Schlagwort-Archive: Charlie Hebdo

Montagskaffee #19

Guten Morgen.

Der Tod des Autors wurde nun schon oft genug beklagt und besungen. Während Roland Barthes sich der Diskussion mit dem Blickwinkel auf die literarische Funktion und Wahrnehmung näherte, stellt sich für Warren Ellis in dessen aktuellem wöchentlichen Newsletter Orbital Operations eher die Frage, welche Berechtigung denn der Autor noch hat, wenn der aktuelle Diskurs sich wieder einmal mit der Redundanz des Romans an sich beschäftigt. Während David Shields in Reality Hunger noch davon ausgehe, dass der Roman nicht mehr ausreichend sei, die heutige Wirklichkeit darzustellen und sich eher dem lyrischen Essay oder der literarischen Collage zuwendet, zeige etwa Karl Ove Knausgård Min kamp (Der provokante Titel Mein Kampf wird in der deutschen Edition übrigens konsequent vermieden.) die zunehmend verschwimmende Linie zwischen Roman und Autobiographie. Ellis spekuliert daraufhin, welche neuen Möglichkeiten der Publikation es angesichts eines Verschwindens des Romans geben würde und kommt naturgemäß zu einer Analogie zu Comics. Vorstellbar wäre für ihn eine ähnlich offene Publikationsart mit 5.000 bis 10.000 Wörtern im Monat, die episodenweise zu kaufen und lesen wäre.

Das Hergé-Museum im belgischen Louvain-La-Neuve hat eine für diese Tage angekündigte Karikaturen-Ausstellung abgesagt. Man reagiere damit auf Sicherheitsbedenken, gab Direktor Nick Rodwell an, nachdem die belgische Polizei das Museum auf mögliche Risiken aufmerksam gemacht habe. Die Schau sollte eine Hommage an den Namenspatron des Museums, Hergé, sein, der sich auch als Karikaturist betätigte. Unter anderem war geplant, auch das letzte Titelblatt von Charlie Hebdo zu zeigen. Erst vor Kurzem waren in Belgien bei einer umfassenden Razzia gegen eine Terrorzelle zwei Verdächtige getötet. Die Sicherheitsstufe im Land ist noch immer auf dem zweithöchsten Niveau, auch eine für heute geplante Demonstration eines belgischen „Pegida“-Ablegers wurde untersagt. Dem Museum sollte man nicht den Vorwurf machen, vor der Terrorbedrohung eingeknickt zu sein, da wohl kaum von einem kleinen Museum erwartet werden kann, für ausreichend Sicherheitskräfte zu sorgen. Wohl aber sollte sich die Polizei fragen, ob es nicht vielmehr ihre Aufgabe sein sollte, eine solche Ausstellung mit aller Kraft zu schützen, statt sie durch Hinweise auf mögliche Risiken abzusagen.

Anke von Heyl resümiert indes den aktuellen Trend zu Museumsselfies. Was derzeit auf den Straßen im Selfie-Stick ausgeartet ist, ist natürlich auch längst in den Museen angekommen und äußert sich dort in mehr oder weniger kreativen Selbstaufnahmen neben ebenso mehr oder weniger bekannten Kunstwerken. Anke von Heyl sieht darin jedoch nicht nur eine Plage, sondern vor allem eine Chance, den Dialog zwischen Museum und Besucher einen Schritt weiter zu bringen. Dafür allerdings brauche es kreativen Umgang mit dem Phänomen statt kulturpessimistischer Ablehnung oder reiner Duldung. Interessant ist dabei ihr Ansatz zum „Storytelling“, also der Gestaltung von Selfies über den reinen Selbstzweck hinaus zum interaktiven Kommentar der Besucher zum Kunstwerk, der Ausstellungssituation oder der Kunst allgemein. Dem ist grundsätzlich zuzustimmen, wenngleich immer der reflektierte Umgang mit den Urheberrechten eines Kunstwerkes im Vordergrund stehen sollte. Gerade das stupide Teilen der Fotos auf Facebook muss bedacht werden, geben doch Nutzer alle Nutzungsrechte an ihren Bildern direkt an Facebook weiter. „Wohl dem, der Alte Meister hat“, schreibt von Heyl. Alle anderen müssen wohl darauf bauen, dass jeder Daumen hoch auf Facebook nicht zuletzt kostenloses Marketing ist. [Nachtrag: Auch die Grenzen des Geschmacks sollten diskutiert werden.]

