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Warum ich lese

Warum ich lese? Eine gute Frage. Und eine berechtigte obendrein. Lange Zeit habe ich mir darüber wenige bis keine Gedanken gemacht – Lesen war und ist praktisch ein selbstverständlicher Teil meines Lebens und gehört zu meinem Alltag, so lange wie ich mich zurückerinnern kann. Dann las ich kürzlich Uwe Kalkowskis Beitrag (praktisch eine Antwort auf Sandro Abbate) und sein entschiedenes Bekenntnis zum Lesen als Vehikel des Weiterkommens. Seitdem hängt mir die Frage an. Nicht wie nagender Zweifel, vielmehr wie eine grundsätzliche Überlegung. Ja, warum eigentlich?

Schon als Kind war Lesen für mich ein Weg, weiter zu kommen, die begrenzte Welt des Kinderzimmers in der Plattenbau-Dreiraumwohnung hinter mir zu lassen. Also begann ich mit dem überzeugenden Enthusiasmus eines Vierjährigen, meinem sicher schmunzelnden erwachsenen Umfeld Straßenschilder vorzulesen, die ich geschickt auswendig gelernt hatte.

Mein erstes Lieblingsbuch, Klaus Bär und die Umleitung von Dietlind Neven-du Mont, musste mir meine Mutter so oft vorlesen, dass ich es Wort für Wort auswendig konnte. Meine Mutter übrigens auch, und im Gegensatz zu mir kann sie es noch immer zitieren.

Später wurden Bücher dann tatsächlich zu einem Fluchtort, der mit großen Abenteuern und Erzählungen mehr zu bieten hatte, als dieses „Draußen“. Obwohl schon früh Videospiele in einen entschiedenen Wettbewerb traten, konnte kaum etwas das Lesen wirklich verdrängen.

Bücher sind Erinnerung, untrennbar mit Gefühlen, Stimmungen und Orten verbunden. S. W. Pokrowskis Ao der Mammutjäger, das ich – einem modernen Höhlenmenschen gleich – unter dem Esszimmertisch verschlungen habe. Die Jugendromane von Gudrun Pausewang lassen mich mein Klassenzimmer der ersten Jahre auf dem Gymnasium förmlich riechen, ähnlich der Küste Korsikas, an der ich die ersten Bände von Harry Potter aufsaugte und mir beim Lesen den schlimmsten Sonnenbrand meines Lebens holte. Übrigens griff ich aus purer Not zu Rowling, für die ich mich in pubertärer Ignoranz eigentlich schon zu alt wähnte: Mein eigenes Buch war zu schnell durch, also musste der Proviant meiner jüngeren Schwester geplündert werden.

Dass ich vermutlich als einziger meiner Klasse, bis auf Romeo und Julia (für pubertäre Jungs praktisch Folter) und Effi Briest (Oh Gott, die Langeweile!), fast alles in der Schullektüre heimlich doch ganz gut fand, war wohl der erste Indikator für meine spätere Studienfachwahl -auch wenn es erst des organisierten Stumpfsinns der Bundeswehr bedurfte, um mich zu überzeugen. Spätestens als ich im Panzer sitzend den Faust las, war es eigentlich klar und der Weg zur Germanistik prädestiniert. Die Neigung zu komplexerer Lektüre hat da sicherlich zusätzlich geholfen. Die Ausgabe von Der Name der Rose mit dem geschwärzten Schnitt habe ich als Kind mehrfach zur Seite legen müssen. Dass ich auch dafür erst das Labyrinth von Pubertät und Schule hinter mir lassen musste und gerade bei der recht humorfreien Armee den Weg durch die Abtei fand, darf getrost als Ironie des Lebens betrachtet werden.

Nein, das Studium der Germanistik hat mich der Literatur nicht entfremdet, eher meinen Geschmack und mein Urteil geschärft und mich mit der Fähigkeit (Oder dem Laster?) versehen, ständig mehrere Bücher gleichzeitig zu lesen.

Literatur ist und bleibt für mich essenziell. Ganz gleich, ob Höhenkamm, Graphic Novel oder Warhammer-Bolterroman: Lesen erweitert die Perspektive, regt Phantasie und Gedanken an und ermöglicht Einblicke in sonst verschlossene Welten. Von der ganz subjektiven Erfahrung abgesehen ist das Lesen als eine der ältesten Kulturtechniken überhaupt für das Funktionieren unserer Gesellschaft fundamental relevant – nicht nur, weil es den Wortschatz erweitert, sondern auch den Horizont und die Empathie.

Was wäre die Welt ohne das „Was wäre, wenn …“ der Fiktion, die Möglichkeit, Alternativen zu erproben oder eindrücklich vor drohenden Gefahren zu warnen? Nein, eine Erzählung von Astrid Lindgren kann nicht das Elend der Welt bekämpfen. Aber ihre Geschichten können Alt und Jung ganz mühelos zum Lächeln bringen. Und ist das heute nicht auch schon viel wert?


ZEIT ONLINE startet „Freitext – Feld für literarisches Denken“

„ZEIT ONLINE“ hat heute das Projekt „Freitext – Feld für literarisches Denken“ gestartet, auf der deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie es heißt „fortlaufend und regelmäßig“ über Politik, Gesellschaft, Literatur und ihr Leben schreiben werden. Im Vordergrund stehen Austausch und Kommunikation, neben heiteren Kolumnen soll es auch Meinungsbeiträge und Polemiken geben.

Beteiligt sind unter vielen anderen: Feridun Zaimoglu, Nora Bossong, Thomas Glavinic, Ann Cotton und Ulrike Draesner.

Zu finden ist das Projekt hier.