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Technobabble: Lothar Weises „Unternehmen Marsgibberellin“

„Graue Schneewolken hielten den ganzen Tag die Dämmerung des Morgens fest. Ein naßkalter Wind wehte ein Gemisch von Schnee und Regen auf die Betonbahn, die sich mit einer gefährlichen Eisschicht überzog. Der Elektro-Eilbus Schwerin–Rostock hatte die Außenbezirke Schwerins verlassen. Verschneite Rosengebüsche zu beiden Seiten der Schnellstraße wandelten sich in ein gleichmäßiges weißes Band. Mit dreihundert Kilometer Stundengeschwindigkeit jagte das Fahrzeug, vom Luftpolster getragen, dahin. Schnittige Eissegler auf dem Schweriner See, spielzeughaft kleine Häuser entfernter Agrarstädte, bepuderte Wälder und schneebedeckte Felder glitten wie die Bilder eines Films am Fenster vorbei.“ (S. 23)

Roland Blüthner, Veteran der dritten Marsexpedition, scheint ein gebrochener Mann. Ein folgenschwerer Unfall auf dem Mars kostete ihn fast das Leben, der Kontakt zu einer gefährlichen Anomalie auf dem roten Planeten und dort wachsenden Pflanzen ließ ihn in kürzester Zeit altern und zehrte seinen Körper aus. Der unbekannte Stoff, den Blüthner von den Marspflanzen mitbrachte, erwies sich als wirkungsvolles Rauschgift, das den Wissenschaftler in eine lethargische Abhängigkeit zwingt. Erst als Blüthner von einem längeren Kuraufenthalt zurückkehrt, entdeckt er die wahre Bedeutung des Stoffes: Unter bestimmten Voraussetzungen erzeugt er bei Pflanzen Riesenwuchs – eine phänomenale Chance für die Landwirtschaft, um die Erträge drastisch zu erhöhen.

Lothar Weises phantastischer Roman Unternehmen Marsgibberellin schildert die angestrengten Versuche der Forscherkollektive in Deutschland und Russland, das Geheimnis des neuen Wuchsstoffes zu entschlüsseln. Hydroponikkulturen, Feldversuche, chemische Analysen – Die Forscher lassen nichts unversucht, können aber lange keine schlüssigen Ergebnisse erzielen. Insbesondere die stoische, fast konservative Systematik des Institutsleiters bringt keine nennenswerten Ergebnisse. Erst von Blüthner „illegal“ durchgeführte Feldversuche sorgen für erneuten Riesenwuchs, ohne jedoch das Geheimnis des Marsgibberellins preiszugeben. Da die Vorräte zur Neige gehen, soll Nachschub beschafft und das Wachstum der Marspflanzen direkt untersucht werden, weshalb es im letzten Drittel des Romans noch eine weitere Marsexpedition gibt.

Für einen Science Fiction Roman, der den Mars im Titel und eine Expedition dahin zum Thema hat, kommt Weises Roman erstaunlich lange ohne Raumfahrt aus. Der überwiegende Teil der Handlung spielt sich in der Forschungsstation Warin und auf den umliegenden Feldern ab. Dabei ist erkennbar, dass sich Lothar Weise die Klassifizierung seines Textes als „wissenschaftlich-phantastischer Roman“ sehr zu Herzen genommen hat. Während man sehr ausführlich die Überlegenheit der fast vollständig automatisierten Technologie vorexerziert bekommt, vertiefen sich die Figuren immer wieder in wissenschaftliche Fachsimpelei. Dabei sind die Unterhaltungen absolut interdisziplinär, ohne dass erst größere Wissenslücken geschlossen werden müssen. Das in der DDR seit 1959 propagierte Bildungsideal der polytechnischen Ausbildung scheint in Weises Vision also aufzugehen. Die Tiefgründigkeit der Unterhaltungen scheint indes zu belegen, dass Weise seine Hausaufgaben gemacht und den Stoff gründlich recherchiert hat. Hat der Leser aber kein Diplom in Biochemie, sind viele der Ausführungen und Exkurse in Chemie, Physik, Pflanzenkunde und Agrarwissenschaft aber nur umständliches Technobabble und wirken reichlich angestrengt, so als wolle der Autor seinen Lesern neben guter Unterhaltung gleich noch eine Weiterbildung in Biochemie präsentieren.

