Algerische Erinnerungen: Yasmina Khadras „Die Schuld des Tages an die Nacht“

„Durch das offene Fenster, am nachtblauen Himmel, an dem wie ein Medaillon der Mond hängt, werde ich sie alle Revue passieren lassen, die Freuden, die Verfehlungen, die vertrauten Gesichter meines Lebens. In Zeitlupe. Ich höre sie schon heranrollen wie eine Lawine. Welche Auswahl soll ich treffen? Welche Haltung einnehmen? Ich drehe Pirouetten am Abgrund, bin ein Tänzer auf Messers Schneide, ein Vulkanforscher, dem am Rand des brodelnden Kraters die Augen übergehen; ich stehe am Tor zum Gedächtnis: jenem endlosen Stapel von Bändern mit Rohmaterial, wo wir archiviert sind […]“ (S. 405)

Ganz gleich, wie sehr sich der Mensch gegen sein Schicksal stellt, mit welch heroischer Anstrengung er den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen versucht; so sehr scheint er den Umständen, den Launen des Lebens und Verstrickungen seines Umfelds ausgeliefert zu bleiben. Es ist daher sicher kein Zufall, dass Yasmina Khadra seinen Roman Die Schuld des Tages an die Nacht mit der lakonischen Feststellung des Protagonisten „Mein Vater war glücklich.“ im Präteritum beginnen lässt.

Als ein wohl mutwillig gelegtes Feuer den winzigen Acker von Younes‘ Familie zerstört, bekommt der in ärmlichen Verhältnissen lebende Junge erstmals die Ungerechtigkeit der Welt und des französischen Kolonialismus im Algerien der 1930er Jahre zu spüren. Wie so viele ist die Familie gezwungen, ihr Land an die Kolonialmacht zu verpfänden und sich auf den Weg in die Stadt und damit in einen Moloch aus Elend, Hunger, Arbeitslosigkeit und Gewalt zu begeben.

In der Stadt Oran wird der zähe Wille von Younes‘ Vater, sich stets aus eigener Kraft aufzurichten, vollständig gebrochen. Als letzte Aufopferung gibt der Vater Younes an seinen kinderlosen Bruder, der dem Jungen ein sicheres Leben im europäischen Teil der Stadt ermöglichen soll. Damit wird aus dem Araberjungen Younes der Apothekersohn Jonas, der es im beschaulichen Winzerstädtchen Río Salado selbst zum Apotheker und etwas Wohlstand bringt. Und doch bleibt er, der aus dem Elend Gerettete, in der neuen Welt der Unglückliche, der an seinem persönlichen Schicksal hadert, ja stellenweise ganz verzweifelt.

Younes/Jonas engagiert sich nicht wie sein Onkel in der algerischen Unabhängigkeitsbewegung und kann mit dem hitzigen Charakter seiner Zeit wenig anfangen. Aus der Politik versucht er sich herauszuhalten und bleibt doch ein Sinnbild für sein Land; bleibt der aus der zusammengebrochenen algerischen Vergangenheit stammende Junge, der es durch Glück und Fleiß in der Kolonialgesellschaft zu etwas gebracht hat und doch nie so ganz dazugehört, nie ganz seinen Platz zu finden scheint und dessen persönliche Suche nach Glück stets auf der Kippe steht.

Younes/Jonas ist von Khadra nicht als Schwächling oder Verlierertyp angelegt, sondern als empfindsamer Beobachter, der lieber sein persönliches Glück aufgibt, als seine neutrale Position zu verlassen. Es liegt ihm fern, in der sich immer weiter spaltenden Gesellschaft aktiv Stellung zu beziehen. Diese Unentschlossenheit kann als Schwäche des Romans ausgelegt werden und macht Younes/Jonas zu einem schwierigen Sympathieträger. Und doch rührt seine Unentschlossenheit nie aus völliger Gleichgültigkeit, sondern vielmehr aus einem melancholischen Hang zur Grübelei und einem Hadern an der Verständnislosigkeit der anderen.

