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Offener Brief: Autoren wehren sich gegen Verlegerbeteiligung an Urheberpauschale

Diverse Autoren und Journalisten haben in einem Offenen Brief an Justizminister Heiko Maas deutliche Kritik an den Plänen der Regierung geäußert, Verlage weiterhin an den Urheberpauschalen der Verwertungsgesellschaften beteiligen zu wollen. Etwa 70 Autoren, darunter Navid Kermani, Daniel Kehlmann und Sibylle Berg, gehörten zu den Erstunterzeichnern. Mittlerweile ist die Liste auf knapp 1.000 Personen angewachsen.

Was ist passiert?

Im November des vergangenen Jahres hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass die beim Kauf von Kopierern oder in Copyshops anfallende sogenannte Urheberpauschale ausschließlich den Autoren zusteht. Damit wurde die bisherige Praxis gekippt, nach der Verwertungsgesellschaften wie die im Klagefall betroffene belgische Reprobel oder die deutsche VG Wort diese Tantiemen nach eigenem Ermessen auf Verleger und Autoren aufteilten (in der Regel 30/70, bei Fachliteratur 50/50). Da das Urteil gleichermaßen bedeutet, dass die Praxis europarrechtswidrig ist, sind ähnliche Urteile nun auch in den anderen EU-Mitgliedsstaaten zu erwarten. Ein Verfahren vor dem Bundesgerichtshof wurde im Dezember 2014 ausgesetzt, um eben jenes Reprobel-Urteil abzuwarten.

Was stört die Autoren?

Noch bevor der Bundesgerichtshof Zeit finden konnte, am 10. März ein entsprechendes Urteil zu finden, haben die Publikumsverlage in ihrer „Münchner Erklärung“ die Bundesregierung dazu aufgerufen, am bisherigen System festzuhalten. Bundesjustizminister Heiko Maas hat seine Unterstützung zugesichert und gemeinsam mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters eine entsprechende Initiative auf den Weg gebracht, die bisherige Praxis europarechtlich zu legalisieren.

Die Autoren zeigen sich nun zu recht irritiert über die Rechtsauffassung nicht nur der Verlage, sondern auch des Justizministers. Dessen Äußerungen stünden „in krassem Widerspruch zum Ziel der Bundesregierung, die Rechte der Autoren zu stärken“, heißt es im Brief. Tatsächlich würde Maas so nicht nur den bisherigen Rechtsbruch folgenlos ignorieren, sondern darüber hinaus die Vorgehensweise der Verwertungsgesellschaften nachträglich rechtlich legitimieren.

Natürlich darf die Arbeit der Verlage nicht ignoriert werden, ohne sie könnten Bücher nicht in der heute üblichen Qualität und Vielzahl auf dem Markt publiziert und vertrieben werden. Dennoch ist in der bisherigen Praxis ein deutliches Ungleichgewicht zulasten der Autoren zu erkennen. Wie diese in ihrem Brief deutlich machen, gehören Autoren mitnichten zu den Großverdienern. Das durchschnittliche Jahresgehalt eines Schriftstellers betrage gerade einmal rund 19.000 Euro und liege damit auf dem Niveau eines Zimmermädchens.

Niemand erwartet das große Geld in der Schriftstellerei. Kultur war, ist und bleibt ein Subventionsbetrieb. Doch auch für die Hauptakteure muss ein finanzielles Auskommen möglich sein. Gerade für wissenschaftliche Autoren sind die Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften ein wichtiges Zubrot. Deren Werke finden in den allerwenigsten Fällen reißenden Absatz und sind mit hohen Produktionskosten und entsprechend niedrigen Honoraren (falls überhaupt) verbunden. Selbstverständlich tragen Verlage das wirtschaftliche Risiko einer Publikation. Doch sie erhalten auch den Löwenanteil des Umsatzes, der ohne die geistige Arbeit der Autoren nicht möglich wäre.

Dass ausgerechnet der Justizminister nun nicht einmal die deutsche Rechtsprechung abwartet, sondern bereits daran arbeitet, die vom EuGH als europarechtswidrig deklarierte Praxis nachträglich zu legitimieren, ist nicht nur schlechter Stil, sondern in seiner gutsherrenartigen Rechtsauffassung höchst bedenklich.

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Montagskaffee #19

Guten Morgen.

