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Sede vacante: Robert Harris‘ „Konklave“

„‚Dann gehen Sie also davon aus, dass unser Freund in seiner Ablehnung des Petrusstuhls nicht ganz aufrichtig war.‘ ‚Doch, doch, ich halte ihn für absolut aufrichtig. Genau das ist einer der Gründe, warum ich ihn unterstütze. Die gefährlichen Männer, die man aufhalten muss, das sind die, die das Amt aktiv anstreben.‘“ (S. 104).

Eigentlich sollte man meinen, dass die katholische Kirche nach etwas über 2.000 Jahren ihres Bestehens für alle Eventualitäten gerüstet ist. Doch man kann nie wissen. Papst Johannes XXIII. etwa war bei seiner Wahl selbst die größte vorhandene Soutane zu klein, sodass sie aufgeschnitten und ihm wie ein ziemlich prunkvoller OP-Kittel praktisch um den massigen Leib geschneidert werden musste.

Auch in Robert Harris‘ jüngstem Roman Konklave muss die Kirche auf alle Eventualitäten gefasst sein. Wie es sich für den namensgebenden Ritus gehört, ist der aktuelle Papst, der durchaus Züge von Papst Franziskus trägt, verstorben. Auch in Zeiten der Unsicherheit – der Roman spielt in einer sehr nahen Zukunft – wird in aller Tradition das Konklave einberufen und beginnt seine Arbeit, einen neuen Vertreter Petri auf Erden zu ernennen.

Konklave ist jedoch keine kirchenhistorische Nacherzählung einer vom heiligen Geist beseelten Papsternennung, sondern ein glänzend recherchierter Politthriller, der nur an wenigen Stellen etwas zu übereifrig wird und ansonsten dem ehrfürchtigen Rahmen sehr gerecht wird.

Robert Harris: KonklaveErzählt wird die Handlung aus der Sicht des Dekans des Kardinalskollegiums, Jacopo Kardinal Lomeli. Dieser ist, trotz oder gerade wegen seiner langen Zeit im Verwaltungsdienst der Kirche getrieben vom Zweifel. Zweifel an seinem Handeln, am Glauben und an der Institution Kirche. Doch Lomeli schöpft aus dem Zweifel letztlich Kraft und erkennt die ihm innewohnende positive Energie, um die Gemeinschaft der Gläubigen zu erhalten. Nicht der Zweifel ist zu fürchten, sondern die Gewissheit, die als Feind der Einheit und der Toleranz zur Gefahr wird. „Gäbe es nur Gewissheit und keinen Zweifel, dann gäbe es kein Geheimnis und wir brauchten den Glauben nicht.“ (S. 123)

Damit findet Lomeli eine Antwort darauf, wie der Absolutheitsanspruch der katholischen Kirche und des Pontifikats mit der Ungewissheit des 21. Jahrhunderts in Einklang zu bringen sein könnte. Einer Zeit, die gleichermaßen geprägt ist von Zweifeln und Unsicherheit wie von immer stärkeren Absolutismen und Dogmen. Lomeli spiegelt die innere Zerrissenheit einer Gegenwart, die sich nach Sicherheit und Rückhalt sehnt, starre Strukturen aber ablehnt und immer wieder aufzubrechen versucht. Nur der ständige Zweifel ermöglicht die nötige Flexibilität, um diese Spannungen auszuhalten.

Harris demonstriert das Hadern und Zögern desjenigen, der die Strukturen der Macht und Politik durchschaut, selbst aber keine Ambitionen hegt, die Macht zu ergreifen. Lomeli zur Seite steht das Kardinalskollegium in all seiner Internationalität und Vielseitigkeit: Aspiranten und Emporkömmlinge, weise alte Männer und verschrobene Theologen. Die möglichen Kandidaten geben ein gutes Bild der innerkirchlichen Spannungen. Darunter erzkonservative Traditionalisten wie der sprechend benannte Kardinal Tedesco; der trotz seiner glühenden Homophobie die afrikanischen Hoffnungen tragende Kardinal Adeyemi sowie der liberale, aber erschöpfte Bellini. Und natürlich gibt es einen Überraschungskandidaten, einen in pectore ernannten Kardinal, mit dem niemand gerechnet hatte.