Seine stets auf Messers Schneide changierende Suche nach einem Platz im Leben macht Younes/Jonas zur Parabel für die turbulente Umbruchzeit in Algerien, in der zwischen Elend, Gewalt, kolonialer Ausbeute und zunehmend radikalisiertem Freiheitskampf die leisen, nachdenklichen Stimmen kein Gehör mehr finden und unterzugehen drohen. Vordergründig sind Khadras Protagonist und der Roman nicht aktiv politisch. Dennoch zeigt Younes/Jonas aus einer gleichsam nüchternen wie entrückten Beobachterposition heraus exemplarisch das Scheitern der algerischen Vergangenheit und die schwierige Suche eines Landes nach einer neuen Identität.

Khadras Die Schuld des Tages an die Nacht breitet vor dem Leser 70 Jahre algerischer Geschichte von der französischen Kolonialzeit bis in die Gegenwart aus; ein nostalgisches, enthusiastisches, zuweilen aber auch pathetisch-verklärtes Panorama einer vergangenen Zeit, die jäh von Gewalt und Bürgerkrieg zerrissen wurde. Eine Psychologisierung oder gar Erklärung der Gewalt und Ungerechtigkeit sucht man in Khadras Roman vergeblich. An mancher Stelle wäre es wünschenswert, würde das Verhalten der Figuren genauer erklärt, auch um den Figuren und weltpolitischen Zusammenhängen mehr Tiefe zu geben. Doch Khadra hat mit seinem Roman trotz vordergründiger Konzentration auf Younes/Jonas und den Mikrokosmos Río Salado immer das große Ganze im Blick: Ein Panorama einer zerbrochenen Zeit und eine Liebeserklärung an ein untergegangenes Land.

Yasmina Khadra: Die Schuld des Tages an die Nacht
Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe
Berlin: List Taschenbuch 2011
416 Seiten, Taschenbuch
9,99 €

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pagina centesima – Zum 100. Beitrag

Um manche Zahlen kommt man nicht herum. Im Grunde ist ja jedes Jubiläum arbiträr, doch scheinen manche Zahlen gleicher zu sein als andere, nur weil irgendwann festgelegt wurde, dass Fünfer- und Zehnerschritte besonders beachtenswert seien (warum nicht Primzahlen?). Einerlei – die Seite Zwei erreicht mit diesen Worten ihren 100. Beitrag, ein traditionell idealer Anlass für Reflexion und Nabelschau. Hat es sich gelohnt? Sind Ziele erreicht worden? Hat sich etwas verändert? Wie soll es weitergehen? Nun – der Reihe nach.

Die Frage, ob sich das Bloggen gelohnt hat, lässt sich kaum beantworten. Ist das überhaupt messbar? Finanziell sicherlich nicht, denn darum geht es hier ja nicht. Klickzahlen? Die bleiben überschaubar. Kommentare? Dito. Aber sind das überhaupt Motivation und Ziel? Natürlich nicht, ruft man reflexartig empört – schließlich geht es hier ja darum, Gedanken auszudrücken, zu schreiben und einer sinnstiftenden Tätigkeit nachzugehen. Naja und trotzdem vergleicht man sich, schaut immer wieder mal in die mageren Statistiken und freut sich zugleich über jeden Leser, jedes „Gefällt mir“ und erst recht über jeden Kommentar. Schließlich sind wir hier im Internet, wo jede Zuckung messbar und Erfolg die einzige Währung ist.

