Schlagwort-Archive: Deutschland

Nachtgedanken

„Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Thränen fließen.“

(H. Heine: Neue Gedichte. Hamburg: 1844, S. 274.)

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I shouldn’t worry: Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“

Wenn man das Land, in dem man lebt, kritisieren will, kann man eine zornige Kritik schreiben, zum Zyniker werden, auf die Straße gehen oder gar eine Revolte anzetteln. Oder man reist und schreibt ein Loblied auf ein anderes Land, dessen Leute, Gebräche und Eigenheiten. Man sollte dabei direkte Vergleiche vermeiden, kein besser-als aufstellen und auch Probleme und Merkwürdigkeiten des anderen Landes nicht aussparen.

Heinrich Böll: Irisches Tagebuch

In etwa so, wie Heinrich Böll in seinem Irischen Tagebuch vorgegangen ist – einem entzückenden Büchlein über eine von Böll und seiner Familie unternommene Irlandreise zur Mitte der 1950er Jahre. Mit viel Poesie, zuweilen beinahe ins Idyll abschweifend, dann jedoch wieder großstädtisch-realistisch beschreibt Böll seinen Aufenthalt auf der Insel, deren trink-, rauch- und kinofreudige Besucher (In den 50ern scheint tatsächlich jeder geraucht zu haben.) und seine Reiseerlebnisse. Dabei gelingt es ihm, mit kurzen, schlaglicht- und episodenhaften Betrachtungen einen Blick auf die irische Seele zu werfen: gelöst, aber stets geprägt von ihrer leidgeprüften Geschichte, prinzipientreu und erzkatholisch und doch so voller Widersprüchlichkeiten und sonderbarer Marotten.

Das Irische Tagebuch ist dabei – wie schon Marcel Reich-Ranicki erkannte – längst nicht nur eine liebevoll-romantisierende Reiserinnerung. Das ist sie, zumindest vor dem Hintergrund der heute kultivierten Irland-Klischees sicher auch, aber man wird Böll wohl eine gewisse Authentizität seiner Erlebnisse vor nunmehr 60 Jahren attestieren dürfen. Nein, eine Erinnerung allein ist das Tagebuch nicht, sondern auch subtile Kritik an Bölls Heimat Deutschland, die fast zehn Jahre nach Kriegsende allmählich in die Wirtschaftswunderzeit aufstrebt. Obwohl versteckt, steht die Bundesrepublik, stehen die Erinnerungen an Nazideutschland und die kühle preußisch-deutsche Korrektheit, stets im Hintergrund. Die Kritik ist nicht allzu scharf, sondern vielmehr eine Erinnerung daran, Gastfreundschaft, Lebensfreude und Gelassenheit nicht ganz aus den Augen zu verlieren. „Als Gott die Zeit schuf, schuf er genug davon“, heißt es in Irland. Weise Worte, die daran erinnern, dass es sich auch ohne ökonomische Perfektion ganz gut leben lässt. Weise Worte, und noch erstaunlich aktuell.

Heinrich Böll: Irisches Tagebuch
München: DTV 1961
144 Seiten, Taschenbuch
5,60 €


Ein Visionär der europäischen Idee – René Schickele

Einen „zweisprachigen Grenzlandvogel“ nannte er sich selbst, steter Wanderer zwischen Deutschland und dem Elsass, geboren in Oberehnheim, gelebt unter anderem in Strasbourg, Berlin, Badenweiler; bewundert und verachtet von beiden Ländern – das Grenzlandschicksal ist René Schickeles Biographie immanent. In Deutschland galt er als Franzose, in Frankreich als Deutscher. Er schrieb auf Deutsch und fühlte sich doch nicht als Deutscher, sondern als Grenzgänger und Kosmopolit. Mit seiner Idee einer grenzüberschreitenden Heimat wirkte Schickele mit am Fundament einer europäischen Idee, die sich heute in der Europäischen Union zu verwirklichen beginnt.

Im Mitteldeutschen Verlag erschien nun vor kurzem ein eleganter kleiner Sammelband unter dem Titel Das Wort hat einen neuen Sinn[1], herausgegeben von Christian Luckscheiter und Hansgeorg Schmidt-Bergmann. Darin finden sich Essays, Briefe und Gedichte des elsässischen Schriftstellers, die Schickeles Europaidee aufgreifen und um seinen Begriff der Heimat kreisen. Aus diesem Spektrum erschließt sich die Bedeutung der Neuauflage Schickelscher Texte zu einem Zeitpunkt, da in der Europäischen Union radikal-konservative Kräfte an Einfluss gewinnen und sich dezidiert europakritische Stimmen mehren.

 

„Hier bin ich geboren, hier bin ich zuhause. Heimat, das ist für uns eine so köstliche, so lebendige Tatsache, daß wir darüber die unvermeidlichen Irrwege vergessen.“ (Erlebnis der Landschaft, 96)

 

1883 wurde René Schickele in Oberehnheim, Elsass, als Sohn eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter geboren. Schon seine Familienkonstellation scheint sein deutsch-französisches Grenzgängerschicksal zu determinieren. Obwohl er zuhause nur Französisch sprach, wurde Schickele schnell Klassenbester im Deutschunterricht. Er immatrikulierte sich naturwissenschaftlich, gab bereits zu Studentenzeiten eine eigene Zeitschrift und Gedichte heraus, pilgerte umher zwischen Paris, Berlin, Strasbourg und München und ging letztlich auf Weltreise. In Berlin beteiligte er sich an einem Verlagshaus, ging Bankrott und kehrte als Redakteur nach Strasbourg zurück. Es erschienen Romane, Gedichte und Erzählungen. Immer produktiv, immer mehr als Schriftsteller tätig kehrte Schickele nach Berlin zurück und gab dort die Weißen Blätter heraus. Während des Krieges lebte er in der Schweiz, von dort aus fand er in Badenweiler seine ideale Heimstätte, nur um auch von dort wieder vertrieben zu werden (Autobiographische Notizen, 7ff). Er, der stete Vermittler und Pazifist starb 1940, gebrochen und resigniert durch den deutschen Faschismus und den erneuten Krieg zwischen seinen beiden Heimatländern. Erst viele Jahre später konnte sein Wunsch erfüllt und sein Grab nach Badenweiler verlegt werden. Den Fall Frankreichs an Nazideutschland musste er nicht mehr erleben. weiterlesen