Schlagwort-Archive: Rezension

Sherlock Gently: William Ritters „Jackaby“

„Hatun sieht eine andere Welt als Sie oder ich. […] Sie hat die Stadt und ihre Bewohner bereits unzählige Male vor irgendwelchen Ungeheuern gerettet. Dass diese Kämpfe für gewöhnlich nur in ihrem Kopf stattfinden, schmälert nicht ihre Tapferkeit. Die schwersten Kämpfe ficht man stets im Kopf aus.“ (S. 117)

Abigail Rook trifft im Winter 1892 in der amerikanischen Kleinstadt New Fiddleham ein und kann stolz die drei Problemklassiker jeder Abenteuergeschichte auflisten: kein Geld, kein Job, kein Dach über dem Kopf. Nachdem sie ihre Karriere vielversprechend mit einer kurzfristigen Beschäftigung als Tellerwäscherin beginnt, stolpert sie – einige Absagen und Altherrenwitze später – in die Dienste von R. F. Jackaby. Dieser ist Spezialist für „ungeklärte Phänomene“ und eine Art Seher, der übernatürliche Wesen, Geister und Kobolde wahrnehmen kann. Meist wird er von der örtlichen Polizei aber eher fest- als ernst genommen, was auch die großzügigen Rücklagen für Kautionszahlungen erklärt.

Schon der erste gemeinsame Fall hat es in sich: Ein Serienmörder hat es auf Bürger der Stadt und deren Blut abgesehen. Jackaby ist überzeugt, dass der Täter keinesfalls menschlicher Natur sein kann und nimmt die Ermittlungen auf, in deren Verlauf Abigail Banshees, Gestaltwandlern, Geistern und einem in eine Ente verwandelten früheren Assistenten begegnen wird.

William Ritters Idee, die klassische Detektivgeschichte mit Fantasy und Geistern zu kombinieren, hat durchaus Potenzial. Jackaby als schrullig-absurder Protagonist weiß durch seine kuriosen Eigenheiten zu unterhalten. Mit seinen Sonderlichkeiten wirkt Jackaby wie eine Mischung aus Sherlock Holmes und Dirk Gently, ohne jedoch ganz an die Qualitäten seiner Vorbilder heranzureichen. Hinzu kommt, dass Jackabys merkwürdiges Verhalten oft nicht ausreichend erklärt wird, was nicht nur Abigail, sondern auch den Leser unschlüssig zurücklässt. Es entsteht der Verdacht, dass Ritter das schrullige Verhalten seines Detektivs nutzt, um Plotlöcher zu kitten oder allzu offensichtliche Deus-Ex-Machina-Momente zu verhindern. Das wirkt jedoch selbst vor dem Fantasy-Kontext etwas billig.

Leider überzeugen die restlichen Figuren des Romans nicht. Abigail scheint nur die Funktion zu haben, sich unaufhörlich über die fantastischen und übernatürlichen Absonderlichkeiten zu wundern und Jackaby bei seinen erratischen Wanderungen hinterherzulaufen. Zu den Ermittlungen trägt sie nicht wesentlich bei, ihr Charakter bleibt über den gesamten Handlungsverlauf enttäuschend blass. Ihre sich andeutende Liebelei ist dabei allenfalls augenrollwürdig. Auch bei den übrigen Figuren wird zu oft deutlich, dass sie lediglich existieren, um den Plot voranzubringen. Sie haben meist wenig bis keine Tiefe, lediglich eine Funktion für die Handlung.

Wirklich störend sind hingegen Klischees und Kalauer, insbesondere am Anfang des Romans. Natürlich ist die rothaarige Frau Irin. Natürlich simuliert Abigail einen Schwächeanfall, um den (natürlich) dumpf-bräsigen Polizisten abzulenken und (natürlich) fühlt sie sich schlecht dabei, weil vermutlich sogar der Autor selbst weiß, wie ausgenudelt dieser Topos ist. Ritter versucht an vielen Stellen, einen an Terry Pratchett erinnernden humorigen Ton anzuschlagen, vergreift sich aber immer wieder in den Saiten, sodass viele Witze konstruiert und deplatziert wirken.

