Du hast, Siegfried, scheint mir, etwas zu erzählen: Siegfried Lenz‘ „So zärtlich war Suleyken“

„Der Alarm“, sagte mein Großvater, „ist gekommen zur unrechten Zeit. Könnte man ihn nicht, bitte schön, nach dem Frühstück geben?“
„Es handelt sich“, schrie Trunz, „um einen Alarm auf Schmuggler. Sie sind gesichtet worden an der Grenze. Zu dieser Zeit, nicht nach dem Frühstück.“
„Dann muß ich“, sagte Hamilkar Schaß, „auf den Alarm verzichten.“ (S. 16)

Masuren liege, so stellt Siegfried Lenz in seinen „diskreten Anmerkungen“ am Schluss des Erzählbandes So zärtlich war Suleyken fest, gewissermaßen „im Rücken der Geschichte“ und habe daher bislang praktisch keine größeren Persönlichkeiten von Weltrang hervorgebracht. Dies sieht die dann doch überraschend umfangreiche Liste masurischer Persönlichkeiten auf Wikipedia offenbar anders. Da Lenz selbst in jener Liste vertreten ist, offenbart sich an dieser Stelle gleich ein erster der von Lenz augenzwinkernd und mit großer Herzlichkeit porträtierten masurischen Charakterzüge: hintergründige Bescheidenheit.

So zärtlich war Suleyken erschien 1955 als erster Erzählband des masurischstämmigen Autors und soll eine „zwinkernde Liebeserklärung“ sein an die Region, ihre Menschen und Eigenheiten. In 20 kurzen Erzählungen stellt Lenz das Personal eines kleinen, trotz Namensgleichheit fiktiven Örtchens vor, das repräsentativ jenes „unscheinbare Gold der menschlichen Gesellschaft“ repräsentiere, das dem Autor zufolge die masurische Bevölkerung ausmacht.

Und so zeigt sich Suleyken in den Erzählungen als liebenswerte, verschrobene, zuweilen ins karikaturenhaft Absurde gesteigerte Örtlichkeit. Deren Bewohner trotzen mit einer tief verwurzelten Bauernschläue und bodenständigem Realismus Einflüsterungen, Aberglaube und gewissermaßen allen Annäherungsversuchen von außerhalb. So ist für sie der Zirkus durchaus ein Ereignis, bei dem man sich mit den Nachbarn und Verwandten austauschen, vielleicht ein paar Salzgürkchen naschen und etwas flanieren kann; so recht verstehen, weshalb man in der Manege mit Messern auf die doch ausnehmend höfliche Zirkusbesitzerin werfen sollte, kann man indes nicht.

Der Erzähler, der immer wieder seine teils komplizierten Verwandtschaftsbeziehungen zum Figurenrepertoire beteuert, tritt zwar selbst nie als handelnde Figur auf, ist aber über die Vorgänge in der Stadtgeschichte bestens informiert. Da ihm Lenz Spuren des masurischen Dialekts in den Mund legt und immer wieder durch Zwischenfragen oder Einschübe Mündlichkeit fingiert, wirken die Erzählungen wie fundierte Tatsachenberichte. Das wiederum macht den Charme der Erzählungen aus, dass sie eben nicht von einem Außenstehenden dargeboten werden, der sich vielleicht über die manchmal gar zu schrulligen Bewohner amüsieren könnte. Lenz‘ Figuren sind weder Dorftrottel noch Einfaltspinsel, sie sind fest in ihrem bodenständigen Leben verankert, herzlich und höflich, für jeglichen Firlefanz aber vollständig unzugänglich.

Auf die Frage beispielsweise, ob denn die Prophezeiung der örtlichen Wahrsagerin für den Kneipenwirt Ludwig Karnickel auch in Erfüllung gegangen sei, antwortet dieser mit hintergründiger Schläue: „Es ist, Stanislaw Griegull, alles gekommen wie prophezeit. Nur manchmal, Gevatterchen, hat es gekostet ein wenig Mühe, alles richtig zu machen.“ (S. 110) Lenz nennt diese Eigenheit „unterschwellige Intelligenz“, die mit „landläufigen Maßstäben“ nicht greifbar, nicht näher zu definieren und doch „auf erhabene Weise unbegreiflich“ sei.

So zärtlich war Suleyken ist eine launige, tiefgründige und zutiefst charmante Liebeserklärung an eine heute fast in Vergessenheit geratene Region. Schelmengeschichte und Posse, Gruselepisode und tapsig-dörfliches Liebesidyll wechseln sich, mit ebenfalls wechselndem und sich überschneidendem Figurenrepertoire ab. Es sind fiktive Erinnerungen an ein fiktives Örtchen – und doch machen Lenz‘ Erzählungen ein Stück Geschichte lebendig und ermöglichen einen kleinen, verschmitzten Blick in die Vergangenheit der Masuren.

Siegfried Lenz: So zärtlich war Suleyken
Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch 2013
128 Seiten, Taschenbuch
6,95€

Zitiert wurde nach der Ausgabe von 1983.

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Nordseemorde: Tilman Spreckelsens „Das Nordseegrab“ und „Der Nordseeschwur“

Bevor wir zur Sache selbst kommen, eine Erkenntnis: Einen Nordseekrimi in eine Ferienwohnung an der Nordsee mitzunehmen, ist praktisch Eulen nach Athen tragen für Anfänger. Interessanterweise fand ich in unserem wirklich reizenden Domizil einen weiteren Storm-Krimi vor, was mir nicht nur verlängerte Lesefreude bescherte, sondern auch die Erkenntnis, dass ich mir mit dem Nordseeschwur Band drei einer Reihe organisiert und als Urlaubslektüre vorgenommen hatte.

