz ins Meer zeichnet die Österreicherin Brigitte Schwaiger ein finsteres Sittenportrait der österreichischen Gesellschaft zum Ende der 70er-Jahre. Die Erzählerin berichtet fast lakonisch von ihrer Ehe und Kindheit, von einem Leben in der Erwartung der Anderen. Natürlich bist du frei – aber bitte im Rahmen der Konvention. Andere wären froh, wenn …

Aus ihren Ambitionen ist nichts geworden, die Universität hat sie ohne Abschluss und Perspektive verlassen. Schwaiger dokumentiert, wie schon die häusliche Enge der Familie jegliche Selbstständigkeit und Andersartigkeit unterdrückt und tabuisiert. Dementsprechend beklemmend ist die geschilderte Ehe, von der Schwaiger mit der oft etwas verträumten Sprache ihrer Protagonistin erzählt, die bemerkt, dass die Wände immer näher kommen, aber niemandem begreiflich machen kann, weshalb sie in ihrer doch so guten, anständigen Ehe so tief unglücklich ist und psychisch immer weiter zerbricht.

„Ich schrumpfe zu einem bitteren Kern, der sich ausspucken möchte.“ (S. 51)

So viel Enge, Piefigkeit, Spießbürgertum und Beklemmung müssten den Roman unerträglich, nicht lesbar machen. Insbesondere im Jahr 2017, wo der Rückblick die gesamte Szenerie noch altbackener, enger und irgendwie miefig-stockfleckig erscheinen lässt. Es gelingt Schwaiger jedoch, ihrer Protagonistin bei aller Verzweiflung einen trockenen, hintergründigen Witz mitzugeben. Dieser macht das Geschilderte erträglicher, da er als Kontrapunkt zu den präzise beobachteten sprachlichen Erniedrigungen des sozialen Umfelds auftritt und zugleich durch seine Subtilität die Gesellschaftskritik noch vernichtender macht.

Als Brigitte Schwaigers Erstling 1977 erschien, wurde der Roman ein sensationeller Erfolg und traf mit seiner Kritik offenbar ins Mark. Die muffige Szenerie ließ sich seinerzeit ohne größere Anstrengung auch auf das bundesdeutsche und deutschdemokratische Alltagsleben übertragen, auch dort traf die Kritik eine graugestrickte Konvention, in der jede weibliche Freude und Selbstbestimmung von einem Mann autorisiert werden musste.

„Ich wate in zerknüllten Sätzen“ (S. 73)

Diese Aktualität hat Schwaigers Roman freilich ein stückweit verloren, weshalb Wie kommt das Salz ins Meer ohne den zeitgeschichtlichen Kontext nur noch bedingt als reine Gesellschaftskritik funktioniert. Dennoch hat die die Auseinandersetzung über den Ehebegriff und die Vorstellungen davon, was eine „gute Ehe“ zu sein hat, wie sie sich zusammenzusetzen hat und wie die Rollen innerhalb der Beziehung zu verteilen sind, heute wohl mehr Brisanz als bei Erscheinen des Romans, als Konzepte wie gleichgeschlechtliche Ehe, Patchworkfamilien oder unverheiratetes Zusammenleben für das Gros der Gesellschaft wohl schlicht undenkbar waren. Wenn also heute in konservativen Kreisen von einem zu bewahrenden klassischen Ehebegriff mit althergebrachten Rollen- und Familienbildern schwadroniert wird, kann es nicht verkehrt sein, diesen reaktionären Männerphantasien ihr eigenes Zerrbild vorzuhalten, wie es Schwaiger schon 1977 getan hat.

Brigitte Schwaiger: Wie kommt das Salz ins Meer
Innsbruck: Haymon 2013
136 Seiten, Taschenbuch
9,95€

Zitiert wurde nach der rororo-Taschenbuchausgabe von 1980.


