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Büchertour #1 – „Die NS-Zeit im Comic“ in der Gedenkstätte KZ Osthofen

„Wer nicht eine Vergangenheit zu verantworten und eine Zukunft zu gestalten gesonnen ist, der ist vergeßlich.“ (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW, Bd. 8, S. 310f.)

Der Nationalsozialismus, seine Verbrechen und seine Akteure sind fast von Beginn an auch in der Welt des Comics thematisiert und verarbeitet worden. Große Figuren des amerikanischen Superheldencomics wie Captain America oder Hellboy sind ohne ihren Bezug zu den Nazis als Antagonisten und Schöpfer kaum denkbar. Auch für andere Comicfiguren waren Nazideutschland und seine Schergen bis 1945 und darüber hinaus dankbare Gegenspieler; vor allem im Interesse der US-Propaganda, die sogar Publikumsliebling Donald Duck für ihre Zwecke einspannte.

Da die Comicautoren nicht davor zurückschreckten, nach Kriegsende die ganze Perversion des Holocausts darzustellen, wurden entsprechende Comics rasch dem Horrorgenre zugeordnet und so einer breiteren Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit entzogen, wie Ralf Palandt von der Gesellschaft für Comicforschung am vergangenen Donnerstag anlässlich der Eröffnung der Sonderausstellung Die NS-Zeit im Comic in der Gedenkstätte KZ Osthofen berichtete.

Gedenkstätte KZ Osthofen

Diese Klassifizierung sorgte dafür, dass Comics mit Bezug zum Nationalsozialismus wie das gesamte Genre in den 50er-Jahren dem in den USA beginnenden Kulturkampf gegen Comics zum Opfer fielen. Mit der üblichen Verzögerung führten Proteste von Eltern, Politikern und Pädagogen auch in der Bundesrepublik zu einer öffentlichkeitswirksamen Diffamierung, in deren Folge nach Gründung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften erstmals 1954 Comics als „Ergebnis einer entarteten Phantasie“ indiziert und bis in die 60er-Jahre hinein als Teil „unterwertiger Literatur“ sogar öffentlich verbrannt wurden.

Vermutlich liegt auch darin das Schattendasein begründet, das Comic und Graphic Novel in Deutschland noch immer führen. Bis zum Ende der 90er-Jahre verhielten sich Comicverlage in Deutschland (mit wenigen Ausnahmen) äußerst zurückhaltend und entfernten Hakenkreuze und Verweise auf Nazideutschland. Noch 1995 wurden im thüringischen Sonneberg beim Alpha-Comic Verlag Bestände angeblich „nationalsozialistischen Inhalts“ von der Polizei beschlagnahmt. Stein des haltlosen Anstoßes: ein Poster zu Art Spiegelmans Comic Maus – Die Geschichte eines Überlebenden.

Spiegelmans autobiographisch beeinflusster Comic über den Holocaust wurde 1992 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und gilt bis heute als einer der einflussreichsten und ambitioniertesten Comics zu Holocaust und Nationalsozialismus, der trotz großer Kontroverse weltweit zu einer intensiven und ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema führte. Die Osthofener Ausstellung zeigt unter anderem einen von arte produzierten Dokumentarfilm über Spiegelman und sein Werk.

Reinhard Kleist: „Der Boxer“ / © Jannik Reinecke / Die Knipser

Den Hauptteil der Ausstellung nehmen jedoch Zeichnungen und Drucke dreier deutscher Comicbände ein, die sich mit ihrem biographischen Ansatz deutlich vom naziprügelnden Superheldenheft unterscheiden. Reinhard Kleist beschreibt in seinem 2012 erschienenen Comic Der Boxer das Leben von Hertzko Haft, der in Auschwitz für die SS boxen musste. In dunklen, schweren Strichen zeigt Kleist den Alltag Hafts, beim Arbeitseinsatz, in Auschwitz und als Schaukämpfer bei den brutalen, von der SS zur eigenen Belustigung organisierten Kämpfen. Kleists Zeichnungen, das zeigt der direkte Vergleich mit den jeweils parallel gezeigten Druckseiten, funktionieren auch ohne den noch fehlenden Text. Seine eindrucksvollen Illustrationen schildern den körperlichen und psychischen Verfall der Häftlinge,  ihre Verbitterung angesichts der alltäglichen Grausamkeiten – aber auch Hafts eisernen Überlebenswillen.