Nun, glücklicherweise war mit dem Nordseegrab Band eins vorrätig, also konnte ich von vorne beginnen. Leider fehlt jetzt das Interim Der Nordseespuk, für das Verständnis von Band drei hatte das lobenswerterweise aber keine negativen Auswirkungen. Also, zur Sache.

„Der arme Lüdersen wird ermordet, praktisch vor meinen Augen, und vom Mörder fehlt jede Spur. Auf dem Pfingstmarkt wird ein Lichtbild mit acht Porträts ehrenwerter Bürger gezeigt, und der Besitzer der Bude schwört Stein und Bein, dass er es noch nie gesehen hat und nicht weiß, wie es in seinen Schaukasten kommt. Mein Klient ist immer noch in Haft und lügt mich an oder schweigt beleidigt. Und mein Schreiber wird am helllichten Tag grün und blau geprügelt – pardon, ich meine, er ist bös gestürzt. Immerhin singt Husums Jugend in meinem Chor, eher eifrig als talentiert, aber was will man machen. Und in acht Wochen treten wir zum ersten Mal auf, Söt. Ich wünschte, es wären acht Monate.“ (Das Nordseegrab, S. 113f.)

Husum im Jahr 1843. Der junge Anwalt Theodor Storm bekommt von seinem Vater, dem ehrenwerten Advokat und Koogschreiber Johann Casimir Storm, einen persönlichen Schreiber engagiert, damit Junior in seiner eigenen Kanzlei – selbstredend auf eigene Kosten – erst einmal eigene Erfahrungen sammeln möge, bevor er in die väterliche Kanzlei einsteigen und gegebenenfalls dereinst die väterliche Nachfolge antreten könne.

Bereits wenig später wird auf dem stormschen Dachboden ein Bottich mit Blut und einer Leiche gefunden, die sich als Wachspuppe von Storm Senior herausstellt. Eine Warnung? Immerhin hat der Täter, einem Menetekel gleich, eine in Blut geschriebene Liste mit Namen Husumer Kaufleute hinterlassen. Als einer der Herren wenig später bei einer Landpartie im Wald erschlagen wird, werden Storm und sein Schreiber Peter Söt aufmerksam und finden erste Spuren einer finsteren Verschwörung, in die ein ganzes Dorf verwickelt zu sein scheint.

Storms Schreiber Söt ist es, durch dessen Augen der Leser die Geschichte erlebt. Er ist zugleich Erzählinstanz und eigentlicher Protagonist des Romans. Insbesondere im ersten Band ist es Söts eigene zwielichtig-mysteriöse Vergangenheit, die einen nicht unwichtigen Part zur Handlung beizutragen scheint. Spielt Söt gar ein doppeltes Spiel mit Storm? Söts ungleich berühmterer Arbeitgeber gerät dabei eher zwischen die Fronten, als wirklich Handlungsträger zu sein. Storm ist weder klassischer Ermittler noch Detektiv aus Eigenantrieb, auch wenn seine Kanzlei scheinbar ganz ohne Zutun zum Dreh- und Angelpunkt der Kriminalgeschichte wird. Der Inhaber arbeitet viel engagierter daran, das kulturelle Leben des verschlafenen Husums zu beleben, schreibt an eigenen Gedichten und einer Sagensammlung der Region (ist aber heimlich frustriert, weil seine Freunde erfolgreicher publizieren) und übt den Anwaltsberuf eigentlich nur seines Vaters wegen aus, der wollte, dass der Sohnemann „etwas ordentliches“ studiert. Man kennt das. Lebte Storm im Jahr 2017, er würde ziemlich sicher twittern.

Während der Fall im Nordseegrab sehr persönlich ist, wird es im Nordseeschwur politisch. Ein Jahr nach der Handlung von Band eins beteiligt sich Storm daran, ein Volksfest in einem der umliegenden Dörfer zu organisieren, wo rasch auch politische Reden und Lieder angestimmt werden. Revolutionsgeruch scheint sich unter die Seeluft zu mischen. Noch vor Beginn des Festes wird ein mysteriöser Besucher Storms brutal ermordet und auch auf dem Festgelände ereignen sich bald brutale Übergriffe. Stehen die Ermordeten in Verbindung? Was haben Metternichs Geheimpolizei und der glücklose Revolutionär Harro Harring damit zu tun? Bewahrheiten sich gar die anonymen Warnungen vor einem „Blutbad“ beim Volksfest der Friesen?

Söt und Storm ergänzen sich gut, auch wenn Storm trotz der sich in der Kleinstadt ansammelnden Todesfälle vordergründig etwas unbeteiligt scheint. Söt hingegen durchblickt das Ausmaß des Falls etwas schneller, scheint aber seinerseits dunkle Gestalten anzuziehen und ist oft widerwillig mittendrin, statt nur dabei. Das wirkt stellenweise etwas konstruiert, ohne aber direkt unglaubwürdig zu sein. Immerhin ist Husum klein und das düstere Netzwerk, aus dem sich Söt erst nach und nach zu befreien beginnt, offenbar allgegenwärtig. Von dieser Vergangenheit sagt sich Söt zum Ende des ersten Bandes allerdings los, ohne aber in der Folge von „mörderischen“ Zwischenfällen verschont zu bleiben. Nach all den Verwicklungen und Todesfällen sollte sich Söt nach Band drei zumindest einmal fragen, ob er nicht das Unheil irgendwie anzuziehen scheint.

