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Technobabble: Lothar Weises „Unternehmen Marsgibberellin“

„Graue Schneewolken hielten den ganzen Tag die Dämmerung des Morgens fest. Ein naßkalter Wind wehte ein Gemisch von Schnee und Regen auf die Betonbahn, die sich mit einer gefährlichen Eisschicht überzog. Der Elektro-Eilbus Schwerin–Rostock hatte die Außenbezirke Schwerins verlassen. Verschneite Rosengebüsche zu beiden Seiten der Schnellstraße wandelten sich in ein gleichmäßiges weißes Band. Mit dreihundert Kilometer Stundengeschwindigkeit jagte das Fahrzeug, vom Luftpolster getragen, dahin. Schnittige Eissegler auf dem Schweriner See, spielzeughaft kleine Häuser entfernter Agrarstädte, bepuderte Wälder und schneebedeckte Felder glitten wie die Bilder eines Films am Fenster vorbei.“ (S. 23)

Roland Blüthner, Veteran der dritten Marsexpedition, scheint ein gebrochener Mann. Ein folgenschwerer Unfall auf dem Mars kostete ihn fast das Leben, der Kontakt zu einer gefährlichen Anomalie auf dem roten Planeten und dort wachsenden Pflanzen ließ ihn in kürzester Zeit altern und zehrte seinen Körper aus. Der unbekannte Stoff, den Blüthner von den Marspflanzen mitbrachte, erwies sich als wirkungsvolles Rauschgift, das den Wissenschaftler in eine lethargische Abhängigkeit zwingt. Erst als Blüthner von einem längeren Kuraufenthalt zurückkehrt, entdeckt er die wahre Bedeutung des Stoffes: Unter bestimmten Voraussetzungen erzeugt er bei Pflanzen Riesenwuchs – eine phänomenale Chance für die Landwirtschaft, um die Erträge drastisch zu erhöhen.

Lothar Weises phantastischer Roman Unternehmen Marsgibberellin schildert die angestrengten Versuche der Forscherkollektive in Deutschland und Russland, das Geheimnis des neuen Wuchsstoffes zu entschlüsseln. Hydroponikkulturen, Feldversuche, chemische Analysen – Die Forscher lassen nichts unversucht, können aber lange keine schlüssigen Ergebnisse erzielen. Insbesondere die stoische, fast konservative Systematik des Institutsleiters bringt keine nennenswerten Ergebnisse. Erst von Blüthner „illegal“ durchgeführte Feldversuche sorgen für erneuten Riesenwuchs, ohne jedoch das Geheimnis des Marsgibberellins preiszugeben. Da die Vorräte zur Neige gehen, soll Nachschub beschafft und das Wachstum der Marspflanzen direkt untersucht werden, weshalb es im letzten Drittel des Romans noch eine weitere Marsexpedition gibt.

Für einen Science Fiction Roman, der den Mars im Titel und eine Expedition dahin zum Thema hat, kommt Weises Roman erstaunlich lange ohne Raumfahrt aus. Der überwiegende Teil der Handlung spielt sich in der Forschungsstation Warin und auf den umliegenden Feldern ab. Dabei ist erkennbar, dass sich Lothar Weise die Klassifizierung seines Textes als „wissenschaftlich-phantastischer Roman“ sehr zu Herzen genommen hat. Während man sehr ausführlich die Überlegenheit der fast vollständig automatisierten Technologie vorexerziert bekommt, vertiefen sich die Figuren immer wieder in wissenschaftliche Fachsimpelei. Dabei sind die Unterhaltungen absolut interdisziplinär, ohne dass erst größere Wissenslücken geschlossen werden müssen. Das in der DDR seit 1959 propagierte Bildungsideal der polytechnischen Ausbildung scheint in Weises Vision also aufzugehen. Die Tiefgründigkeit der Unterhaltungen scheint indes zu belegen, dass Weise seine Hausaufgaben gemacht und den Stoff gründlich recherchiert hat. Hat der Leser aber kein Diplom in Biochemie, sind viele der Ausführungen und Exkurse in Chemie, Physik, Pflanzenkunde und Agrarwissenschaft aber nur umständliches Technobabble und wirken reichlich angestrengt, so als wolle der Autor seinen Lesern neben guter Unterhaltung gleich noch eine Weiterbildung in Biochemie präsentieren.