Algerische Erinnerungen: Yasmina Khadras „Die Schuld des Tages an die Nacht“

„Durch das offene Fenster, am nachtblauen Himmel, an dem wie ein Medaillon der Mond hängt, werde ich sie alle Revue passieren lassen, die Freuden, die Verfehlungen, die vertrauten Gesichter meines Lebens. In Zeitlupe. Ich höre sie schon heranrollen wie eine Lawine. Welche Auswahl soll ich treffen? Welche Haltung einnehmen? Ich drehe Pirouetten am Abgrund, bin ein Tänzer auf Messers Schneide, ein Vulkanforscher, dem am Rand des brodelnden Kraters die Augen übergehen; ich stehe am Tor zum Gedächtnis: jenem endlosen Stapel von Bändern mit Rohmaterial, wo wir archiviert sind […]“ (S. 405)

Ganz gleich, wie sehr sich der Mensch gegen sein Schicksal stellt, mit welch heroischer Anstrengung er den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen versucht; so sehr scheint er den Umständen, den Launen des Lebens und Verstrickungen seines Umfelds ausgeliefert zu bleiben. Es ist daher sicher kein Zufall, dass Yasmina Khadra seinen Roman Die Schuld des Tages an die Nacht mit der lakonischen Feststellung des Protagonisten „Mein Vater war glücklich.“ im Präteritum beginnen lässt.

Als ein wohl mutwillig gelegtes Feuer den winzigen Acker von Younes‘ Familie zerstört, bekommt der in ärmlichen Verhältnissen lebende Junge erstmals die Ungerechtigkeit der Welt und des französischen Kolonialismus im Algerien der 1930er Jahre zu spüren. Wie so viele ist die Familie gezwungen, ihr Land an die Kolonialmacht zu verpfänden und sich auf den Weg in die Stadt und damit in einen Moloch aus Elend, Hunger, Arbeitslosigkeit und Gewalt zu begeben.

In der Stadt Oran wird der zähe Wille von Younes‘ Vater, sich stets aus eigener Kraft aufzurichten, vollständig gebrochen. Als letzte Aufopferung gibt der Vater Younes an seinen kinderlosen Bruder, der dem Jungen ein sicheres Leben im europäischen Teil der Stadt ermöglichen soll. Damit wird aus dem Araberjungen Younes der Apothekersohn Jonas, der es im beschaulichen Winzerstädtchen Río Salado selbst zum Apotheker und etwas Wohlstand bringt. Und doch bleibt er, der aus dem Elend Gerettete, in der neuen Welt der Unglückliche, der an seinem persönlichen Schicksal hadert, ja stellenweise ganz verzweifelt.

Younes/Jonas engagiert sich nicht wie sein Onkel in der algerischen Unabhängigkeitsbewegung und kann mit dem hitzigen Charakter seiner Zeit wenig anfangen. Aus der Politik versucht er sich herauszuhalten und bleibt doch ein Sinnbild für sein Land; bleibt der aus der zusammengebrochenen algerischen Vergangenheit stammende Junge, der es durch Glück und Fleiß in der Kolonialgesellschaft zu etwas gebracht hat und doch nie so ganz dazugehört, nie ganz seinen Platz zu finden scheint und dessen persönliche Suche nach Glück stets auf der Kippe steht.

Younes/Jonas ist von Khadra nicht als Schwächling oder Verlierertyp angelegt, sondern als empfindsamer Beobachter, der lieber sein persönliches Glück aufgibt, als seine neutrale Position zu verlassen. Es liegt ihm fern, in der sich immer weiter spaltenden Gesellschaft aktiv Stellung zu beziehen. Diese Unentschlossenheit kann als Schwäche des Romans ausgelegt werden und macht Younes/Jonas zu einem schwierigen Sympathieträger. Und doch rührt seine Unentschlossenheit nie aus völliger Gleichgültigkeit, sondern vielmehr aus einem melancholischen Hang zur Grübelei und einem Hadern an der Verständnislosigkeit der anderen.

Seine stets auf Messers Schneide changierende Suche nach einem Platz im Leben macht Younes/Jonas zur Parabel für die turbulente Umbruchzeit in Algerien, in der zwischen Elend, Gewalt, kolonialer Ausbeute und zunehmend radikalisiertem Freiheitskampf die leisen, nachdenklichen Stimmen kein Gehör mehr finden und unterzugehen drohen. Vordergründig sind Khadras Protagonist und der Roman nicht aktiv politisch. Dennoch zeigt Younes/Jonas aus einer gleichsam nüchternen wie entrückten Beobachterposition heraus exemplarisch das Scheitern der algerischen Vergangenheit und die schwierige Suche eines Landes nach einer neuen Identität.

