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Personalwechsel bei Neon

Es rumpelt auf dem Baumwall. Nach gerade einmal 15 Monaten hat Nicole Zepter die Chefredaktion von Neon und Nido wieder abgegeben, um sich – wie es heißt – wieder „ihren eigenen Projekten“ zu widmen. Nachfolgerin wird Ruth Fend, bislang Redaktionsleiterin bei Business Punk.

Wenn man glauben darf, was die Spatzen von den Dächern pfeifen, dann stand es schon länger nicht besonders gut um Zepter. Vielmehr habe ihr Weggang ein Personalproblem von Gruner + Jahr gelöst, habe doch intern kaum noch jemand die Berufung Zepters durch G+J-Produktchef Stefan Schäfer als personalpolitischen Rückgriff empfunden.

Man scheint also zufrieden in Hamburg. Schuldige und Nachfolgerin sind bestimmt, das Produkt ist zwar angeschlagen aber noch nicht verloren und nun wird alles besser, effizienter, kontrollierter. Ist dem so? Macht es sich der Verlag da nicht etwas zu einfach? Die anhaltende Absatzschwäche von Neon trat mitnichten erst nach dem Amtsantritt von Nicole Zepter ein. Schon vorher verlor das Lebensgefühl-Magazin der Nuller-Generation kontinuierlich Leserschaft und Käufer. Das nun allein der Unerfahrenheit und Überforderung von Zepter zuzuschreiben wäre doch etwas zu simpel.

G+J-Publisherin Wibke Dauletiar sprach dann auch von einer „schwierigen Marktsituation“, in der sich die grundsätzlich „etablierte und starke Marke“ Neon befinde. Derartige Binsenweisheiten sind aber weder aussagekräftig noch hilfreich und in der Verlagswelt dieser Tage eher Regel als Ausnahme. Zumal Zepter nicht die erste Chefredakteurin ist, die bei Neon durchgereicht wird: Die Gründer Timm Klotzek und Michael Ebert wechselten zum SZ Magazin, deren Nachfolger Vera Schröder und Patrick Bauer wehrten sich gegen den unbeliebten Zwangsumzug von München nach Hamburg und Oliver Stolle, der zumindest die Stimmung in der Redaktion stabilisierte, wurde von Stefan Schäfer ersetzt – durch Nicole Zepter.

Der hohe Durchsatz an Führungskräften macht es deutlich: Da stimmt es doch an der Substanz nicht mehr. Statt mit großem Werbehype einen „Relaunch“ zu stemmen, sollte sich der Verlag vielleicht einmal grundsätzlich fragen, wie es mit einem Magazin wie Neon weitergehen soll. Als das Heft 2003 auf den Markt kam, war es eine Sensation und sprach der – wie es die Welt so treffend formulierte – „Generation Konjunktiv“ aus der Seele: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“. Doch die damaligen zwanzig-irgendwas Jahre alten Leser sind heute – vielleicht nicht unbedingt erwachsen – aber doch reifer geworden und haben vermutlich kein Interesse mehr an WG- und Lebensfindungsgeschichten orientierungsloser Mittzwanziger.

Natürlich bleibt der eine oder andere der Zeitschrift seiner Studentenzeit treu. Aber lässt sich damit ein Geschäftsmodell tragen? Wohl kaum. Zu Hochzeiten hatte Neon eine Auflage von 255.000 verkauften Heften, zuletzt waren es noch 120.000. 13 Jahre reichen allemal, um eine ganze Generation weiter zu rücken, insbesondere in der schnelllebigen Medienlandschaft. Vielleicht hat sich Neon noch nicht ganz überlebt, und eventuell hat ein hochwertig produziertes Magazin auch unter mit ihren iPhones verwachsenen Hipstern seine Daseinsberechtigung. Klar ist aber, dass sich der Alltag junger Menschen drastisch geändert hat. Offenbar ist es auch bei Neon Zeit für drastische Schnitte.

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Penguins Papierladen in Puerto Rico

Während allerorten das Ende der Buchbranche beschworen wurde und digital-versierte Karohemdträger aus dem Silicon Valley kaum noch ohne ihre Kindles, Tolinos, Kobos, iPads und wasnichtnoch zu sehen waren, trieb Amazon das Prinzip „retro“ auf ein neues Level und eröffnete in Seattle einen eigenen Buchladen. Brick-and-Mortar, wie man in Übersee sagt, mit luftig-übersichtlichen Regalen, Kundenbetreuern und einem aus Kundendaten generierten Angebot. Verrückt.