Insgesamt sind beide Romane unterhaltsam und launig erzählt, auch wenn die Motivationen der Figuren an manchen Stellen etwas im Unklaren bleiben. Gerade Storm hätte – obwohl er die Titelfigur ist – etwas mehr Aufmerksamkeit durchaus verdient. Historisch sind die Romane präzise, stimmig und aufwändig recherchiert; der studierte Germanist, Historiker und FAZ-Redakteur Spreckelsen lässt hier nichts anbrennen. Sprachlich und handwerklich sind seine Storm-Krimis absolut wasserdicht. Tilman Spreckelsen gelingt ein lebendiges, atmosphärisch dicht gezeichnetes „Was-wäre-wenn“-Bild über den jungen, noch unbekannten Theodor Storm, das sich nicht zuletzt durch sein ungewöhnliches und kauziges Protagonistenduo und die gerade richtige Prise Schimmelreiter-Mystik positiv von gängigen Regionalkrimi-Topoi abhebt.

Tilman Spreckelsen: Das Nordseegrab
Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch 2015
272 Seiten, Taschenbuch
9,99€

Tilman Spreckelsen: Der Nordseeschwur
Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch 2017
240 Seiten, Taschenbuch
9,99€


Insellektüre

Wie schon im vergangenen Jahr verabschiedet sich die Seite Zwei für einige Tage in den Jahresurlaub. Dieses Mal soll eine der Nordseeinseln angefahren werden und alle Beteiligten hoffen auf ein wenig Wettergnade.

Schlechtes Wetter ist aber an sich keine Ausrede, lesen kann man schließlich auch bei Sturm und Regen, dank beleuchtetem Tolino sogar bei Stromausfall. Der Vorteil der Digitalisierung lässt sich in diesem Jahr auch gleich erkennen: Der Stapel mitzutragender Bücher ist erheblich kleiner geworden.

Auf dem Plan stehen auf jeden Fall:

  • Tilman Spreckelsen: Der Nordseeschwur: Ein gewisser Rechtsanwalt Theodor Storm mischt sich unter die Gäste des Husumer Sängerfests 1844, in dem sich die vorrevolutionären Stimmen bereits laut Bahn brechen. Dann plötzlich: ein Mord! Da es mittlerweile zu jeder Region einen Regionalkrimi gibt, warum auch nicht von der Nordsee? Der Nordseeschwur kam dem Urlaubsort nahe und scheint durch den historischen Kontext zumindest etwas vom 08/15-Schema abzuweichen.
  • Warren Ellis: Transmetropolitan 10: Der letzte Band der Transmetropolitan-Reihe. SciFi-Punk erster Güte. Ein Meilenstein der Comic-Geschichte, der mit Band 10 zu seinem fulminanten Ende kommt. Journalist Spider Jerusalems Kampf gegen den wahnsinnigen US-Präsidenten geht in die letzte Runde. Mit welch zynischer Präzision Ellis schon zur Jahrtausendwende heutige Zustände in der Welt und in den USA vorhergesagt hat, ist immer wieder beeindruckend. Und erschreckend.
  • Dan Abnett: Legion (e-Book): Ein Urlaub ohne Warhammer-40k-Bolterroman? Undenkbar! Legion von Altmeister Abnett befasst sich mit der mysteriösen Alpha Legion und ist der 7. Band der Horus Heresy-Reihe.
  • Der Tolino: Darauf ist eine illustre Sammlung an Klassikern, mit denen ich mich sicher auch befassen werde. Stanislaw Lem und Umberto Eco reizen mich dabei mal wieder besonders.

Büchertour #1 – „Die NS-Zeit im Comic“ in der Gedenkstätte KZ Osthofen

„Wer nicht eine Vergangenheit zu verantworten und eine Zukunft zu gestalten gesonnen ist, der ist vergeßlich.“ (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW, Bd. 8, S. 310f.)

Der Nationalsozialismus, seine Verbrechen und seine Akteure sind fast von Beginn an auch in der Welt des Comics thematisiert und verarbeitet worden. Große Figuren des amerikanischen Superheldencomics wie Captain America oder Hellboy sind ohne ihren Bezug zu den Nazis als Antagonisten und Schöpfer kaum denkbar. Auch für andere Comicfiguren waren Nazideutschland und seine Schergen bis 1945 und darüber hinaus dankbare Gegenspieler; vor allem im Interesse der US-Propaganda, die sogar Publikumsliebling Donald Duck für ihre Zwecke einspannte.

Da die Comicautoren nicht davor zurückschreckten, nach Kriegsende die ganze Perversion des Holocausts darzustellen, wurden entsprechende Comics rasch dem Horrorgenre zugeordnet und so einer breiteren Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit entzogen, wie Ralf Palandt von der Gesellschaft für Comicforschung am vergangenen Donnerstag anlässlich der Eröffnung der Sonderausstellung Die NS-Zeit im Comic in der Gedenkstätte KZ Osthofen berichtete.

Gedenkstätte KZ Osthofen

Diese Klassifizierung sorgte dafür, dass Comics mit Bezug zum Nationalsozialismus wie das gesamte Genre in den 50er-Jahren dem in den USA beginnenden Kulturkampf gegen Comics zum Opfer fielen. Mit der üblichen Verzögerung führten Proteste von Eltern, Politikern und Pädagogen auch in der Bundesrepublik zu einer öffentlichkeitswirksamen Diffamierung, in deren Folge nach Gründung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften erstmals 1954 Comics als „Ergebnis einer entarteten Phantasie“ indiziert und bis in die 60er-Jahre hinein als Teil „unterwertiger Literatur“ sogar öffentlich verbrannt wurden.