Der Tod des Autors wurde nun schon oft genug beklagt und besungen. Während Roland Barthes sich der Diskussion mit dem Blickwinkel auf die literarische Funktion und Wahrnehmung näherte, stellt sich für Warren Ellis in dessen aktuellem wöchentlichen Newsletter Orbital Operations eher die Frage, welche Berechtigung denn der Autor noch hat, wenn der aktuelle Diskurs sich wieder einmal mit der Redundanz des Romans an sich beschäftigt. Während David Shields in Reality Hunger noch davon ausgehe, dass der Roman nicht mehr ausreichend sei, die heutige Wirklichkeit darzustellen und sich eher dem lyrischen Essay oder der literarischen Collage zuwendet, zeige etwa Karl Ove Knausgård Min kamp (Der provokante Titel Mein Kampf wird in der deutschen Edition übrigens konsequent vermieden.) die zunehmend verschwimmende Linie zwischen Roman und Autobiographie. Ellis spekuliert daraufhin, welche neuen Möglichkeiten der Publikation es angesichts eines Verschwindens des Romans geben würde und kommt naturgemäß zu einer Analogie zu Comics. Vorstellbar wäre für ihn eine ähnlich offene Publikationsart mit 5.000 bis 10.000 Wörtern im Monat, die episodenweise zu kaufen und lesen wäre.

Das Hergé-Museum im belgischen Louvain-La-Neuve hat eine für diese Tage angekündigte Karikaturen-Ausstellung abgesagt. Man reagiere damit auf Sicherheitsbedenken, gab Direktor Nick Rodwell an, nachdem die belgische Polizei das Museum auf mögliche Risiken aufmerksam gemacht habe. Die Schau sollte eine Hommage an den Namenspatron des Museums, Hergé, sein, der sich auch als Karikaturist betätigte. Unter anderem war geplant, auch das letzte Titelblatt von Charlie Hebdo zu zeigen. Erst vor Kurzem waren in Belgien bei einer umfassenden Razzia gegen eine Terrorzelle zwei Verdächtige getötet. Die Sicherheitsstufe im Land ist noch immer auf dem zweithöchsten Niveau, auch eine für heute geplante Demonstration eines belgischen „Pegida“-Ablegers wurde untersagt. Dem Museum sollte man nicht den Vorwurf machen, vor der Terrorbedrohung eingeknickt zu sein, da wohl kaum von einem kleinen Museum erwartet werden kann, für ausreichend Sicherheitskräfte zu sorgen. Wohl aber sollte sich die Polizei fragen, ob es nicht vielmehr ihre Aufgabe sein sollte, eine solche Ausstellung mit aller Kraft zu schützen, statt sie durch Hinweise auf mögliche Risiken abzusagen.

Anke von Heyl resümiert indes den aktuellen Trend zu Museumsselfies. Was derzeit auf den Straßen im Selfie-Stick ausgeartet ist, ist natürlich auch längst in den Museen angekommen und äußert sich dort in mehr oder weniger kreativen Selbstaufnahmen neben ebenso mehr oder weniger bekannten Kunstwerken. Anke von Heyl sieht darin jedoch nicht nur eine Plage, sondern vor allem eine Chance, den Dialog zwischen Museum und Besucher einen Schritt weiter zu bringen. Dafür allerdings brauche es kreativen Umgang mit dem Phänomen statt kulturpessimistischer Ablehnung oder reiner Duldung. Interessant ist dabei ihr Ansatz zum „Storytelling“, also der Gestaltung von Selfies über den reinen Selbstzweck hinaus zum interaktiven Kommentar der Besucher zum Kunstwerk, der Ausstellungssituation oder der Kunst allgemein. Dem ist grundsätzlich zuzustimmen, wenngleich immer der reflektierte Umgang mit den Urheberrechten eines Kunstwerkes im Vordergrund stehen sollte. Gerade das stupide Teilen der Fotos auf Facebook muss bedacht werden, geben doch Nutzer alle Nutzungsrechte an ihren Bildern direkt an Facebook weiter. „Wohl dem, der Alte Meister hat“, schreibt von Heyl. Alle anderen müssen wohl darauf bauen, dass jeder Daumen hoch auf Facebook nicht zuletzt kostenloses Marketing ist. [Nachtrag: Auch die Grenzen des Geschmacks sollten diskutiert werden.]

Den diesjährigen Adalbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung erhält Sherko Fatah für sein Gesamtwerk und insbesondere seinen jüngsten Roman Der letzte Ort. Fatahs Romane würden das „interkulturelle literarische Schreiben durch ihre schonungslose Darstellung von Krieg und Terror“ bereichern, heißt es in der Begründung der Jury. Dabei stünden stets die Innenwelt der Opfer sowie deren „niemals auszulöschende Hoffnung auf eine friedliche und humane Welt“ im Vordergrund. Die beiden Förderpreise gehen in diesem Jahr an Olga Grjasnowa und Martin Kordić. Verliehen werden die Preise am 5. März in der Münchner Residenz.