Montagskaffee #16

Guten Tag.

1923 ist Ralph Giordano in Hamburg geboren. Aufgewachsen mit den Erfahrungen von Ausgrenzung, Missachtung und drohender Deportation überlebte er den Krieg in der Hansestadt und entschied sich wider alle Erwartungen dafür, in Deutschland zu bleiben. Die Aufarbeitung der Entmenschlichung während der Zeit des Nationalsozialismus wurde zu seinem erklärten Ziel, das er Zeit seines Lebens noch um die Aufklärung über Faschismus und Stalinismus erweiterte. In Dokumentarfilmen und Büchern berichtete er über die Brandherde der Welt (1990), bis er sich in seinem Roman Die Bertinis 1982 auch seiner eigenen Familiengeschichte widmete und einen Welterfolg schrieb, der die kritische Diskussion anheizte und letzten Endes auch seine weitere Beschäftigung mit der Frage nach der Verdrängung der Schuld in Deutschland nach 1945 anregte. Am 10. Dezember ist Ralph Giordano im Alter von 91 Jahren in Köln verstorben. Ein ausführlicher Nachruf lässt sich auf „Faz.net“ nachlesen.

Einen Film über den Völkermord an den Armeniern in der Türkei zu zeigen, galt bis vor Kurzem als unvorstellbar. Dass dieser Film auch noch von einem türkischen Regisseur stammt, ganz ausgeschlossen. Nun wird seit geraumer Zeit Fatih Akins The Cut gezeigt, auch in der Türkei. Die angekündigten ultranationalistischen Proteste sind bisher ausgeblieben und glaubt man der „taz“, so läuft bisher alles „geradezu erfreulich normal“. Akin selbst meinte nach dem Start des Films, die Türkei sein nun bereit für das Thema und erklärte in einem Interview mit der türkischen „Zaman“ zudem, weshalb er die Ereignisse von 1915 für einen Völkermord hält. Gedenkt man der früheren Hysterie, die das Thema bereits auslöste und etwa zu den Drohungen gegen Orhan Pamuk und gar dem Mord an Hrant Dink führte, eine erstaunliche Entwicklung. Erstaunlich auch das Paradoxon, welches die „taz“ angesichts Orhan Pamuks neuem Roman konstatiert: Über den Völkermord zu schreiben scheint erlaubt, jedoch bloß keine Kritik an Erdoğan oder dessen Politik.

Nach Dunkelheit am Ende des Tunnels (2012) erschien jetzt mit Das allgemein Unmenschliche eine weitere Prosasammlung des norwegischen Autors Tor Ulven. „Wenn man zu dem wesentlichen Schmerz im Leben gelangt, ist das Kunstwerk tot und machtlos“, sagte Ulven in seinem einzigen Interview, das dem schmalen Band beigelegt ist und das einen Einblick seine Poetik und sein Schaffenscredo gibt. Das allgemein Unmenschliche versammelt erneut Kurzprosa, die wie schon in Dunkelheit am Ende des Tunnels fast hermetisch um die Motive Auflösung, Verschwinden, Dunkelheit und das Vergehen der Zeit kreisen. Den Reiz seiner dunklen Poesie macht Ulvens nüchterne und doch bildgewaltige Sprache aus, die den Schrecken des Alltäglichen in sachliche Zeilen fasst, ihn greifbar macht, ohne ihn jedoch zu banalisieren.

Advertisements

Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: