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Erinnerungen in Sepia: Ossip Mandelstams „Reise nach Armenien“

1930 gelingt es dem russischen Dichter Ossip Mandelstam, seine lang ersehnte Reise nach Armenien anzutreten. Für ein paar Monate kann er freie Luft atmen und aus den Zwängen der Sowjetunion ausbrechen. Während dieser Zeit entsteht Die Reise nach Armenien, der letzte Aufschrei eines unterdrückten Dichters, der sich mit aller Kraft gegen den Druck eines diktatorischen Regimes stemmt. Eines Dichters, der schließlich in der Verbannung stirbt. Acht Monate lang reist er durch Armenien; seine Erlebnisse sind ein letztes Atemholen vor der nächsten, entscheidenden Verfolgungswelle.

Ossip Mandelstam: Die Reise nach ArmenienDas Auge wird für ihn zum wichtigsten Organ: „Mein Buch spricht davon, daß das Auge ein Instrument des Denkens ist, daß das Licht eine Kraft und daß das Ornament Gedanke ist.“ Das Sehen steht für Mandelstam noch vor allen anderen Sinnen, mit denen er die Eindrücke Armeniens in sich aufnimmt und die er zu seiner bildreichen Poesie vearbeitet.

Armenien, das Land der ersten christlichen Kultur, ist der Ursprung, die Wurzel der Zivilisation. Es ist dieser Ort, an dem Mandelstam versucht, Atem zu holen und den Blick frei schweifen zu lassen. Was entsteht, ist die Poesie der Augenblicke einer längst vergangenen Zeit. In Armenien scheint die Zeit langsamer zu verrinnen, rund um den Berg Ararat hat sich eine Wolke der Freiheit verhangen, die nur sehr langsam verfliegt. Mandelstams Essays bieten flüchtige Momentaufnahmen, die im Geiste sepiafarbene Erinnerungsbilder formen.

Die Raue Natur und die Reinheit der Menschen bieten einen scharfen Kontrast zur sich entwickelnden Moderne und Anonymität der Städte. Doch Mandelstam verbindet beide Welten, schweift durch die ungezähmte Natur und erörtert entscheidende philosophische Fragen seiner Zeit. Er verbindet die Natur mit den Meistern des Impressionismus und übt zugleich scharfe Kritik an der Gleichschaltung der Sowjetliteratur, indem er bewusst mit deren Verordnungen bricht. Seine Gedankensplitter folgen keiner äußeren Logik; Sprünge und Brüche beherrschen ein Gesamtbild, welches immer wieder von Kontrasten und plötzlichen Assoziationen aufgebrochen wird. Und so entstehen die raschen Wechsel zwischen seinen philosophisch-philologischen Betrachtungen und überschäumenden Naturmetaphern, die kaum erfassen können, welch unbändige und ursprünglichen Kräfte auf ihn einwirken. Und immer wieder ist es das Auge des Lesers, welches angeregt werden soll, die oberen, offensichtlichen Schichten zu durchbrechen und vorzustoßen in tiefere, bedeutendere Schichten des Sehens.

Mandelstams Reise ist ein Plädoyer für die Ursprünglichkeit und Freiheit der armenischen Bevölkerung. Und für die Freiheit des Geistes, der Wissenschaft und des Menschen. Sie ist dichte, schillernde und vielseitige Prosa, die den Leser einen Hauch jener Freiheit schmecken lässt, die Mandelstam in Armenien fand und erlebte.

Ossip Mandelstam: Die Reise nach Armenien.
Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007 (erstmals veröffentlicht 1983)
152 Seiten, gebunden
15,95 €

Rezension erschienen in: rezensöhnchen – Zeitschrift für Literaturkritik 41 (2007), S. 16.

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Es passt zu gut

Die russische Justiz verliert an Vertrauen und muss sich beeilen

Als vor etwa einer Woche der Kremlkritiker Boris Nemzow in Moskau auf offener Straße erschossen wurde, war mein erster Gedanke: Sie werden schon einen Georgier oder Tschetschenen finden, den sie medienwirksam über den Roten Platz treiben können. Nun sind fünf Männer verhaftet worden, die aus dem nördlichen Kaukasus stammen und Verbindungen zur tschetschenischen Führung haben sollen.

So sehr man sich einen Aufklärung des Mordes wünscht, im von Putin kontrollierten russischen Rechtssystem, das Oppositionelle und Dissidenten in Scheinprozessen kriminalisiert und gegen Menschenrechtsorganisationen, NGOs und Homosexuelle mit Repressionen vorgeht, wird es wohl nie Klarheit über die tatsächlichen Hintergründe der Tat geben. Dass der Mord auf direkte Anweisung des Kremls hin geschah, ist allerdings anzuzweifeln. So plump wie der KGB geht der FSB nicht mehr vor.

Dass aber die zahlreichen Sicherheitskameras, mit denen der russische Staat seine Bürger in der Nähe des Kreml „beschützt“, keine Bilder der Tat liefern konnten, weil sie samt und sonders deaktiviert waren, erschien dann doch äußerst unglaubwürdig und billig. In einem Land, in dem Autofahrer gezwungen sind, jede Fahrt mit kleinen Kameras zu dokumentieren, weil bei Verkehrsdelikten gegenüber korrupten Polizisten und Versicherungen ihr Recht zu bekommen, war es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis Amateurbilder im Netz auftauchten. Nun heißt es, man habe die Täter in Sicherheit wiegen wollen. Sollten die Bilder nun nachträglich noch zugänglich gemacht werden, ist allerdings fraglich, wie zuverlässig sie noch sind.