Und doch. Und doch ist es mir gleich, ob meine Texte von den immer gleichen drei Leuten (Hallo! <3) gelesen werden oder von Hunderten. Die Seite Zwei ist für mich in erster Linie eine Plattform, auf der ich meine Gedanken zu Literatur, Medien und dem Zirkus drumherum veröffentlichen kann. Da literarische Salons ja bedauerlicherweise aus der Mode gekommen sind, muss das Internet als Ersatz herhalten; für den Austausch über Literatur, um Gedanken auszuformulieren und gezielt Bücher zu besprechen. Dass ein Blog natürlich in erster Linie eine sehr eindimensionale Kommunikationsform bleibt, ist mir bewusst. Das ist eine Rezension in einer Tageszeitung allerdings auch. Im Gegensatz zu Tageszeitungen kann ich mich auf meinen eigenen Seiten aber auf die Bücher konzentrieren, die ich gelesen habe, ohne Trends und Bestsellerlisten hinterherzujagen. Insofern kann ich beruhigt antworten: Ja, es hat sich gelohnt, mit der Seite Zwei eine Plattform für meine Gedanken zu finden, mich erproben und äußern zu können und einer Beschäftigung nachzugehen, von der ich von Beginn an überzeugt war, dass sie mich nie ernähren, aber auch nie verlassen wird.

Was uns zur nächsten Frage, den erreichten Zielen bringt. Ein interessanter Punkt, der zugleich die immanente Frage nach erklärten Zielen aufwirft. Gab es die denn? Ein Blick in meinen winzigen Erklärungsversuch offenbart, dass die Seite Zwei bescheidene Ziele hat. Gedanken aufwerfen. Den Austausch über Literatur anregen. Die Lust am Lesen wecken. Habe ich diese Ziele erreicht? Einhundert Beiträge, einige Tausend Klicks und eine erlesene Handvoll Abonnenten später kann ich auch diese Frage ruhig mit Ja beantworten. Gedanken wurden geteilt, über Literatur wurde sich ausgetauscht und die Lust am Lesen gefördert. Und sei es nur meine eigene Leselust.

Hat sich diese meine Art zu lesen durch das Bloggen verändert? Ja und nein. Der Drang zu rezensieren (gibt es dafür ein Wort?), mich über das Gelesene auszutauschen und anderer Leser Verständnis zu hören, bestand schon lange zuvor. Doch ein Ventil, eine Möglichkeit, die Gedanken zu publizieren, bestand nicht. Insofern denke ich seit Bestehen der Seite Zwei durchaus wieder intensiver über das Gelesene nach, mache Notizen, Anstreichungen und Eselsohren, um wichtige Stellen zu markieren. Einen Einfluss auf das noch zu Lesende, den oft beschworenen Stapel ungelesener Bücher, hat es nicht. Vielmehr lese ich manche Bücher bewusster, andere gelassener, bei wieder anderen beginnt es vielleicht gelassen – um am Ende in einer überraschenden Rezension zu enden. Durch schlechte Bücher quäle ich mich um des Verrisses Willen aber nicht. Dafür ist mir meine Zeit zu schade.

Bleibt das so? Die Zeit wird es zeigen. Pläne für die Zukunft habe ich nicht – außer vielleicht die Frequenz der Beiträge etwas zu erhöhen. Die Seite Zwei ist keiner jener schnurrend aktiven Bücherblogs, auf denen es jeden Tag Neues zu entdecken, neue Rezensionen zu lesen und Empfehlungen zu hören gibt. Da im allgemeinen Brummen des digitalen Zeitalters die Frequenz jedoch der Schlüssel zur Wahrnehmung ist, nagt an dieser Stelle aber der publizistische Ehrgeiz, vielleicht doch die Reichweite wenn nicht zu erhöhen, dann zumindest beibehalten zu können.

Am Inhalt indes werde ich nichts verändern. Vielleicht wird es auch mal die eine oder andere Neuerscheinung auf die Seite Zwei schaffen, eine sichere Wette ist das aber nicht. Die Freiheit, mir meine Inhalte selbst auszusuchen, ist für mich der wichtigste Punkt dieser Unternehmung. Ich bin nicht gezwungen, Trends und Moden hinterherzujapsen, muss nicht den neusten Krausser-Hegemann-Funke-Meyer vorstellen, um mir Supi-Bussi-Herzchen-Likes abzuholen. Ich kann Texte besprechen, die mir am Herzen liegen, die mich berührt, amüsiert, frustriert und gefesselt haben und von denen ich überzeugt bin, dass sie auch anderen einen Mehrwert bieten können. Das wird auch weiterhin der Kern der Seite Zwei bleiben und ich freue mich über jeden Leser, jeden Kommentar und auch über das vereinzelte Supi-Bussi-Herzchen-Like, das mich auf diesem Weg begleitet.