Vermutlich liegt auch darin das Schattendasein begründet, das Comic und Graphic Novel in Deutschland noch immer führen. Bis zum Ende der 90er-Jahre verhielten sich Comicverlage in Deutschland (mit wenigen Ausnahmen) äußerst zurückhaltend und entfernten Hakenkreuze und Verweise auf Nazideutschland. Noch 1995 wurden im thüringischen Sonneberg beim Alpha-Comic Verlag Bestände angeblich „nationalsozialistischen Inhalts“ von der Polizei beschlagnahmt. Stein des haltlosen Anstoßes: ein Poster zu Art Spiegelmans Comic Maus – Die Geschichte eines Überlebenden.

Spiegelmans autobiographisch beeinflusster Comic über den Holocaust wurde 1992 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und gilt bis heute als einer der einflussreichsten und ambitioniertesten Comics zu Holocaust und Nationalsozialismus, der trotz großer Kontroverse weltweit zu einer intensiven und ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema führte. Die Osthofener Ausstellung zeigt unter anderem einen von arte produzierten Dokumentarfilm über Spiegelman und sein Werk.

Reinhard Kleist: „Der Boxer“ / © Jannik Reinecke / Die Knipser

Den Hauptteil der Ausstellung nehmen jedoch Zeichnungen und Drucke dreier deutscher Comicbände ein, die sich mit ihrem biographischen Ansatz deutlich vom naziprügelnden Superheldenheft unterscheiden. Reinhard Kleist beschreibt in seinem 2012 erschienenen Comic Der Boxer das Leben von Hertzko Haft, der in Auschwitz für die SS boxen musste. In dunklen, schweren Strichen zeigt Kleist den Alltag Hafts, beim Arbeitseinsatz, in Auschwitz und als Schaukämpfer bei den brutalen, von der SS zur eigenen Belustigung organisierten Kämpfen. Kleists Zeichnungen, das zeigt der direkte Vergleich mit den jeweils parallel gezeigten Druckseiten, funktionieren auch ohne den noch fehlenden Text. Seine eindrucksvollen Illustrationen schildern den körperlichen und psychischen Verfall der Häftlinge,  ihre Verbitterung angesichts der alltäglichen Grausamkeiten – aber auch Hafts eisernen Überlebenswillen.

Moritz Stetter: „Bonhoeffer“ / © Jannik Reinecke / Die Knipser

Im Gegensatz zu den schroffer wirkenden Zeichnungen Kleists schildert Moritz Stetter das Leben Dietrich Bonhoeffers (Bonhoeffer, 2010) weicher, abstrakter und weniger naturalistisch. Trotz des verspielteren Stils bleibt Stetters Biographie des 1945 in den letzten Kriegstagen hingerichteten Widerständlers und Pfarrers Bonhoeffer ernsthaft, nachdenklich und persönlich. Dass auch Bonhoeffer schwarzweiß gezeichnet ist (eine Vorgabe des Verlags), unterstreicht die Düsternis mancher Szenen, gerade während der Haft; auch wenn Bonhoeffer bis zuletzt weder Hoffnung noch Glaube aufgegeben hat. Farbig ist lediglich ein in der Ausstellung gezeigtes alternatives Cover, das Stetter noch „um einiges ausdrucksstärker und eindrücklicher“ findet, wie er gegenüber den Kuratorinnen Ramona Dehoff und Martina Ruppert-Kelly betonte.

Barbara Yelin: „Irmina“ / © Jannik Reinecke / Die Knipser

Den größten Raum nimmt Irmina, der jüngste und mit insgesamt knapp 300 Seiten umfangreichste Band der Ausstellung ein. In ihrem 2014 erschienenen Comic schildert Barbara Yelin das Leben der jungen Fremdsprachensekretärin Irmina von Behdinger, die nach ihrer Ausbildung in London nach Deutschland zurückkehrt und sich dort auf der Suche nach Erfolg und Anerkennung immer mehr dem neuen System der Nationalsozialisten anpasst. Irminas Geschichte wird zu einer Parabel für die Entscheidung vieler Deutscher zwischen persönlicher Integrität, Wegsehen und eigener Vorteilsnahme im „Dritten Reich“. Als einzige der drei Autoren verwendet Yelin Farbe, bleibt aber bis auf wenige Ausnahmen zurückhaltend kühl. Grau-, Braun- und Blautöne dominieren ihre ausdrucksstarken, detailreichen und doch dynamisch-skizzenhaft erscheinenden Bilder, aus denen das Rot der Hakenkreuzfahnen wie eine blutende Wunde hervorsticht. Da Yelins Originale keinen gesetzten Text, wohl aber bereits Freiräume für Sprechblasen aufweisen, wirken sie wie unabsichtliche Verbildlichungen der im NS-Deutschland oft herrschenden Sprachlosigkeit.

Insgesamt harmoniert die zurückhaltende Präsentation der Grafiken sehr gut mit dem kargen Ambiente der Gedenkstätte und gibt den einzelnen Werken viel Raum, ihre eigene Wirkung zu entfalten. Weiterführende Informationen zum Themenfeld „NS im Comic“ bietet die Ausstellung indes leider nicht. Hierfür gibt es zwar ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen und Workshops, zumindest eine anfängliche Zusammenfassung, wie sie von Ralf Palandt im Rahmen der Vernissage erarbeitet wurde, wäre aber wünschenswert gewesen. Interessierte Leser finden jedoch eine sehr umfangreiche und eindrucksvolle Leseecke, in der rund 80 weitere Comics zum Thema bereitliegen.