Moritz Stetter: „Bonhoeffer“ / © Jannik Reinecke / Die Knipser

Im Gegensatz zu den schroffer wirkenden Zeichnungen Kleists schildert Moritz Stetter das Leben Dietrich Bonhoeffers (Bonhoeffer, 2010) weicher, abstrakter und weniger naturalistisch. Trotz des verspielteren Stils bleibt Stetters Biographie des 1945 in den letzten Kriegstagen hingerichteten Widerständlers und Pfarrers Bonhoeffer ernsthaft, nachdenklich und persönlich. Dass auch Bonhoeffer schwarzweiß gezeichnet ist (eine Vorgabe des Verlags), unterstreicht die Düsternis mancher Szenen, gerade während der Haft; auch wenn Bonhoeffer bis zuletzt weder Hoffnung noch Glaube aufgegeben hat. Farbig ist lediglich ein in der Ausstellung gezeigtes alternatives Cover, das Stetter noch „um einiges ausdrucksstärker und eindrücklicher“ findet, wie er gegenüber den Kuratorinnen Ramona Dehoff und Martina Ruppert-Kelly betonte.

Barbara Yelin: „Irmina“ / © Jannik Reinecke / Die Knipser

Den größten Raum nimmt Irmina, der jüngste und mit insgesamt knapp 300 Seiten umfangreichste Band der Ausstellung ein. In ihrem 2014 erschienenen Comic schildert Barbara Yelin das Leben der jungen Fremdsprachensekretärin Irmina von Behdinger, die nach ihrer Ausbildung in London nach Deutschland zurückkehrt und sich dort auf der Suche nach Erfolg und Anerkennung immer mehr dem neuen System der Nationalsozialisten anpasst. Irminas Geschichte wird zu einer Parabel für die Entscheidung vieler Deutscher zwischen persönlicher Integrität, Wegsehen und eigener Vorteilsnahme im „Dritten Reich“. Als einzige der drei Autoren verwendet Yelin Farbe, bleibt aber bis auf wenige Ausnahmen zurückhaltend kühl. Grau-, Braun- und Blautöne dominieren ihre ausdrucksstarken, detailreichen und doch dynamisch-skizzenhaft erscheinenden Bilder, aus denen das Rot der Hakenkreuzfahnen wie eine blutende Wunde hervorsticht. Da Yelins Originale keinen gesetzten Text, wohl aber bereits Freiräume für Sprechblasen aufweisen, wirken sie wie unabsichtliche Verbildlichungen der im NS-Deutschland oft herrschenden Sprachlosigkeit.

Insgesamt harmoniert die zurückhaltende Präsentation der Grafiken sehr gut mit dem kargen Ambiente der Gedenkstätte und gibt den einzelnen Werken viel Raum, ihre eigene Wirkung zu entfalten. Weiterführende Informationen zum Themenfeld „NS im Comic“ bietet die Ausstellung indes leider nicht. Hierfür gibt es zwar ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen und Workshops, zumindest eine anfängliche Zusammenfassung, wie sie von Ralf Palandt im Rahmen der Vernissage erarbeitet wurde, wäre aber wünschenswert gewesen. Interessierte Leser finden jedoch eine sehr umfangreiche und eindrucksvolle Leseecke, in der rund 80 weitere Comics zum Thema bereitliegen.

Die äußerst sehenswerte Ausstellung Die NS-Zeit im Comic ist noch bis zum 10. Dezember bei freiem Eintritt in der Gedenkstätte KZ Osthofen zu sehen. Verantwortlich ist der Förderverein Projekt Osthofen in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz und der Stadt Worms.

Die gezeigten Comics:

Reinhard Kleist: Der Boxer. Die Überlebensgeschichte des Hertzko Haft.
Hamburg: Carlsen 2012
200 Seiten, gebunden
16,90€

Moritz Stetter: Bonhoeffer
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010
112 Seiten, eBook
11,99€

Barbara Yelin: Irmina
Berlin: Reprodukt 2014
288 Seiten, gebunden
39,00€

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Eine neue Erinnerung

Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, fordert, den Besuch in einem Konzentrationslager zur Pflichtveranstaltung an deutschen Schulen zu machen. Auch wenn dem grundsätzlichen Gedanken beizupflichten ist, jeden Deutschen (und Europäer) im Laufe seines Heranwachsens mit dem realen Grauen der Konzentrationslager und nicht nur mit der abstrakten Theorie des Geschichtsunterrichts zu konfrontieren, kann eine gesetzliche Verpflichtung nicht der richtige Weg sein. Eine Verpflichtung gießt lediglich Wasser auf die Gebetsmühle, der „Schlussstrich“-Befürworter. Angesichts der jüngsten Zahlen einer dementsprechenden Befragung der Bertelsmann-Stiftung dürfte sich der Zentralrat mit seiner Forderung einen Bärendienst erweisen.

Der Aufforderung nach einem Ende der Auseinandersetzung mit dem Holocaust muss jedoch entschieden widersprochen werden. Gerade angesichts der sich in Europa verschärfenden Ressentiments gegen Muslime, einem nicht zu übersehenden Antisemitismus muslimischer Radikaler und noch immer anhaltendem Antiziganismus darf es kein Ende der Auseinandersetzung geben. Der Holocaust steht als schreckliches Sinnbild am Ende einer Kette von Missgunst, Angst, Fremdenfeindlichkeit und Unmenschlichkeit, die sich so nicht wiederholen darf.

