Zwischen Dorfidyll und Mondkratern: Arno Schmidts „KAFF auch Mare Crisium“

Was hasdu heut Nachmittag eigntlich mit dem ‚helleborosen Farrago‘ gemeent?“ ; Hertha ; tiefsinnich. : „Einen ‚nieswurzwürdijen Mischmasch‘.“ – Aber ihr einzijer Dank beschtant in 1 wüstn Blick. Dann fiel ihr was ein : „Also ‚eine echte Bereicherunk im Sinne der tria corda des Ennius‘“, leierte sie haßvoll=auswenndich. Und TH ließ die Augn behaaklich zwischen uns hin & her gehen. „Was’n Tühnkram, nich?“ sagte sie liebevoll : „Deswegen ischa auch nix aus ihm gewordn : weil er den Kopf immer zu voll von seuchn Zeuch hadde. – Aber man wird’a guder Laune von, Mädchen.“ setzte sie mahnend hinzu : „Ich finnd‘ : wenn Einer mehr als bloß seine ‚Tausn Worde Deutsch‘ kann – man bleibt, auch als Frau=da – “ ( sie fingerte nach dem betreffenden Ausdruck ) : „ – Beweeklicher, nich. Oder?“ (S. 116)

Ein Kaff in Niedersachsen, 1960. Hertha und Karl, Angestellte aus der Stadt, besuchen in ihrer (Schlesierin, als junges Mädchen geflohen) Isetta seine (Kriegsveteran, vergeistigter Antimilitarist) Tante Heete (TH). Dorfidyll mit schmutzigen Kühen, Bauernleben und Dorftheater. Es riecht nach Kohleofen und Sülze mit Bratkartoffeln. The simple life. Parallel dazu, in seiner (Phantast, Worte=Schmied) Erzählung an sie (traum-a-tisiert, verunsichert), eine post-nukleare Kolonie der Amerikaner auf dem Mond. Science Fiction in Badehosen (wegen der Temperatur, Grünhauseffekt), die Farce eines Parlaments mit Kriegz=Minister (stehendes Herr: 2 Mann) und glühendem Patriotismus, dafür ohne Klopapier und praktisch ohne langfristigen Plan. Auf der dunklen Seite eine Kolonie der Russen. Pragmatischer, ohne Pathos und deutlich überlebensfähiger, weil man das Problem der Überalterung und das der Unterversorgung mit Proteinen in einem Zug gelöst hat.

Arno Schmidt: KAFFAuf Erden dann ein Angebot, Geistes- und Landleben zusammenzulegen. Den Eskapismus als maximale Kritik an Wirtschaftswunder und Wiederaufrüstung zu zelebrieren und – ganz uneigennützig von TH – das Erbteil vor der tumben Verwandtschaft zu retten.

Die eigentliche Handlung bleibt im Grunde belanglos und in ihrer Belanglosigkeit der Szenerie angemessen. Was KAFF auszeichnet, ist Arno Schmidts Spiel mit der Sprache. Sein gänzlicher Verzicht auf und Bruch mit orthographischen Konventionen. Schmidt entwickelt im KAFF seine lautmalerische Sprache, verknüpft mehrere Erzählebenen und zugleich ländlichen Realismus mit futuristischer Science Fiction. Damit verweist KAFF bereits auf Schmidts Spätwerk und Opus Magnum Zettels Traum, jedoch ohne dessen enorme und stellenweise unzugängliche Komplexität.

