Archiv der Kategorie: Lyrik

Haiku. Sieben.

05-10-15

„Erhaben“, vom 5. Okt. 2015

Bereits im Oktober vergangenen Jahres überraschte das bislang auf dem Feld der Lyrik völlig unbekannte Autorenkollektiv „bEeMwE“ auf den Titelseiten der FAZ mit einer feinen Anthologie streng komponierter Haiku, die allerdings im deutschlandweiten Feuilleton weitestgehend unbeachtet blieb. Kleine Meisterstücke wie Offenbarung, Höhenflug oder Erhaben entzogen sich dem Blick der Kritiker, vielleicht auch und gerade durch ihre subtile Positionierung an ungewöhnlicher Stelle links neben dem Titel der Zeitung. „Hidden in Plain Sight“ wurde so praktisch zum subtil-inoffiziellen Untertitel der ersten, titellos gebliebenen Anthologie.

"Offenbarung", vom 15. Okt. 2015

„Offenbarung“, vom 15. Okt. 2015

Nun, etwa ein Jahr später, legt das Kollektiv einen weiteren Zyklus nach, der an gewohnter Stelle auf dem Titel der FAZ erscheint und gleichsam einer zweiten „Frankfurter Anthologie“ an den Erfolg des Vorgängers anzuknüpfen versucht. Wieder präsentieren die weiterhin unbekannten Autoren der Gemeinschaft Kurzlyrik im japanischen Haiku-Stil, stets in Verbindung mit polychromen Aquarellminiaturen.

Thematisch folgt die zweite Anthologie mit Titeln wie Verantwortung, Regeneration oder Vereinte Kraft aktuellen Trends. Motive und Topoi wie die Suche nach regenerativen Energien, der Klimawandel und die spannungsvolle Dichotomie zwischen technologisiert-moderner Urbanität und ökologisch-anachronistischem Landleben werden deutlich.

"Lautlos", vom 20. Sept. 2016

„Lautlos“, vom 20. Sept. 2016

Trotz der auf den ersten Blick unverkennbaren Gemeinsamkeiten kann diese zweite Ausgabe formell und qualitativ jedoch nicht mit dem Erstling mithalten. Stellenweise scheint den Autoren die vor einem Jahr noch vorhandene Leichtigkeit abhandengekommen zu sein, mit der etwa in Erleuchtung und den Versen „Der Strahl wie Sonnenlicht / Die Dunkelheit flieht“ große, gar existenzialistische Themen mit wenigen Worten umrissen und in hochkonzentrierte poetische Form gegossen wurden.

Formell brechen die neuen Stücke eher evolutionär als revolutionär mit der konventionellen 5-7-5-Form klassischer Haiku. Zugleich jedoch verlieren die neuen Gedichte an sprachlicher und inhaltlicher Qualität und Spannkraft. Die progressive Silbenstruktur in Verantwortung wird so konterkariert von den fast schon pathetisch anmutenden Versen „Das Beste aus zwei Welten, / weil wir nur eine haben.“

Die bislang erschienenen Haiku wirken farblos, flach und uninspiriert, ihre Sprache kann mit der Leichtigkeit des vergangenen Jahres nicht mithalten. Die bis heute erschienenen fünf Gedichte, wobei die Dopplung von Verantwortung jeweils am Freitag eine formelle Klammer zu bilden und die Signifikanz des Gesamtmotivs zu unterstreichen scheint, können insgesamt nur enttäuschen und lassen Haiku-Liebhaber in der Hoffnung auf Besserung bei einer möglichen nächsten Ausgabe zurück.

 

Anmerkung: Natürlich handelt es sich bei den Gedichten um eine clevere Marketing-Aktion, mit der die BMW Group im Oktober 2015 die Vorzüge des damals neu erschienenen BMW 7ers in poetischer Nonchalance präsentierte. Jetzt kommt der 7er in der Hybridversion iPerformance auf den Markt und in München versucht man anzuknüpfen. Leider verfehlt die Kampagne dieses Mal ihre Wirkung, was nicht ganz ohne Ironie bleibt: Der Hybrid-7er soll leicht und entspannt wirken, die Gedichte indes wirken etwas verkrampft und platt.

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Kein guter Stern für den Sternenkrieger – Welle: Erdballs „Starfighter F-104G“

Ein Gastbeitrag meinerseits für die Bamberger Anthologie „Deutsche Lieder“.