Dabei allerdings darf die Auseinandersetzung nicht zur gelangweilten Pflichtübung verkommen. Weder Antisemitismus noch Völkermord sind bloße Vergangenheit. Selbstverständlich tragen jüngere Generationen keine persönliche Schuld am Nationalsozialismus und Holocaust, aber sie haben von ihren Eltern und Großeltern die Verpflichtung geerbt, die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten, sie auf die Gegenwart anzuwenden und aus dieser Vergangenheit zu lernen. Zu einer Aktualisierung der Methode muss es also gehören, den Fokus nicht mehr allein auf die deutsche Schuld zu legen, sondern Ursachen zu analysieren und auch zu untersuchen, weshalb ein solcher Völkermord vor den Augen der Welt möglich war. Zudem muss allen Tendenzen entgegengewirkt werden, die den Holocaust relativieren oder für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen.

Als ein Beispiel sei hierfür die kritische Auseinandersetzung mit der Nachkriegsliteratur zu nennen. Es kann heute nicht mehr genügen, Standardwerke der KZ-Befreiungsliteratur wie Bruno Apitz‘ Nackt unter Wölfen oder Anna Seghers‘ Das Siebte Kreuz im Schulunterricht zu lesen. Auch die Intention jener sozialistisch geprägten Literatur muss kritisch hinterfragt werden.

Seghers beschwört in ihrem Ausbruchsroman[1] einen wortlosen und klassenübergreifenden Zusammenhalt der Bevölkerung zum Schutze der Entflohenen, wie er so in der Realität wohl nur in Ausnahmefällen existiert hat. Ein Filmdokument der Gedenkstätte KZ Osthofen[2] zeigt, dass die Bevölkerung des Ortes bereits Ende der 1980er-Jahre vom Lager entweder nichts wissen wollte, dessen Existenz rundheraus abstritt oder man die Bedeutung des Lagers mit dem Verweis, dort habe man ja nur „echte Kriminelle“[3] eingesperrt, relativierte. Ob man in diesem Klima dem „Kriminellen“ Georg Heisler geholfen hätte, bleibt fraglich.

Während Anna Seghers 1938 aus dem mexikanischen Exil heraus noch die Hoffnung auf erfolgreichen Widerstand beschwor und versuchte, an der Allmacht des Faschismus zu rütteln, grenzt Apitz‘ Romanhandlung an Geschichtsklitterung. Sein 1958 veröffentlichter Roman schildert die Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, die so in der Realität nicht stattgefunden hat. Zwar zeigt auch Apitz im antifaschistischen Widerstand vereinte Menschen, lässt aber lediglich den Kommunisten aktive und gestalterische Rollen zukommen. Dabei unterschlägt er beispielsweise die nicht seltene Verstrickung und Kollaboration der Häftlings-Kapos mit der Lagerleitung. Zudem wird von Apitz das Leid der Juden verklärt und mit dem Klischee des sein Schicksal still erleidenden Juden belegt. Im Gegensatz zu den Kommunisten bleiben die jüdischen Häftlinge passiv und schwach, auch das von der Protagonistengruppe zu rettende – und selbst völlig hilflose – Kind ist jüdisch.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust muss auch weiterhin fest an den Schulen und im öffentlichen Diskurs verankert bleiben. Aber sie darf nicht in einer einseitigen Betrachtungsweise verharren und etablierte Gedenkmuster institutionalisieren. Bestehende Methoden und Formen des Erinnerns dürfen und müssen kritisch hinterfragt werden, nicht zuletzt auch um eine Vereinnahmung des Gedenkens zu verhindern. Der Fokus muss sich weg vom rein rekapitulierenden Blick auf die Vergangenheit hin zu einer vergleichenden Auseinandersetzung mit der Gegenwart verschieben. Die deutsche Verantwortung für den Holocaust ist nicht widerlegbar. Es darf in der Debatte jedoch nicht mehr nur um Schuld gehen, sondern darum, welche Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen sind und wie diese unser heutiges Zusammenleben beeinflussen. Der Besuch von Gedenkstätten sollte daher eine Selbstverständlichkeit sein, keine Pflicht.

[1] Die deutsche Industrial-Band „Feindflug“ greift das Thema in ihrem Stück Erinnerung ebenfalls auf, verlegt aber die Handlung in das Jahr 1936.

[2] Auf dieses Lager bezieht sich Seghers, verfremdet den Namen in ihrem Roman aber zu „Westhofen“.

[3] In Osthofen waren bis zur Schließung des Lagers 1934 zahlreiche politische Gefangene interniert. Auch die Definition dessen, was während des Nationalsozialismus bereits als „kriminell“ galt, wäre an dieser Stelle zu diskutieren.