Dabei erscheint die präsentierte Welt durchaus überzeugend. Fast alles ist elektrifiziert und wird von hocheffizienten, sauberen und sicheren Atomkraftwerken betrieben, die kaum annähernd an der Auslastungsgrenze arbeiten. Der Mensch hat die Jahreszeiten überwunden und kann dank modernster Agrartechnik fast das gesamte Jahr hindurch schnell wachsende Pflanzen anbauen oder im Winter ganze Äcker beheizen. Wissenschaft und Fortschritt werden absolut positivistisch betrachtet; die Technologie hat keinerlei Nebenwirkungen. Darüber hinaus ist der Fortschritt in seinem Lauf nicht aufzuhalten, auch wenn dafür Teile der Natur unwiederbringlich zerstört werden müssen. Weises Schilderungen sind futuristisch, aber nicht völlig unrealistisch. Natürlich ist Marsgibberellin eine Form von Unobtainium, ansonsten kommt die Technologie aber ohne größere Logikzugeständnisse aus. Vollautomatische und autonome Erntemaschinen sind heute keine Zukunftsmusik mehr, lediglich die Atomenergie hat ihren Heiligenschimmer eingebüßt. Etwas kurios ist die Darstellung aus heutiger Sicht allerdings schon: Während Video-Telefone in Weises Zukunft ganz selbstverständliches Kommunikationsmittel sind, scheint ihm das Konzept, Text elektronisch anders als über Morsefunk zu übermitteln, völlig fremd.

Wie viele Vertreter seiner Zeit, der Roman stammt aus dem Jahr 1964, kommt auch Unternehmen Marsgibberellin ohne nennenswerten Ost-West-Konflikt aus. Der „damals noch bestehende kapitalistische westdeutsche Separatstaat“ (S. 23) findet nur eine einzige Erwähnung, danach wird ein weltübergreifendes gesamtkommunistisches System suggeriert. Drei Jahre nach dem Mauerbau war der kapitalistische Agent, wie er etwa noch in Horst Müllers Signale vom Mond als Antagonist auftrat, nicht länger notwendig. Zukunftspositivistisch bis in die letzte Faser beschreibt Lothar Weise eine Welt, in der nur noch die Natur, die Elemente und deren Überwindung Gegenspieler der geeinten Menschheit sind. Auch wenn der Roman in seinen Darstellungen der hocheffizienten sozialistischen Landwirtschaft Anklänge an die Produktionsliteratur der DDR hat, kommt Weise ohne den klassischen Wettkampf der Systeme aus. Dass das gezeigte Weltbild überlegen ist, ist als Fakt gesetzt.

Seine Höhepunkte hat der Roman, wenn er sich und die Welt – absichtlich oder nicht – selbstironisch kommentiert, wie im Bericht eines Technikers über einen von ihm gelesenen „Tatsachenbericht“. Diese seien ja „doch meist erfunden“, winkt der Zuhörer ab. Für Schwierigkeiten brauche es keinen Roman, die habe man bei der Erforschung des Marsgibberellins zur Genüge. An anderer Stelle wird dann ganz beiläufig Jesus zum Alien. Eine ganz charmante Art, Religion in einer komplett unreligiösen Welt zu thematisieren:

„Deshalb ist es denkbar, daß unser interstellarer Gast nicht allzu verwundert ist, auf der Erde vernunftbegabte Wesen vorzufinden. Vielleicht hat er im Photonenraumschiff bereits riesige Räume durchmessen. Auf dem Planeten fand er Bewohner, die bei seinem Erscheinen in die Knie sanken und ihn als Gesandten ihrer Gottheit empfingen und verehrten. Seine ihnen unbegreiflichen technischen Hilfsmittel: kaltes Licht zu erzeugen, auf Schwerkraftbrücken über Meere zu laufen, die ihnen unverständlichen Bilder und Töne seines Heimatplaneten empfangen, riesige Fluten zurückzudrängen; seine Fähigkeit, nach modernsten medizinischen Gesichtspunkten schwere, bisher tödliche Krankheiten fast schlagartig zu heilen, ja sogar Tote zu erwecken […] bleiben in den Erzählungen und Überlieferungen dieser Wesen über tausend Jahre lebendig, werden zu einer Art Religion. Der intestellare Gast aber ‚fährt erneut zum Himmel‘, gelangt vielleicht zu anderen Planeten […]“ (S. 194f.)