Die äußerst sehenswerte Ausstellung Die NS-Zeit im Comic ist noch bis zum 10. Dezember bei freiem Eintritt in der Gedenkstätte KZ Osthofen zu sehen. Verantwortlich ist der Förderverein Projekt Osthofen in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz und der Stadt Worms.

Die gezeigten Comics:

Reinhard Kleist: Der Boxer. Die Überlebensgeschichte des Hertzko Haft.
Hamburg: Carlsen 2012
200 Seiten, gebunden
16,90€

Moritz Stetter: Bonhoeffer
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010
112 Seiten, eBook
11,99€

Barbara Yelin: Irmina
Berlin: Reprodukt 2014
288 Seiten, gebunden
39,00€


Splitterfreuden: Brigitte Schwaigers „Wie kommt das Salz ins Meer“

„Beruf: Hausfrau, steht in meinem neuen Paß. Schnecke hätten sie besser geschrieben. Schnecke. Haare: gefärbt. Augen: braun. Besondere Kennzeichen: Keine, steht im Paß. Und ob. Man sieht sie nur nicht auf den ersten Blick. Besondere Kennzeichen: schlampig, ungerecht, undankbar, untüchtig, unrealistisch, unfroh, unzufrieden, faul, frech. Tisch decken, Tisch abräumen, Geschirr spülen, einkaufen, kochen, Tisch decken, Tisch abräumen, Geschirr spülen. Was koche ich zum Abendessen, dreihundertfünfundsechzigmal im Jahr die Frage: Was koche ich zum Abendessen? Sein oder Nichtsein, ob’s edler im Gemüt, was kosten jetzt die Tomaten?“ (S. 33)

Ihre Ehe ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt, aber eine bereits geplante Hochzeit absagen? So kurz zuvor? Wo doch schon alles geplant; so schöne Einladungen gedruckt und ein teures Restaurant gebucht ist? Nein, das geht wirklich nicht. Also durchstehen. Auch die Hochzeitsreise, natürlich Italien. Gardasee, Mailand, Florenz – übliche Stationen. Von den Spannungen, den Auseinandersetzungen und Vorwürfen wird man später im Fotoalbum nichts erkennen können. Eine schöne, eine vernünftige Hochzeitsreise.

Vernünftig, anständig, gutbürgerlich. Und die ständige Erwartung an die Protagonistin, wie deren Leben in der Vorstellung von Eltern, Familie und Ehemann zu verlaufen, wie sie sich zu verhalten und zu reagieren habe. In Ihrem Roman Wie kommt das Salz ins Meer zeichnet die Österreicherin Brigitte Schwaiger ein finsteres Sittenportrait der österreichischen Gesellschaft zum Ende der 70er-Jahre. Die Erzählerin berichtet fast lakonisch von ihrer Ehe und Kindheit, von einem Leben in der Erwartung der Anderen. Natürlich bist du frei – aber bitte im Rahmen der Konvention. Andere wären froh, wenn …

Aus ihren Ambitionen ist nichts geworden, die Universität hat sie ohne Abschluss und Perspektive verlassen. Schwaiger dokumentiert, wie schon die häusliche Enge der Familie jegliche Selbstständigkeit und Andersartigkeit unterdrückt und tabuisiert. Dementsprechend beklemmend ist die geschilderte Ehe, von der Schwaiger mit der oft etwas verträumten Sprache ihrer Protagonistin erzählt, die bemerkt, dass die Wände immer näher kommen, aber niemandem begreiflich machen kann, weshalb sie in ihrer doch so guten, anständigen Ehe so tief unglücklich ist und psychisch immer weiter zerbricht.

„Ich schrumpfe zu einem bitteren Kern, der sich ausspucken möchte.“ (S. 51)

So viel Enge, Piefigkeit, Spießbürgertum und Beklemmung müssten den Roman unerträglich, nicht lesbar machen. Insbesondere im Jahr 2017, wo der Rückblick die gesamte Szenerie noch altbackener, enger und irgendwie miefig-stockfleckig erscheinen lässt. Es gelingt Schwaiger jedoch, ihrer Protagonistin bei aller Verzweiflung einen trockenen, hintergründigen Witz mitzugeben. Dieser macht das Geschilderte erträglicher, da er als Kontrapunkt zu den präzise beobachteten sprachlichen Erniedrigungen des sozialen Umfelds auftritt und zugleich durch seine Subtilität die Gesellschaftskritik noch vernichtender macht.

Als Brigitte Schwaigers Erstling 1977 erschien, wurde der Roman ein sensationeller Erfolg und traf mit seiner Kritik offenbar ins Mark. Die muffige Szenerie ließ sich seinerzeit ohne größere Anstrengung auch auf das bundesdeutsche und deutschdemokratische Alltagsleben übertragen, auch dort traf die Kritik eine graugestrickte Konvention, in der jede weibliche Freude und Selbstbestimmung von einem Mann autorisiert werden musste.