Schmidts Sprache und Stil sind bewusste und radikale Brüche mit der Konvention der Literatur der Bundesrepublik in den 60ern. Über seine anfangs gewöhnungsbedürftige, trotz ihrer scheinbaren Willkürlichkeit aber schnell eingängigen Otto=gra=vieh vermittelt Schmidt seine deutliche Kritik am Einfach-Weiter der BRD. Als sprachlicher Rebell stellt er sich gegen das Gewohnte und protestiert auf allen Ebenen gegen die unterlassene Aufarbeitung der Nazizeit, die deutsche Teilung, Wiederaufrüstung und verpasstes Wirtschaftswunder, Besatzung und den Kalten Krieg. Sprache ist ihm Mittel der Wahl, doch wird die Kritik auch in den Unterhaltungen der Figuren deutlich und letztlich in der Farce eines postnuklearen kalten Krieges auf dem Mond ironisch auf die Spitze getrieben. Mein persönlicher Favorit ist der hohle Heroismus in der verfremdeten Version des Nibelungenlieds des amerikanischen Nazional-Dichters auf dem Mond. Der beschworene Nibelungenwille zum patriotischen Durchhalten kann, nicht einmal 20 Jahre nach Stalingrad, nur zynisch-bitter schmecken.[1]

Im Grunde ist es daher schade, dass Schmidts Duktus heute in dieser Form nicht mehr funktionieren würde. Spuren davon mögen sich in 1 von der facebookisierten ich-schreibe-wie-meine-finger-halt-die-tasten-treffen-Mentalität geprägten Jugendsprache finden, seine kritische, subversive Kraft hat der bewusste (und damit sowohl absichtliche als auch gezielt-gedankenvolle) Bruch jeglicher orthographischer Regeln aber längst verloren.[2] Heute jedoch wird das Spiel zum Meme, zur bloßen popkulturellen Hülse, die man ein paar Wochen herumkrakeelt, bevor selbst der Bayerische Rundfunk auf den Zug aufspringt und sich die Influencer auf Twitter einen neuen Gag ausdenken müssen, um im immerwährenden Sozialmediengekreisch aufzufallen. Arno Schmidt hätte es vermutlich trotzdem amüsiert. Vong intelleggd her.

Arno Schmidt: KAFF auch Mare Crisium
Frankfurt: S. Fischer 1980
368 Seiten, Taschenbuch
9,95 €

[1] Einen tiefer gehenden Zugang bietet das Projekt mare crisium. das in Kooperation mit der Arno Schmidt Stiftung Bargfeld Materialien zum Text, Erläuterungen und Hintergründe sammelt. Eine Fundgrube, die den Zettelkästen des Autors angemessen ist!

[2] Übrigens nutzte bereits im Jahrhundert zuvor Oskar Panizza phonetische Orthographie zur Obrigkeitskritik. Dass ihn Schmidt kannte, darf getrost angenommen werden, auch wenn Panizzas Texte erst in den 60ern langsam wieder rezipiert wurden.


Sede vacante: Robert Harris‘ „Konklave“

„‚Dann gehen Sie also davon aus, dass unser Freund in seiner Ablehnung des Petrusstuhls nicht ganz aufrichtig war.‘ ‚Doch, doch, ich halte ihn für absolut aufrichtig. Genau das ist einer der Gründe, warum ich ihn unterstütze. Die gefährlichen Männer, die man aufhalten muss, das sind die, die das Amt aktiv anstreben.‘“ (S. 104).

Eigentlich sollte man meinen, dass die katholische Kirche nach etwas über 2.000 Jahren ihres Bestehens für alle Eventualitäten gerüstet ist. Doch man kann nie wissen. Papst Johannes XXIII. etwa war bei seiner Wahl selbst die größte vorhandene Soutane zu klein, sodass sie aufgeschnitten und ihm wie ein ziemlich prunkvoller OP-Kittel praktisch um den massigen Leib geschneidert werden musste.

Auch in Robert Harris‘ jüngstem Roman Konklave muss die Kirche auf alle Eventualitäten gefasst sein. Wie es sich für den namensgebenden Ritus gehört, ist der aktuelle Papst, der durchaus Züge von Papst Franziskus trägt, verstorben. Auch in Zeiten der Unsicherheit – der Roman spielt in einer sehr nahen Zukunft – wird in aller Tradition das Konklave einberufen und beginnt seine Arbeit, einen neuen Vertreter Petri auf Erden zu ernennen.

