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Zehn Fragen – Zehn Antworten

Birgit hat drüben bei Sätze & Schätze schon vor gut einem Jahr einmal eine illustre Fragerunde gestartet und zehn auf den ersten Blick simple Fragen zu Lieblings- und anderen Büchern gestellt. Nun hat sie den Fragenkatalog noch einmal hervorgeholt und offenbar machen jeder und sein Onkel mit, also husche ich als alter Trendnachhopser direkt hinterher und liefere, bevor mich der Kettenbriefkobold beißt.

Liebe Birgit, nun wartet die Gemeinde aber gespannt auf deine Antworten!

Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?

Michael Ende: Die unendliche Geschichte. Die Vorstellung, allein mit den Worten einer Geschichte eine ganze Welt zum Leben zu erwecken, hat mich schon als Junge fasziniert, gebannt und nie wieder losgelassen. Und wer träumte nicht davon, sich auf dem Dachboden zu verstecken und Schule und Regen einfach Schule und Regen sein zu lassen?

Das Buch, das Deine Jugend begleitete?

Frank Herbert: Der Wüstenplanet. Sechs Bände Science Fiction, fantastische Welten und hohe Politik, Intrigen und Abenteuer, Kampf und Liebe, Utopie und Dystopie – die erste Lektüre begleitete mich über mehrere Jahre, dann folgten die Strategiespiele und die Verfilmungen. Dune erschließt einen ganzen Kosmos und umfasst eine zeitliche Spanne, die mich schon damals schwer beeindruckte und mir wohl auch den Weg zur Science Fiction öffnete. Interessanterweise bemerkte ich bei einer wiederholten Lektüre Anfang des Jahres, dass sich meine Einschätzung des zweiten Bandes (Der Herr des Wüstenplaneten) um 180 Grad gedreht hat. War er mir als Jugendlicher zu langweilig, gedehnt und anstrengend, empfand ich ihn jetzt in seiner komprimierten politischen Dichte als den besten der sechs Bände.

Das Buch, das Dich zur Leserin/zum Leser machte?

Sergej W. Pokrowski: Ao, der Mammutjäger. Ziemlich sicher gab es Bücher davor, doch Pokrowskis Abenteuergeschichte in der Steinzeit ist mir in Erinnerung geblieben. Es stand lange im Regal, immer wieder einmal von meinem Vater empfohlen, doch immer links liegen gelassen. Vielleicht, weil es damals schon „oll“ wirkte, dieses abgegriffene, kleine Büchlein. Doch dann wählte ich es für ein Referat in der fünften Klasse aus – und verschlang es, unter dem Esstisch sitzend, an einem Nachmittag. Es gibt übrigens auch noch Uomi, der Geistersohn, falls ich jemanden anstecken sollte und Bedarf nach Nachschub besteht.

Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?

Goethe: FaustJohann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil. Für mich einer der wichtigsten und besten Texte der deutschsprachigen Literatur. Überhaupt. Es gab Zeiten, da konnte ich lange Passagen auswendig und konnte anhand weniger Dialogzeilen Szenen im Stück einordnen. „Ich bin der Geist, der stets verneint …“

 

Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?

George Orwell: 1984. Zweifelsohne einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts. Es erstaunt mich immer wieder, wie weitsichtig Orwell schon in den 50er-Jahren geschrieben hat und wie relevant sein Text noch immer ist. Meiner Meinung nach gibt es kaum eine Dystopie, die heute so real geworden ist, wie Orwells „Großer Bruder“ und unsere willfährige Unterwerfung unter die allgegenwärtige Überwachung. Man sollte die Konzernzentrale von Facebook mit Hardcover-Ausgaben von 1984 einmauern.

Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?

Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten. Jelineks monumentale und düstere Auseinandersetzung mit dem Holocaust, dem Tod und dem Gedenken ist niederschmetternd und anstrengend – und zugleich ein starkes Stück Literatur. Beendet habe ich es noch immer nicht, aber schon meine Professorin sagte damals: „Wer diesen Roman durchliest, verdient eigentlich einen Orden.“

Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?

Shakespeare: Romeo und Julia. Die angebliche Liebesgeschichte, die nichts mit romantischer Liebe zu tun hat und doch als Schablone dafür immer wieder herhalten muss. Als Schullektüre für pubertierende Jungs eine Folter und Qual und auch später einfach kein Genuss. Shakespeare hat so viele bessere Stücke geschrieben, warum immer wieder diese olle Kamelle?

Oh, und alles von Helmut Krausser.

Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?

James Joyce: Ulysses. Allein der Ruf dieses Monumentalwerks schüchtert mich ein.

Das Buch, das Dir am meisten Angst macht?

Da muss ich jetzt tatsächlich etwas überlegen. Da ich kein großer Freund von Horror bin, weder als Film noch als Text, kann ich da fast nichts angeben, Bücher lassen mich in der Regel nicht gruseln. Potenzial haben aber Glukhovskis Metro-Romane oder Erzählungen von Thomas Ligotti, aber auch die verstörende Grausamkeit in Anthony Burgess‘ A Clockwork Orange.

Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?