„Ich wate in zerknüllten Sätzen“ (S. 73)

Diese Aktualität hat Schwaigers Roman freilich ein stückweit verloren, weshalb Wie kommt das Salz ins Meer ohne den zeitgeschichtlichen Kontext nur noch bedingt als reine Gesellschaftskritik funktioniert. Dennoch hat die die Auseinandersetzung über den Ehebegriff und die Vorstellungen davon, was eine „gute Ehe“ zu sein hat, wie sie sich zusammenzusetzen hat und wie die Rollen innerhalb der Beziehung zu verteilen sind, heute wohl mehr Brisanz als bei Erscheinen des Romans, als Konzepte wie gleichgeschlechtliche Ehe, Patchworkfamilien oder unverheiratetes Zusammenleben für das Gros der Gesellschaft wohl schlicht undenkbar waren. Wenn also heute in konservativen Kreisen von einem zu bewahrenden klassischen Ehebegriff mit althergebrachten Rollen- und Familienbildern schwadroniert wird, kann es nicht verkehrt sein, diesen reaktionären Männerphantasien ihr eigenes Zerrbild vorzuhalten, wie es Schwaiger schon 1977 getan hat.

Brigitte Schwaiger: Wie kommt das Salz ins Meer
Innsbruck: Haymon 2013
136 Seiten, Taschenbuch
9,95€

Zitiert wurde nach der rororo-Taschenbuchausgabe von 1980.


Büchertour #0 – Ausstellungsbesuch

Ein regnerischer Tag wie heute ist eigentlich der ideale Zeitpunkt, sich mit Büchern zu beschäftigen. Nicht ganz so ideal ist dann, dass das gewählte Ziel für den Tag eine Ausstellung am anderen Ende der Stadt ist. Was soll’s – jetzt erst recht.

Nachdem der Himmel das Gröbste seines Tagesgeschäfts offenbar hinter sich gebracht hatte, machte ich mich also auf den Weg zur Mainzer wissenschaftlichen Stadtbibliothek, in der noch bis zum 2. September die Ausstellung „Seitenweise Kunst. Eine Liebeserklärung an das Buch und das Lesen“ gezeigt wird.

Die Front der wiss. Stadtbibliothek Mainz, Baujahr 1912.

Die Bibliothek befindet sich, im Gegensatz zum Großteil der Stadt – etwa auch die Öffentliche Bücherei „Anna Seghers“ – noch in der originalen Bausubstanz und liegt malerisch an Rheinufer und vierspuriger Hauptverkehrsader. Architektonisch ist das Gebäude sicher keine übermäßige Perle, aber in einer von Nachkriegschic und Brachialbeton dominierten Innenstadt glänzen auch die Zweckbauten des frühen 20. Jahrhunderts.

Nun sollte der Spaziergang, auf dem bewusst und zur Zeitersparnis mindestens drei Buchhandlungen umgangen wurden, aber nicht der Architektur, sondern vielmehr der Literatur gewidmet sein. Davon gibt es in der Stadtbibliothek mehr als genug. Rund 550.000 Bände umfasst der heutige Buchbestand exklusive neuerer Medienformen, was die Institution zu einer der größten wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands in kommunaler Hand macht. Da man immerhin auf eine Tradition seit 1477 zurückblicken kann, umfasst die Sammlung auch viele prächtige Handschriften des Mittelalters und etwa 100.000 Drucke des 16. bis 18. Jahrhunderts aus den Beständen der alten Universitätsbibliothek. Besondere Schmuckstücke zeigt das Mainzer Gutenberg-Museum als Dauerleihgabe.

Doch zurück zur Ausstellung, die – so ist es der Ankündigung zu entnehmen – die der Institution eigenen Themen wie „Lesen“ und „Bücher“ mit zeitgenössischer bildender Kunst verbinden will. Mehr als 70 Buchobjekte, Künstlerbücher, Zeichnungen, Malerei, Grafiken, Fotografien und Skulpturen werden gezeigt, die aus der Hand und Feder von 26 Künstlerinnen und Künstlern sowie den Stipendiatinnen und Stipendiaten des Künstlerhauses Schloss Balmoral stammen.

Tja. Auch schön hier.

Tja. Nun. Also mal angenommen, man hätte sich vernünftig vorbereitet, einen Plan gemacht und den Termin für den Besuch nicht noch einmal spontan verschoben, käme jetzt hier wohl der Teil mit der Ausstellungskritik und Eindrücken.

Ohne den Konjunktiv kommt jetzt allerdings nur eine relevante Service-Information: Die wissenschaftliche Stadtbibliothek Mainz ist donnerstags geschlossen.


Seite 2.0 – Von der Digitalisierung des Lesens

Es gibt Dinge, die kann man nicht aufhalten. Lawinen zum Beispiel. Oder den Lauf der Zeit, falls man es pathetischer mag. Im Jahr 2017 muss dann wohl der letzte Analogromantiker feststellen, dass auch die Digitalisierung kaum mehr aufzuhalten, allerhöchstens zu verschleppen ist. Und weil sich bekanntlich eine verschleppte Erkältung leicht mal drastisch verkomplizieren kann, wird es mit der Digitalisierung auch nicht einfacher, je länger sie vorweggeschoben wird.

Wer mich kennt, kennt mich als Freund des gedruckten Wortes. Vorzugsweise auf feinem Papier zwischen verstärkten Buchdeckeln, aber gerne auch in jeder beliebig anderen Form drucktechnischen Erzeugnisses. Lesegeräte für elektronische Bücher habe ich lange abgelehnt. Zu fummelig. Zu unansehnlich. Zu unromantisch. Und überhaupt – die riechen ja nicht einmal gut.

Nun, der aufmerksame Leser wird es bereits gesehen haben – auch die Seite Zwei hat digital aufgerüstet und widersetzt sich nicht länger der Wirklichkeit. Auch wenn der Markt beweist, dass die elektronischen Bücher zwar ihre Anhänger und Berechtigung haben, das klassische Buch aber wohl längst nicht ersetzen werden. Das wäre ja auch noch schöner.

