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Am Rande des Krieges – Robert Harris‘ „Munich“

„‚This is the thing, Hugh. This is what we could never grasp in Oxford – because it’s beyond reason; it’s not rational.‘ He waved the cigarette as he spoke, his right hand on the wheel, his eyes fixed on the road ahead. ‚This is what I have learned these past six years, as opposed to what is taught in Oxford: the power of unreason. Everyone said – by everyone I mean people like me – we all said, „Oh, he’s a terrible fellow, Hitler, but he’s not necessarily all bad. Look at his achievements. Put aside this awful medieval anti-Jew stuff: it will pass.“ But the point is, it won’t pass. You can’t isolate it from the rest. It’s there in the mix. And if the anti-Semitism is evil, it’s all evil. Because if they’re capable of that, they’re capable of everything.‘ He took his eyes off the road just long enough to look at Legat. His eyes were wet. ‚Do you see what I mean?'“

Im September 1938 stand der Krieg vor den Toren Europas. Seit dem Frühjahr hatte Adolf Hitler mit planmäßiger Vehemenz die sogenannte Sudetenkrise immer weiter eskaliert, um einen Krieg mit der damaligen Tschechoslowakei zu provozieren. Nach dem „Anschluss“ Österreichs sollten auch die von den Sudetendeutschen bewohnten Gebiete „heim ins Reich“ geholt werden – und ganz nebenbei auch die tschechoslowakischen Befestigungsanlagen und Rüstungsbetriebe. Noch am 28. September 1938 sah alles danach aus, als würde das vom Reich gestellte Ultimatum zu einem Einmarsch der Wehrmacht und unmittelbaren Kriegshandlungen führen.

In diese bedrückende Stimmung, angesichts derer in London Luftschutzanlagen errichtet und Gasmasken angepasst werden, setzt Robert Harris die Handlung seines jüngsten Romans Munich. Auf der einen Seite, in No. 10 Downing Street, sucht die britische Regierung fieberhaft nach einem Weg, den Krieg in Europa zu verhindern oder zumindest aufzuschieben. Auf der anderen Seite, im reichsdeutschen Auswärtigen Amt, gibt man berauscht vom eigenen Aufstieg wenig auf die Bemühungen der Alliierten. Im Mittelpunkt stehen der junge Sekretär und Übersetzer Hugh Legat und sein deutsches Gegenüber Paul von Hartmann, Mitglied einer dem Kreisauer Kreis ähnelnden Widerstandsgruppe und Studienfreund Legats aus Oxforder Zeiten.

Diesen Figuren gibt Harris eine winzige Möglichkeit des „Was wäre wenn“ an die Hand, eine winzige Chance, den Lauf der Geschichte und damit einen erneuten Weltkrieg zu verhindern. Hartmann ist im Besitz eines geheimen Memorandums, das Hitlers wahre Pläne, seine von Rassenwahn und Kriegslust geformte Vision vom „Lebensraum im Osten“, verschriftlicht und den Alliierten die Augen öffnen soll. Angesichts dieser Offenbarung, so der Plan, sollen es die Alliierten auf den Krieg ankommen lassen, um dadurch einen Putsch der vermeintlich wenig kriegswilligen Wehrmachtsführung auszulösen.

Doch Harris bleibt bei den Fakten. Es wird schnell klar, dass seine Protagonisten wenig Chancen haben, sich gegen den Lauf der Geschichte zu stemmen oder sie gar aus dem eingeschlagenen Gleis zu werfen. Munich entfaltet seine Spannung daher nur zum Teil aus der auf Harris-typisch hohem Niveau erzählten Agentengeschichte. Viel überzeugender und auf bedrückende Art fesselnd ist die von Harris geschilderte Stimmung in Europa zwischen Resignation, Widerstand und Fanatismus. In London symbolisieren verstaubte Korridore, altmodische Anzüge und Scotch mit Soda ein im Untergang begriffenes Weltreich, dem mit Neville Chamberlain ein alterndes und vermeintlich schwaches Staatsoberhaupt vorsteht. Im Reich hingegen stampfen machtberauschte Faschisten über die Reste der Kultur und verwandeln Parks in vulgäre Brachialmonumente deutscher Großmannssucht.

Munich wirkt wie ein Schwarzweißfilm, in dem nur die Fackeln und Hakenkreuzfahnen Nazideutschlands koloriert wurden. Der Roman erhält seine volle Bedrohlichkeit weniger durch die greifbare Überheblichkeit der Nazigrößen und die latente Gewalttätigkeit der SS-Männer im „Führerbau“, als vielmehr durch die historische Realität. Der Leser weiß um die Vergeblichkeit der Anstrengungen Chamberlains und Hartmanns. Es wird keinen Aufstand der Wehrmacht geben und auch Hitlers Zugeständnisse für einen anhaltenden Frieden in Europa sind angesichts der späteren Eskalation zynische Phrasen. Die Konferenz von München wird heute als letztes Versagen der Appeasement-Politik und Weichenstellung für den Zweiten Weltkrieg begriffen. Für Chamberlain war es der letzte Versuch, sich vor den Millionen Toten des Ersten Weltkrieges zu rechtfertigen und um jeden Preis den Frieden zu erhalten. Als er am 30. September 1938 wieder in England landete, jubelten ihm die Menschen auf den Straßen zu. Nicht einmal ein Jahr später fielen in Polen die ersten Schüsse.