Khadras Die Schuld des Tages an die Nacht breitet vor dem Leser 70 Jahre algerischer Geschichte von der französischen Kolonialzeit bis in die Gegenwart aus; ein nostalgisches, enthusiastisches, zuweilen aber auch pathetisch-verklärtes Panorama einer vergangenen Zeit, die jäh von Gewalt und Bürgerkrieg zerrissen wurde. Eine Psychologisierung oder gar Erklärung der Gewalt und Ungerechtigkeit sucht man in Khadras Roman vergeblich. An mancher Stelle wäre es wünschenswert, würde das Verhalten der Figuren genauer erklärt, auch um den Figuren und weltpolitischen Zusammenhängen mehr Tiefe zu geben. Doch Khadra hat mit seinem Roman trotz vordergründiger Konzentration auf Younes/Jonas und den Mikrokosmos Río Salado immer das große Ganze im Blick: Ein Panorama einer zerbrochenen Zeit und eine Liebeserklärung an ein untergegangenes Land.

Yasmina Khadra: Die Schuld des Tages an die Nacht
Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe
Berlin: List Taschenbuch 2011
416 Seiten, Taschenbuch
9,99 €


Sherlock Gently: William Ritters „Jackaby“

„Hatun sieht eine andere Welt als Sie oder ich. […] Sie hat die Stadt und ihre Bewohner bereits unzählige Male vor irgendwelchen Ungeheuern gerettet. Dass diese Kämpfe für gewöhnlich nur in ihrem Kopf stattfinden, schmälert nicht ihre Tapferkeit. Die schwersten Kämpfe ficht man stets im Kopf aus.“ (S. 117)

Abigail Rook trifft im Winter 1892 in der amerikanischen Kleinstadt New Fiddleham ein und kann stolz die drei Problemklassiker jeder Abenteuergeschichte auflisten: kein Geld, kein Job, kein Dach über dem Kopf. Nachdem sie ihre Karriere vielversprechend mit einer kurzfristigen Beschäftigung als Tellerwäscherin beginnt, stolpert sie – einige Absagen und Altherrenwitze später – in die Dienste von R. F. Jackaby. Dieser ist Spezialist für „ungeklärte Phänomene“ und eine Art Seher, der übernatürliche Wesen, Geister und Kobolde wahrnehmen kann. Meist wird er von der örtlichen Polizei aber eher fest- als ernst genommen, was auch die großzügigen Rücklagen für Kautionszahlungen erklärt.

Schon der erste gemeinsame Fall hat es in sich: Ein Serienmörder hat es auf Bürger der Stadt und deren Blut abgesehen. Jackaby ist überzeugt, dass der Täter keinesfalls menschlicher Natur sein kann und nimmt die Ermittlungen auf, in deren Verlauf Abigail Banshees, Gestaltwandlern, Geistern und einem in eine Ente verwandelten früheren Assistenten begegnen wird.

William Ritters Idee, die klassische Detektivgeschichte mit Fantasy und Geistern zu kombinieren, hat durchaus Potenzial. Jackaby als schrullig-absurder Protagonist weiß durch seine kuriosen Eigenheiten zu unterhalten. Mit seinen Sonderlichkeiten wirkt Jackaby wie eine Mischung aus Sherlock Holmes und Dirk Gently, ohne jedoch ganz an die Qualitäten seiner Vorbilder heranzureichen. Hinzu kommt, dass Jackabys merkwürdiges Verhalten oft nicht ausreichend erklärt wird, was nicht nur Abigail, sondern auch den Leser unschlüssig zurücklässt. Es entsteht der Verdacht, dass Ritter das schrullige Verhalten seines Detektivs nutzt, um Plotlöcher zu kitten oder allzu offensichtliche Deus-Ex-Machina-Momente zu verhindern. Das wirkt jedoch selbst vor dem Fantasy-Kontext etwas billig.