All den Aussagen und Meldungen der russischen Regierung haftet der fade Beigeschmack von Nachrichten aus totalitären und neoimperialistischen Systemen an, die sich durch wiederholte Tatsachenverdrehung und Lüge jeder Glaubwürdigkeit entledigt haben. Dies zeigt auch die schillernde Vielfalt von möglichen Theorien, die auch aus Regierungskreisen unmittelbar nach dem Mord aufgestellt wurden, von denen die obligatorische Verbindung zu CIA und NSA noch die vorhersehbarste war.

Es ist vielmehr das von der Regierung durch gezielte Propaganda geschürte Klima der Angst vor einer äußeren Bedrohung Russlands, das Teile der Bevölkerung radikalisiert und so für eine latente Bedrohung aller „Abweichler“ sorgt. Ein direkter Mordaufruf ist nicht mehr notwendig. Gibt es genügend Radikale, braucht keine Fatwa mehr ausgerufen werden, mit der man sich auf internationalem Parkett nur die Hände schmutzig machen würde. Auf diese Weise kann man sich darüber hinaus noch damit schmücken, sich bestmöglich um die Aufklärung zu bemühen und sich als eigentliches Opfer einer Kampagne inszenieren.

Ob die Täter – und viel wichtiger, die Hintermänner – des Mordes gefasst werden, spielt somit schon fast keine Rolle mehr. Ganz gleich, wen die russische Justiz der Weltöffentlichkeit als Attentäter vorführt, man wird das Ergebnis immer anzweifeln. Dass überhaupt nach den Hintermännern gefahndet wird, ist wenig wahrscheinlich. Dazu passt, dass der Haupttäter bereits in seinem Geständnis beteuert haben soll, die Tat allein geplant zu haben. Es passt alles, leider etwas zu gut. Im Fall der 2006 ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja dauerte es Jahre, bis es überhaupt zu Verurteilungen kam. Nun sind nach knapp einer Woche alle Täter medienwirksam inklusive Selbstmord eines weiteren Verdächtigen gefasst. Es scheint, als müsse man sich beeilen.


Montagskaffee #7

Guten Morgen.

George Orwells dystopisches Meisterwerk 1984, in dem er bereits 1954 den dämonischen Hybriden aus totalitärem System und technologisierter Überwachung skizzierte, ist zurzeit in aller Munde. Nicht nur Gegner des Überwachungsstaates führen den Roman als Mahnung für mehr Datenschutz und Datensicherheit ins Feld, auch im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine lohnt sich eine neue Lektüre. Timothy Snyder vergleicht im „Tagesspiegel“ das Vorgehen Putins in der Ukraine mit den Geschehnissen in Orwells Roman und führt dabei nicht nur den etwas wackeligen Vergleich zwischen dem fiktiven „Eurasien“ und einer gleichnamigen russischen außenpolitischen Doktrin ins Feld, sondern vor allem die russische Propaganda. Diese zeige auffällige Parallelen zum orwellschen „Doppeldenk“, das darauf beruht, dass Menschen „gleichzeitig zwei Meinungen vertreten können, die sich widersprechen, und trotzdem an beide glauben“. So müsse Russland eingreifen, weil der ukrainische Staat repressiv sei – und zugleich müsse es intervenieren, weil es keinen ukrainischen Staat gebe. „Krieg ist Frieden“.

Cornelius Gurlitt kommt nicht zur Ruhe. Nun hat man, nachdem der Münchener Kunsthändler am 6. Mai verstarb, in einem Koffer, den Gurlitt angeblich im Krankenhaus dabei hatte, einen weiteren Monet gefunden. So langsam gerät die Geschichte zur Posse, vermutlich taucht demnächst noch ein Picasso im Sockenfach auf.

Die Diskussionskultur im Internet war noch nie mit einem philosophischen Seminar vergleichbar, selbst an den oft zitierten Stammtischen pflegt man in der Regel weltoffenere und freundlichere Umgangsformen. Negative Spitzenreiter waren dabei stets Nonsensplattformen wie 4chan oder 9gag, aber auch Googles Videoplattform YouTube hadert seit je her mit Trollen, Rassisten und allerlei Unflat. Dass auch die viel kritisierte Einbindung der YouTube-Kommentare ins konzerneigene Netzwerk Google+ nichts gebracht hat, äußert sich nun an prominenter Stelle: Der mit mehr als 30 Mio. Abonnenten weltweit erfolgreichste „Let’s Player“ PewDiePie hat die Kommentarfunktion unter seinen Videos deaktiviert, wie „Golem“ berichtet. Dauerhaft, wie er selbst meint. Der erste ist er damit allerdings nicht, auch andere Größen wie der Brite John „TotalBiscuit“ Bain gingen bereits diesen Schritt. In Bains Fall sogar unmittelbar nach der Umstellung. Als Alternativen werden immer wieder Reddit, Twitter und Facebook genannt, wo die Interaktion mit den Zuschauern direkter und gehaltvoller sei.