Der Roman wird im Verlauf besser und nimmt nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich Fahrt auf. Es ist erkennbar, dass Ritter im Lauf des Schreibens zu seinem eigenen Stil gefunden hat. Als Leser würde man sich jedoch wünschen, dass er den Anfang des Romans noch einmal überarbeitet und geglättet hätte. So bleibt Jackaby trotz der vielversprechenden Idee leider hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Oh, und eines möchte man Herrn Ritter immer wieder entgegenschreien: Nicht Archäologen graben nach Dinosauriern. Das waren auch 1892 schon Paläontologen.

William Ritter: Jackaby
Aus dem Englischen von Dagmar Schmitz
München: cbt 2016
320 Seiten, Taschenbuch
9,99 €


Tote Schweine fühlen nicht: Warren Ellis’ „Dead Pig Collector“

„Standing in the kitchen, facing Mister Sun, was a tall woman with very wide eyes. Lying in the kitchen, also facing Mister Sun, was his client, also with very wide eyes, and in addition sporting a superb Chinese chef’s knife in his head.” (S. 18)

Die Sachlage verkomplizierte natürlich den Auftrag von Mister Sun. Zugegeben, sein Auftraggeber war ein gehöriger Kotzbrocken, aber das hatte sich ja nun erledigt. Technisch betrachtet müsste er sich eigentlich um nichts mehr kümmern, wäre da nicht sein eigentliches Ziel, das ihn mit leichter Panik in der Stimme um Hilfe gebeten hatte. Mister Sun war kein Killer. Mister Sun entsorgte professionell Leichen und würde nun improvisieren müssen. Mister Sun war gut im Improvisieren.

Was folgt, ist ein bizarres und makabres Kammerspiel. Mister Sun, Protagonist in Warren Ellis’ Kurzgeschichte Dead Pig Collector, macht sich an die Arbeit und entsorgt, unter zunehmend faszinierterer Beobachtung von Amanda, die Leiche seines vormaligen Klienten. Fachmännisch, mit geübten und handwerklich geschulten Handgriffen. Dabei kommt er mit Amanda ins Gespräch, führt sie in seine Kunst ein und erklärt ihr die Arbeitsschritte.

„‘So, why have we drained all the blood out of the bastard?” Amanda asked. Mister Sun had torn one of his heavy duty sacks off the roll and was shaking it open. ‘Because it’s going to make it much easier and cleaner to joint him.’ Amanda just looked at him. ‘I wouldn’t have expected that.’” (S. 44)

Innerhalb der wenigen Seiten, die Ellis für seine Erzählung benötigt, entspannt sich eine feine Beziehung zwischen Sun und Amanda, die trotz der grotesken Begleitumstände fast so etwas wie Nähe aufkommen lässt. Für Amanda scheint sich durch den brachialen Tod ihres früheren – und abservierten – Liebhabers ein Ausweg aus einem langweiligen kalifornischen Oberklasseleben aufzutun, und auch Suns Alltag ist geprägt von Routinen, wenn auch nicht im Sinne eines klassischen Neun-bis-Fünf-Jobs.

Entspannt sich also eine Liebesgeschichte, ein Bonnie-und-Clyde-Abenteuer? Die Bausteine dafür sind jedenfalls vorhanden. Doch immer, wenn sich das Menschliche in den Vordergrund zu rücken versucht, drückt es Ellis mit staubtrocken eingeflochtenen Details wieder zurück und erinnert daran, dass Sun und Amanda gerade eine Leiche zerstückeln.

Das führt zu morbiden, teilweise krassen Gegensätzen, deren Bildlichkeit nichts für Zartbesaitete ist. Sprachlich bleibt sich Ellis treu, ohne dabei in die Derbheit von Crooked Little Vain oder Transmetropolitan zu wechseln. Vielmehr bildet der elaborierte Umgang, den Sun und Amanda pflegen, einen überzeugenden Kontrast zur plastisch (aber nie voyeuristisch) geschilderten Handlung, der die Erzählung davor rettet, in Richtung Pulp abzudriften. Dead Pig Collector ist eine finstere und zugleich urkomische Kurzgeschichte; eine makabre Parabel auf den aussichtslosen Kampf gegen den Alltagstrott – und Warren Ellis in Bestform.

Warren Ellis: Dead Pig Collector
New York City: Farrar, Straus and Giroux 2013
29 Seiten (printäquivalent), E-Book
ab 0,99 €


Die Leben der Anderen: Dragan Velikićs „Das russische Fenster“

Wäre nicht „Aus dem Leben eines Taugenichts“ ein geeigneterer Titel für den Roman? Mitnichten. Eine wirkliche Leistung vollbringt der Protagonist zwar nicht, doch Leistung ist nicht das Thema von Dragan Velikićs Roman Das russische Fenster. Es ist vielmehr die Kraft der Phantasie, der Träume und einer Suche nach sich selbst.

Dragan Velikić: Das russische FensterRudi Stupar, Velikićs Protagonist, wächst in den neunziger Jahren in einer Kleinstadt nahe Belgrad auf und weiß seit früher Kindheit mit Bestimmtheit: Er ist geboren für die Schauspielerei und ganz gleich, wie hart das Schicksal ihm zusetzen wird, seine Bestimmung wird sich eines Tages erfüllen. Seine Jugend lässt er verstreichen, Liebesabenteuer gehen an ihm vorüber, denn auch die Liebe ist ihm vorherbestimmt: Die wahre Frau wird sich ihm eines Tages von selbst zeigen.

Doch die Schauspiel-Akademie in Belgrad teilt seine Auffassung nicht. Zweimal wird er abgewiesen. Schließlich absolviert er ein halbherziges Germanistikstudium und wird zum professionellen Müßiggänger. Als sein Vater stirbt und die Einberufung zur Armee auf dem Tisch liegt, flieht er nach Budapest, der Ausbruch des Krieges in seiner Heimat macht das Intermezzo zum Exil.

Velikić erzählt facettenreich und lebendig von der Spannung zwischen Monotonie und Vielfalt des Alltags in Belgrad, Budapest und München. Seine klar gezeichneten und nie stereotypen Figuren defilieren am Protagonisten Rudi vorbei, der ihre Geschichten in sich aufnimmt und mit seiner eigenen Vergangenheit mischt. Während die Zeit an ihm vorbeifließt, Orte und Menschen verändert und mitreißt, verharrt Rudi als Fixpunkt des Romans und wird wie der Leser zum Betrachter seines eigenen Lebens. Das russische Fenster zeigt die Suche eines Mannes nach sich selbst, seiner Funktion und einem Halt, die Suche eines Mannes, der sich in den fremden Leben verliert, sich treiben lässt und erst langsam den Mut gewinnt, sein Leben von dem der anderen zu trennen.

Dragan Velikić: Das russische Fenster
Aus dem Serbischen von Bärbel Schulte
München: DTV 2008
400 Seiten, Taschenbuch
14,90 € (derzeit vergriffen, antiquarisch etwa bei Eurobuch)

Rezension erschienen in: rezensöhnchen – Zeitschrift für Literaturkritik 43 (2008), S. 47.


Zwischen Dorfidyll und Mondkratern: Arno Schmidts „KAFF auch Mare Crisium“

Was hasdu heut Nachmittag eigntlich mit dem ‚helleborosen Farrago‘ gemeent?“ ; Hertha ; tiefsinnich. : „Einen ‚nieswurzwürdijen Mischmasch‘.“ – Aber ihr einzijer Dank beschtant in 1 wüstn Blick. Dann fiel ihr was ein : „Also ‚eine echte Bereicherunk im Sinne der tria corda des Ennius‘“, leierte sie haßvoll=auswenndich. Und TH ließ die Augn behaaklich zwischen uns hin & her gehen. „Was’n Tühnkram, nich?“ sagte sie liebevoll : „Deswegen ischa auch nix aus ihm gewordn : weil er den Kopf immer zu voll von seuchn Zeuch hadde. – Aber man wird’a guder Laune von, Mädchen.“ setzte sie mahnend hinzu : „Ich finnd‘ : wenn Einer mehr als bloß seine ‚Tausn Worde Deutsch‘ kann – man bleibt, auch als Frau=da – “ ( sie fingerte nach dem betreffenden Ausdruck ) : „ – Beweeklicher, nich. Oder?“ (S. 116)

Ein Kaff in Niedersachsen, 1960. Hertha und Karl, Angestellte aus der Stadt, besuchen in ihrer (Schlesierin, als junges Mädchen geflohen) Isetta seine (Kriegsveteran, vergeistigter Antimilitarist) Tante Heete (TH). Dorfidyll mit schmutzigen Kühen, Bauernleben und Dorftheater. Es riecht nach Kohleofen und Sülze mit Bratkartoffeln. The simple life. Parallel dazu, in seiner (Phantast, Worte=Schmied) Erzählung an sie (traum-a-tisiert, verunsichert), eine post-nukleare Kolonie der Amerikaner auf dem Mond. Science Fiction in Badehosen (wegen der Temperatur, Grünhauseffekt), die Farce eines Parlaments mit Kriegz=Minister (stehendes Herr: 2 Mann) und glühendem Patriotismus, dafür ohne Klopapier und praktisch ohne langfristigen Plan. Auf der dunklen Seite eine Kolonie der Russen. Pragmatischer, ohne Pathos und deutlich überlebensfähiger, weil man das Problem der Überalterung und das der Unterversorgung mit Proteinen in einem Zug gelöst hat.

