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Seite 2.0 – Von der Digitalisierung des Lesens

Es gibt Dinge, die kann man nicht aufhalten. Lawinen zum Beispiel. Oder den Lauf der Zeit, falls man es pathetischer mag. Im Jahr 2017 muss dann wohl der letzte Analogromantiker feststellen, dass auch die Digitalisierung kaum mehr aufzuhalten, allerhöchstens zu verschleppen ist. Und weil sich bekanntlich eine verschleppte Erkältung leicht mal drastisch verkomplizieren kann, wird es mit der Digitalisierung auch nicht einfacher, je länger sie vorweggeschoben wird.

Wer mich kennt, kennt mich als Freund des gedruckten Wortes. Vorzugsweise auf feinem Papier zwischen verstärkten Buchdeckeln, aber gerne auch in jeder beliebig anderen Form drucktechnischen Erzeugnisses. Lesegeräte für elektronische Bücher habe ich lange abgelehnt. Zu fummelig. Zu unansehnlich. Zu unromantisch. Und überhaupt – die riechen ja nicht einmal gut.

Nun, der aufmerksame Leser wird es bereits gesehen haben – auch die Seite Zwei hat digital aufgerüstet und widersetzt sich nicht länger der Wirklichkeit. Auch wenn der Markt beweist, dass die elektronischen Bücher zwar ihre Anhänger und Berechtigung haben, das klassische Buch aber wohl längst nicht ersetzen werden. Das wäre ja auch noch schöner.

Nach einigen Monaten des Tests kann an dieser Stelle ein erstes Fazit gezogen werden. So liest es sich also, mit dem tolino shine 2HD:

Nun, zuerst einmal: Ja, es liest sich sehr ordentlich. Ja, es ist schon praktisch, mehrere Bücher herumtragen zu können, ohne merklich Gewicht zu spüren. Ja, auch die Beleuchtung erfüllt ihren Zweck und kam schon mehrfach zum Einsatz. Und dennoch wird dem tolino auf lange Sicht doch nur der zweite Rang bleiben, denn an das haptische Gesamterlebnis eines Buches kommt der Reader schlicht nicht heran.

Ich habe mich im April für den shine 2HD entschieden, weil er einen guten Mittelweg zwischen den damals drei erhältlichen Versionen tolino page, tolino shine 2HD und tolino vision 4HD anbot. Ein Amazon Kindle kam für mich aus vielerlei Gründen nicht infrage, schon allein wegen der engen Bindung des Geräts an die Amazon-Infrastruktur und den Zwang zum Amazon-Dateiformat. Andere Wettbewerber wie Nook und Co. hatte ich zwar auf dem Schirm, doch erschien es mir zumindest ideell richtig, mit dem tolino den deutschen Buchhandel zu unterstützen.

Zwischen seinen Brüdern machte der shine 2HD den besten Eindruck. Der page ist zwar günstig, wirkt mit seiner in Leberwurstbraun gehaltenen billigen Plaste-Haptik aber wie ein Modell von Fisher-Price für Rentner. Der Qualitätsunterschied zu den anderen Modellen ist so gravierend, dass ich dem Hersteller unterstelle, das Einsteigermodell bewusst billig zu produzieren, um die teureren Modelle attraktiver zu machen. (Was funktioniert.)

Der vision 4HD hingegen ist der Angeber unter den Brüdern und glänzt vor allem mit Äußerlichkeiten, die den durchaus saftigen Aufpreis zum shine aber nicht rechtfertigen. Das smarte Licht, dass mit zunehmender Dunkelheit einen wärmeren Farbton annimmt, ist zwar sicher angenehm, die glatte Front des Geräts Erfahrungsberichten meiner Freunde zufolge aber eher kontraproduktiv, da das Gerät bei einigen Schutzhüllen zu sensibel reagiert und man viel zu häufig unbeabsichtigt umblättert. Bis auf den doppelten Speicher sind shine und vision technisch identisch.