Von diesen Passagen abgesehen aber bleibt Unternehmen Marsgibberellin eher dröge. Spannung erzeugt der Kampf gegen die Elemente, für einen Abenteuerroman nimmt die Marsexpedition aber zu wenig Raum ein. Die Figuren bleiben außerhalb ihrer ihnen zugedachten Rolle (Pilot, Ärztin, Biologe, Skeptiker, väterliche Führungsfigur, romantischer Sidekick) eher flach und ohne Entwicklung. Weise erschöpft sich zu oft in ausführlichem Fachchinesisch, was den Roman für eine jüngere oder nicht naturwissenschaftlich vorgebildete Leserschaft schwer lesbar und stellenweise sehr langweilig macht. Zumindest kommt der Roman trotz gelegentlicher Schulmeisterei ohne das heute schwer erträgliche Hohelied auf die Überlegenheit des Sozialismus aus. Angesichts der aktuellen Begeisterung für unseren roten planetaren Nachbarn sind Weises Vorstellungen zur Beschaffenheit des Mars aber ganz amüsant zu lesen.

Lothar Weise: Unternehmen Marsgibberellin
Mit Illustrationen von Eberhard Binder
Berlin: Verlag Neues Leben 1964 (=Spannend Erzählt 56)
272 Seiten, gebunden
vergriffen

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Weltraumschrott: Horst Müllers „Signale vom Mond“

Kürztlich kam mir der kleine „Zukunftsroman“ Signale vom Mond von Horst Müller aus dem Jahr 1960 in die Hände. Angesichts meines Faibles für frühe Science Fiction, insbesonder aus dem Ostblock, versprach das etwas abgegriffene Büchlein kurzweilige Unterhaltung an den Weihnachtstagen. Nun, zumindest die Illustrationen von Heinz Völkel sind einigermaßen launig.

Wir befinden uns in der nahen Zukunft, etwa 20 Jahre nach Ende des Krieges. Die Welt ist geteilt, wenngleich die „Überreste“ des Kapitalismus im Sterben liegen und mit dem Glanz der kommunistischen Staatengemeinschaft nicht mithalten können. Das Rennen um das Weltall hat Amerika verloren. Um die Erde kreist die hochmoderne Raumstation „Kosmos 1“, von deren Startrampe in wenigen Tagen eine bemannte wissenschaftliche Expedition zum Mond aufbrechen soll. Dennoch schießen die Amerikaner quer und können eine eigene Rakete „Phönix“ noch vor der Ost-Mission auf den Mond absetzen. Zwischendurch kam es zu einem Zwischenfall: Der wagemutige und renommierte Journalist Niels Jensen gerät bei einem Außeneinsatz um Kosmos 1 in einen Asteoridenschauer und wird abgetrieben. Merkwürdige Wesen retten ihn und setzen ihn vor dem gelandeten amerikanischen Raumschiff ab. Es kommt zu Verwicklungen und Intrigen, letztlich siegt die kommunistische Gesellschaft und bricht zwei Jahre später zu einer glanzvollen Mission zum Jupitermond Ganymed auf, der als Heimstatt der Außerirdischen identifiziert ist.

Signale vom Mond ist eine Weltraum-Abenteuergeschichte, die – würde man den Roman von seiner politischen Agenda befreien und sprachlich über das Niveau eines Schulaufsatzes heben – vielleicht unterhalten könnte. So aber ist die Geschichte um den heroischen Reporter ziemlich belanglos, da sie letzlich nur als Vehikel dient, die technologische, moralische und ideelle Überlegenheit des Ostens über den Westen zu demonstrieren.

Müllers Agenda ist dabei nicht einmal besonders elaboriert: Der Osten steht für die kollektive Menschheit (eine Weiterentwicklung von Ulbrichts „sozialistischer Menschengemeinschaft“), Gemeinschaft, Optimierung und eine helle Zukunft; während im Westen Kapital, Machtsucht, Eigennutz und Korruption herrschen. „Noch immer mächtige Finanzgruppen“ (S. 72) halten die Fäden einer scheinbar völlig machtlosen Regierung in der Hand, einzelne Charaktere sind nur auf den eigenen Vorteil bedacht, korrupt und suchtgesteuert. Im Prinzip ist jeder käuflich, finstere Ziele aller Art bis zur Erklärung offener Kampfhandlungen lassen sich ganz einfach mit der nötigen Menge Dollars erreichen. Wenig überraschend, in seiner Plumpheit aber doch bemerkenswert, ist die aggressive Ablehnung von Religiösität, aus der heraus Müller ausgerechnet tibetanische Mönche zu terroristischen Handlangern der Amerikaner macht.