Arno Schmidt: KAFFAuf Erden dann ein Angebot, Geistes- und Landleben zusammenzulegen. Den Eskapismus als maximale Kritik an Wirtschaftswunder und Wiederaufrüstung zu zelebrieren und – ganz uneigennützig von TH – das Erbteil vor der tumben Verwandtschaft zu retten.

Die eigentliche Handlung bleibt im Grunde belanglos und in ihrer Belanglosigkeit der Szenerie angemessen. Was KAFF auszeichnet, ist Arno Schmidts Spiel mit der Sprache. Sein gänzlicher Verzicht auf und Bruch mit orthographischen Konventionen. Schmidt entwickelt im KAFF seine lautmalerische Sprache, verknüpft mehrere Erzählebenen und zugleich ländlichen Realismus mit futuristischer Science Fiction. Damit verweist KAFF bereits auf Schmidts Spätwerk und Opus Magnum Zettels Traum, jedoch ohne dessen enorme und stellenweise unzugängliche Komplexität.

Schmidts Sprache und Stil sind bewusste und radikale Brüche mit der Konvention der Literatur der Bundesrepublik in den 60ern. Über seine anfangs gewöhnungsbedürftige, trotz ihrer scheinbaren Willkürlichkeit aber schnell eingängigen Otto=gra=vieh vermittelt Schmidt seine deutliche Kritik am Einfach-Weiter der BRD. Als sprachlicher Rebell stellt er sich gegen das Gewohnte und protestiert auf allen Ebenen gegen die unterlassene Aufarbeitung der Nazizeit, die deutsche Teilung, Wiederaufrüstung und verpasstes Wirtschaftswunder, Besatzung und den Kalten Krieg. Sprache ist ihm Mittel der Wahl, doch wird die Kritik auch in den Unterhaltungen der Figuren deutlich und letztlich in der Farce eines postnuklearen kalten Krieges auf dem Mond ironisch auf die Spitze getrieben. Mein persönlicher Favorit ist der hohle Heroismus in der verfremdeten Version des Nibelungenlieds des amerikanischen Nazional-Dichters auf dem Mond. Der beschworene Nibelungenwille zum patriotischen Durchhalten kann, nicht einmal 20 Jahre nach Stalingrad, nur zynisch-bitter schmecken.[1]

Im Grunde ist es daher schade, dass Schmidts Duktus heute in dieser Form nicht mehr funktionieren würde. Spuren davon mögen sich in 1 von der facebookisierten ich-schreibe-wie-meine-finger-halt-die-tasten-treffen-Mentalität geprägten Jugendsprache finden, seine kritische, subversive Kraft hat der bewusste (und damit sowohl absichtliche als auch gezielt-gedankenvolle) Bruch jeglicher orthographischer Regeln aber längst verloren.[2] Heute jedoch wird das Spiel zum Meme, zur bloßen popkulturellen Hülse, die man ein paar Wochen herumkrakeelt, bevor selbst der Bayerische Rundfunk auf den Zug aufspringt und sich die Influencer auf Twitter einen neuen Gag ausdenken müssen, um im immerwährenden Sozialmediengekreisch aufzufallen. Arno Schmidt hätte es vermutlich trotzdem amüsiert. Vong intelleggd her.

Arno Schmidt: KAFF auch Mare Crisium
Frankfurt: S. Fischer 1980
368 Seiten, Taschenbuch
9,95 €

[1] Einen tiefer gehenden Zugang bietet das Projekt mare crisium. das in Kooperation mit der Arno Schmidt Stiftung Bargfeld Materialien zum Text, Erläuterungen und Hintergründe sammelt. Eine Fundgrube, die den Zettelkästen des Autors angemessen ist!