Den diesjährigen Adalbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung erhält Sherko Fatah für sein Gesamtwerk und insbesondere seinen jüngsten Roman Der letzte Ort. Fatahs Romane würden das „interkulturelle literarische Schreiben durch ihre schonungslose Darstellung von Krieg und Terror“ bereichern, heißt es in der Begründung der Jury. Dabei stünden stets die Innenwelt der Opfer sowie deren „niemals auszulöschende Hoffnung auf eine friedliche und humane Welt“ im Vordergrund. Die beiden Förderpreise gehen in diesem Jahr an Olga Grjasnowa und Martin Kordić. Verliehen werden die Preise am 5. März in der Münchner Residenz.

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Nur der Dialog kann die Antwort sein

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Thränen fließen. (Heine)[1]

Unter dem Eindruck der jüngsten Ereignisse auf der Welt möchte man die Augen verschließen und sich abwenden – Elend, Leid, Terror und Krieg nicht an sich heranlassen und in ein heiteres Tomatenzüchterlummerland ausweichen. Doch die beunruhigenden Ereignisse sind längst in Europa angekommen und Teil unserer Gegenwart. Die „Pegida“-Bewegung und ihre zum Teil stark von Rechtspopulisten und Rechtsextremen unterwanderten regionalen Ableger sind derzeit drauf und dran, ein historisches Erbe anzutreten, das eigentlich überwunden geglaubt wurde.

6.500 Menschen gingen am Mittwochabend in Köln gegen den lokalen Ableger „Kögida“ auf die Straße, um ein Zeichen zu setzen für Menschlichkeit, Toleranz und Brüderlichkeit. Auf der Gegenseite versammelten sich etwa 150 selbsternannte „Patrioten“, unter ihnen auch zahlreiche Anhänger der „Hogesa“, jener Hooliganbewegung, die bereits am 26. Oktober 2014 eine Straßenschlacht mit der Kölner Polizei anzettelte und die mit ihrem islamophoben Gedankengut der „Kögida“-Bewegung nahesteht.

Auch wenn „Pegida“ in Dresden ebenfalls seit Oktober 2014 auf die Straße geht, formiert sich offenbar erst jetzt, nach den Anschlägen in Frankreich vom 7. Januar, organisierter Widerstand. Am vergangenen Montag fanden bundesweit zahlreiche Gegendemonstrationen statt, zu denen insgesamt mehr als 120.000 Menschen zusammenkamen. Demgegenüber standen auf den verschiedenen Kundgebungen 33.700 Anhänger der „Pegida“.[2]

Teilnehmer der Kundgebungen am 12. und 15 Januar 2015

Teilnehmer der Kundgebungen am 12. und 15 Januar 2015. Quelle: Eigene Recherche.

In allen Städten, in denen gleichzeitige Kundgebungen stattfanden, überstieg die Zahl der Gegendemonstranten die der „Pegida“-Anhänger. In allen, außer in Dresden. Was macht Dresden zur Heimatstadt der Islamgegner, die in der Zuwanderungswelle eine Gefährdung ihrer „abendländischen Kultur“ sehen? Die schiere Masse der Flüchtlinge kann es in Sachsen wohl kaum sein.[3] Es dürfte aber zugleich auch keine Reaktivierung jener oft unterstellten Rückständigkeit des „Tals der Ahnungslosen“ sein.[4] Es darf also davon ausgegangen werden, dass sich in Dresden Demonstranten aus einem deutlich größeren Einzugsbereich versammeln, weil dort eine kritische Masse überschritten wurde. Während sich andernorts nur einige Hundert mit zahlenmäßig deutlich stärkeren Gegenveranstaltungen konfrontiert sehen, lässt es sich in Dresden im Schutze Zehntausender demonstrieren. Die Masse schafft Sicherheit und sorgt zusätzlich für gesteigerte Wahrnehmung.