Dabei erscheint die präsentierte Welt durchaus überzeugend. Fast alles ist elektrifiziert und wird von hocheffizienten, sauberen und sicheren Atomkraftwerken betrieben, die kaum annähernd an der Auslastungsgrenze arbeiten. Der Mensch hat die Jahreszeiten überwunden und kann dank modernster Agrartechnik fast das gesamte Jahr hindurch schnell wachsende Pflanzen anbauen oder im Winter ganze Äcker beheizen. Wissenschaft und Fortschritt werden absolut positivistisch betrachtet; die Technologie hat keinerlei Nebenwirkungen. Darüber hinaus ist der Fortschritt in seinem Lauf nicht aufzuhalten, auch wenn dafür Teile der Natur unwiederbringlich zerstört werden müssen. Weises Schilderungen sind futuristisch, aber nicht völlig unrealistisch. Natürlich ist Marsgibberellin eine Form von Unobtainium, ansonsten kommt die Technologie aber ohne größere Logikzugeständnisse aus. Vollautomatische und autonome Erntemaschinen sind heute keine Zukunftsmusik mehr, lediglich die Atomenergie hat ihren Heiligenschimmer eingebüßt. Etwas kurios ist die Darstellung aus heutiger Sicht allerdings schon: Während Video-Telefone in Weises Zukunft ganz selbstverständliches Kommunikationsmittel sind, scheint ihm das Konzept, Text elektronisch anders als über Morsefunk zu übermitteln, völlig fremd.

Wie viele Vertreter seiner Zeit, der Roman stammt aus dem Jahr 1964, kommt auch Unternehmen Marsgibberellin ohne nennenswerten Ost-West-Konflikt aus. Der „damals noch bestehende kapitalistische westdeutsche Separatstaat“ (S. 23) findet nur eine einzige Erwähnung, danach wird ein weltübergreifendes gesamtkommunistisches System suggeriert. Drei Jahre nach dem Mauerbau war der kapitalistische Agent, wie er etwa noch in Horst Müllers Signale vom Mond als Antagonist auftrat, nicht länger notwendig. Zukunftspositivistisch bis in die letzte Faser beschreibt Lothar Weise eine Welt, in der nur noch die Natur, die Elemente und deren Überwindung Gegenspieler der geeinten Menschheit sind. Auch wenn der Roman in seinen Darstellungen der hocheffizienten sozialistischen Landwirtschaft Anklänge an die Produktionsliteratur der DDR hat, kommt Weise ohne den klassischen Wettkampf der Systeme aus. Dass das gezeigte Weltbild überlegen ist, ist als Fakt gesetzt.

Seine Höhepunkte hat der Roman, wenn er sich und die Welt – absichtlich oder nicht – selbstironisch kommentiert, wie im Bericht eines Technikers über einen von ihm gelesenen „Tatsachenbericht“. Diese seien ja „doch meist erfunden“, winkt der Zuhörer ab. Für Schwierigkeiten brauche es keinen Roman, die habe man bei der Erforschung des Marsgibberellins zur Genüge. An anderer Stelle wird dann ganz beiläufig Jesus zum Alien. Eine ganz charmante Art, Religion in einer komplett unreligiösen Welt zu thematisieren:

„Deshalb ist es denkbar, daß unser interstellarer Gast nicht allzu verwundert ist, auf der Erde vernunftbegabte Wesen vorzufinden. Vielleicht hat er im Photonenraumschiff bereits riesige Räume durchmessen. Auf dem Planeten fand er Bewohner, die bei seinem Erscheinen in die Knie sanken und ihn als Gesandten ihrer Gottheit empfingen und verehrten. Seine ihnen unbegreiflichen technischen Hilfsmittel: kaltes Licht zu erzeugen, auf Schwerkraftbrücken über Meere zu laufen, die ihnen unverständlichen Bilder und Töne seines Heimatplaneten empfangen, riesige Fluten zurückzudrängen; seine Fähigkeit, nach modernsten medizinischen Gesichtspunkten schwere, bisher tödliche Krankheiten fast schlagartig zu heilen, ja sogar Tote zu erwecken […] bleiben in den Erzählungen und Überlieferungen dieser Wesen über tausend Jahre lebendig, werden zu einer Art Religion. Der intestellare Gast aber ‚fährt erneut zum Himmel‘, gelangt vielleicht zu anderen Planeten […]“ (S. 194f.)

Von diesen Passagen abgesehen aber bleibt Unternehmen Marsgibberellin eher dröge. Spannung erzeugt der Kampf gegen die Elemente, für einen Abenteuerroman nimmt die Marsexpedition aber zu wenig Raum ein. Die Figuren bleiben außerhalb ihrer ihnen zugedachten Rolle (Pilot, Ärztin, Biologe, Skeptiker, väterliche Führungsfigur, romantischer Sidekick) eher flach und ohne Entwicklung. Weise erschöpft sich zu oft in ausführlichem Fachchinesisch, was den Roman für eine jüngere oder nicht naturwissenschaftlich vorgebildete Leserschaft schwer lesbar und stellenweise sehr langweilig macht. Zumindest kommt der Roman trotz gelegentlicher Schulmeisterei ohne das heute schwer erträgliche Hohelied auf die Überlegenheit des Sozialismus aus. Angesichts der aktuellen Begeisterung für unseren roten planetaren Nachbarn sind Weises Vorstellungen zur Beschaffenheit des Mars aber ganz amüsant zu lesen.

Lothar Weise: Unternehmen Marsgibberellin
Mit Illustrationen von Eberhard Binder
Berlin: Verlag Neues Leben 1964 (=Spannend Erzählt 56)
272 Seiten, gebunden
vergriffen

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