Konklave ist jedoch keine kirchenhistorische Nacherzählung einer vom heiligen Geist beseelten Papsternennung, sondern ein glänzend recherchierter Politthriller, der nur an wenigen Stellen etwas zu übereifrig wird und ansonsten dem ehrfürchtigen Rahmen sehr gerecht wird.

Robert Harris: KonklaveErzählt wird die Handlung aus der Sicht des Dekans des Kardinalskollegiums, Jacopo Kardinal Lomeli. Dieser ist, trotz oder gerade wegen seiner langen Zeit im Verwaltungsdienst der Kirche getrieben vom Zweifel. Zweifel an seinem Handeln, am Glauben und an der Institution Kirche. Doch Lomeli schöpft aus dem Zweifel letztlich Kraft und erkennt die ihm innewohnende positive Energie, um die Gemeinschaft der Gläubigen zu erhalten. Nicht der Zweifel ist zu fürchten, sondern die Gewissheit, die als Feind der Einheit und der Toleranz zur Gefahr wird. „Gäbe es nur Gewissheit und keinen Zweifel, dann gäbe es kein Geheimnis und wir brauchten den Glauben nicht.“ (S. 123)

Damit findet Lomeli eine Antwort darauf, wie der Absolutheitsanspruch der katholischen Kirche und des Pontifikats mit der Ungewissheit des 21. Jahrhunderts in Einklang zu bringen sein könnte. Einer Zeit, die gleichermaßen geprägt ist von Zweifeln und Unsicherheit wie von immer stärkeren Absolutismen und Dogmen. Lomeli spiegelt die innere Zerrissenheit einer Gegenwart, die sich nach Sicherheit und Rückhalt sehnt, starre Strukturen aber ablehnt und immer wieder aufzubrechen versucht. Nur der ständige Zweifel ermöglicht die nötige Flexibilität, um diese Spannungen auszuhalten.

Harris demonstriert das Hadern und Zögern desjenigen, der die Strukturen der Macht und Politik durchschaut, selbst aber keine Ambitionen hegt, die Macht zu ergreifen. Lomeli zur Seite steht das Kardinalskollegium in all seiner Internationalität und Vielseitigkeit: Aspiranten und Emporkömmlinge, weise alte Männer und verschrobene Theologen. Die möglichen Kandidaten geben ein gutes Bild der innerkirchlichen Spannungen. Darunter erzkonservative Traditionalisten wie der sprechend benannte Kardinal Tedesco; der trotz seiner glühenden Homophobie die afrikanischen Hoffnungen tragende Kardinal Adeyemi sowie der liberale, aber erschöpfte Bellini. Und natürlich gibt es einen Überraschungskandidaten, einen in pectore ernannten Kardinal, mit dem niemand gerechnet hatte.

Das Konklave ist eine Welt der Politik und Intrigen, in der schnell klar wird, dass es keinen idealen Kandidaten geben kann. Die vordergründige Einheit der Kirche wird stellenweise lediglich vom jahrhundertealten Ritual zusammengehalten. Einer nach dem anderen scheiden die Favoriten aus, gescheitert an ihren Ambitionen, an Kabalen ihrer Mitbewerber oder eingeholt von ihrer Vergangenheit. Zugleich bricht Harris die Erzählung aus dem machtvollen Zirkel mit Episoden der Menschlichkeit, die daran erinnern, dass es sich bei den mächtigsten Figuren der Kurie letztlich doch um gebrechliche, vom Schicksal gezeichnete Menschen handelt.

Es gelingt Robert Harris geschickt, den Widerspruch zwischen dem bis ins letzte Detail penibel institutionalisierten Ritus und der Fehlbarkeit des Menschen zu verdeutlichen. Konklave bietet einen von Pathos und Mystizismus befreiten Einblick in die inneren Strukturen, Konflikte und kirchenpolitischen Zusammenhänge des Vatikans, ohne das Tempo eines gut erzählten Thrillers zu gefährden. Und auch wenn es den letzten Twist am Ende wohl nicht gebraucht hätte: Die Einheit kommt in der Not.