Nach einigen Monaten des Tests kann an dieser Stelle ein erstes Fazit gezogen werden. So liest es sich also, mit dem tolino shine 2HD:

Nun, zuerst einmal: Ja, es liest sich sehr ordentlich. Ja, es ist schon praktisch, mehrere Bücher herumtragen zu können, ohne merklich Gewicht zu spüren. Ja, auch die Beleuchtung erfüllt ihren Zweck und kam schon mehrfach zum Einsatz. Und dennoch wird dem tolino auf lange Sicht doch nur der zweite Rang bleiben, denn an das haptische Gesamterlebnis eines Buches kommt der Reader schlicht nicht heran.

Ich habe mich im April für den shine 2HD entschieden, weil er einen guten Mittelweg zwischen den damals drei erhältlichen Versionen tolino page, tolino shine 2HD und tolino vision 4HD anbot. Ein Amazon Kindle kam für mich aus vielerlei Gründen nicht infrage, schon allein wegen der engen Bindung des Geräts an die Amazon-Infrastruktur und den Zwang zum Amazon-Dateiformat. Andere Wettbewerber wie Nook und Co. hatte ich zwar auf dem Schirm, doch erschien es mir zumindest ideell richtig, mit dem tolino den deutschen Buchhandel zu unterstützen.

Zwischen seinen Brüdern machte der shine 2HD den besten Eindruck. Der page ist zwar günstig, wirkt mit seiner in Leberwurstbraun gehaltenen billigen Plaste-Haptik aber wie ein Modell von Fisher-Price für Rentner. Der Qualitätsunterschied zu den anderen Modellen ist so gravierend, dass ich dem Hersteller unterstelle, das Einsteigermodell bewusst billig zu produzieren, um die teureren Modelle attraktiver zu machen. (Was funktioniert.)

Der vision 4HD hingegen ist der Angeber unter den Brüdern und glänzt vor allem mit Äußerlichkeiten, die den durchaus saftigen Aufpreis zum shine aber nicht rechtfertigen. Das smarte Licht, dass mit zunehmender Dunkelheit einen wärmeren Farbton annimmt, ist zwar sicher angenehm, die glatte Front des Geräts Erfahrungsberichten meiner Freunde zufolge aber eher kontraproduktiv, da das Gerät bei einigen Schutzhüllen zu sensibel reagiert und man viel zu häufig unbeabsichtigt umblättert. Bis auf den doppelten Speicher sind shine und vision technisch identisch.

Die internen Bibliothekare bei der Arbeit.

Die Ersteinrichtung ging zügig und unkompliziert vonstatten, die ersten Bücher waren dank simplem Drag&Drop-Verfahren innerhalb von Minuten installiert. Da der tolino keine eigene Software erfordert, sondern sich wie ein USB-Laufwerk verhält, ist das Aufspielen eigener Bücher oder anderer Textdokumente denkbar einfach. Das Gerät braucht dann, je nach Menge der neuen Bücher, ein paar Minuten, um die Neuzugänge in der internen Bibliothek zu sortieren, dann kann es im Grunde sofort losgehen.

Die Bedienung ist praktisch idiotensicher und wird über das interne Handbuch auch ausführlich erklärt. Umblättern erfolgt durch leichtes Tippen an den Seitenrand, es gibt Lesezeichen, eine Notiz- und eine Suchfunktion; zudem lassen sich Schrifttype, Größe, Zeilen- und Seitenrandabstand sowie die Textausrichtung nach Belieben anpassen. Sehr zu loben ist, dass als Type auch OpenDyslexic zur Verfügung steht, die Legasthenikern das Lesen erleichtern soll. Wer will, kann alles beim Verlagsstandard lassen, um dem gedruckten Buch so nahe wie möglich zu kommen.

Gleich bei der ersten Lektüre fiel mir positiv ins Auge, dass der tolinodamals im Gegensatz zum Kindle – in der Lage ist, Silbentrennung und Umbrüche sinnvoll anzuwenden und so ein einheitliches, gleichmäßiges und ansehnliches Schriftbild setzt. Ganz gleich in welcher Ausrichtung, nirgendwo Lücken, Löcher und unsinnige Abstände. Gerüchten zufolge hat Amazon nach knapp zehn Jahren Produktentwicklung diese bahnbrechende Entwicklung des Drucksatzes auch eingeführt, wie gut das da funktioniert kann ich aber nicht bezeugen.

Im Querformat gut lesbar: Die Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus.

Die Textformatierung funktioniert allerdings nicht bei PDF-Dokumenten. Diese werden vom Gerät in ihrer Originalformatierung angezeigt, also auch in der vorgegebenen Seitenzahl. Das führt dazu, dass im Grunde zu viel Text auf dem dafür zu kleinen Display dargestellt wird. Die vom Gerät angebotene Konvertierung in das interne Format zerlegt aber die Textformatierung, sodass man sich schnell mit einem unübersichtlichen Blocksatz konfrontiert sieht. Für längere Texte ist das wohl nicht sinnvoll. Meine Lösung dafür ist es, die Seitenansicht zu drehen und die Seiten dann wie bei einem Tablet durch wischen hoch- und runterzuschieben. Umblättern erfolgt ganz normal. Im Querformat lässt sich der tolino weiterhin gut halten und bietet bei den allermeisten Texten ausreichend Platz für noch lesbare Schriftgröße. Ansonsten muss näher herangezoomt werden, was aber Wischen in alle Richtungen erfordert.