Die internen Bibliothekare bei der Arbeit.

Die Ersteinrichtung ging zügig und unkompliziert vonstatten, die ersten Bücher waren dank simplem Drag&Drop-Verfahren innerhalb von Minuten installiert. Da der tolino keine eigene Software erfordert, sondern sich wie ein USB-Laufwerk verhält, ist das Aufspielen eigener Bücher oder anderer Textdokumente denkbar einfach. Das Gerät braucht dann, je nach Menge der neuen Bücher, ein paar Minuten, um die Neuzugänge in der internen Bibliothek zu sortieren, dann kann es im Grunde sofort losgehen.

Die Bedienung ist praktisch idiotensicher und wird über das interne Handbuch auch ausführlich erklärt. Umblättern erfolgt durch leichtes Tippen an den Seitenrand, es gibt Lesezeichen, eine Notiz- und eine Suchfunktion; zudem lassen sich Schrifttype, Größe, Zeilen- und Seitenrandabstand sowie die Textausrichtung nach Belieben anpassen. Sehr zu loben ist, dass als Type auch OpenDyslexic zur Verfügung steht, die Legasthenikern das Lesen erleichtern soll. Wer will, kann alles beim Verlagsstandard lassen, um dem gedruckten Buch so nahe wie möglich zu kommen.

Gleich bei der ersten Lektüre fiel mir positiv ins Auge, dass der tolinodamals im Gegensatz zum Kindle – in der Lage ist, Silbentrennung und Umbrüche sinnvoll anzuwenden und so ein einheitliches, gleichmäßiges und ansehnliches Schriftbild setzt. Ganz gleich in welcher Ausrichtung, nirgendwo Lücken, Löcher und unsinnige Abstände. Gerüchten zufolge hat Amazon nach knapp zehn Jahren Produktentwicklung diese bahnbrechende Entwicklung des Drucksatzes auch eingeführt, wie gut das da funktioniert kann ich aber nicht bezeugen.

Im Querformat gut lesbar: Die Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus.

Die Textformatierung funktioniert allerdings nicht bei PDF-Dokumenten. Diese werden vom Gerät in ihrer Originalformatierung angezeigt, also auch in der vorgegebenen Seitenzahl. Das führt dazu, dass im Grunde zu viel Text auf dem dafür zu kleinen Display dargestellt wird. Die vom Gerät angebotene Konvertierung in das interne Format zerlegt aber die Textformatierung, sodass man sich schnell mit einem unübersichtlichen Blocksatz konfrontiert sieht. Für längere Texte ist das wohl nicht sinnvoll. Meine Lösung dafür ist es, die Seitenansicht zu drehen und die Seiten dann wie bei einem Tablet durch wischen hoch- und runterzuschieben. Umblättern erfolgt ganz normal. Im Querformat lässt sich der tolino weiterhin gut halten und bietet bei den allermeisten Texten ausreichend Platz für noch lesbare Schriftgröße. Ansonsten muss näher herangezoomt werden, was aber Wischen in alle Richtungen erfordert.

Ich habe oft darüber gelächelt, dass nun auch E-Reader beleuchtete Displays haben; war es doch zu Beginn ihrer Existenz das große Alleinstellungsmerkmal, dass sie eben nicht beleuchtet und daher einer realen Papierseite so ähnlich wie möglich waren. Nun ist das Licht praktisch omnipräsent und wird als das große Ding beworben. Glücklicherweise kann man es beim shine (die Namensironie ist mir nicht entgangen) jederzeit ausschalten und sich auf Sonnenlicht oder Leselampe verlassen. Dann wirken die Seiten des shine wie Ökopapier – nicht strahlend weiß, aber mehr als ausreichend kontrastreich. Ich besitze Taschenbücher, deren Papier grauer ist. Bei Tag ist das Licht in den unteren Helligkeitsstufen meist nicht einmal wahrnehmbar und reduziert lediglich die – übrigens sehr formidable – Akkulaufzeit.