Einen stärkeren Hang zum Rechtspopulismus oder gar eine latente Nähe zum Rechtsextremismus sollte man den Dresdnern daher nicht unterstellen. Dennoch muss sich das Land Sachsen und speziell die Stadt Dresden fragen, weshalb etwa die Dresdner Polizei angesichts der blutüberströmten Leiche des in Dresden getöteten Flüchtlings anfangs „keine Anhaltspunkte auf eine Fremdeinwirkung“ erkennen wollte. Eine derartig groteske Fehleinschätzung muss gerade im aktuellen Kontext besonders genau untersucht werden.

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Montagskaffee #17

Guten Morgen.

Die Hoffnungen, dass das neue Jahr besser, vernünftiger und humaner werden würde, haben sich schon am 7. Januar mit den blutigen Anschlägen auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo, mehrere Polizisten und einen französischen Supermarkt, bei denen insgesamt 17 Menschen ihr Leben verloren, in Luft aufgelöst. Die Welt zeigt sich schockiert von dem barbarischen Angriff auf die Freiheit von Presse und Meinung. Es bleibt zu hoffen, dass die Attentäter ihrem Fanatismus mit ihren Racheakten, die ihrem Gott den intellektuellen Jähzorn eines Dreijährigen und offenbare Handlungsunfähigkeit unterstellen, einen Bärendienst erwiesen haben. Angesichts der internationalen Solidarität mit den Opfern und der Zeitschrift ist es mehr denn je geboten, gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und religiösen Fanatismus anzuschreiben. Verdeutlicht wird dies wohl kaum so eindrucksvoll, wie durch das Bild des Bleistifts, aus dem durch Zerbrechen zwei neue Stifte werden. Interessant wäre in diesem Zusammenhang auch zu wissen, wie viele „Pegida“-Demonstranten, die sich nun durch die Attentate in ihren xenophoben Ansichten bestätigt fühlen, noch Tage zuvor „Lügenpresse! Lügenpresse!“ skandierten.

Der Zeitpunkt des Anschlages auf Charlie Hebdo ist in gleich mehrerer Hinsicht bitter. „Wartet ab, wir haben ja noch bis Ende Januar für unsere Neujahrsgrüße“, sagt ein mit Kalaschnikow bewaffneter Terrorist in einer Karikatur der letzten Ausgabe von Charlie Hebdo auf den Kommentar „Immer noch kein Attentat in Frankreich“. Es wirkt, als hätten die Attentäter keine günstigere, zynischere Gelegenheit finden können. Zeitgleich erschien Michel Houellebecqs neuer Roman Soumission („Unterwerfung“), der im Frankreich des Jahres 2022 einen islamistischen Politiker zum Staatspräsidenten aufsteigen lässt. Natürlich ließe sich ein solcher Text als Blaupause für islamkritische Ressentiments und als Warnung vor der Islamisierung der Gesellschaft lesen. Dies wäre jedoch zu kurz gegriffen und eine zu billige Auslegung. Vielmehr geht es um Heuchelei und Opportunismus und den reaktionären Gehalt des Islamismus. Houellebecqs Roman erscheint diese Woche auf Deutsch.

Zum Abschluss bleibt der Literaturwelt zu hoffen, dass sie von weiteren Schreckenszenarien in der Zukunft verschont bleibt oder sich ihrer weiterhin souverän und solidarisch erwehrt. Angesichts des gerade erst begonnenen und des eben verklungenen Jahres gab es natürlich wieder eine Menge Listen, die auf die besten Romane 2014 zurückblickten oder einen Ausblick auf 2015 wagen. Alles natürlich herrlich subjektiv, völlig unzureichend und selektiv. Aber als Inspiration und Leseanreiz mag es dienen.


Je Suis Charlie

Wenn wir nach einem solch feigen und niederträchtigen Massaker auch nur im Ansatz infrage stellen, was die Satire darf, haben die religiösen Eiferer und Fanatiker schon gewonnen.

Je suis Charlie.

Wir sind Charlie Hebdo.