Mittlerweile hat sich die Sachlage etwas normalisiert, der Hype um die digitalen Bücher ist erwartungsgemäß auf ein eher ruhiges Niveau abgeflacht und auch der E-Book-Absatz ging zuletzt etwas zurück. Nun macht Penguin Random House Schlagzeilen, indem man sich auf eine alte Verlegertradition besinnt und einen eigenen Buchladen aufmacht.

Starten soll das Projekt zunächst in Puerto Rico in der Hauptstadt San Juan in Zusammenarbeit mit der örtlichen Buchhandelskette The Bookmark. Auf rund 300 Quadratmetern soll es etwa 1.000 Titel von PRH geben, eine Kinderecke und Literatur für Jugendliche und junge Erwachsene. JR Blue Label, Mutterunternehmen von The Bookmark, ist naturgemäß begeistert, mit dem größten Publikumsverlag der Welt zusammenzuarbeiten („Wachstumsmöglichkeiten“!) und auch PRH selbst gibt sich überschwänglich und fährt die große PR-Maschine hoch. „Das ist wirklich etwas ganz neues für uns“, verkündete PRH-Marketingdirektor Cyrus Kheradi.

Nicht wirklich. Offenbar hat man sich bei PRH schon ein ganzes Stück von der eigenen Vergangenheit entfremdet, denn zu PRH gehört der US-Verlag Doubleday. Und der hatte sogar eine ganze Kette von Buchhandlungen, bis PRH diese 1990 vier Jahre nach der Übernahme an Barnes & Noble verkaufte. Aber zugegeben, mit „Wir probieren jetzt einfach, was wir vor 25 Jahren eigentlich abgeschrieben hatten“, lässt sich ja kaum Aufmerksamkeit erregen.


Offener Brief: Autoren wehren sich gegen Verlegerbeteiligung an Urheberpauschale

Diverse Autoren und Journalisten haben in einem Offenen Brief an Justizminister Heiko Maas deutliche Kritik an den Plänen der Regierung geäußert, Verlage weiterhin an den Urheberpauschalen der Verwertungsgesellschaften beteiligen zu wollen. Etwa 70 Autoren, darunter Navid Kermani, Daniel Kehlmann und Sibylle Berg, gehörten zu den Erstunterzeichnern. Mittlerweile ist die Liste auf knapp 1.000 Personen angewachsen.

Was ist passiert?

Im November des vergangenen Jahres hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass die beim Kauf von Kopierern oder in Copyshops anfallende sogenannte Urheberpauschale ausschließlich den Autoren zusteht. Damit wurde die bisherige Praxis gekippt, nach der Verwertungsgesellschaften wie die im Klagefall betroffene belgische Reprobel oder die deutsche VG Wort diese Tantiemen nach eigenem Ermessen auf Verleger und Autoren aufteilten (in der Regel 30/70, bei Fachliteratur 50/50). Da das Urteil gleichermaßen bedeutet, dass die Praxis europarrechtswidrig ist, sind ähnliche Urteile nun auch in den anderen EU-Mitgliedsstaaten zu erwarten. Ein Verfahren vor dem Bundesgerichtshof wurde im Dezember 2014 ausgesetzt, um eben jenes Reprobel-Urteil abzuwarten.

Was stört die Autoren?

Noch bevor der Bundesgerichtshof Zeit finden konnte, am 10. März ein entsprechendes Urteil zu finden, haben die Publikumsverlage in ihrer „Münchner Erklärung“ die Bundesregierung dazu aufgerufen, am bisherigen System festzuhalten. Bundesjustizminister Heiko Maas hat seine Unterstützung zugesichert und gemeinsam mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters eine entsprechende Initiative auf den Weg gebracht, die bisherige Praxis europarechtlich zu legalisieren.

Die Autoren zeigen sich nun zu recht irritiert über die Rechtsauffassung nicht nur der Verlage, sondern auch des Justizministers. Dessen Äußerungen stünden „in krassem Widerspruch zum Ziel der Bundesregierung, die Rechte der Autoren zu stärken“, heißt es im Brief. Tatsächlich würde Maas so nicht nur den bisherigen Rechtsbruch folgenlos ignorieren, sondern darüber hinaus die Vorgehensweise der Verwertungsgesellschaften nachträglich rechtlich legitimieren.