Sherlock Gently: William Ritters „Jackaby“

„Hatun sieht eine andere Welt als Sie oder ich. […] Sie hat die Stadt und ihre Bewohner bereits unzählige Male vor irgendwelchen Ungeheuern gerettet. Dass diese Kämpfe für gewöhnlich nur in ihrem Kopf stattfinden, schmälert nicht ihre Tapferkeit. Die schwersten Kämpfe ficht man stets im Kopf aus.“ (S. 117)

Abigail Rook trifft im Winter 1892 in der amerikanischen Kleinstadt New Fiddleham ein und kann stolz die drei Problemklassiker jeder Abenteuergeschichte auflisten: kein Geld, kein Job, kein Dach über dem Kopf. Nachdem sie ihre Karriere vielversprechend mit einer kurzfristigen Beschäftigung als Tellerwäscherin beginnt, stolpert sie – einige Absagen und Altherrenwitze später – in die Dienste von R. F. Jackaby. Dieser ist Spezialist für „ungeklärte Phänomene“ und eine Art Seher, der übernatürliche Wesen, Geister und Kobolde wahrnehmen kann. Meist wird er von der örtlichen Polizei aber eher fest- als ernst genommen, was auch die großzügigen Rücklagen für Kautionszahlungen erklärt.

Schon der erste gemeinsame Fall hat es in sich: Ein Serienmörder hat es auf Bürger der Stadt und deren Blut abgesehen. Jackaby ist überzeugt, dass der Täter keinesfalls menschlicher Natur sein kann und nimmt die Ermittlungen auf, in deren Verlauf Abigail Banshees, Gestaltwandlern, Geistern und einem in eine Ente verwandelten früheren Assistenten begegnen wird.

William Ritters Idee, die klassische Detektivgeschichte mit Fantasy und Geistern zu kombinieren, hat durchaus Potenzial. Jackaby als schrullig-absurder Protagonist weiß durch seine kuriosen Eigenheiten zu unterhalten. Mit seinen Sonderlichkeiten wirkt Jackaby wie eine Mischung aus Sherlock Holmes und Dirk Gently, ohne jedoch ganz an die Qualitäten seiner Vorbilder heranzureichen. Hinzu kommt, dass Jackabys merkwürdiges Verhalten oft nicht ausreichend erklärt wird, was nicht nur Abigail, sondern auch den Leser unschlüssig zurücklässt. Es entsteht der Verdacht, dass Ritter das schrullige Verhalten seines Detektivs nutzt, um Plotlöcher zu kitten oder allzu offensichtliche Deus-Ex-Machina-Momente zu verhindern. Das wirkt jedoch selbst vor dem Fantasy-Kontext etwas billig.

Leider überzeugen die restlichen Figuren des Romans nicht. Abigail scheint nur die Funktion zu haben, sich unaufhörlich über die fantastischen und übernatürlichen Absonderlichkeiten zu wundern und Jackaby bei seinen erratischen Wanderungen hinterherzulaufen. Zu den Ermittlungen trägt sie nicht wesentlich bei, ihr Charakter bleibt über den gesamten Handlungsverlauf enttäuschend blass. Ihre sich andeutende Liebelei ist dabei allenfalls augenrollwürdig. Auch bei den übrigen Figuren wird zu oft deutlich, dass sie lediglich existieren, um den Plot voranzubringen. Sie haben meist wenig bis keine Tiefe, lediglich eine Funktion für die Handlung.