Bei Dunkelheit hingegen, in typisch schlecht beleuchteten Zügen oder in Abwesenheit einer Leselampe leistet die Beleuchtung gute Dienste und hellt das Display auf, ohne allzu penetrant zu leuchten. Dazu sei angemerkt, dass ich das Licht fast ausschließlich auf der dunkelsten Stufe belasse, da mir dies bei Dunkelheit völlig ausreicht. Gerade im Bett – wenn aus Rücksicht auf schlafende Partner die Lampe aus bleibt – sind die helleren Stufen meiner Ansicht nach zu grell. Vermutlich alles Geschmackssache.

Wirkliche Probleme hatte ich bislang nicht. Schnelles An- und Ausschalten des Geräts mag tolino nicht, dann neigt er zu Überforderung und Hängern. Ein oder zwei Mal hat sich das Gerät aufgehangen und von selbst neugestartet, aber nicht der Rede wert. Der Seitenaufbau könnte allerdings manchmal etwas schneller gehen. Die interne Tastatur erfüllt ihren Zweck, ist für längere Texte aufgrund der trägen Reaktionszeiten des Touchscreens aber völlig ungeeignet. Gerüchten zufolge kann man mit dem tolino auch im Netz surfen, das habe ich mir aber bislang noch nicht angetan.

Der einzige in meinen Augen störende Punkt ist die Kopplung des Geräts an den Online-Shop der jeweiligen Buchhandlung, in der man das Gerät gekauft hat. Auch wenn es problemlos möglich ist, jedes beliebige E-Book auf das Gerät zu laden und man die eigenen Online-Bibliotheken bei anderen namhaften Buchhandlungen verknüpfen kann, so habe ich doch stets im unteren Drittel meiner Startseite die Empfehlungen von Hugendubel liegen, die – da ich das WLAN nur für Software-Updates aktiviere – immer gleich bleiben und diametraler zu meinem Lesegeschmack nicht sein könnten. Hier zählen offenbar nur die im Hugendubel-Shop beliebtesten Titel. Also seichte Frauenromane mit einsamen Bänken vor Strandhütten auf dem Cover. Mich persönlich reizt das nicht gerade dazu, bei zuckeligem Seitenaufbau im Online-Shop zu stöbern.

Insgesamt bin ich positiv angetan von meinem shine, seiner intuitiv-simplen Bedienung und dem scharfen und artefaktfreien Display. Dessen Größe ist ausreichend, um mit einem gängigen Taschenbuch mitzuhalten und erfordert bei vernünftiger Schriftgröße auch kein ständiges Blättern. Die Akkulaufzeit ist so hoch, dass man durchaus mal von dem dezenten Hinweis auf niedrigen Ladestand überrascht wird. Ach ja, den muss man ja laden.

Angenehm flach: Der Stapel ungelesener Bücher.

Das Regal ersetzen wird der tolino aber nicht. Für mich wichtige Bücher werde ich weiterhin in gedruckter Form in den Händen halten wollen. Gerade für leichtere Unterhaltungslektüre, meine Warhammer-Bolterromane zum Beispiel, ist das Format jedoch ideal, da ich die ohnehin selten mehrfach lese und sie so schnell stupide Regalmeter füllen würden. Zudem lassen sich auf dem tolino PDF-Dokumente, Aufsätze und digital erscheinende Zeitschriften durchaus bequem lesen, ohne dafür auf einen Computerbildschirm starren zu müssen. Dank der Suchfunktion hätte mir das Gerät beim Studium sicher die Lektüre von manch wissenschaftlichem Aufsatz erleichtert und Druckertinte gespart.

