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Gelb, gelb, gelb sind alle meine Bücher – Reclams Universalbibliothek wird 150

Wer kennt sie nicht, die kleinen, gelben Bändchen der Reclam Universalbibliothek? Handlich, schmucklos und bodenständig bieten sie heute vor allem Schülern und Studenten einen kostengünstigen Zugang zur aktuellen Pflichtlektüre aus dem neuen Schuljahr oder zum Goethe-Seminar. Und damit teilen alle eine Gemeinsamkeit mit der heute ältesten Taschenbuchreihe Deutschlands: angefangen hat es mit Goethes Faust.

Die Geschäftsidee, mit der die Verleger Anton Philipp Reclam und sein Sohn Hans Heinrich im Jahr 1867 die Verlagswelt revolutionieren sollten, war so simpel wie Erfolg versprechend: bekannte Texte der Weltliteratur durch einen kleinen Preis einem breiten Publikum zugänglich machen. Möglich wurde dies, weil im Jahr 1865 erneut das Urheberrecht im Deutschen Bund geändert wurde. Demnach erlosch zum 9. November 1967 das Schutzrecht auf Texte aller Autoren, die vor dem 9. November 1837 verstorben waren. Eine Goldgrube für die damalige Verlagslandschaft.

In Leipzig war man dem Wettbewerb jedoch buchstäblich voraus: Im Hause Reclam hatte man die Gelegenheit erkannt und geklotzt statt gekleckert. Ganze 50 Bände hatte man im Verlagshaus Reclam bereits verkaufsfertig vorrätig, als zum Stichtag 1867 die Schutzrechte ausliefen. Dabei zeigte sich Reclam auf der Höhe der Zeit. Gedruckt wurde mit modernsten Drucktechniken, Vertrieb und Marketing wurden professionell mit besonderen Konditionen und aktiver Werbung aufgezogen.

Ein Erfolg: Die mit 5.000 Bänden für damalige Verhältnisse recht hohe Erstauflage der Nummer 1 – Goethes Faust – war innerhalb von Wochen vergriffen.

Hinter dem Konzept stand jedoch nicht nur das marktwirtschaftliche Interesse. Vielmehr war die Idee hinter der Taschenbuchreihe eine egalitär-bildungspolitische Vision: Mit den kleinen, sehr erschwinglichen Büchlein sollten Leser in Gesellschaftsschichten erschlossen werden, denen der Zugang zu Literatur und Büchern bislang vor allem aus finanziellen Gründen verwehrt war. Reclams Universal- sollte stets auch eine Bildungsbibliothek sein und das kulturelle Gedächtnis spiegeln. Multa et Multum – „Vieles für Viele“ ist bis heute das Motto.

Faksimile der Universal-Bibliothek 1, Leipzig 1867, © Reclam

Schon 1908 umfasste der Katalog stolze 5.000 Titel. Bis heute wurden über 20.000 Werke verlegt, 3.500 Bücher und 500 E-Books sind derzeit im Verlagsprogramm. Eine stolze Menge, die man – heute in Stuttgart – natürlich auch um eine Sonderedition erweitert. Besonders angetan bin ich von der Jubiläumsausgabe des ersten Bandes, der als Faksimile der Urfassung von 1867 erhältlich ist. Sicher ein schönes Stück für meine Sammlung an Faust-Ausgaben.

Mein Erstkontakt war übrigens auch – natürlich – die Schule. Ich weiß nicht mehr, welcher Titel es war, aber ich erinnere mich gut daran, als fast Einziger in der Klasse eine Reclam-Ausgabe vor mir liegen gehabt zu haben, während das Gros der Empfehlung gefolgt war, ein Hamburger Leseheft zu kaufen. Vor mir lag also dieses etwas abgegriffene Büchlein aus der recht umfangreichen Sammlung meiner Eltern. Obwohl noch im eher drögen Gilbbraun (das knallige Gelb kam erst 1970) überzeugte mich die schnörkellose Aufmachung sofort. Mein Studium hat dann dazu beigetragen, dass ich heute eine ähnlich umfangreiche Sammlung der kleinen gelben (aber auch orangenen, grünen und roten) Büchlein habe; viele davon voller Anmerkungen, Eselsohren, Kritzeleien, und dadurch ganz eigenem Charme.

Und ihr? Könnt ihr euch an euer erstes Reclam-Büchlein erinnern? Dass ihr eines habt, steht außer Frage. Es gibt wohl niemanden in diesem Land, der im Laufe seines Lebens nicht mindestens ein Büchlein der Universalbibliothek in den Händen hatte. Die meisten sicher sogar freiwillig.

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Zehn Fragen – Zehn Antworten

Birgit hat drüben bei Sätze & Schätze schon vor gut einem Jahr einmal eine illustre Fragerunde gestartet und zehn auf den ersten Blick simple Fragen zu Lieblings- und anderen Büchern gestellt. Nun hat sie den Fragenkatalog noch einmal hervorgeholt und offenbar machen jeder und sein Onkel mit, also husche ich als alter Trendnachhopser direkt hinterher und liefere, bevor mich der Kettenbriefkobold beißt.