Wirklich störend sind hingegen Klischees und Kalauer, insbesondere am Anfang des Romans. Natürlich ist die rothaarige Frau Irin. Natürlich simuliert Abigail einen Schwächeanfall, um den (natürlich) dumpf-bräsigen Polizisten abzulenken und (natürlich) fühlt sie sich schlecht dabei, weil vermutlich sogar der Autor selbst weiß, wie ausgenudelt dieser Topos ist. Ritter versucht an vielen Stellen, einen an Terry Pratchett erinnernden humorigen Ton anzuschlagen, vergreift sich aber immer wieder in den Saiten, sodass viele Witze konstruiert und deplatziert wirken.

Der Roman wird im Verlauf besser und nimmt nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich Fahrt auf. Es ist erkennbar, dass Ritter im Lauf des Schreibens zu seinem eigenen Stil gefunden hat. Als Leser würde man sich jedoch wünschen, dass er den Anfang des Romans noch einmal überarbeitet und geglättet hätte. So bleibt Jackaby trotz der vielversprechenden Idee leider hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Oh, und eines möchte man Herrn Ritter immer wieder entgegenschreien: Nicht Archäologen graben nach Dinosauriern. Das waren auch 1892 schon Paläontologen.

William Ritter: Jackaby
Aus dem Englischen von Dagmar Schmitz
München: cbt 2016
320 Seiten, Taschenbuch
9,99 €


Tote Schweine fühlen nicht: Warren Ellis’ „Dead Pig Collector“

„Standing in the kitchen, facing Mister Sun, was a tall woman with very wide eyes. Lying in the kitchen, also facing Mister Sun, was his client, also with very wide eyes, and in addition sporting a superb Chinese chef’s knife in his head.” (S. 18)

Die Sachlage verkomplizierte natürlich den Auftrag von Mister Sun. Zugegeben, sein Auftraggeber war ein gehöriger Kotzbrocken, aber das hatte sich ja nun erledigt. Technisch betrachtet müsste er sich eigentlich um nichts mehr kümmern, wäre da nicht sein eigentliches Ziel, das ihn mit leichter Panik in der Stimme um Hilfe gebeten hatte. Mister Sun war kein Killer. Mister Sun entsorgte professionell Leichen und würde nun improvisieren müssen. Mister Sun war gut im Improvisieren.

Was folgt, ist ein bizarres und makabres Kammerspiel. Mister Sun, Protagonist in Warren Ellis’ Kurzgeschichte Dead Pig Collector, macht sich an die Arbeit und entsorgt, unter zunehmend faszinierterer Beobachtung von Amanda, die Leiche seines vormaligen Klienten. Fachmännisch, mit geübten und handwerklich geschulten Handgriffen. Dabei kommt er mit Amanda ins Gespräch, führt sie in seine Kunst ein und erklärt ihr die Arbeitsschritte.

„‘So, why have we drained all the blood out of the bastard?” Amanda asked. Mister Sun had torn one of his heavy duty sacks off the roll and was shaking it open. ‘Because it’s going to make it much easier and cleaner to joint him.’ Amanda just looked at him. ‘I wouldn’t have expected that.’” (S. 44)

Innerhalb der wenigen Seiten, die Ellis für seine Erzählung benötigt, entspannt sich eine feine Beziehung zwischen Sun und Amanda, die trotz der grotesken Begleitumstände fast so etwas wie Nähe aufkommen lässt. Für Amanda scheint sich durch den brachialen Tod ihres früheren – und abservierten – Liebhabers ein Ausweg aus einem langweiligen kalifornischen Oberklasseleben aufzutun, und auch Suns Alltag ist geprägt von Routinen, wenn auch nicht im Sinne eines klassischen Neun-bis-Fünf-Jobs.

Entspannt sich also eine Liebesgeschichte, ein Bonnie-und-Clyde-Abenteuer? Die Bausteine dafür sind jedenfalls vorhanden. Doch immer, wenn sich das Menschliche in den Vordergrund zu rücken versucht, drückt es Ellis mit staubtrocken eingeflochtenen Details wieder zurück und erinnert daran, dass Sun und Amanda gerade eine Leiche zerstückeln.