Die Darstellung der Konfliktparteien ist ziemlich eindeutig.

Der Ostblock hingegen ist technologisch einwandfrei, überlegen und moralisch integer. Die kommunistische Weltgemeinschaft arbeitet zum Wohle aller uneigennützig zusammen und meistert den technologischen Fortschritt. Mit der Vorstellung von Aerotaxis und Bildtelefonen reiht sich Müller in damals gängige SciFi-Vorstellungen ein, ebenso wie mit dem scheinbar grenzenlosen Vertrauen in die Atomkraft, deren unendliche, saubere und sichere Energie alle Versorgungsprobleme gelöst hat. Aus heutiger Sicht ebenso interessant ist das absolute Vertrauen in die fast vollständige Automatisierung von Steuerungsprozessen und Berechnungen. Kurios: Nachrichten werden trotz aller Automation und Funk-Bild-Technik weiterhin per Rohrpost zugestellt.

Obwohl erst 1960 erschienen setzt Signale vom Mond mit seiner Schulbuch-Didaktik und dem sehr monochromen Weltbild die Ideale und den Geist der frühen DDR-Aufbauliteratur der 50er fort. Diese idealisierte eine sich schnell entwickelnde sozialistische Gesellschaft und machte sich die „ständige Entfaltung des realkommunistischen Wesens der neuen Gesellschaft“ (offizielle DDR-Darstellung) zum Thema. Man wollte mit der Literatur nicht nur einen Beitrag zum Aufbau der „sozialistischen Nation“ leisten, sondern gleichzeitig eine „sozialistische Nationalliteratur“ erschaffen, die fürderhin als „sozialistische Klassik“ Modellcharakter für die Literatur eines wiedervereinigten Gesamtdeutschlands unter kommunistischer Führung dienen sollte. Mit dem Alltag der Menschen – oder anspruchsvoller Literatur – hatte das jedoch überwiegend nichts zu tun.

Signale vom Mond versetzt den Aufbauroman aus der sozialistischen Produktion in eine nahe Zukunft, in der alle Menschen der Erde – zumindest des geläuterten und „besseren“, weil kommunistischen, Teils – gemeinsam Neues zu Gunsten der Menschheit schaffen. Auch die Erforschung des Alls ist ein kollektives Projekt. Gleichzeitig krankt der Roman am gleichen Problem wie die frühen Produktionserzählungen: Den Aufbau unternehmen Mitglieder der Intelligenz, das eigentlich herrschende Proletariat findet im Roman keine Erwähnung und dient allenfalls als Handlanger und Nebenfigur.

Ähnlich ergeht es übrigens den Frauen, denen in der kommunistischen Weltgemeinschaft zwar durchaus Erfolg in der Wissenschaft und Forschung zugetraut wird, ohne sie jedoch aus dem Fräuleinschema herauszuheben oder ihnen gar Führungspositionen einzugestehen. Einfluss auf die Handlung haben die beiden (!) Frauenfiguren keinen, sie dienen lediglich der „Liebesgeschichte“, deren Skript „Reporter macht sich über Wissenschaftlerin lustig, diese erkennt nach seinem Verschwinden ihren (!) Fehler und verliebt sich in Abwesenheit“ an Unerträglichkeit kaum zu überbieten ist.

Letztlich entspricht der Roman genau der Kritik von Eduard Claudius, der seinerzeit nach einer von ihm eingeläuteten Welle von Aufbauromanen den Anspruch der politischen Führung und Verleger kritisierte: Manche glaubten, so Claudius, „der Schriftsteller sei einem Computer ähnlich, in den man die Programmierungskarte hineinstecken könne, und blitzschnell, ehe man sich’s versieht, komme der fertige, nach Wunsch geschneiderte Roman heraus: ein Teil positiver Held in strahlend heller Sonne, zur notwendigen Kontrastierung ein wenig gewölkt, ein Teilchen wohldosierter Liebe, wie sie halt üblich ist, natürlich ein Gegenspieler, dieser aber schwach, schlecht und zuletzt unterliegend.“[1]

Horst Müller: Signale vom Mond
Bautzen: Domowina Verlag 1960.
202 Seiten, gebunden
vergriffen

[1]  (Zitiert nach: Emerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Berlin: Aufbau Taschenbuch 2005, S.139f.)


