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Zum letzten Mal per Anhalter durch die Galaxis: Douglas Adams‘ „Lachs im Zweifel“

„Meine Lieblingsgeschichte ist, daß Branwell Brontë, der Bruder von Emily und Charlotte, an einem Kaminsims lehnend stehend gestorben ist, um zu beweisen, daß so was machbar ist.

Das stimmt natürlich nicht ganz. Meine absolute Lieblingsgeschichte handelt davon, daß junge Faultiere so ungeschickt sind, daß sie statt nach Ästen oft nach ihren eigenen Armen und Beinen greifen und dann vom Baum fallen. Dies hat jedoch nichts mit dem zu tun, was mich gerade beschäftigt, weil es mit Faultieren zu tun hat, wohingegen die Geschichte über Branwell Brontë sich um Schriftsteller dreht und darum, daß man sich wie eine Leiche auf Urlaub fühlt und irgend etwas tut, nur um zu beweisen, daß es machbar ist.“ (S. 144)

Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist die, in der ein gewisser Douglas Noël Adams erzählt, wie er einmal versuchte, das Tauchen mit einem Mini-U-Boot und Mantarochen zu vergleichen. Dabei beschreibt er ganz nebenbei dieses ganz besondere Lächeln der Australier, das man Down Under ausschließlich für Engländer reserviert hat, weil nur die es fertig bringen,  ihre Verbrecher als Höchststrafe aus dem nebelig-grauen England nach Australien zu verbannen – wo sie vielleicht auch ein bisschen surfen können.

Lachs im Zweifel erschien bereits im Jahr 2003 und vereint diese Geschichten unter einem Buchdeckel. Peter Guzzardi, langjähriger Freund von Douglas Adams, hat nach dessen tragischem und viel zu frühen Tod Adams‘ literarischen Nachlass gesichtet und diesen Sammelband herausgegeben, wohl auch als posthume Ehrung des großartigen Erfinders von Per Anhalter durch die Galaxis.

Doch Douglas Adams war mehr als das. Lachs im Zweifel schafft es, uns auch den technikbegeisterten Mac-Nutzer Adams vorzustellen, der den kleinen „Bammeldingern“, jenen unzähligen Adaptern und Kabeln, den Kampf ansagt; den Atheisten Adams, der von seiner trotzdem bestehenden Faszination für Religion spricht, und den Tierschützer Adams, der von Wanderungen im Nashornkostüm zum Kilimandscharo oder eben Tauchfahrten im Great-Barrier-Reef berichtet.

„In Wirklichkeit weiß ich nicht, woher meine Ideen kommen, oder auch nur, wo ich nach ihnen suchen sollte. Kein Schriftsteller weiß das. Das stimmt allerdings nicht ganz. Wer ein Buch über die Paarungsgewohnheiten von Schweinen schriebe, würde schon ein paar ganz gute Ideen aufschnappen, wenn er in einem Plastikregenmantel auf einem Bauernhof rumhängt, aber wenn man Romane schreiben will, dann besteht die einzige Lösung darin, Unmengen Kaffee in sich reinzuschütten und sich einen Schreibtisch zu kaufen, der nicht gleich zusammenbricht, wenn man verzweifelt den Kopf dagegen donnert.“ (S. 75)

Zusammengefasst sind Interviews, Redeauszüge und Essays des Engländers sowie die Anhalter-Kurzgeschichte Jung-Zaphod geht auf Nummer Sicher. Doch von literarisch größerem Interesse sind wohl die ersten elf Kapitel seines letzten, leider unvollendet gebliebenen Romans rund um den skurril-schrägen Privatdetektiv Dirk Gently. Der Roman blieb Fragment, nachdem Adams den Elan verlor und viele der Ideen doch lieber in einem neuen Anhalter-Roman verwenden wollte.

Dazu ist es jedoch nie gekommen. Douglas Adams verstarb am 11. Mai 2001 in Santa Barbara, Kalifornien.

Douglas Adams: Lachs im Zweifel. Zum letzten Mal per Anhalter durch die Galaxis.
Hg. von Peter Guzzardi. Aus dem Englischen von Benjamin Schwarz.
Hamburg: Heyne 2003
320 Seiten, Hardcover
8,95 €

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Du hast, Siegfried, scheint mir, etwas zu erzählen: Siegfried Lenz‘ „So zärtlich war Suleyken“

„Der Alarm“, sagte mein Großvater, „ist gekommen zur unrechten Zeit. Könnte man ihn nicht, bitte schön, nach dem Frühstück geben?“
„Es handelt sich“, schrie Trunz, „um einen Alarm auf Schmuggler. Sie sind gesichtet worden an der Grenze. Zu dieser Zeit, nicht nach dem Frühstück.“
„Dann muß ich“, sagte Hamilkar Schaß, „auf den Alarm verzichten.“ (S. 16)