Das führt zu morbiden, teilweise krassen Gegensätzen, deren Bildlichkeit nichts für Zartbesaitete ist. Sprachlich bleibt sich Ellis treu, ohne dabei in die Derbheit von Crooked Little Vain oder Transmetropolitan zu wechseln. Vielmehr bildet der elaborierte Umgang, den Sun und Amanda pflegen, einen überzeugenden Kontrast zur plastisch (aber nie voyeuristisch) geschilderten Handlung, der die Erzählung davor rettet, in Richtung Pulp abzudriften. Dead Pig Collector ist eine finstere und zugleich urkomische Kurzgeschichte; eine makabre Parabel auf den aussichtslosen Kampf gegen den Alltagstrott – und Warren Ellis in Bestform.

Warren Ellis: Dead Pig Collector
New York City: Farrar, Straus and Giroux 2013
29 Seiten (printäquivalent), E-Book
ab 0,99 €


„Orwell“: Sei der Große Bruder

„Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ (George Orwell)

Ein Marktplatz einer europäisch anmutenden Stadt. Straßencafés, Geschäfte, ein Denkmal und Tauben. Menschen hetzen zum Bus, bummeln in die Läden und gehen ihrer Wege, als eine Explosion den Platz erschüttert und Passanten in den Tod reißt.

Ein Terroranschlag – und weitere sind zu erwarten. Bereits in der Vergangenheit gab es Demonstrationen gegen das neue Sicherheitsgesetz der Regierungspartei, nun also Gewalt und Todesopfer. Die Regierung gerät in Erklärungsnot und setzt erstmals das im Geheimen entwickelte Überwachungssystem „Orwell“ ein, das in Echtzeit die Ermittlungen im Cyberspace vorantreiben soll.

Als Spieler von Orwell ist man einer dieser Ermittler und Teil der Überwachung.

Das von den kleinen Hamburger Osmotic Studios entwickelte Spiel Orwell zeigt eine Welt, in der die totale Überwachung alltäglich ist und die Privatsphäre des Einzelnen der vermeintlichen Freiheit und Terrorabwehr geopfert wurde. Auf bloße Verdachtsmomente hin werden Profile erstellt und Daten gesammelt, Verbindungen gezogen und Dossiers erweitert. Die Aufgabe des Spielers ist es, Webseiten, soziale Medien und E-Mails zu durchforsten und wichtige Daten in das System „Orwell“ zu übertragen. Immer tiefer dringt der Spieler in das Privatleben der überwachten Personen ein und stößt von Beginnn an auf das erste Dilemma: Einmal übertragene Daten lassen sich nicht wieder aus dem System entfernen.

© Osmotic Studios / Suprise Attack Games

Jede Handlung, jede Entscheidung, jedes Datenfragment hat Konsequenzen. Das differenzierte Bild, das sich der Spieler von den agierenden Figuren macht, wird gefiltert und für den Staat in Nullen und Einsen, in Kategorien und einfache Fakten aufgeschlüsselt. Im Scherz getätigte Äußerungen in den sozialen Medien können so zu Foltervorwürfen in der Personenakte werden.

Spätestens beim Sammeln der Daten ertappt sich der Spieler, wie er eigenen Vorurteilen aufliegt, Präferenzen setzt und einzelne Figuren bevorzugt. Erscheint eine Figur sympathisch, lässt der Spieler vielleicht ein pikantes, potenziell diskreditierendes Detail weg; gibt dafür aber bei ihm verdächtigen Personen jedes inkriminierende Detail weiter.