Eine neue Erinnerung

Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, fordert, den Besuch in einem Konzentrationslager zur Pflichtveranstaltung an deutschen Schulen zu machen. Auch wenn dem grundsätzlichen Gedanken beizupflichten ist, jeden Deutschen (und Europäer) im Laufe seines Heranwachsens mit dem realen Grauen der Konzentrationslager und nicht nur mit der abstrakten Theorie des Geschichtsunterrichts zu konfrontieren, kann eine gesetzliche Verpflichtung nicht der richtige Weg sein. Eine Verpflichtung gießt lediglich Wasser auf die Gebetsmühle, der „Schlussstrich“-Befürworter. Angesichts der jüngsten Zahlen einer dementsprechenden Befragung der Bertelsmann-Stiftung dürfte sich der Zentralrat mit seiner Forderung einen Bärendienst erweisen.

Der Aufforderung nach einem Ende der Auseinandersetzung mit dem Holocaust muss jedoch entschieden widersprochen werden. Gerade angesichts der sich in Europa verschärfenden Ressentiments gegen Muslime, einem nicht zu übersehenden Antisemitismus muslimischer Radikaler und noch immer anhaltendem Antiziganismus darf es kein Ende der Auseinandersetzung geben. Der Holocaust steht als schreckliches Sinnbild am Ende einer Kette von Missgunst, Angst, Fremdenfeindlichkeit und Unmenschlichkeit, die sich so nicht wiederholen darf.

Dabei allerdings darf die Auseinandersetzung nicht zur gelangweilten Pflichtübung verkommen. Weder Antisemitismus noch Völkermord sind bloße Vergangenheit. Selbstverständlich tragen jüngere Generationen keine persönliche Schuld am Nationalsozialismus und Holocaust, aber sie haben von ihren Eltern und Großeltern die Verpflichtung geerbt, die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten, sie auf die Gegenwart anzuwenden und aus dieser Vergangenheit zu lernen. Zu einer Aktualisierung der Methode muss es also gehören, den Fokus nicht mehr allein auf die deutsche Schuld zu legen, sondern Ursachen zu analysieren und auch zu untersuchen, weshalb ein solcher Völkermord vor den Augen der Welt möglich war. Zudem muss allen Tendenzen entgegengewirkt werden, die den Holocaust relativieren oder für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen.

Als ein Beispiel sei hierfür die kritische Auseinandersetzung mit der Nachkriegsliteratur zu nennen. Es kann heute nicht mehr genügen, Standardwerke der KZ-Befreiungsliteratur wie Bruno Apitz‘ Nackt unter Wölfen oder Anna Seghers‘ Das Siebte Kreuz im Schulunterricht zu lesen. Auch die Intention jener sozialistisch geprägten Literatur muss kritisch hinterfragt werden.

Seghers beschwört in ihrem Ausbruchsroman[1] einen wortlosen und klassenübergreifenden Zusammenhalt der Bevölkerung zum Schutze der Entflohenen, wie er so in der Realität wohl nur in Ausnahmefällen existiert hat. Ein Filmdokument der Gedenkstätte KZ Osthofen[2] zeigt, dass die Bevölkerung des Ortes bereits Ende der 1980er-Jahre vom Lager entweder nichts wissen wollte, dessen Existenz rundheraus abstritt oder man die Bedeutung des Lagers mit dem Verweis, dort habe man ja nur „echte Kriminelle“[3] eingesperrt, relativierte. Ob man in diesem Klima dem „Kriminellen“ Georg Heisler geholfen hätte, bleibt fraglich.