[2] Übrigens nutzte bereits im Jahrhundert zuvor Oskar Panizza phonetische Orthographie zur Obrigkeitskritik. Dass ihn Schmidt kannte, darf getrost angenommen werden, auch wenn Panizzas Texte erst in den 60ern langsam wieder rezipiert wurden.


„The madmen are in Power.“ Philip K. Dicks: „The Man in the High Castle“

„Perhaps if you know you are insane then you are not insane. Or you are becoming sane, finally. Waking up. I suppose only a few are aware of all this. Isolated persons here and there. But the broad masses … what do they think?“ (S. 44f.)

Was wäre, wenn …? Eine Frage, die in der Evolution existenzieller menschheitsgeschichtlicher Fragen wohl unmittelbar nach Quo vadis? und dem ganz grundsätzlichen Warum? entstanden ist.  Was wäre also, wenn der Krieg anders verlaufen wäre?

Die Welt des Jahres 1962 ist aufgeteilt zwischen den Siegermächten. Nach dem Sieg der Achsenmächte über die Alliierten ist die Welt gespalten in die vom Deutschen Reich besetzten Gebiete und das Großreich Japan. Eine demilitarisierte, neutrale Zone trennt das frühere Gebiet der USA in die von Deutschland besetzten Gebiete an der Ostküste und die Pazifischen Staaten von Amerika an der Westküste. Beide Mächte regieren mit eiserner Faust, die amerikanische Kultur ist praktisch vollständig unterdrückt und überlebt lediglich in der neutralen Pufferzone und als romantisiertes Sammelobjekt der japanischen Besatzer.

dick_castleInmitten des amerikanischen Besatzungsalltags kursiert ein begehrter Roman. Im Westen frei erhältlich, im Osten als illegale Bückware, schildert The Grasshopper Lies Heavy eine alternative, schockierende und fesselnde Zukunft, in der die Alliierten den Krieg gewonnen haben und die USA zur Weltmacht aufgestiegen sind. Zurückgezogen von der Welt hütet dessen Autor Hawthorne Abendsen das Geheimnis seiner Inspiration für den Roman und schützt sich in seinem angeblich festungsgleichen Domizil, dem „High Castle“, vor den Mordversuchen des deutschen Sicherheitsdienstes.

„It is not hubris, not pride; it is inflation of the ego to its ultimate – confusion between him who worships and that which is worshipped. Man has not eaten God; God has eaten man.“ (S. 46)

Im Gegensatz zur gleichnamigen Amazon-Serie unternimmt Dick im Roman nicht den Versuch, eine spannende Agentengeschichte zu erzählen. Vielmehr ist das zentrale Motiv das ständige Bestreben der Figuren, in einer als verschoben wahrgenommenen Welt zu überleben und sich den Gegebenheiten der Besatzung anzupassen, einen Platz in ihrer Welt zu finden. Die Orientierung bieten dabei zwei Bücher: Die alternative Realität des Grasshopper und das I Ching, welches als esoterisches Orakel die Geschicke der Menschen in der japanischen Besatzungszone bestimmt. Beide Bücher stehen dabei in einem entscheidenden Gegensatz. Währen Abendsens Zukunftsentwurf die Menschen zu konkretem Handeln aufruft, etwa den Mordversuchen deutscher Agenten oder das Bestreben der Yogalehrerin Juliana Frink, Abendsen sein Geheimnis zu entlocken, drängt das Orakel die Menschen zu Passivität und bietet lediglich mystifizierte Erklärungsversuche für das Geschehen.

Was Abendsen beschreibt, ist ein vermeintliches Utopia, in dem sich die Siegermächte zumindest vorerst um die Welt zu kümmern scheinen und statt kaltem Krieg und globalkapitalistischer Wirtschaft soziale Reformen vorantreiben. Doch Dick, als realer Autor, zeigt schon seinen Zeitgenossen, dass die realen Siegermächte an diesem Anspruch gescheitert sind und es zu diesem Utopia nie kommen wird. Selbst im pervertierten Gegenwartsentwurf der Romanhandlung trifft Kriegsveteran Joe Cinnadella mit seiner zynischen Prognose den Nagel auf den Kopf: „They’re both [die USA und Großbritannien] plutocracies, ruled by the rich. If they had won, all they’d have thought about was making more money, that upper class. Abendsen, he’s wrong; there would be no social reform, no welfare public works plans – the Anglo-Saxon plutocrats wouldn’t have permitted it.“ (S. 157)