Die Konsequenzen daraus sind unmittelbar und für den Spieler nicht zu steuern. Die Rückschlüsse aus den Datenfragmenten ziehen andere im Überwachungssystem, es ist nicht der Spieler selbst, der Indizien verknüpft und Haftbefehle anweist. Es bleibt daher für den Spieler neben dem unangenehm voyeuristischen Aspekt immer auch der fade nachklingende Geschmack des Zweifels. Eilig übermittelte Daten können zur Festnahme eines Unschuldigen führen oder einen Anschlag verhindern. Daten entscheiden in Orwell über die Zukunft von Menschenleben.

© Osmotic Studios / Suprise Attack Games

Durch diesen menschlichen Faktor verdeutlicht Orwell die Schwäche jedes von Menschen geführten Systems. Die Überwachung bleibt fragmentarisch und ist weder absolut noch unvoreingenommen oder fehlerfrei.

Letzten Endes läuft es darauf hinaus, welche Informationen der Einzelne über sich preisgibt. Sei es in sozialen Netzwerken, in E-Mails oder in der alltäglichen Kommunikation. Aus all diesen Fragmenten lässt sich ein Bild zeichnen, dass je nach angelegter Schablone bestimmten Mustern folgt, gerade weil es fragmentarisch ist und so jeden irgendwie verdächtig macht.

Trotz der offensichtlichen Verweise ist Orwell aber nicht wie 1984 eine Metapher für einen Unterdrückungsstaat. Vielmehr thematisiert das Spiel auf eindrucksvolle Weise das Paradoxon zwischen übergriffiger staatlicher Überwachung auf der einen und ungehemmter Proklamierung privater Details im Internet auf der anderen Seite.

Auch wenn Orwell die Notwendigkeit eines gewissen Grades staatlicher Sicherheitsstrukturen akzeptiert, liegt dem Spiel ein deutliches und überzeugendes Bekenntnis zu einem freien Austausch von Meinungen und einem freien Internet zugrunde. Zugleich verdeutlicht die Handlung, wie Menschen aufgrund früherer Handlungen bewertet und kategorisiert werden und wie sich unbedachte Äußerungen negativ auf die Zukunft auswirken können.

Mit seiner politischen Botschaft, die Entwickler Daniel Marx eher als Mahnung zum vorsichtigen Umgang mit persönlichen Daten im Netz begreift, erinnert Orwell an den banalen, alltäglichen Terror von Papers, Please, ohne jedoch eine gleichermaßen düstere Dystopie zu zeichnen. Die Welt von Orwell ist kein faschistoider Unrechtsstaat, sondern eine moderne, bunte Demokratie. Dass der Spieler nicht Widerstandskämpfer, sondern Zahnrädchen im Apparat ist, ermöglicht ihm eine immersive und vielschichtige Perspektive. Es obliegt letztlich ihm, in welche Richtung und wie stark das Pendel zwischen persönlicher Freiheit und staatlicher Überwachung ausschlägt. Zugleich aber kann er sich dem System nicht völlig verweigern, da er selbst ein Teil davon und abhängig von dessen Erfolg ist.

© Osmotic Studios / Suprise Attack Games

Oft heißt es, das Internet sei wie eine Sandfläche, auf der man immer Spuren hinterlasse, egal wie vorsichtig man sich auf ihr bewege. Genau wie jeder Schuhabdruck, jeder weggeworfene Kaugummi oder eine verlorene Brieftasche etwas über den Besitzer verrät, genauso ermöglicht auch das Internet mit jedem Datenfragment, jedem Tweet und jedem Kommentar auf Facebook Rückschlüsse auf den Urheber.

Das Internet ist aber keine einfache Sandfläche, sondern eher die Oberfläche des Mondes; in deren Staub sich jeder Makel der Schuhsole perfekt abbildet. Ohne die in jeder Wüste wehenden Winde bleiben die Spuren aber bestehen und geben lange Zeugnis von jedem gegangenen Schritt – ganz gleich, in welche Richtung man einst ging.

Orwell
Genre: Narrative Exploration
Plattform: PC (Win/Linux), Mac
Erhältlich über Steam für 9,99 €.