Leider überzeugen die restlichen Figuren des Romans nicht. Abigail scheint nur die Funktion zu haben, sich unaufhörlich über die fantastischen und übernatürlichen Absonderlichkeiten zu wundern und Jackaby bei seinen erratischen Wanderungen hinterherzulaufen. Zu den Ermittlungen trägt sie nicht wesentlich bei, ihr Charakter bleibt über den gesamten Handlungsverlauf enttäuschend blass. Ihre sich andeutende Liebelei ist dabei allenfalls augenrollwürdig. Auch bei den übrigen Figuren wird zu oft deutlich, dass sie lediglich existieren, um den Plot voranzubringen. Sie haben meist wenig bis keine Tiefe, lediglich eine Funktion für die Handlung.

Wirklich störend sind hingegen Klischees und Kalauer, insbesondere am Anfang des Romans. Natürlich ist die rothaarige Frau Irin. Natürlich simuliert Abigail einen Schwächeanfall, um den (natürlich) dumpf-bräsigen Polizisten abzulenken und (natürlich) fühlt sie sich schlecht dabei, weil vermutlich sogar der Autor selbst weiß, wie ausgenudelt dieser Topos ist. Ritter versucht an vielen Stellen, einen an Terry Pratchett erinnernden humorigen Ton anzuschlagen, vergreift sich aber immer wieder in den Saiten, sodass viele Witze konstruiert und deplatziert wirken.

Der Roman wird im Verlauf besser und nimmt nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich Fahrt auf. Es ist erkennbar, dass Ritter im Lauf des Schreibens zu seinem eigenen Stil gefunden hat. Als Leser würde man sich jedoch wünschen, dass er den Anfang des Romans noch einmal überarbeitet und geglättet hätte. So bleibt Jackaby trotz der vielversprechenden Idee leider hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Oh, und eines möchte man Herrn Ritter immer wieder entgegenschreien: Nicht Archäologen graben nach Dinosauriern. Das waren auch 1892 schon Paläontologen.

William Ritter: Jackaby
Aus dem Englischen von Dagmar Schmitz
München: cbt 2016
320 Seiten, Taschenbuch
9,99 €


Tote Schweine fühlen nicht: Warren Ellis’ „Dead Pig Collector“

„Standing in the kitchen, facing Mister Sun, was a tall woman with very wide eyes. Lying in the kitchen, also facing Mister Sun, was his client, also with very wide eyes, and in addition sporting a superb Chinese chef’s knife in his head.” (S. 18)

Die Sachlage verkomplizierte natürlich den Auftrag von Mister Sun. Zugegeben, sein Auftraggeber war ein gehöriger Kotzbrocken, aber das hatte sich ja nun erledigt. Technisch betrachtet müsste er sich eigentlich um nichts mehr kümmern, wäre da nicht sein eigentliches Ziel, das ihn mit leichter Panik in der Stimme um Hilfe gebeten hatte. Mister Sun war kein Killer. Mister Sun entsorgte professionell Leichen und würde nun improvisieren müssen. Mister Sun war gut im Improvisieren.

Was folgt, ist ein bizarres und makabres Kammerspiel. Mister Sun, Protagonist in Warren Ellis’ Kurzgeschichte Dead Pig Collector, macht sich an die Arbeit und entsorgt, unter zunehmend faszinierterer Beobachtung von Amanda, die Leiche seines vormaligen Klienten. Fachmännisch, mit geübten und handwerklich geschulten Handgriffen. Dabei kommt er mit Amanda ins Gespräch, führt sie in seine Kunst ein und erklärt ihr die Arbeitsschritte.

„‘So, why have we drained all the blood out of the bastard?” Amanda asked. Mister Sun had torn one of his heavy duty sacks off the roll and was shaking it open. ‘Because it’s going to make it much easier and cleaner to joint him.’ Amanda just looked at him. ‘I wouldn’t have expected that.’” (S. 44)

Innerhalb der wenigen Seiten, die Ellis für seine Erzählung benötigt, entspannt sich eine feine Beziehung zwischen Sun und Amanda, die trotz der grotesken Begleitumstände fast so etwas wie Nähe aufkommen lässt. Für Amanda scheint sich durch den brachialen Tod ihres früheren – und abservierten – Liebhabers ein Ausweg aus einem langweiligen kalifornischen Oberklasseleben aufzutun, und auch Suns Alltag ist geprägt von Routinen, wenn auch nicht im Sinne eines klassischen Neun-bis-Fünf-Jobs.