Robert Harris: Konklave
Originaltitel: Conclave
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
München: Wilhelm Heyne 2016
352 Seiten, gebunden
21,99 €


„The madmen are in Power.“ Philip K. Dicks: „The Man in the High Castle“

„Perhaps if you know you are insane then you are not insane. Or you are becoming sane, finally. Waking up. I suppose only a few are aware of all this. Isolated persons here and there. But the broad masses … what do they think?“ (S. 44f.)

Was wäre, wenn …? Eine Frage, die in der Evolution existenzieller menschheitsgeschichtlicher Fragen wohl unmittelbar nach Quo vadis? und dem ganz grundsätzlichen Warum? entstanden ist.  Was wäre also, wenn der Krieg anders verlaufen wäre?

Die Welt des Jahres 1962 ist aufgeteilt zwischen den Siegermächten. Nach dem Sieg der Achsenmächte über die Alliierten ist die Welt gespalten in die vom Deutschen Reich besetzten Gebiete und das Großreich Japan. Eine demilitarisierte, neutrale Zone trennt das frühere Gebiet der USA in die von Deutschland besetzten Gebiete an der Ostküste und die Pazifischen Staaten von Amerika an der Westküste. Beide Mächte regieren mit eiserner Faust, die amerikanische Kultur ist praktisch vollständig unterdrückt und überlebt lediglich in der neutralen Pufferzone und als romantisiertes Sammelobjekt der japanischen Besatzer.

dick_castleInmitten des amerikanischen Besatzungsalltags kursiert ein begehrter Roman. Im Westen frei erhältlich, im Osten als illegale Bückware, schildert The Grasshopper Lies Heavy eine alternative, schockierende und fesselnde Zukunft, in der die Alliierten den Krieg gewonnen haben und die USA zur Weltmacht aufgestiegen sind. Zurückgezogen von der Welt hütet dessen Autor Hawthorne Abendsen das Geheimnis seiner Inspiration für den Roman und schützt sich in seinem angeblich festungsgleichen Domizil, dem „High Castle“, vor den Mordversuchen des deutschen Sicherheitsdienstes.

„It is not hubris, not pride; it is inflation of the ego to its ultimate – confusion between him who worships and that which is worshipped. Man has not eaten God; God has eaten man.“ (S. 46)

Im Gegensatz zur gleichnamigen Amazon-Serie unternimmt Dick im Roman nicht den Versuch, eine spannende Agentengeschichte zu erzählen. Vielmehr ist das zentrale Motiv das ständige Bestreben der Figuren, in einer als verschoben wahrgenommenen Welt zu überleben und sich den Gegebenheiten der Besatzung anzupassen, einen Platz in ihrer Welt zu finden. Die Orientierung bieten dabei zwei Bücher: Die alternative Realität des Grasshopper und das I Ching, welches als esoterisches Orakel die Geschicke der Menschen in der japanischen Besatzungszone bestimmt. Beide Bücher stehen dabei in einem entscheidenden Gegensatz. Währen Abendsens Zukunftsentwurf die Menschen zu konkretem Handeln aufruft, etwa den Mordversuchen deutscher Agenten oder das Bestreben der Yogalehrerin Juliana Frink, Abendsen sein Geheimnis zu entlocken, drängt das Orakel die Menschen zu Passivität und bietet lediglich mystifizierte Erklärungsversuche für das Geschehen.