Während Anna Seghers 1938 aus dem mexikanischen Exil heraus noch die Hoffnung auf erfolgreichen Widerstand beschwor und versuchte, an der Allmacht des Faschismus zu rütteln, grenzt Apitz‘ Romanhandlung an Geschichtsklitterung. Sein 1958 veröffentlichter Roman schildert die Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, die so in der Realität nicht stattgefunden hat. Zwar zeigt auch Apitz im antifaschistischen Widerstand vereinte Menschen, lässt aber lediglich den Kommunisten aktive und gestalterische Rollen zukommen. Dabei unterschlägt er beispielsweise die nicht seltene Verstrickung und Kollaboration der Häftlings-Kapos mit der Lagerleitung. Zudem wird von Apitz das Leid der Juden verklärt und mit dem Klischee des sein Schicksal still erleidenden Juden belegt. Im Gegensatz zu den Kommunisten bleiben die jüdischen Häftlinge passiv und schwach, auch das von der Protagonistengruppe zu rettende – und selbst völlig hilflose – Kind ist jüdisch.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust muss auch weiterhin fest an den Schulen und im öffentlichen Diskurs verankert bleiben. Aber sie darf nicht in einer einseitigen Betrachtungsweise verharren und etablierte Gedenkmuster institutionalisieren. Bestehende Methoden und Formen des Erinnerns dürfen und müssen kritisch hinterfragt werden, nicht zuletzt auch um eine Vereinnahmung des Gedenkens zu verhindern. Der Fokus muss sich weg vom rein rekapitulierenden Blick auf die Vergangenheit hin zu einer vergleichenden Auseinandersetzung mit der Gegenwart verschieben. Die deutsche Verantwortung für den Holocaust ist nicht widerlegbar. Es darf in der Debatte jedoch nicht mehr nur um Schuld gehen, sondern darum, welche Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen sind und wie diese unser heutiges Zusammenleben beeinflussen. Der Besuch von Gedenkstätten sollte daher eine Selbstverständlichkeit sein, keine Pflicht.

[1] Die deutsche Industrial-Band „Feindflug“ greift das Thema in ihrem Stück Erinnerung ebenfalls auf, verlegt aber die Handlung in das Jahr 1936.

[2] Auf dieses Lager bezieht sich Seghers, verfremdet den Namen in ihrem Roman aber zu „Westhofen“.

[3] In Osthofen waren bis zur Schließung des Lagers 1934 zahlreiche politische Gefangene interniert. Auch die Definition dessen, was während des Nationalsozialismus bereits als „kriminell“ galt, wäre an dieser Stelle zu diskutieren.


Montagskaffee #12

Guten Morgen.

Es gebe gute Gründe, warum „Autoren wie Christa Wolf und Reiner Kunze, Heiner Müller und Hans Joachim Schädlich und Sarah Kirsch“ auch in Westdeutschland „so ernsthafte Leser“ fänden, orakelte Hans Mayer am 16. Juni 1979 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und setzte schon damals auf die einigende Kraft der Literatur. Heute, 25 Jahre nach der Wende, schildert Jochen Hieber in der gleichen Zeitung, weshalb diese Idee nur bedingt aufging. Nicht zuletzt Christa Wolfs Entwurf einer „sozialistischen Alternative zur Bundesrepublik“ zeigte, dass sich die DDR-Literatur nicht ganz so leicht in den Mantel einer „Einheitsliteratur“ zwängen lässt. Und doch, so Hiebers Urteil, bleibe sie „Einheitsliteratur“ wider Willen und wirke bis heute als solche, sei vielmehr so aktiv wie nie. Uwe Tellkamp, Lutz Seiler, Monika Maron … sie alle schreiben über die Wendezeit und setzen so gleichsam Mayers „große Einheitsbewegung“ fort.

Während Ingo Meyer im aktuellen Merkur den „Niedergang des Romans“ in einer neuen Auflage beschwört, stellt sich ihm Dirk Knipphals in der taz entgegen: Meyers Aufatz laufe auf den Punkt hinaus, dass Literatur sich heute vielerorts nur auf das „Droppen debattenfähiger Themen“ reduziere, dabei vergesse Meyer Autoren wie Wolfgang Herrndorf, Michael Kleeberg oder Sibylle Lewitscharoff. Damit verdeutlicht er allerdings das Problem einer literarischen Debatte, die sich mit der Beliebigkeit durch Überangebot beschäftigt: Jedes Argument muss unvollständig bleiben, weder sind alle Romane unzureichend, noch stets alle Ausnahmen genannt. Knipphals plädiert dafür, in den fallenden Diskursschranken endlich eine Chance zu sehen, „anstatt angeblich seligen Romankunstzeiten hinterherzutrauern“.

Da es aus organisatorischen Gründen in den letzten Wochen etwas ruhig war um die Seite Zwei, seien hier noch die diversen aktuellen Preisträger nachgereicht: Der Deutsche Buchpreis ging letztendlich an Lutz Seiler, Patrick Modiano erhielt den Literaturnobelpreis und der diesjährige Georg-Büchner-Preis ging an Jürgen Becker.