Was Dick ebenfalls zeigt, ist kulturelle Unterdrückung in zwei Extremen. Auf der einen Seite die archaische Gewalttätigkeit der Nazis, mit ihrer gänzlich materialistischen Ideologie von Stärke, Blut und Rassenlehre – auf der anderen Seite der japanische Mystizismus, der vordergründig feinsinnige Glaube an Orakel, Ahnen und Vorhersagen. Und doch gleichen sich beide Systeme in ihrer Perfektionierung der Unterdrückung, ihrer Etablierung von Hierarchie und Rangordnung. Exemplarisch wird das an der reichen japanischen Oberschicht, die sich mit Amerikana umgibt und die amerikanische „Geschichte“ mit dem kuriosen Interesse eines Kolonialherrn studiert. „The American Way of Life“ existiert nur noch als Inszenierung. Trotz Steak und Kartoffelecken fühlt sich der Antiquitätenhändler Robert Childan bei seinen Kunden als Fremder im eigenen Land. Deutlich wird dies auch an der Sprache der Figuren, die sich mehr und mehr dem vereinfachten Englisch der Japaner angleicht, deren Idiom übernimmt und sich so auch sprachlich unterwirft.

Bei der Lektüre des Romans verflechten sich ganz von selbst drei Ebenen der Realität. Die des Lesers, die des Romans und jene der fiktiven Erzählung Abendsens. Philip K. Dick unternimmt dabei keinerlei Wertung und beschreibt keinen der Entwürfe als überlegen oder utopisch. Vielmehr lässt sich die Welt in allen Versionen trotz ihrer teils gravierenden Unterschiede wiedererkennen. Diese Unterschiede ergeben sich durch den Einfluss von Zufall, Unwirklichkeit und die wiederkehrende Frage nach der Authentizität der Realität: zentrale Elemente bei der Überlegung, was möglich gewesen wäre oder möglich sein könnte.

Die Überlegung, Was wäre passiert, wäre der Krieg anders ausgegangen?, war bereits in den 60er-Jahren müßig. Weder die Realität noch die beiden von Dick vorgestellten Alternativen konnten den Anspruch an eine ideale Gesellschaft erfüllen. Dick verdeutlicht, dass keine Welt perfekt ist und sich der Lauf der Geschichte zu keinem Zeitpunkt mit Präzision vorhersagen lässt. Und zugleich warnt Dick mit seiner verstörend präzise beobachteten Version davor, dass es immer schlimmer kommen kann. Gerade in Zeiten der aktuell aller Orten populären Regression in reaktionären Nationalismus ist The Man in the High Castle nicht nur ein verspieltes Was wäre, wenn? – Dicks Dystopie ist vielmehr eine deutliche Mahnung davor, was möglich wäre – oder zumindest, Was uns erspart geblieben ist.

Philip K. Dick: The Man in the High Castle
London: Penguin Essentials 2014
265 Seiten, Paperback
6,99 €

Der Roman ist in deutscher Übersetzung von Norbert Stöbe bei Fischer Taschenbuch unter dem Titel Das Orakel vom Berge erhältlich.


Barbara: „Wirklich schön, dass Sie da sind“

Gut ein Jahr ist es her, dass der Hamburger Verlag Gruner + Jahr versuchte, den faltenlosen Einheitsbrei der Frauenmagazine zu revolutionieren. Mittel der Wahl war damals interessanterweise aber kein weiteres Hochglanzmagazin mit austauschbarem Schickimicki-Sternchen und Beauty-Tipps, sondern die freche Schnauze einer gewissen Barbara Schöneberger. Wer Schöneberger ist, musste nicht lange erklärt werden, sie ist in Deutschland als Moderatorin, Schauspielerin, Sängerin und allgemeines Multimedialtalent ohnehin omnipräsent und nun auch hier namensgebend: „Barbara“ war geboren.

barbaraSeither konnte das annähernd monatlich erscheinende Heft durchaus reüssieren. Dank großem Auftakthype (und geschicktem Marketing, davon versteht man immerhin was am Baumwall) musste man in Hamburg nach der Startauflage nachdrucken, schreibt nach eigener Aussage mit dem Heft schon jetzt schwarze Zahlen und wirkt insgesamt durchaus zufrieden mit sich und dem Neuling. In einer eher schrumpfenden als wachsenden Branche, der hippe Medienexperten aller paar Tage einen neuen Untergang vorhersehen, durchaus ein achtenswertes Ereignis.

