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War. War never changes: Joe Haldemans „Der ewige Krieg“

Der Krieg in der fernen Zukunft führt die Menschheit in die Tiefen des Alls. Vereint unter dem Banner einer universellen Verteidigungsstreitkraft reisen die Soldaten, ausgewählt aus der geistigen Elite des Planeten Erde zu fernen Planeten, um einen rätselhaften Feind zu bekämpfen. Während für die Männer und Frauen in der Truppe Wochen und Monate im Kampf verstreichen, vergehen nach den Gesetzen der Relativität auf der Erde Jahrhunderte. Jede Reise mit annähernder Lichtgeschwindigkeit wird so zur Zeitreise in eine Zukunft, die für die Soldaten zunehmend befremdlicher und unverständlicher wird.

Cover Joe Haldeman - Der ewige KriegWährend sich ihre Welt wenig ändert, wälzt sich die Vorstellung von Moral und Ethik auf der Erde vollständig um. Den Heimkehrern wird es zunehmend unmöglich, sich wieder in eine Gesellschaft zu integrieren, für die der Krieg jegliche Bedeutung verloren hat. Durch die Zeitdilatation sind ihre gerade errungenen Siege bereits Geschichte und bedeutungslos geworden, ihr Sold trotz enormer Zinsen von Inflation und Reformen der Ökonomie entwertet. Und da die Relativität auch für den Gegner gilt, wissen die Soldaten nie, ob ihnen der Feind bei der nächsten Rotation technologisch weit voraus oder hoffnungslos unterlegen sein wird. weiterlesen


Montagskaffee #5

Oh Captain! My Captain!

Welch dunkle Woche, in der nicht nur Peter Scholl-Latour und gestern der Historiker Wolfgang Leonhard verstarben, sondern vor allem Robin Williams, dessen überraschender Tod am vergangenen Montag die hektische Welt einen Augenblick hat inne halten lassen. Er, der mit seinen Rollen alle außer sich selbst zum Lachen brachte, starb, nachdem sein reiches und nie einfaches Leben zuletzt von schwerer Krankheit gezeichnet war. Die Welt verneigt sich vor seinem Ausnahmetalent, seiner chaotisch-anarchischen Art, die biedere Erwachsenenwelt immer wieder mit dem inneren Kind zu konfrontieren und seiner beeindruckenden intellektuellen Tiefe.

Andernorts gibt es Grund zum Optimismus. Zehn Jahre ist es her, seit bei einem verheerenden Brand große Teile der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar zerstört wurden. Obwohl circa 50000 Bücher durch Flammen und Löschwasser zerstört wurden, konnten erhebliche Teile der Bestände gerettet werden – nicht zuletzt durch den selbstlosen Einsatz von Feuerwehr und Anwohnern. Nach zehn Jahren zieht man nun Bilanz und zeigt die Ergebnisse der Restaurierungsarbeiten in einer Ausstellung, die ab 30. August in Weimar zu sehen sein wird.

Für Freunde der Science-Fiction gibt es seit einigen Tagen eine neue Anlaufstelle, wenn sie nach Anregungen und Empfehlungen suchen wollen. Schon vor einiger Zeit haben Nutzer der Diskussionsplattform Reddit in einer großen Sammelaktion versucht, die besten eigenständigen (d.h. keine Serien) Science-Fiction-Romane der letzten 25 Jahre zusammenzutragen. Aus der schieren Flut von über 2000 Antworten hat Nutzer zombie_wonderland in mühevoller Kleinarbeit nun eine ansprechende Liste zusammengetragen, die er auch auf seinem Blog präsentiert und um kurze Inhaltsangaben erweitert. Eine wahre Fundgrube!


Mind the Gap: Dmitry Glukhovskys „Metro 2033“ und „Metro 2034“

Es scheint, als habe Stanisław Lem Recht behalten. In seiner 1983 erschienenen fiktiven Rezension Waffensysteme des 21. Jahrhunderts oder The Upside Down Evolution[1] beschreibt er nicht nur düster präzise die Entwicklung moderner Waffensysteme, sondern auch deren Einfluss auf die Geisteswelt der Menschheit. So werde die Angst vor der thermonuklearen Vernichtung die Menschen zum Entwurf immer größerer Bunkeranlagen treiben, die der finalen Logik des Totrüstens zufolge jedoch immer eine Stufe zu schwach bleiben müssen. „Jene Konzeption“, so Lem, „befruchtete nur die damalige Science-fiction mit finsteren und entsetzlichen Visionen, in denen die Reste einer entarteten Menschheit in betonierten, mehrstöckigen, tief unter der Erdoberfläche befindlichen Maulwurfslöchern unter den Ruinen der verbrannten Städte vegetierten.“[2]

Tatsächlich ist diese Vorstellung vielfach aufgegriffen worden. Postnukleare Welten, in denen sich Überlebende vor Sonnenlicht und Mutanten verstecken, finden sich in der Literatur etwa bei Walter M. Miller, Jr.‘s Lobgesang auf Leibowitz, Richard Mathesons Ich bin Legende oder Cormac McCarthys Die Straße.[3] Auch die Videospielwelt hat sich des Themas angenommen und daraus etwa die mittlerweile zu Kultstatus erhobene Fallout-Reihe geschaffen.

Bereits 2007 erschien mit Metro 2033 ein weiterer dystopischer Roman, der sich in die von Lem prophezeite Tradition einreihte. Angesiedelt im postnuklearen Moskau beschreibt der Roman von Dmitry Glukhovsky das Überleben einer größeren Menschengruppe, die sich noch während des Bombardements in die Moskauer Metro retten konnte. Hermetisch abgeriegelt konnten sie der nuklearen Zerstörung entgehen und fristen seither ihr Dasein in Dunkelheit und Angst, unter der ständigen Bedrohung von einbrechenden Wassermassen, Strahlung, Anomalien und Mutanten. 2009 folgte die Fortsetzung Metro 2034. Beide Romane sind nun bei Heyne in einer üppige 1088 Seiten umfassenden Doppelausgabe erhältlich.

Cover Dmitry Glukhovsky MetroGlukhovskys Metro 2033 ist eine Parabel auf den unbeugsamen Willen der Menschheit, in den widrigsten Umgebungen zu überleben; vor allem aber über ihre Hybris und Geschichtsvergessenheit, über ihre Unfähigkeit aus vergangenen Fehlern zu lernen und das permanente Gefühl, bedroht zu sein. Zur Bedrohung werden bei Glukhovsky das undurchdringliche Dunkel der Tunnel, die radioaktiven Strahlung der Oberfläche und die mutierten Kreaturen der postnuklearen Welt. Allgegenwärtig sind Angst, Paranoia und scheinbar gefährliche Anomalien, während der gefährlichste Feind des Menschen er selbst bleibt, in seiner alles überdauernden gegenseitigen Missgunst und Ideologie. Homo homini lupus.

Die Stationen der U-Bahn sind zu Zwergenstaaten mutiert, in denen die populären Ideologien des 20. Jahrhunderts in pervertierter Form fortexistieren. Die Bewohner der Stationen bekämpfen sich um die Vorherrschaft über ihr eigenes Gefängnis und um die Durchsetzung ihrer absurden Gottesvorstellungen. Kommunisten, Faschisten und Jehovas Zeugen, ein „Großer Wurm“ und „Unsichtbare Beobachter“ – es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen „gut“ und „böse“, nur noch den allgegenwärtigen Zwang, die eigene Machtlosigkeit gegenüber der selbst geschaffenen nuklearen Finsternis mit wirren Ideologien zu übertünchen. weiterlesen