Bleibt nur noch abzuwarten, wie lange das Gerät insgesamt hält. Die Verarbeitung wirkt hochwertig, mit Auseinanderfallen ist also wohl nicht zu rechnen. An die oft zitierten Orte wie Badewanne oder Strand nehme ich den Reader ohnehin nicht. Weder der tolino noch ein richtiges Buch vertragen Wasser, Sand hingegen kann man zwar aus einem Taschenbuch ausschütteln, nicht aber aus USB-Kontakten. Es wird also noch weiter Einsatzfelder für günstige Paperbacks geben. Dank einer stabilen Hülle (gekauft über – *tusch* – Amazon!) dürften die Oberflächen des Geräts gut geschützt sein. Ob die zusätzliche Schutzfolie auf dem Display hingegen wirklich nötig ist, wird sich zeigen.

Dazu ein letzter Tipp: Wer Staubflusen und Blasen unter der Folie verhindern will, sollte sie nicht „mal eben“ an einem Sommermorgen auf der Terrasse aufkleben …

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Re: Montagskaffee

Es ist vollbracht.

Nun, zumindest sind die meisten Bücher ausgepackt und nur noch einige wenige Kartons übrig. Wie sich herausgestellt hat, braucht man immer ein Regal mehr als zuvor, insbesondere wenn man zwei Hausstände und damit auch zwei Büchersammlungen zusammenlegt. Immerhin ist wieder Zeit für Lektüre und damit auch Zeit für die Seite Zwei.

Der geneigte Leser (ja, alle beide) darf an dieser Stelle also zukünftig wieder Beiträge erwarten, auch wenn sich an Häufigkeit und Regelmäßigkeit wohl nichts ändern wird. Es bringt einfach wenig, einen Zeitplan zu versprechen, der dann letztlich doch nicht eingehalten wird. So ist doch der freudige Überraschungseffekt viel größer, nicht wahr?

Immerhin gibt es einige für meine Verhältnisse doch fundamentale Veränderungen, über die zu gegebener Zeit gesprochen werden wird. Technologie!

Bis dahin sei auf meinen Twitter-Account verwiesen, auf dem ich neben dem üblichen Gebrabbel als Quasi-Ersatz für das Blog in den vergangenen Tagen einige Kafka-Schnipsel verstreut habe.


Montagskaffee #13

Guten Morgen.

Nachdem nun schon vor einer ganzen Weile der Spiegel über Sascha Lobos und Christoph Kappes neues Projekt Sobooks berichtet hat (die wichtigsten Punkte des Artikels gibt es übrigens auch hier, hübsch kommentiert, im Sobooks-Blog), sollte das – da mittlerweile gestartet und laufend – auch hier eine Erwähnung finden. Was Lobo als den „Buchmarkt nach Amazon“ bezeichnet, ist eine Plattform, auf der gegen den geringen Einsatz der persönlichen Daten (und natürlich des Kaufpreises) Bücher, vielmehr E-Books, besprochen, geteilt, „geliked“ und kommentiert werden können. Der Clou ist dabei nicht die Konzentration auf die E-Books, sondern der plattformübergreifende Ansatz, der auch diejenigen unter uns ansprechen soll, die sich bisher aus vielseitigen Gründen Kindle, Tolino und Konsorten verweigert haben. Sehr löblich. Nun fehlen nur noch die Inhalte, die nach Abschluss einer Fehlerbeseitigungsinitiative nachgereicht werden sollen. Klingt fast so, als habe man das Konzept „Early Access“ auf die Buchbranche übertragen. Kuriose Randnotiz: Die Präsentation des digitalen E-Book-Projekts fand beinahe klassisch analog auf der Frankfurter Buchmesse statt. Man hätte ja auch eine Videokonferenz mit Live-Tweetup erwarten können.