Sir Terry Pratchett: Mort. So leichtfüßig, so lebensfroh, komisch und doch so tiefgründig kann wohl niemand über den Tod schreiben, wie Terry Pratchett. Ich wünschte, ich käme seinem Humor zumindest ein Stück weit nahe.


Warum ich lese

Warum ich lese? Eine gute Frage. Und eine berechtigte obendrein. Lange Zeit habe ich mir darüber wenige bis keine Gedanken gemacht – Lesen war und ist praktisch ein selbstverständlicher Teil meines Lebens und gehört zu meinem Alltag, so lange wie ich mich zurückerinnern kann. Dann las ich kürzlich Uwe Kalkowskis Beitrag (praktisch eine Antwort auf Sandro Abbate) und sein entschiedenes Bekenntnis zum Lesen als Vehikel des Weiterkommens. Seitdem hängt mir die Frage an. Nicht wie nagender Zweifel, vielmehr wie eine grundsätzliche Überlegung. Ja, warum eigentlich?

Schon als Kind war Lesen für mich ein Weg, weiter zu kommen, die begrenzte Welt des Kinderzimmers in der Plattenbau-Dreiraumwohnung hinter mir zu lassen. Also begann ich mit dem überzeugenden Enthusiasmus eines Vierjährigen, meinem sicher schmunzelnden erwachsenen Umfeld Straßenschilder vorzulesen, die ich geschickt auswendig gelernt hatte.

Mein erstes Lieblingsbuch, Klaus Bär und die Umleitung von Dietlind Neven-du Mont, musste mir meine Mutter so oft vorlesen, dass ich es Wort für Wort auswendig konnte. Meine Mutter übrigens auch, und im Gegensatz zu mir kann sie es noch immer zitieren.

Später wurden Bücher dann tatsächlich zu einem Fluchtort, der mit großen Abenteuern und Erzählungen mehr zu bieten hatte, als dieses „Draußen“. Obwohl schon früh Videospiele in einen entschiedenen Wettbewerb traten, konnte kaum etwas das Lesen wirklich verdrängen.

Bücher sind Erinnerung, untrennbar mit Gefühlen, Stimmungen und Orten verbunden. S. W. Pokrowskis Ao der Mammutjäger, das ich – einem modernen Höhlenmenschen gleich – unter dem Esszimmertisch verschlungen habe. Die Jugendromane von Gudrun Pausewang lassen mich mein Klassenzimmer der ersten Jahre auf dem Gymnasium förmlich riechen, ähnlich der Küste Korsikas, an der ich die ersten Bände von Harry Potter aufsaugte und mir beim Lesen den schlimmsten Sonnenbrand meines Lebens holte. Übrigens griff ich aus purer Not zu Rowling, für die ich mich in pubertärer Ignoranz eigentlich schon zu alt wähnte: Mein eigenes Buch war zu schnell durch, also musste der Proviant meiner jüngeren Schwester geplündert werden.

Dass ich vermutlich als einziger meiner Klasse, bis auf Romeo und Julia (für pubertäre Jungs praktisch Folter) und Effi Briest (Oh Gott, die Langeweile!), fast alles in der Schullektüre heimlich doch ganz gut fand, war wohl der erste Indikator für meine spätere Studienfachwahl -auch wenn es erst des organisierten Stumpfsinns der Bundeswehr bedurfte, um mich zu überzeugen. Spätestens als ich im Panzer sitzend den Faust las, war es eigentlich klar und der Weg zur Germanistik prädestiniert. Die Neigung zu komplexerer Lektüre hat da sicherlich zusätzlich geholfen. Die Ausgabe von Der Name der Rose mit dem geschwärzten Schnitt habe ich als Kind mehrfach zur Seite legen müssen. Dass ich auch dafür erst das Labyrinth von Pubertät und Schule hinter mir lassen musste und gerade bei der recht humorfreien Armee den Weg durch die Abtei fand, darf getrost als Ironie des Lebens betrachtet werden.

Nein, das Studium der Germanistik hat mich der Literatur nicht entfremdet, eher meinen Geschmack und mein Urteil geschärft und mich mit der Fähigkeit (Oder dem Laster?) versehen, ständig mehrere Bücher gleichzeitig zu lesen.

Literatur ist und bleibt für mich essenziell. Ganz gleich, ob Höhenkamm, Graphic Novel oder Warhammer-Bolterroman: Lesen erweitert die Perspektive, regt Phantasie und Gedanken an und ermöglicht Einblicke in sonst verschlossene Welten. Von der ganz subjektiven Erfahrung abgesehen ist das Lesen als eine der ältesten Kulturtechniken überhaupt für das Funktionieren unserer Gesellschaft fundamental relevant – nicht nur, weil es den Wortschatz erweitert, sondern auch den Horizont und die Empathie.

Was wäre die Welt ohne das „Was wäre, wenn …“ der Fiktion, die Möglichkeit, Alternativen zu erproben oder eindrücklich vor drohenden Gefahren zu warnen? Nein, eine Erzählung von Astrid Lindgren kann nicht das Elend der Welt bekämpfen. Aber ihre Geschichten können Alt und Jung ganz mühelos zum Lächeln bringen. Und ist das heute nicht auch schon viel wert?