Natürlich darf die Arbeit der Verlage nicht ignoriert werden, ohne sie könnten Bücher nicht in der heute üblichen Qualität und Vielzahl auf dem Markt publiziert und vertrieben werden. Dennoch ist in der bisherigen Praxis ein deutliches Ungleichgewicht zulasten der Autoren zu erkennen. Wie diese in ihrem Brief deutlich machen, gehören Autoren mitnichten zu den Großverdienern. Das durchschnittliche Jahresgehalt eines Schriftstellers betrage gerade einmal rund 19.000 Euro und liege damit auf dem Niveau eines Zimmermädchens.

Niemand erwartet das große Geld in der Schriftstellerei. Kultur war, ist und bleibt ein Subventionsbetrieb. Doch auch für die Hauptakteure muss ein finanzielles Auskommen möglich sein. Gerade für wissenschaftliche Autoren sind die Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften ein wichtiges Zubrot. Deren Werke finden in den allerwenigsten Fällen reißenden Absatz und sind mit hohen Produktionskosten und entsprechend niedrigen Honoraren (falls überhaupt) verbunden. Selbstverständlich tragen Verlage das wirtschaftliche Risiko einer Publikation. Doch sie erhalten auch den Löwenanteil des Umsatzes, der ohne die geistige Arbeit der Autoren nicht möglich wäre.

Dass ausgerechnet der Justizminister nun nicht einmal die deutsche Rechtsprechung abwartet, sondern bereits daran arbeitet, die vom EuGH als europarechtswidrig deklarierte Praxis nachträglich zu legitimieren, ist nicht nur schlechter Stil, sondern in seiner gutsherrenartigen Rechtsauffassung höchst bedenklich.


Montagskaffee #6

Guten Morgen.

Revolte! Die versammelten Redakteure des „Spiegels“ haben in der vergangenen Woche ihrem Chefredakteur die rote Karte gezeigt und gemeinsam gegen dessen Pläne eines „Spiegel 3.0“ gestimmt. In der FAZ lässt sich nachlesen, welch komplizierte Strukturen hier aufeinander prallen und weshalb eine Umstrukturierung des Magazins zum „Hauen und Stechen“ ausarte. An der Auseinandersetzung, die nicht zuletzt Chefredakteur Wolfgang Büchner den Job kosten könnte, zeigt sich die ganze Emotionalität des Konfliktes zwischen etablierten Rechercheredaktionen und schnelllebiger Online-Redaktion. Wie beide Lager zu vereinen sind, das ist jetzt ganz Aufgabe der Chefredaktion unter Büchner und Geschäftsführer Ove Saffe, die Gesellschafter haben sich nämlich geschlossen hinter die Neuerungspläne gestellt – und die Aufgabe der Vermittlung mit den Redakteuren ebenso geschickt abgegeben.

In der bunten Welt der Comicverfilmungen gibt es ab dieser Woche einen neuen Mitspieler, besser eine ganze Gruppe neuer Mitspieler: Marvels „Guardians of the Galaxy„. Bunt, lauter und nun mit einem frech-niedlichen Waschbären als Protagonist versucht Hollywood durch das Aufkochen einer durchaus schon älteren, aber in der Regel weniger beachteten Comicreihe neuen Wind in die etablierte Comicvielfalt zwischen Spider Man und Captain America zu bringen. Sophie Charlotte Rieger zeigt auf „filmosophie„, weshalb sie mit dem Film und seinem Informations- und Effektbombardement nicht einverstanden ist. Fehlende Einführung, klassische Geschlechterklischees und die Verharmlosung der brutalen Gewaltdarstellung sind ihre Hauptkritikpunkte.

Noch einmal zurück zum Kampf Analog gegen Digital. In der „taz“ schrieb jüngst Johannes Thumfart ein Loblied auf die Möglichkeiten und Inklusivleistungen des E-Books. Jetzt antwortet ihm Sonja Vogel und relativiert seine euphorischen Theorien. Das E-Book sei mitnichten besonders inklusiv, hinter den vermeintlich günstigen Produktionskosten stecke lediglich das kommerzielle Interesse von Großhändlern wie Amazon. Sie kommt dabei zu einem wichtigen Schluss: Natürlich gebe es bei E-Books weder Druck- noch Lagerkosten – doch die würden auch bei konventionellen Büchern nur einen geringen Teil der Kosten ausmachen. Teuer seien Lektorat, Honorare, Öffentlichkeitsarbeit und Autorenbetreuung – Punkte, auf die Verlage auch bei E-Books nicht verzichten können. Kaum ein Buch werde druckfertig geschrieben, und kaum ein Autor schafft es, sich im reinen Selbstvertrieb gegen die Marketingmaschinen etablierter Großhändler und Verlage durchzusetzen.