Liebe Birgit, nun wartet die Gemeinde aber gespannt auf deine Antworten!

Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?

Michael Ende: Die unendliche Geschichte. Die Vorstellung, allein mit den Worten einer Geschichte eine ganze Welt zum Leben zu erwecken, hat mich schon als Junge fasziniert, gebannt und nie wieder losgelassen. Und wer träumte nicht davon, sich auf dem Dachboden zu verstecken und Schule und Regen einfach Schule und Regen sein zu lassen?

Das Buch, das Deine Jugend begleitete?

Frank Herbert: Der Wüstenplanet. Sechs Bände Science Fiction, fantastische Welten und hohe Politik, Intrigen und Abenteuer, Kampf und Liebe, Utopie und Dystopie – die erste Lektüre begleitete mich über mehrere Jahre, dann folgten die Strategiespiele und die Verfilmungen. Dune erschließt einen ganzen Kosmos und umfasst eine zeitliche Spanne, die mich schon damals schwer beeindruckte und mir wohl auch den Weg zur Science Fiction öffnete. Interessanterweise bemerkte ich bei einer wiederholten Lektüre Anfang des Jahres, dass sich meine Einschätzung des zweiten Bandes (Der Herr des Wüstenplaneten) um 180 Grad gedreht hat. War er mir als Jugendlicher zu langweilig, gedehnt und anstrengend, empfand ich ihn jetzt in seiner komprimierten politischen Dichte als den besten der sechs Bände.

Das Buch, das Dich zur Leserin/zum Leser machte?

Sergej W. Pokrowski: Ao, der Mammutjäger. Ziemlich sicher gab es Bücher davor, doch Pokrowskis Abenteuergeschichte in der Steinzeit ist mir in Erinnerung geblieben. Es stand lange im Regal, immer wieder einmal von meinem Vater empfohlen, doch immer links liegen gelassen. Vielleicht, weil es damals schon „oll“ wirkte, dieses abgegriffene, kleine Büchlein. Doch dann wählte ich es für ein Referat in der fünften Klasse aus – und verschlang es, unter dem Esstisch sitzend, an einem Nachmittag. Es gibt übrigens auch noch Uomi, der Geistersohn, falls ich jemanden anstecken sollte und Bedarf nach Nachschub besteht.

Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?

Goethe: FaustJohann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil. Für mich einer der wichtigsten und besten Texte der deutschsprachigen Literatur. Überhaupt. Es gab Zeiten, da konnte ich lange Passagen auswendig und konnte anhand weniger Dialogzeilen Szenen im Stück einordnen. „Ich bin der Geist, der stets verneint …“

 

Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?

George Orwell: 1984. Zweifelsohne einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts. Es erstaunt mich immer wieder, wie weitsichtig Orwell schon in den 50er-Jahren geschrieben hat und wie relevant sein Text noch immer ist. Meiner Meinung nach gibt es kaum eine Dystopie, die heute so real geworden ist, wie Orwells „Großer Bruder“ und unsere willfährige Unterwerfung unter die allgegenwärtige Überwachung. Man sollte die Konzernzentrale von Facebook mit Hardcover-Ausgaben von 1984 einmauern.

Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?

Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten. Jelineks monumentale und düstere Auseinandersetzung mit dem Holocaust, dem Tod und dem Gedenken ist niederschmetternd und anstrengend – und zugleich ein starkes Stück Literatur. Beendet habe ich es noch immer nicht, aber schon meine Professorin sagte damals: „Wer diesen Roman durchliest, verdient eigentlich einen Orden.“

Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?

Shakespeare: Romeo und Julia. Die angebliche Liebesgeschichte, die nichts mit romantischer Liebe zu tun hat und doch als Schablone dafür immer wieder herhalten muss. Als Schullektüre für pubertierende Jungs eine Folter und Qual und auch später einfach kein Genuss. Shakespeare hat so viele bessere Stücke geschrieben, warum immer wieder diese olle Kamelle?

Oh, und alles von Helmut Krausser.

Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?

James Joyce: Ulysses. Allein der Ruf dieses Monumentalwerks schüchtert mich ein.

Das Buch, das Dir am meisten Angst macht?

Da muss ich jetzt tatsächlich etwas überlegen. Da ich kein großer Freund von Horror bin, weder als Film noch als Text, kann ich da fast nichts angeben, Bücher lassen mich in der Regel nicht gruseln. Potenzial haben aber Glukhovskis Metro-Romane oder Erzählungen von Thomas Ligotti, aber auch die verstörende Grausamkeit in Anthony Burgess‘ A Clockwork Orange.

Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?

Sir Terry Pratchett: Mort. So leichtfüßig, so lebensfroh, komisch und doch so tiefgründig kann wohl niemand über den Tod schreiben, wie Terry Pratchett. Ich wünschte, ich käme seinem Humor zumindest ein Stück weit nahe.