Die Leben der Anderen: Dragan Velikićs „Das russische Fenster“

Wäre nicht „Aus dem Leben eines Taugenichts“ ein geeigneterer Titel für den Roman? Mitnichten. Eine wirkliche Leistung vollbringt der Protagonist zwar nicht, doch Leistung ist nicht das Thema von Dragan Velikićs Roman Das russische Fenster. Es ist vielmehr die Kraft der Phantasie, der Träume und einer Suche nach sich selbst.

Dragan Velikić: Das russische FensterRudi Stupar, Velikićs Protagonist, wächst in den neunziger Jahren in einer Kleinstadt nahe Belgrad auf und weiß seit früher Kindheit mit Bestimmtheit: Er ist geboren für die Schauspielerei und ganz gleich, wie hart das Schicksal ihm zusetzen wird, seine Bestimmung wird sich eines Tages erfüllen. Seine Jugend lässt er verstreichen, Liebesabenteuer gehen an ihm vorüber, denn auch die Liebe ist ihm vorherbestimmt: Die wahre Frau wird sich ihm eines Tages von selbst zeigen.

Doch die Schauspiel-Akademie in Belgrad teilt seine Auffassung nicht. Zweimal wird er abgewiesen. Schließlich absolviert er ein halbherziges Germanistikstudium und wird zum professionellen Müßiggänger. Als sein Vater stirbt und die Einberufung zur Armee auf dem Tisch liegt, flieht er nach Budapest, der Ausbruch des Krieges in seiner Heimat macht das Intermezzo zum Exil.

Velikić erzählt facettenreich und lebendig von der Spannung zwischen Monotonie und Vielfalt des Alltags in Belgrad, Budapest und München. Seine klar gezeichneten und nie stereotypen Figuren defilieren am Protagonisten Rudi vorbei, der ihre Geschichten in sich aufnimmt und mit seiner eigenen Vergangenheit mischt. Während die Zeit an ihm vorbeifließt, Orte und Menschen verändert und mitreißt, verharrt Rudi als Fixpunkt des Romans und wird wie der Leser zum Betrachter seines eigenen Lebens. Das russische Fenster zeigt die Suche eines Mannes nach sich selbst, seiner Funktion und einem Halt, die Suche eines Mannes, der sich in den fremden Leben verliert, sich treiben lässt und erst langsam den Mut gewinnt, sein Leben von dem der anderen zu trennen.

Dragan Velikić: Das russische Fenster
Aus dem Serbischen von Bärbel Schulte
München: DTV 2008
400 Seiten, Taschenbuch
14,90 € (derzeit vergriffen, antiquarisch etwa bei Eurobuch)

Rezension erschienen in: rezensöhnchen – Zeitschrift für Literaturkritik 43 (2008), S. 47.


Re: Montagskaffee

Es ist vollbracht.

Nun, zumindest sind die meisten Bücher ausgepackt und nur noch einige wenige Kartons übrig. Wie sich herausgestellt hat, braucht man immer ein Regal mehr als zuvor, insbesondere wenn man zwei Hausstände und damit auch zwei Büchersammlungen zusammenlegt. Immerhin ist wieder Zeit für Lektüre und damit auch Zeit für die Seite Zwei.

Der geneigte Leser (ja, alle beide) darf an dieser Stelle also zukünftig wieder Beiträge erwarten, auch wenn sich an Häufigkeit und Regelmäßigkeit wohl nichts ändern wird. Es bringt einfach wenig, einen Zeitplan zu versprechen, der dann letztlich doch nicht eingehalten wird. So ist doch der freudige Überraschungseffekt viel größer, nicht wahr?

Immerhin gibt es einige für meine Verhältnisse doch fundamentale Veränderungen, über die zu gegebener Zeit gesprochen werden wird. Technologie!

Bis dahin sei auf meinen Twitter-Account verwiesen, auf dem ich neben dem üblichen Gebrabbel als Quasi-Ersatz für das Blog in den vergangenen Tagen einige Kafka-Schnipsel verstreut habe.