Masuren liege, so stellt Siegfried Lenz in seinen „diskreten Anmerkungen“ am Schluss des Erzählbandes So zärtlich war Suleyken fest, gewissermaßen „im Rücken der Geschichte“ und habe daher bislang praktisch keine größeren Persönlichkeiten von Weltrang hervorgebracht. Dies sieht die dann doch überraschend umfangreiche Liste masurischer Persönlichkeiten auf Wikipedia offenbar anders. Da Lenz selbst in jener Liste vertreten ist, offenbart sich an dieser Stelle gleich ein erster der von Lenz augenzwinkernd und mit großer Herzlichkeit porträtierten masurischen Charakterzüge: hintergründige Bescheidenheit.

So zärtlich war Suleyken erschien 1955 als erster Erzählband des masurischstämmigen Autors und soll eine „zwinkernde Liebeserklärung“ sein an die Region, ihre Menschen und Eigenheiten. In 20 kurzen Erzählungen stellt Lenz das Personal eines kleinen, trotz Namensgleichheit fiktiven Örtchens vor, das repräsentativ jenes „unscheinbare Gold der menschlichen Gesellschaft“ repräsentiere, das dem Autor zufolge die masurische Bevölkerung ausmacht.

Und so zeigt sich Suleyken in den Erzählungen als liebenswerte, verschrobene, zuweilen ins karikaturenhaft Absurde gesteigerte Örtlichkeit. Deren Bewohner trotzen mit einer tief verwurzelten Bauernschläue und bodenständigem Realismus Einflüsterungen, Aberglaube und gewissermaßen allen Annäherungsversuchen von außerhalb. So ist für sie der Zirkus durchaus ein Ereignis, bei dem man sich mit den Nachbarn und Verwandten austauschen, vielleicht ein paar Salzgürkchen naschen und etwas flanieren kann; so recht verstehen, weshalb man in der Manege mit Messern auf die doch ausnehmend höfliche Zirkusbesitzerin werfen sollte, kann man indes nicht.

Der Erzähler, der immer wieder seine teils komplizierten Verwandtschaftsbeziehungen zum Figurenrepertoire beteuert, tritt zwar selbst nie als handelnde Figur auf, ist aber über die Vorgänge in der Stadtgeschichte bestens informiert. Da ihm Lenz Spuren des masurischen Dialekts in den Mund legt und immer wieder durch Zwischenfragen oder Einschübe Mündlichkeit fingiert, wirken die Erzählungen wie fundierte Tatsachenberichte. Das wiederum macht den Charme der Erzählungen aus, dass sie eben nicht von einem Außenstehenden dargeboten werden, der sich vielleicht über die manchmal gar zu schrulligen Bewohner amüsieren könnte. Lenz‘ Figuren sind weder Dorftrottel noch Einfaltspinsel, sie sind fest in ihrem bodenständigen Leben verankert, herzlich und höflich, für jeglichen Firlefanz aber vollständig unzugänglich.

Auf die Frage beispielsweise, ob denn die Prophezeiung der örtlichen Wahrsagerin für den Kneipenwirt Ludwig Karnickel auch in Erfüllung gegangen sei, antwortet dieser mit hintergründiger Schläue: „Es ist, Stanislaw Griegull, alles gekommen wie prophezeit. Nur manchmal, Gevatterchen, hat es gekostet ein wenig Mühe, alles richtig zu machen.“ (S. 110) Lenz nennt diese Eigenheit „unterschwellige Intelligenz“, die mit „landläufigen Maßstäben“ nicht greifbar, nicht näher zu definieren und doch „auf erhabene Weise unbegreiflich“ sei.

So zärtlich war Suleyken ist eine launige, tiefgründige und zutiefst charmante Liebeserklärung an eine heute fast in Vergessenheit geratene Region. Schelmengeschichte und Posse, Gruselepisode und tapsig-dörfliches Liebesidyll wechseln sich, mit ebenfalls wechselndem und sich überschneidendem Figurenrepertoire ab. Es sind fiktive Erinnerungen an ein fiktives Örtchen – und doch machen Lenz‘ Erzählungen ein Stück Geschichte lebendig und ermöglichen einen kleinen, verschmitzten Blick in die Vergangenheit der Masuren.

Siegfried Lenz: So zärtlich war Suleyken
Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch 2013
128 Seiten, Taschenbuch
6,95€

Zitiert wurde nach der Ausgabe von 1983.