Zugegebenermaßen ist mir eine selbstironisch-schnutige Frau Schöneberger auf dem Titel allemal lieber als das zigste Einheitsmagermodel mit debil-leerem Gesichtsausdruck und halboffenem Mund (vgl. Kristen Stewart, Trendsetterin). Schöneberger übernimmt im Heft die Rolle als „Editor at Large“, steht also ganz wörtlich für das Große Ganze, plappert im Editorial und in Interviews und verleiht dem Heft damit nicht nur ein (ihr) Gesicht, sondern auch eine (ihre) Stimme.

Das gelingt. Das Magazin schafft die Gratwanderung, durchaus auch ernste Themen in Schönebergers bekannt-schnurrigem Plauderton zu vermitteln, ohne dabei ins allzu Gekünstelte abzusaufen. Das Heft – vorliegend die Oktoberausgabe zum gegenwärtigen Pflichtthema „Heimat“ – vermittelt heimelige Bodenständigkeit und bleibt gleichermaßen sympathisch wie glaubwürdig. Forsche Anreden hier, der eine oder andere, durchaus auch mal schlüpfrige Witz dort (man ist ja unter sich, nicht wahr?) ergibt, gemischt mit selbstironischem Hipster-Bashing (aus dem Alter ist die Zielgruppe ja nun wirklich raus) eine funktionierende Mischung. Dass Frau Schöneberger während des Interviews mit Anna Netrebko spontan ein paar Arien mitsingt, scheint da tatsächlich plausibel. Mein Höhepunkt: Die starke Portraitfotoreihe von Anna-Kristina Bauer über die zum Teil kuriosen Regionalhoheiten Deutschlands. Da mischen sich düster-schaurige Motive grimmscher Märchen mit einem Hauch Fin de Siècle und der scheinbaren Absurdität einer Meerrettichkönigin (Isabella Miller aus Mittelfranken).

„Ohne Hausordnung und Sonntagsbraten“ will „Barbara“ ansonsten sein, bringt dann aber doch die obligatorische Modestrecke (passend zum Heftschwerpunkt natürlich „Designer aus Deutschland. Logisch.“), gibt genau an, wer für Haare und Make-up auf dem Cover zuständig war und wo man das eher grelle Rüschen-Blüschen von Frau S. käuflich erwerben kann. Geschenkt. Allerdings sind es die vom Verlag als so gut laufend gepriesenen Anzeigen und die typischen „schaut mal, wie toll“-Produktvorstellungs-Seiten, auf denen „Barbara“ die rustikal-schnurpsige Bodenständigkeit dann doch nicht halten kann und die das Heft als das Lifestyle-Magazin enttarnen, dass es letztlich doch ist. Nur halt nicht für junge Hipster oder den Gentleman von Welt, sondern die „Frau im besten Alter“. (Was immer das jetzt genau ist, aber da fragt man ja besser nicht.) Das Problem daran: Die gezeigten Produkte wie der Profi-Sitzsack für schlappe 890 Euro oder eine Lego-Clutch mit Golddekor für 260 Euro sind dann doch preislich eher „Vogue“ als „Landlust“.

Insgesamt ist die Anzeigendichte etwa auf Branchenniveau, was wohl den annehmbaren Copypreis von 3,80 Euro ermöglicht. Irritierend wird es, wenn einen Frau S. dann auch von den Anzeigenseiten angrinst und, sagen wir mal, Haartönungen empfiehlt. Offenbar hat man in Hamburg die anfängliche Scheu vor Schönebergers zahlreichen Werbepartnern doch noch abgelegt. Passend zur Zielgruppe sind die Anzeigen dann meist Pflegeprodukte oder Modemarken, gerne auch mal etwas teurer, man wird ja noch träumen dürfen. (Keine Angst, dm und Edeka sind auch dabei.)

Schlussendlich ist „Barbara“ ein gelungenes, aber längst nicht so überwältigend innovativ neuartiges Frauenmagazin, wie vielleicht verlagsseitig kolportiert. Überraschungen sollte man nicht erwarten, dafür gibt es solide Unterhaltung und durchaus hochwertigeren Journalismus, der ruhig noch etwas mehr Raum einnehmen dürfte. Selbstverständlich ist das „Eine wie wir“-Image auch nur eine geschickte Inszenierung, die vor allem vom Charme Barbara Schönebergers lebt. Aber sie funktioniert und wirkt weitestgehend glaubwürdig. Und auf die andernorts üblichen, mit Society-Geläster garnierten Hungerhaken-Modestrecken kann man nun wirklich dankend verzichten.