Das Konklave ist eine Welt der Politik und Intrigen, in der schnell klar wird, dass es keinen idealen Kandidaten geben kann. Die vordergründige Einheit der Kirche wird stellenweise lediglich vom jahrhundertealten Ritual zusammengehalten. Einer nach dem anderen scheiden die Favoriten aus, gescheitert an ihren Ambitionen, an Kabalen ihrer Mitbewerber oder eingeholt von ihrer Vergangenheit. Zugleich bricht Harris die Erzählung aus dem machtvollen Zirkel mit Episoden der Menschlichkeit, die daran erinnern, dass es sich bei den mächtigsten Figuren der Kurie letztlich doch um gebrechliche, vom Schicksal gezeichnete Menschen handelt.

Es gelingt Robert Harris geschickt, den Widerspruch zwischen dem bis ins letzte Detail penibel institutionalisierten Ritus und der Fehlbarkeit des Menschen zu verdeutlichen. Konklave bietet einen von Pathos und Mystizismus befreiten Einblick in die inneren Strukturen, Konflikte und kirchenpolitischen Zusammenhänge des Vatikans, ohne das Tempo eines gut erzählten Thrillers zu gefährden. Und auch wenn es den letzten Twist am Ende wohl nicht gebraucht hätte: Die Einheit kommt in der Not.

Robert Harris: Konklave
Originaltitel: Conclave
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
München: Wilhelm Heyne 2016
352 Seiten, gebunden
21,99 €

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„God has no country.“ Arno Molfenters und Rüdiger Strempels: Über die weiße Linie

Der katholischen Kirche wird oft vorgeworfen, sich während des Zweiten Weltkrieges zu wenig gegen Hitler und den menschenverachtenden Wahnsinn des Nationalsozialismus engagiert zu haben. Auch wenn dieser Vorwurf gegen die Institution und den Papst sicher seine Berechtigung haben wird, so ist das – wie so oft – nur ein verkürzter Teil der Wahrheit. Am Beispiel des irischen Priesters Monsignore Hugh O’Flaherty zeigen Arno Molfenter und Rüdiger Strempel eindrücklich, welch selbstlosen Einsatz Angehörige der Kirche und italienische Bürger für Juden, Hilfsbedürftige und geflohene Kriegsgefangene zeigten.

Cover Ueber die Weisse LinieAm 10. Juli 1943 waren britische und amerikanische Truppen im Rahmen der Operation Husky auf Sizilien gelandet. Bis zum 17. August hatten sie die Insel vollständig unter Kontrolle. Bereits im Juli hatte der „Große Faschistische Rat“ Diktator Benito Mussolini abgesetzt und später inhaftieren lassen. Der neue Ministerpräsident Marschall Pietro Badoglio leitete Geheimverhandlungen mit den Alliierten ein, die am 3. September im Waffenstillstand von Cassibile mündeten, womit das Deutsche Reich Italien als Verbündeten verlor. Dadurch trat der „Fall Achse“ ein, der zu einer deutschen Besetzung Norditaliens und Roms führte. Der wieder befreite „Duce“ stand als Staats- und Regierungschef an der Spitze des Marionettenstaates „Repubblica Sociale Italiana“ – dessen Staatsgebiet entsprechend des alliierten Vormarsches jedoch praktisch täglich schrumpfte.

Dennoch war Rom besetzt und der Vatikan von deutschen Truppen eingeschlossen. Obwohl der Vatikan auf strenge Neutralität bedacht war, kursierten immer wieder Gerüchte, wonach Hitler den Kirchenstaat besetzen und den Papst ins Reich entführen wolle. „Wir werden bei dieser Schweinebande ausmisten!“ hatte sich Hitler über Rom und den katholischen Kirchenstaat ereifert. Ernsthaft in Erwägung gezogen hatte Hitler diesen Wahnsinnsplan jedoch nicht, selbst ihm war wohl die Tragweite einer solchen Torheit bewusst.

Eingeschlossen von deutschen Truppen und mit der täglichen Bedrohung, überrannt zu werden, kann die Zurückhaltung des Papstes zwar noch immer nicht gutgeheißen, jedoch zumindest nachvollzogen werden.

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