Leider scheint WordPress die Formatierung des ursprünglichen Beitrags zu zerlegen, wenn man versucht, diesen auf korrektem Weg zu teilen. Hier daher ein kurzer Auszug:

„Das nächste Lied handelt von einem Flugzeug.“ Der Titel Starfighter F-105G der Hannoveraner Minimal-Elektro-Formation Welle: Erdball hat – trotz oder gerade wegen seines eher zynisch-düsteren Hintergrunds – in der Szene Kultstatus erlangt. Die stampfenden Rhythmen machen den Titel zu einem idealen Lied für die Tanzfläche, wo ganz bewusst der im Lied thematisierte Kontrollverlust erreicht werden soll. Kontrolle ist das zentrale Thema des Liedes. Nicht nur das Sänger-Ich, das mit seinem Flugzeug abzustürzen droht, auch die realen Piloten in den Kampfflugzeugen vom Typ Lockheed F-104 „Starfighter“ rangen um die Kontrolle über sich und ihre Maschinen. Letzten Endes mussten selbst die Politiker in der sogenannten Starfighter-Affäre eingestehen, dass sie die Kontrolle über die Vorgänge im Rahmen der Beschaffung, Umrüstung und Verwendung der Flugzeuge verloren hatten.

Deutsche Lieder. Bamberger Anthologie

Welle: Erdball

Starfighter F-104G

Mein Name ist Joachim von Hassel. Ich bin Pilot der Bundeswehr und sende euch aus meinem Flugzeug den Funkspruch, den niemand hört. (Kontrolle!) Verzweifelt drücke ich die Tasten, doch das Fahrwerk fährt nicht aus. Gefangen in der Welt der Technik. Gefangen in einem Sarg aus Stahl. Dies ist mein letzter Flug in meine Ewigkeit. Doch ich habe keine Angst, denn du bist bei mir. Du bist bei mir! Mein Name ist Joachim von Hassel, und mein Vater wird stolz auf mich sein. Denn ich bin schneller als der Schall, und ich nehme euch jetzt alle mit. Verzweifelt regel’ ich die Schubkraft, doch das Triebwerk reagiert nicht mehr. Gefangen in der Welt der Technik. Gefangen in einem Sarg aus Stahl. Dies ist mein letzter Flug in meine Ewigkeit. Doch ich habe keine Angst, denn du wirst bei mir sein. Und auch der Schleudersitz bricht mir nur…

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Der moderne Panther

„Ein Gedicht!“ heißt es wöchentlich auf der letzten Seite der Zeit, und die Leser sind aufgerufen, klassische Werke der Lyrik in neues Licht zu rücken. Und so entstehen unter dem Eindruck mal großer, mal kleiner Begebenheiten neue Interpretationen bekannterer oder unbekannterer Gedichte.

Diese Woche ist es wie so oft zuvor Der Panther. Mein Eindruck mag mich täuschen, doch mir scheint, Rilkes Verse sind tatsächlich die am meisten interpretierten in dieser kuriosen Anthologie.

Das hat er gut gemacht, der Rilke, mit seiner Beobachtung des (post-)modernen Menschen. Nicht wahr?

 

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

In: Rilke, Rainer Maria: Neue Gedichte. Leipzig: Insel 1907, S. 37.


bluehirsch | Clara Hirschmanner

Zwischen sanfter Sprache und heiter ironischen Spielideen bewegt sich die österreichische Künstlerin Clara Hirschmanner, aka bluehirsch. Auf ein bestimmtes Image oder gar eine einzelne Kunstform lässt sich die vielseitige Linzerin allerdings nicht festlegen. Sie ist an verschiedenen Gemeinschaftsprojekten beteiligt, stickt nerdige 8-bit-Bilder in Buttongröße und entwirft performative Spiele, einer nach eigener Aussage in Österreich eher unterschätzten Kunstform.

 

Neubeginn

Völlig aufgehen in den Klängen,
die die Welt durchziehen und
ein dumpfes Rauschen in meiner
Ohrmuschel zurücklassen,
welches an die Wellen des Meeres
erinnert. Mit Seemöwen und
Tagpfauenaugen Pirouetten durch
die Landschaft ziehen. Und mir
meinen Weg durch Lebenswelten
wie eine Dampflok bahnen.

Hüpfend wie ein kleines Kind
die Pfützen zu Ozeanen erklären.
Mutig mit den Schatten an den Wänden
neue Abenteuer bestreiten und
der geheime Geschichte der
Schranktüre lauschen. Bis alles
in tiefer Geborgenheit endet,
und wir am Anfang angekommen sind.

 

In Ihren Gedichten zeichnet sie feine Gedankenbilder von Sehnsucht, Ein- und Zweisamkeit, Fernweh und Erinnerung. Mit verspielt-vertrauter Sprache, die nur auf den ersten Blick leise erscheint, wandert sie in ihren Texten durch Regennächte und Winternachmittage, um mit feinem Gespür die besonderen Momente im Alltag zu erfassen. Die vordergründig eingesetzte Melancholie läuft dabei keinesfalls Gefahr, zum Kitsch abzugleiten, sondern wirkt eher wie ein Katalysator und schafft Raum, um die Gedanken hoffnungsvoll schweifen zu lassen.

Nachzulesen sind ihre empfehlenswerten Gedichte in ihrem Lyrikblog. Mehr über ihre Person und Projekte findet sich auf bluehirsch.at.