Haiku. Sieben.

05-10-15

„Erhaben“, vom 5. Okt. 2015

Bereits im Oktober vergangenen Jahres überraschte das bislang auf dem Feld der Lyrik völlig unbekannte Autorenkollektiv „bEeMwE“ auf den Titelseiten der FAZ mit einer feinen Anthologie streng komponierter Haiku, die allerdings im deutschlandweiten Feuilleton weitestgehend unbeachtet blieb. Kleine Meisterstücke wie Offenbarung, Höhenflug oder Erhaben entzogen sich dem Blick der Kritiker, vielleicht auch und gerade durch ihre subtile Positionierung an ungewöhnlicher Stelle links neben dem Titel der Zeitung. „Hidden in Plain Sight“ wurde so praktisch zum subtil-inoffiziellen Untertitel der ersten, titellos gebliebenen Anthologie.

"Offenbarung", vom 15. Okt. 2015

„Offenbarung“, vom 15. Okt. 2015

Nun, etwa ein Jahr später, legt das Kollektiv einen weiteren Zyklus nach, der an gewohnter Stelle auf dem Titel der FAZ erscheint und gleichsam einer zweiten „Frankfurter Anthologie“ an den Erfolg des Vorgängers anzuknüpfen versucht. Wieder präsentieren die weiterhin unbekannten Autoren der Gemeinschaft Kurzlyrik im japanischen Haiku-Stil, stets in Verbindung mit polychromen Aquarellminiaturen.

Thematisch folgt die zweite Anthologie mit Titeln wie Verantwortung, Regeneration oder Vereinte Kraft aktuellen Trends. Motive und Topoi wie die Suche nach regenerativen Energien, der Klimawandel und die spannungsvolle Dichotomie zwischen technologisiert-moderner Urbanität und ökologisch-anachronistischem Landleben werden deutlich.

"Lautlos", vom 20. Sept. 2016

„Lautlos“, vom 20. Sept. 2016

Trotz der auf den ersten Blick unverkennbaren Gemeinsamkeiten kann diese zweite Ausgabe formell und qualitativ jedoch nicht mit dem Erstling mithalten. Stellenweise scheint den Autoren die vor einem Jahr noch vorhandene Leichtigkeit abhandengekommen zu sein, mit der etwa in Erleuchtung und den Versen „Der Strahl wie Sonnenlicht / Die Dunkelheit flieht“ große, gar existenzialistische Themen mit wenigen Worten umrissen und in hochkonzentrierte poetische Form gegossen wurden.

Formell brechen die neuen Stücke eher evolutionär als revolutionär mit der konventionellen 5-7-5-Form klassischer Haiku. Zugleich jedoch verlieren die neuen Gedichte an sprachlicher und inhaltlicher Qualität und Spannkraft. Die progressive Silbenstruktur in Verantwortung wird so konterkariert von den fast schon pathetisch anmutenden Versen „Das Beste aus zwei Welten, / weil wir nur eine haben.“

Die bislang erschienenen Haiku wirken farblos, flach und uninspiriert, ihre Sprache kann mit der Leichtigkeit des vergangenen Jahres nicht mithalten. Die bis heute erschienenen fünf Gedichte, wobei die Dopplung von Verantwortung jeweils am Freitag eine formelle Klammer zu bilden und die Signifikanz des Gesamtmotivs zu unterstreichen scheint, können insgesamt nur enttäuschen und lassen Haiku-Liebhaber in der Hoffnung auf Besserung bei einer möglichen nächsten Ausgabe zurück.

 

Anmerkung: Natürlich handelt es sich bei den Gedichten um eine clevere Marketing-Aktion, mit der die BMW Group im Oktober 2015 die Vorzüge des damals neu erschienenen BMW 7ers in poetischer Nonchalance präsentierte. Jetzt kommt der 7er in der Hybridversion iPerformance auf den Markt und in München versucht man anzuknüpfen. Leider verfehlt die Kampagne dieses Mal ihre Wirkung, was nicht ganz ohne Ironie bleibt: Der Hybrid-7er soll leicht und entspannt wirken, die Gedichte indes wirken etwas verkrampft und platt.