Auf der Plattform Slashdot stand kürzlich Warren Ellis Leserfragen Rede und Antwort. Dabei sprach er auch über Adaptionen seiner Werke in anderen Medien, und wie er mit Ansprüchen und Enttäuschungen umgeht. Für Ellis sei das weniger ein Problem, als etwa für seinen Kollegen Alan Moore, auch wenn Interviewer Moore oft zum „Grumpy Wizard Of Northampton Cave“ stilisieren würden. Ja, der Film RED sei leichter gewesen, als seine Graphic-Novel-Vorlage. Aber Ellis sei bereit, seine Werke zur Adaption freizugeben, um anderen ihren Blick auf seine Geschichte zu ermöglichen. Interessanterweise hat auch Moore selbst in einem Interview jüngst über das Thema sehr ausführlich gesprochen, dies lässt sich im Originalton als Podcast in der Reihe Distraction Pieces nachhören, wo demnächst hier ein Interview mit Ellis zu hören sein wird ist.

Hat sich eigentlich schon jemals jemand gefragt: „Was macht der Jonathan Meese eigentlich gerade?“ Nun, eine gute Frage. Zuletzt hat man ihn in Bayreuth entlassen, nachdem der Festspielleitung Meeses Vorstellungen von Bühnenbild und Ausstattung für die Parsifal-Neuinszenierung 2016 „zu teuer“ waren. Meese selbst sieht das selbstverständlich nicht so, wittert Intriege und hält die Geldsorgen für vorgeschoben, weshalb er jetzt die Gelegenheit genutzt hat, auf dem Literaturfest München das ihm zur Verfügung stehende Mikrophon mit Beleidigungen und Tiraden vollzuspeicheln. „Kulturarschkriecher“, „Kunsthasser“ ruft er da in Richtung des grünen Hügels und ereifert sich – der obligatorische Hitlergruß inklusive – über das herrschende „miese, optimierte Mittelmaß“ und dass man beim Wagner-Clan bald eine „Götterdämmerung“ erleben werde. Liest sich launig und bedeutungslos und man darf sich gerne fragen, wer von den Rinnsteinschlagzeilen mehr profitiert, Meese oder Bayreuth.


Montagskaffee #9

Guten Morgen.

Plasma oder Papier? Die große Masse der Leser war noch nie dafür bekannt, stets einer Meinung zu sein, insofern war es nicht wirklich probematisch, dass man sich über die Frage nach klassisch analogem Buch oder digitalem E-Book-Reader wieder einmal in zwei Lager teilte. Nun allerdings zeigt sich, dass es mitnichten nur um Vorlieben oder Abneigungen gegen den digitalen Wandel geht, sondern dass auch im Gehirn unterschiedliche Prozesse ablaufen, je nachdem ob man von Papier oder Bildschirmen liest. Offenbar werden beim Lesen digitaler Inhalte andere Hirnregionen beansprucht, als durch das Lesen von Büchern. Problematisch daran ist, dass die Fähigkeit, konzentriert und tief zu lesen, abhanden kommt, wenn sie nicht regelmäßig genutzt wird. Was folgt, sind Konzentationsstörungen, weil das Hirn unbewusst die Buchseiten scannt und sich weniger an einzelnen Zeilen aufhält. Ein Punkt also für die Papier-Fraktion. So gut ist der Kindle eh nicht.

Auf io9.com rechnet Esther Inglis-Arkell mit der allzu oft romantisierten Vorstellung von Revolutionen in der Literatur ab. Das Problem vieler post- oder prä-revolutionärer Dystopien sei – neben Teenagern – dass die Revolutionen idealisiert und realitätsfern sind. In zehn Punkten zeigt sie auf, was so alles nicht stimmt, darunter die Vorstellung, es sei immer nur der böse Diktator schuld, nicht etwa vielleicht eine herrschende Elite oder Oberschicht. Auch beliebt: Uneingeschränkte Symmpathien und Unterstützung für die Helden durch Schmugglerbanden, die aber prinzipiell Teil des Systems sind und ihre Profite verlieren, wenn die Revolution obsiegt.

