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Montagskaffee #27

Guten Morgen.

Die spanische Literaturwelt steht Kopf. Da hat man nicht nur pünktlich zu seinem 400-jährigen Geburtstag die Gebeine des Miguel de Cervantes endlich entdeckt und postwendend exhumiert und ausgestellt, jetzt debattiert man über eine sprachliche Modernisierung des großen Klassikers Don Quichotte de la Mancha. Man könne doch nicht! – klagen die einen. Man kann sehr wohl, meint Andrés Trapiello, der vor Kurzem eine eben solche modernisierte Fassung herausgebracht hat. Während es also im Theater gang und gäbe ist, Klassiker teilweise bis zur Unkenntlichkeit zu modernisieren, scheint es noch immer ein Skandal zu sein, sich an den originalen Text zu wenden. Doch wem nützt der verehrte Klassiker, wenn dessen Sprache so antiquiert ist, dass ihn kaum einer freiwillig lesen will? Immerhin 14 Jahre habe Trapiello damit verbracht, Sätze zu straffen und Vokabeln auszutauschen, damit der Don Quichotte wieder ohne Fußnoten gegen Windmühlen anrennen kann. Vermutlich hätte sich Trapiello keinen besseren Roman aussuchen können, um gegen die Veränderungsunlust der Hochkultur anzutreten.

Die FAZ und die Süddeutsche Zeitung setzen sich indes mit Salman Rushdies neuem Roman Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte auseinander. In diesem erzählt Rushdie die Geschichte des Ibn Ruschd, nach dessen Vorbild Rushdies Vater einst seinen Nachnamen änderte. Angesiedelt auf drei Zeitebenen vom Mittelalter über die nahe Zukunft in New York bis zu einer fernen Zukunft entspanne sich in Rushdies Roman ein „Kampf der Welten“ zwischen mystischen Wesen aus 1001 Nacht, resümiert die SZ. „Eine Gesamtentfesselung aller Medien des Wunderbaren und Fantastischen“ nennt die Zeitung den zwischen philosophischer Erzählung und Science-Fiction angelegten Roman. Für die FAZ hingegen ist der Roman „bloß verquere Mythen und Zahlenspielerei“, für die Rushdie „weder Lob noch Preis erwarten“ dürfe. Seine früheren Bücher allerdings verdienten „allerhöchste Ehre“, weshalb die FAZ zugleich fordert: „Gebt Salman Rushdie den Nobelpreis!“

Zu guter Letzt noch „was mit Medien“. Axel Springer hüpft derzeit ja mal wieder eifrig durch die Nachrichtenwelt. Also zumindest der nach ihm benannte Verlag und die entsprechend bedruckten Altpapierreste. Aus dem russischen Markt hat sich Springer nun zwar zurückgezogen, dafür werden ja Springer-Chef Mathias Döpfner und Neo-Hipster Kai Diekmann von der Bild nicht müde, die Bedeutung der Digitalisierung zu betonen – und wie geil doch die Aufstellung der Springer-Pamphlete online sei. Seit letzter Woche ist der Online-Kiosk „Blendle“ das neue Ding der Branche und kommt soweit auch ziemlich gut an. Nicht dabei ist allerdings: die Bild. Nun mag das für Blendle ein Gewinn sein, merkwürdig ist es aber schon, da Springer mit drei Millionen Euro an dem niederländischen Start-up beteiligt ist. Weshalb die Bild nicht dabei ist, erklärt Stefan Niggemeier in seinem Blog und versucht sich zugleich an einer Interpretation dessen, was herauskommt, wenn sich Bild-Chef Diekmann an Humor versucht. Der tl;dr ist übrigens: Bild wollte Extrawürste und Sonderbedingungen. Überraschung.


Montagskaffee #6

Guten Morgen.

Revolte! Die versammelten Redakteure des „Spiegels“ haben in der vergangenen Woche ihrem Chefredakteur die rote Karte gezeigt und gemeinsam gegen dessen Pläne eines „Spiegel 3.0“ gestimmt. In der FAZ lässt sich nachlesen, welch komplizierte Strukturen hier aufeinander prallen und weshalb eine Umstrukturierung des Magazins zum „Hauen und Stechen“ ausarte. An der Auseinandersetzung, die nicht zuletzt Chefredakteur Wolfgang Büchner den Job kosten könnte, zeigt sich die ganze Emotionalität des Konfliktes zwischen etablierten Rechercheredaktionen und schnelllebiger Online-Redaktion. Wie beide Lager zu vereinen sind, das ist jetzt ganz Aufgabe der Chefredaktion unter Büchner und Geschäftsführer Ove Saffe, die Gesellschafter haben sich nämlich geschlossen hinter die Neuerungspläne gestellt – und die Aufgabe der Vermittlung mit den Redakteuren ebenso geschickt abgegeben.

In der bunten Welt der Comicverfilmungen gibt es ab dieser Woche einen neuen Mitspieler, besser eine ganze Gruppe neuer Mitspieler: Marvels „Guardians of the Galaxy„. Bunt, lauter und nun mit einem frech-niedlichen Waschbären als Protagonist versucht Hollywood durch das Aufkochen einer durchaus schon älteren, aber in der Regel weniger beachteten Comicreihe neuen Wind in die etablierte Comicvielfalt zwischen Spider Man und Captain America zu bringen. Sophie Charlotte Rieger zeigt auf „filmosophie„, weshalb sie mit dem Film und seinem Informations- und Effektbombardement nicht einverstanden ist. Fehlende Einführung, klassische Geschlechterklischees und die Verharmlosung der brutalen Gewaltdarstellung sind ihre Hauptkritikpunkte.

Noch einmal zurück zum Kampf Analog gegen Digital. In der „taz“ schrieb jüngst Johannes Thumfart ein Loblied auf die Möglichkeiten und Inklusivleistungen des E-Books. Jetzt antwortet ihm Sonja Vogel und relativiert seine euphorischen Theorien. Das E-Book sei mitnichten besonders inklusiv, hinter den vermeintlich günstigen Produktionskosten stecke lediglich das kommerzielle Interesse von Großhändlern wie Amazon. Sie kommt dabei zu einem wichtigen Schluss: Natürlich gebe es bei E-Books weder Druck- noch Lagerkosten – doch die würden auch bei konventionellen Büchern nur einen geringen Teil der Kosten ausmachen. Teuer seien Lektorat, Honorare, Öffentlichkeitsarbeit und Autorenbetreuung – Punkte, auf die Verlage auch bei E-Books nicht verzichten können. Kaum ein Buch werde druckfertig geschrieben, und kaum ein Autor schafft es, sich im reinen Selbstvertrieb gegen die Marketingmaschinen etablierter Großhändler und Verlage durchzusetzen.