Entspannt sich also eine Liebesgeschichte, ein Bonnie-und-Clyde-Abenteuer? Die Bausteine dafür sind jedenfalls vorhanden. Doch immer, wenn sich das Menschliche in den Vordergrund zu rücken versucht, drückt es Ellis mit staubtrocken eingeflochtenen Details wieder zurück und erinnert daran, dass Sun und Amanda gerade eine Leiche zerstückeln.

Das führt zu morbiden, teilweise krassen Gegensätzen, deren Bildlichkeit nichts für Zartbesaitete ist. Sprachlich bleibt sich Ellis treu, ohne dabei in die Derbheit von Crooked Little Vain oder Transmetropolitan zu wechseln. Vielmehr bildet der elaborierte Umgang, den Sun und Amanda pflegen, einen überzeugenden Kontrast zur plastisch (aber nie voyeuristisch) geschilderten Handlung, der die Erzählung davor rettet, in Richtung Pulp abzudriften. Dead Pig Collector ist eine finstere und zugleich urkomische Kurzgeschichte; eine makabre Parabel auf den aussichtslosen Kampf gegen den Alltagstrott – und Warren Ellis in Bestform.

Warren Ellis: Dead Pig Collector
New York City: Farrar, Straus and Giroux 2013
29 Seiten (printäquivalent), E-Book
ab 0,99 €


„Orwell“: Sei der Große Bruder

„Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ (George Orwell)

Ein Marktplatz einer europäisch anmutenden Stadt. Straßencafés, Geschäfte, ein Denkmal und Tauben. Menschen hetzen zum Bus, bummeln in die Läden und gehen ihrer Wege, als eine Explosion den Platz erschüttert und Passanten in den Tod reißt.

Ein Terroranschlag – und weitere sind zu erwarten. Bereits in der Vergangenheit gab es Demonstrationen gegen das neue Sicherheitsgesetz der Regierungspartei, nun also Gewalt und Todesopfer. Die Regierung gerät in Erklärungsnot und setzt erstmals das im Geheimen entwickelte Überwachungssystem „Orwell“ ein, das in Echtzeit die Ermittlungen im Cyberspace vorantreiben soll.

Als Spieler von Orwell ist man einer dieser Ermittler und Teil der Überwachung.

Das von den kleinen Hamburger Osmotic Studios entwickelte Spiel Orwell zeigt eine Welt, in der die totale Überwachung alltäglich ist und die Privatsphäre des Einzelnen der vermeintlichen Freiheit und Terrorabwehr geopfert wurde. Auf bloße Verdachtsmomente hin werden Profile erstellt und Daten gesammelt, Verbindungen gezogen und Dossiers erweitert. Die Aufgabe des Spielers ist es, Webseiten, soziale Medien und E-Mails zu durchforsten und wichtige Daten in das System „Orwell“ zu übertragen. Immer tiefer dringt der Spieler in das Privatleben der überwachten Personen ein und stößt von Beginnn an auf das erste Dilemma: Einmal übertragene Daten lassen sich nicht wieder aus dem System entfernen.

© Osmotic Studios / Suprise Attack Games

Jede Handlung, jede Entscheidung, jedes Datenfragment hat Konsequenzen. Das differenzierte Bild, das sich der Spieler von den agierenden Figuren macht, wird gefiltert und für den Staat in Nullen und Einsen, in Kategorien und einfache Fakten aufgeschlüsselt. Im Scherz getätigte Äußerungen in den sozialen Medien können so zu Foltervorwürfen in der Personenakte werden.

Spätestens beim Sammeln der Daten ertappt sich der Spieler, wie er eigenen Vorurteilen aufliegt, Präferenzen setzt und einzelne Figuren bevorzugt. Erscheint eine Figur sympathisch, lässt der Spieler vielleicht ein pikantes, potenziell diskreditierendes Detail weg; gibt dafür aber bei ihm verdächtigen Personen jedes inkriminierende Detail weiter.