Apropos Groß gegen Klein und Papier gegen Plasma: Vergangene Woche hat der Online-Riese Amazon die neue Generation von Kindle und Fire-Tablet vorgestellt. Soweit, so unspektakulär.  Neu ist jedoch, dass es jetzt für den kostengünstigen Einstiegspreis von rund 150 US-Dollar eine Variante des Tablets für Kinder gibt. Schön bunt, vermeintlich unkaputtbar, und falls es doch zu Bruch geht (und das wird es, in Kinderzimmern gibt es kein „unzerstörbar“) ersetzt der Hersteller das Gerät in den ersten zwei Jahren ohne zu fragen. Höflich, nicht? Doch Amazon serviert hier eine Einstiegsdroge für die ganz Kleinen. Gedacht ist das Gerät nämlich für Kinder ab drei Jahren. Und obwohl es so daher kommt, ist es, wie Fridtjof Küchemann in der FAZ richtig bemerkt, mitnichten ein Spielzeug, sondern der Einstieg in die schöne neue Multimedia-Welt, in der Amazon den Kanon diktiert.


Montagskaffee #6

Guten Morgen.

Revolte! Die versammelten Redakteure des „Spiegels“ haben in der vergangenen Woche ihrem Chefredakteur die rote Karte gezeigt und gemeinsam gegen dessen Pläne eines „Spiegel 3.0“ gestimmt. In der FAZ lässt sich nachlesen, welch komplizierte Strukturen hier aufeinander prallen und weshalb eine Umstrukturierung des Magazins zum „Hauen und Stechen“ ausarte. An der Auseinandersetzung, die nicht zuletzt Chefredakteur Wolfgang Büchner den Job kosten könnte, zeigt sich die ganze Emotionalität des Konfliktes zwischen etablierten Rechercheredaktionen und schnelllebiger Online-Redaktion. Wie beide Lager zu vereinen sind, das ist jetzt ganz Aufgabe der Chefredaktion unter Büchner und Geschäftsführer Ove Saffe, die Gesellschafter haben sich nämlich geschlossen hinter die Neuerungspläne gestellt – und die Aufgabe der Vermittlung mit den Redakteuren ebenso geschickt abgegeben.

In der bunten Welt der Comicverfilmungen gibt es ab dieser Woche einen neuen Mitspieler, besser eine ganze Gruppe neuer Mitspieler: Marvels „Guardians of the Galaxy„. Bunt, lauter und nun mit einem frech-niedlichen Waschbären als Protagonist versucht Hollywood durch das Aufkochen einer durchaus schon älteren, aber in der Regel weniger beachteten Comicreihe neuen Wind in die etablierte Comicvielfalt zwischen Spider Man und Captain America zu bringen. Sophie Charlotte Rieger zeigt auf „filmosophie„, weshalb sie mit dem Film und seinem Informations- und Effektbombardement nicht einverstanden ist. Fehlende Einführung, klassische Geschlechterklischees und die Verharmlosung der brutalen Gewaltdarstellung sind ihre Hauptkritikpunkte.

Noch einmal zurück zum Kampf Analog gegen Digital. In der „taz“ schrieb jüngst Johannes Thumfart ein Loblied auf die Möglichkeiten und Inklusivleistungen des E-Books. Jetzt antwortet ihm Sonja Vogel und relativiert seine euphorischen Theorien. Das E-Book sei mitnichten besonders inklusiv, hinter den vermeintlich günstigen Produktionskosten stecke lediglich das kommerzielle Interesse von Großhändlern wie Amazon. Sie kommt dabei zu einem wichtigen Schluss: Natürlich gebe es bei E-Books weder Druck- noch Lagerkosten – doch die würden auch bei konventionellen Büchern nur einen geringen Teil der Kosten ausmachen. Teuer seien Lektorat, Honorare, Öffentlichkeitsarbeit und Autorenbetreuung – Punkte, auf die Verlage auch bei E-Books nicht verzichten können. Kaum ein Buch werde druckfertig geschrieben, und kaum ein Autor schafft es, sich im reinen Selbstvertrieb gegen die Marketingmaschinen etablierter Großhändler und Verlage durchzusetzen.