Robert Harris: Munich
London: Hutchinson 2017
342 Seiten, Taschenbuch
£13,99

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Sede vacante: Robert Harris‘ „Konklave“

„‚Dann gehen Sie also davon aus, dass unser Freund in seiner Ablehnung des Petrusstuhls nicht ganz aufrichtig war.‘ ‚Doch, doch, ich halte ihn für absolut aufrichtig. Genau das ist einer der Gründe, warum ich ihn unterstütze. Die gefährlichen Männer, die man aufhalten muss, das sind die, die das Amt aktiv anstreben.‘“ (S. 104).

Eigentlich sollte man meinen, dass die katholische Kirche nach etwas über 2.000 Jahren ihres Bestehens für alle Eventualitäten gerüstet ist. Doch man kann nie wissen. Papst Johannes XXIII. etwa war bei seiner Wahl selbst die größte vorhandene Soutane zu klein, sodass sie aufgeschnitten und ihm wie ein ziemlich prunkvoller OP-Kittel praktisch um den massigen Leib geschneidert werden musste.

Auch in Robert Harris‘ jüngstem Roman Konklave muss die Kirche auf alle Eventualitäten gefasst sein. Wie es sich für den namensgebenden Ritus gehört, ist der aktuelle Papst, der durchaus Züge von Papst Franziskus trägt, verstorben. Auch in Zeiten der Unsicherheit – der Roman spielt in einer sehr nahen Zukunft – wird in aller Tradition das Konklave einberufen und beginnt seine Arbeit, einen neuen Vertreter Petri auf Erden zu ernennen.

Konklave ist jedoch keine kirchenhistorische Nacherzählung einer vom heiligen Geist beseelten Papsternennung, sondern ein glänzend recherchierter Politthriller, der nur an wenigen Stellen etwas zu übereifrig wird und ansonsten dem ehrfürchtigen Rahmen sehr gerecht wird.

Robert Harris: KonklaveErzählt wird die Handlung aus der Sicht des Dekans des Kardinalskollegiums, Jacopo Kardinal Lomeli. Dieser ist, trotz oder gerade wegen seiner langen Zeit im Verwaltungsdienst der Kirche getrieben vom Zweifel. Zweifel an seinem Handeln, am Glauben und an der Institution Kirche. Doch Lomeli schöpft aus dem Zweifel letztlich Kraft und erkennt die ihm innewohnende positive Energie, um die Gemeinschaft der Gläubigen zu erhalten. Nicht der Zweifel ist zu fürchten, sondern die Gewissheit, die als Feind der Einheit und der Toleranz zur Gefahr wird. „Gäbe es nur Gewissheit und keinen Zweifel, dann gäbe es kein Geheimnis und wir brauchten den Glauben nicht.“ (S. 123)

Damit findet Lomeli eine Antwort darauf, wie der Absolutheitsanspruch der katholischen Kirche und des Pontifikats mit der Ungewissheit des 21. Jahrhunderts in Einklang zu bringen sein könnte. Einer Zeit, die gleichermaßen geprägt ist von Zweifeln und Unsicherheit wie von immer stärkeren Absolutismen und Dogmen. Lomeli spiegelt die innere Zerrissenheit einer Gegenwart, die sich nach Sicherheit und Rückhalt sehnt, starre Strukturen aber ablehnt und immer wieder aufzubrechen versucht. Nur der ständige Zweifel ermöglicht die nötige Flexibilität, um diese Spannungen auszuhalten.

Harris demonstriert das Hadern und Zögern desjenigen, der die Strukturen der Macht und Politik durchschaut, selbst aber keine Ambitionen hegt, die Macht zu ergreifen. Lomeli zur Seite steht das Kardinalskollegium in all seiner Internationalität und Vielseitigkeit: Aspiranten und Emporkömmlinge, weise alte Männer und verschrobene Theologen. Die möglichen Kandidaten geben ein gutes Bild der innerkirchlichen Spannungen. Darunter erzkonservative Traditionalisten wie der sprechend benannte Kardinal Tedesco; der trotz seiner glühenden Homophobie die afrikanischen Hoffnungen tragende Kardinal Adeyemi sowie der liberale, aber erschöpfte Bellini. Und natürlich gibt es einen Überraschungskandidaten, einen in pectore ernannten Kardinal, mit dem niemand gerechnet hatte.

Das Konklave ist eine Welt der Politik und Intrigen, in der schnell klar wird, dass es keinen idealen Kandidaten geben kann. Die vordergründige Einheit der Kirche wird stellenweise lediglich vom jahrhundertealten Ritual zusammengehalten. Einer nach dem anderen scheiden die Favoriten aus, gescheitert an ihren Ambitionen, an Kabalen ihrer Mitbewerber oder eingeholt von ihrer Vergangenheit. Zugleich bricht Harris die Erzählung aus dem machtvollen Zirkel mit Episoden der Menschlichkeit, die daran erinnern, dass es sich bei den mächtigsten Figuren der Kurie letztlich doch um gebrechliche, vom Schicksal gezeichnete Menschen handelt.

Es gelingt Robert Harris geschickt, den Widerspruch zwischen dem bis ins letzte Detail penibel institutionalisierten Ritus und der Fehlbarkeit des Menschen zu verdeutlichen. Konklave bietet einen von Pathos und Mystizismus befreiten Einblick in die inneren Strukturen, Konflikte und kirchenpolitischen Zusammenhänge des Vatikans, ohne das Tempo eines gut erzählten Thrillers zu gefährden. Und auch wenn es den letzten Twist am Ende wohl nicht gebraucht hätte: Die Einheit kommt in der Not.

Robert Harris: Konklave
Originaltitel: Conclave
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
München: Wilhelm Heyne 2016
352 Seiten, gebunden
21,99 €