Was Abendsen beschreibt, ist ein vermeintliches Utopia, in dem sich die Siegermächte zumindest vorerst um die Welt zu kümmern scheinen und statt kaltem Krieg und globalkapitalistischer Wirtschaft soziale Reformen vorantreiben. Doch Dick, als realer Autor, zeigt schon seinen Zeitgenossen, dass die realen Siegermächte an diesem Anspruch gescheitert sind und es zu diesem Utopia nie kommen wird. Selbst im pervertierten Gegenwartsentwurf der Romanhandlung trifft Kriegsveteran Joe Cinnadella mit seiner zynischen Prognose den Nagel auf den Kopf: „They’re both [die USA und Großbritannien] plutocracies, ruled by the rich. If they had won, all they’d have thought about was making more money, that upper class. Abendsen, he’s wrong; there would be no social reform, no welfare public works plans – the Anglo-Saxon plutocrats wouldn’t have permitted it.“ (S. 157)

Was Dick ebenfalls zeigt, ist kulturelle Unterdrückung in zwei Extremen. Auf der einen Seite die archaische Gewalttätigkeit der Nazis, mit ihrer gänzlich materialistischen Ideologie von Stärke, Blut und Rassenlehre – auf der anderen Seite der japanische Mystizismus, der vordergründig feinsinnige Glaube an Orakel, Ahnen und Vorhersagen. Und doch gleichen sich beide Systeme in ihrer Perfektionierung der Unterdrückung, ihrer Etablierung von Hierarchie und Rangordnung. Exemplarisch wird das an der reichen japanischen Oberschicht, die sich mit Amerikana umgibt und die amerikanische „Geschichte“ mit dem kuriosen Interesse eines Kolonialherrn studiert. „The American Way of Life“ existiert nur noch als Inszenierung. Trotz Steak und Kartoffelecken fühlt sich der Antiquitätenhändler Robert Childan bei seinen Kunden als Fremder im eigenen Land. Deutlich wird dies auch an der Sprache der Figuren, die sich mehr und mehr dem vereinfachten Englisch der Japaner angleicht, deren Idiom übernimmt und sich so auch sprachlich unterwirft.

Bei der Lektüre des Romans verflechten sich ganz von selbst drei Ebenen der Realität. Die des Lesers, die des Romans und jene der fiktiven Erzählung Abendsens. Philip K. Dick unternimmt dabei keinerlei Wertung und beschreibt keinen der Entwürfe als überlegen oder utopisch. Vielmehr lässt sich die Welt in allen Versionen trotz ihrer teils gravierenden Unterschiede wiedererkennen. Diese Unterschiede ergeben sich durch den Einfluss von Zufall, Unwirklichkeit und die wiederkehrende Frage nach der Authentizität der Realität: zentrale Elemente bei der Überlegung, was möglich gewesen wäre oder möglich sein könnte.

Die Überlegung, Was wäre passiert, wäre der Krieg anders ausgegangen?, war bereits in den 60er-Jahren müßig. Weder die Realität noch die beiden von Dick vorgestellten Alternativen konnten den Anspruch an eine ideale Gesellschaft erfüllen. Dick verdeutlicht, dass keine Welt perfekt ist und sich der Lauf der Geschichte zu keinem Zeitpunkt mit Präzision vorhersagen lässt. Und zugleich warnt Dick mit seiner verstörend präzise beobachteten Version davor, dass es immer schlimmer kommen kann. Gerade in Zeiten der aktuell aller Orten populären Regression in reaktionären Nationalismus ist The Man in the High Castle nicht nur ein verspieltes Was wäre, wenn? – Dicks Dystopie ist vielmehr eine deutliche Mahnung davor, was möglich wäre – oder zumindest, Was uns erspart geblieben ist.

Philip K. Dick: The Man in the High Castle
London: Penguin Essentials 2014
265 Seiten, Paperback
6,99 €

Der Roman ist in deutscher Übersetzung von Norbert Stöbe bei Fischer Taschenbuch unter dem Titel Das Orakel vom Berge erhältlich.