Ich habe oft darüber gelächelt, dass nun auch E-Reader beleuchtete Displays haben; war es doch zu Beginn ihrer Existenz das große Alleinstellungsmerkmal, dass sie eben nicht beleuchtet und daher einer realen Papierseite so ähnlich wie möglich waren. Nun ist das Licht praktisch omnipräsent und wird als das große Ding beworben. Glücklicherweise kann man es beim shine (die Namensironie ist mir nicht entgangen) jederzeit ausschalten und sich auf Sonnenlicht oder Leselampe verlassen. Dann wirken die Seiten des shine wie Ökopapier – nicht strahlend weiß, aber mehr als ausreichend kontrastreich. Ich besitze Taschenbücher, deren Papier grauer ist. Bei Tag ist das Licht in den unteren Helligkeitsstufen meist nicht einmal wahrnehmbar und reduziert lediglich die – übrigens sehr formidable – Akkulaufzeit.

Bei Dunkelheit hingegen, in typisch schlecht beleuchteten Zügen oder in Abwesenheit einer Leselampe leistet die Beleuchtung gute Dienste und hellt das Display auf, ohne allzu penetrant zu leuchten. Dazu sei angemerkt, dass ich das Licht fast ausschließlich auf der dunkelsten Stufe belasse, da mir dies bei Dunkelheit völlig ausreicht. Gerade im Bett – wenn aus Rücksicht auf schlafende Partner die Lampe aus bleibt – sind die helleren Stufen meiner Ansicht nach zu grell. Vermutlich alles Geschmackssache.

Wirkliche Probleme hatte ich bislang nicht. Schnelles An- und Ausschalten des Geräts mag tolino nicht, dann neigt er zu Überforderung und Hängern. Ein oder zwei Mal hat sich das Gerät aufgehangen und von selbst neugestartet, aber nicht der Rede wert. Der Seitenaufbau könnte allerdings manchmal etwas schneller gehen. Die interne Tastatur erfüllt ihren Zweck, ist für längere Texte aufgrund der trägen Reaktionszeiten des Touchscreens aber völlig ungeeignet. Gerüchten zufolge kann man mit dem tolino auch im Netz surfen, das habe ich mir aber bislang noch nicht angetan.

Der einzige in meinen Augen störende Punkt ist die Kopplung des Geräts an den Online-Shop der jeweiligen Buchhandlung, in der man das Gerät gekauft hat. Auch wenn es problemlos möglich ist, jedes beliebige E-Book auf das Gerät zu laden und man die eigenen Online-Bibliotheken bei anderen namhaften Buchhandlungen verknüpfen kann, so habe ich doch stets im unteren Drittel meiner Startseite die Empfehlungen von Hugendubel liegen, die – da ich das WLAN nur für Software-Updates aktiviere – immer gleich bleiben und diametraler zu meinem Lesegeschmack nicht sein könnten. Hier zählen offenbar nur die im Hugendubel-Shop beliebtesten Titel. Also seichte Frauenromane mit einsamen Bänken vor Strandhütten auf dem Cover. Mich persönlich reizt das nicht gerade dazu, bei zuckeligem Seitenaufbau im Online-Shop zu stöbern.

Insgesamt bin ich positiv angetan von meinem shine, seiner intuitiv-simplen Bedienung und dem scharfen und artefaktfreien Display. Dessen Größe ist ausreichend, um mit einem gängigen Taschenbuch mitzuhalten und erfordert bei vernünftiger Schriftgröße auch kein ständiges Blättern. Die Akkulaufzeit ist so hoch, dass man durchaus mal von dem dezenten Hinweis auf niedrigen Ladestand überrascht wird. Ach ja, den muss man ja laden.

Angenehm flach: Der Stapel ungelesener Bücher.

Das Regal ersetzen wird der tolino aber nicht. Für mich wichtige Bücher werde ich weiterhin in gedruckter Form in den Händen halten wollen. Gerade für leichtere Unterhaltungslektüre, meine Warhammer-Bolterromane zum Beispiel, ist das Format jedoch ideal, da ich die ohnehin selten mehrfach lese und sie so schnell stupide Regalmeter füllen würden. Zudem lassen sich auf dem tolino PDF-Dokumente, Aufsätze und digital erscheinende Zeitschriften durchaus bequem lesen, ohne dafür auf einen Computerbildschirm starren zu müssen. Dank der Suchfunktion hätte mir das Gerät beim Studium sicher die Lektüre von manch wissenschaftlichem Aufsatz erleichtert und Druckertinte gespart.

Bleibt nur noch abzuwarten, wie lange das Gerät insgesamt hält. Die Verarbeitung wirkt hochwertig, mit Auseinanderfallen ist also wohl nicht zu rechnen. An die oft zitierten Orte wie Badewanne oder Strand nehme ich den Reader ohnehin nicht. Weder der tolino noch ein richtiges Buch vertragen Wasser, Sand hingegen kann man zwar aus einem Taschenbuch ausschütteln, nicht aber aus USB-Kontakten. Es wird also noch weiter Einsatzfelder für günstige Paperbacks geben. Dank einer stabilen Hülle (gekauft über – *tusch* – Amazon!) dürften die Oberflächen des Geräts gut geschützt sein. Ob die zusätzliche Schutzfolie auf dem Display hingegen wirklich nötig ist, wird sich zeigen.

Dazu ein letzter Tipp: Wer Staubflusen und Blasen unter der Folie verhindern will, sollte sie nicht „mal eben“ an einem Sommermorgen auf der Terrasse aufkleben …