Die Konsequenzen daraus sind unmittelbar und für den Spieler nicht zu steuern. Die Rückschlüsse aus den Datenfragmenten ziehen andere im Überwachungssystem, es ist nicht der Spieler selbst, der Indizien verknüpft und Haftbefehle anweist. Es bleibt daher für den Spieler neben dem unangenehm voyeuristischen Aspekt immer auch der fade nachklingende Geschmack des Zweifels. Eilig übermittelte Daten können zur Festnahme eines Unschuldigen führen oder einen Anschlag verhindern. Daten entscheiden in Orwell über die Zukunft von Menschenleben.

© Osmotic Studios / Suprise Attack Games

Durch diesen menschlichen Faktor verdeutlicht Orwell die Schwäche jedes von Menschen geführten Systems. Die Überwachung bleibt fragmentarisch und ist weder absolut noch unvoreingenommen oder fehlerfrei.

Letzten Endes läuft es darauf hinaus, welche Informationen der Einzelne über sich preisgibt. Sei es in sozialen Netzwerken, in E-Mails oder in der alltäglichen Kommunikation. Aus all diesen Fragmenten lässt sich ein Bild zeichnen, dass je nach angelegter Schablone bestimmten Mustern folgt, gerade weil es fragmentarisch ist und so jeden irgendwie verdächtig macht.

Trotz der offensichtlichen Verweise ist Orwell aber nicht wie 1984 eine Metapher für einen Unterdrückungsstaat. Vielmehr thematisiert das Spiel auf eindrucksvolle Weise das Paradoxon zwischen übergriffiger staatlicher Überwachung auf der einen und ungehemmter Proklamierung privater Details im Internet auf der anderen Seite.

Auch wenn Orwell die Notwendigkeit eines gewissen Grades staatlicher Sicherheitsstrukturen akzeptiert, liegt dem Spiel ein deutliches und überzeugendes Bekenntnis zu einem freien Austausch von Meinungen und einem freien Internet zugrunde. Zugleich verdeutlicht die Handlung, wie Menschen aufgrund früherer Handlungen bewertet und kategorisiert werden und wie sich unbedachte Äußerungen negativ auf die Zukunft auswirken können.

Mit seiner politischen Botschaft, die Entwickler Daniel Marx eher als Mahnung zum vorsichtigen Umgang mit persönlichen Daten im Netz begreift, erinnert Orwell an den banalen, alltäglichen Terror von Papers, Please, ohne jedoch eine gleichermaßen düstere Dystopie zu zeichnen. Die Welt von Orwell ist kein faschistoider Unrechtsstaat, sondern eine moderne, bunte Demokratie. Dass der Spieler nicht Widerstandskämpfer, sondern Zahnrädchen im Apparat ist, ermöglicht ihm eine immersive und vielschichtige Perspektive. Es obliegt letztlich ihm, in welche Richtung und wie stark das Pendel zwischen persönlicher Freiheit und staatlicher Überwachung ausschlägt. Zugleich aber kann er sich dem System nicht völlig verweigern, da er selbst ein Teil davon und abhängig von dessen Erfolg ist.

© Osmotic Studios / Suprise Attack Games

Oft heißt es, das Internet sei wie eine Sandfläche, auf der man immer Spuren hinterlasse, egal wie vorsichtig man sich auf ihr bewege. Genau wie jeder Schuhabdruck, jeder weggeworfene Kaugummi oder eine verlorene Brieftasche etwas über den Besitzer verrät, genauso ermöglicht auch das Internet mit jedem Datenfragment, jedem Tweet und jedem Kommentar auf Facebook Rückschlüsse auf den Urheber.

Das Internet ist aber keine einfache Sandfläche, sondern eher die Oberfläche des Mondes; in deren Staub sich jeder Makel der Schuhsole perfekt abbildet. Ohne die in jeder Wüste wehenden Winde bleiben die Spuren aber bestehen und geben lange Zeugnis von jedem gegangenen Schritt – ganz gleich, in welche Richtung man einst ging.

Orwell
Genre: Narrative Exploration
Plattform: PC (Win/Linux), Mac
Erhältlich über Steam für 9,99 €.