„… wenn wir eine hinreichend ehrliche und dankbare Nation wären …“

„Seitdem habe ich die Welt Band für Band in literarischer Weisheit ertränkt; seit dem Sonnenuntergang jenes Tages hat er’s zum Biographen von Mr. Lincoln gebracht, und sein Buch wird niemals untergehen; er ist Botschafter gewesen, ein glänzender Redner, ein fähiger und bewundernswerter Außenminister, und er würde nächstes Jahr Präsident werden, wenn wir eine hinreichend ehrliche und dankbare Nation wären statt einer undankbaren Nation, die meist nicht gewillt ist, ein Staatsoberhaupt aus Gold anzustreben, wenn sie eines aus Blech haben kann.“

Samuel Longhorne Clemens, besser bekannt als Mark Twain, am 31. Januar 1904 über John Hay, damaliger Außenminister der Vereinigten Staaten. Zu finden ist das Zitat in Twains Meine geheime Autobiographie (Anaconda 2010, S. 41), auf die Marion an anderer Stelle einen etwas genaueren Blick geworfen hat. Müßig die Spekulation, was Twain, der schon zu seiner Zeit mit präziser Beobachtungsgabe und spitzer Zunge die Missstände der amerikanischen Gesellschaft und die Heuchelei der Oberschicht kritisiert hat, zu den jüngsten Ereignissen zu sagen hätte. Heute vor 181 Jahren wurde Twain in Florida, Missouri, geboren.


Zehn Fragen – Zehn Antworten

Birgit hat drüben bei Sätze & Schätze schon vor gut einem Jahr einmal eine illustre Fragerunde gestartet und zehn auf den ersten Blick simple Fragen zu Lieblings- und anderen Büchern gestellt. Nun hat sie den Fragenkatalog noch einmal hervorgeholt und offenbar machen jeder und sein Onkel mit, also husche ich als alter Trendnachhopser direkt hinterher und liefere, bevor mich der Kettenbriefkobold beißt.

Liebe Birgit, nun wartet die Gemeinde aber gespannt auf deine Antworten!

Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?

Michael Ende: Die unendliche Geschichte. Die Vorstellung, allein mit den Worten einer Geschichte eine ganze Welt zum Leben zu erwecken, hat mich schon als Junge fasziniert, gebannt und nie wieder losgelassen. Und wer träumte nicht davon, sich auf dem Dachboden zu verstecken und Schule und Regen einfach Schule und Regen sein zu lassen?

Das Buch, das Deine Jugend begleitete?

Frank Herbert: Der Wüstenplanet. Sechs Bände Science Fiction, fantastische Welten und hohe Politik, Intrigen und Abenteuer, Kampf und Liebe, Utopie und Dystopie – die erste Lektüre begleitete mich über mehrere Jahre, dann folgten die Strategiespiele und die Verfilmungen. Dune erschließt einen ganzen Kosmos und umfasst eine zeitliche Spanne, die mich schon damals schwer beeindruckte und mir wohl auch den Weg zur Science Fiction öffnete. Interessanterweise bemerkte ich bei einer wiederholten Lektüre Anfang des Jahres, dass sich meine Einschätzung des zweiten Bandes (Der Herr des Wüstenplaneten) um 180 Grad gedreht hat. War er mir als Jugendlicher zu langweilig, gedehnt und anstrengend, empfand ich ihn jetzt in seiner komprimierten politischen Dichte als den besten der sechs Bände.

Das Buch, das Dich zur Leserin/zum Leser machte?

Sergej W. Pokrowski: Ao, der Mammutjäger. Ziemlich sicher gab es Bücher davor, doch Pokrowskis Abenteuergeschichte in der Steinzeit ist mir in Erinnerung geblieben. Es stand lange im Regal, immer wieder einmal von meinem Vater empfohlen, doch immer links liegen gelassen. Vielleicht, weil es damals schon „oll“ wirkte, dieses abgegriffene, kleine Büchlein. Doch dann wählte ich es für ein Referat in der fünften Klasse aus – und verschlang es, unter dem Esstisch sitzend, an einem Nachmittag. Es gibt übrigens auch noch Uomi, der Geistersohn, falls ich jemanden anstecken sollte und Bedarf nach Nachschub besteht.

Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?

Goethe: FaustJohann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil. Für mich einer der wichtigsten und besten Texte der deutschsprachigen Literatur. Überhaupt. Es gab Zeiten, da konnte ich lange Passagen auswendig und konnte anhand weniger Dialogzeilen Szenen im Stück einordnen. „Ich bin der Geist, der stets verneint …“

 

Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?

George Orwell: 1984. Zweifelsohne einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts. Es erstaunt mich immer wieder, wie weitsichtig Orwell schon in den 50er-Jahren geschrieben hat und wie relevant sein Text noch immer ist. Meiner Meinung nach gibt es kaum eine Dystopie, die heute so real geworden ist, wie Orwells „Großer Bruder“ und unsere willfährige Unterwerfung unter die allgegenwärtige Überwachung. Man sollte die Konzernzentrale von Facebook mit Hardcover-Ausgaben von 1984 einmauern.

Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?

Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten. Jelineks monumentale und düstere Auseinandersetzung mit dem Holocaust, dem Tod und dem Gedenken ist niederschmetternd und anstrengend – und zugleich ein starkes Stück Literatur. Beendet habe ich es noch immer nicht, aber schon meine Professorin sagte damals: „Wer diesen Roman durchliest, verdient eigentlich einen Orden.“

Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?

Shakespeare: Romeo und Julia. Die angebliche Liebesgeschichte, die nichts mit romantischer Liebe zu tun hat und doch als Schablone dafür immer wieder herhalten muss. Als Schullektüre für pubertierende Jungs eine Folter und Qual und auch später einfach kein Genuss. Shakespeare hat so viele bessere Stücke geschrieben, warum immer wieder diese olle Kamelle?

Oh, und alles von Helmut Krausser.

Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?

James Joyce: Ulysses. Allein der Ruf dieses Monumentalwerks schüchtert mich ein.

Das Buch, das Dir am meisten Angst macht?

Da muss ich jetzt tatsächlich etwas überlegen. Da ich kein großer Freund von Horror bin, weder als Film noch als Text, kann ich da fast nichts angeben, Bücher lassen mich in der Regel nicht gruseln. Potenzial haben aber Glukhovskis Metro-Romane oder Erzählungen von Thomas Ligotti, aber auch die verstörende Grausamkeit in Anthony Burgess‘ A Clockwork Orange.

Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?

Sir Terry Pratchett: Mort. So leichtfüßig, so lebensfroh, komisch und doch so tiefgründig kann wohl niemand über den Tod schreiben, wie Terry Pratchett. Ich wünschte, ich käme seinem Humor zumindest ein Stück weit nahe.


Stilblüten #3: Legendenbildung im Fußball

Kürzlich sei Uwe Seeler, eine „wahrhaftige Legende“, 80 Jahre alt geworden, informierte die Süddeutsche Zeitung am Montag in ihrer „Streiflicht“-Glosse, um danach etwas gequält-launig die derzeitige Misere des HSV mit den illustren Schwierigkeiten Seelers mit Sprichwörtern aufs Korn zu nehmen. Nunja. Sich über sprachliche Auslassungen von Fußballern zu amüsieren ist im Grunde das Dem-Baby-den-Lutscher-Klauen des Geisteswissenschaftlers, und über verwurschtelte Redewendungen machen sich ja sogar amerikanische Krimiserien lustig.

Auffällig sind die Ironiepunkte, die das „Streiflicht“ schon im ersten Satz einsammelt. Eine „wahrhaftige Legende“? Das Sprachbild ist so krumm wie eine Bananenflanke. Zum heutigen Start des Literaturfests München unter dem Motto „ein wort gibt das andere“ daher eine gute Gelegenheit, nicht nur der Legende von der Legende auf die Spur zu gehen, sondern auch den etwas heitereren Beitrag zur Blogparade #einwortgibt nachzureichen.

legendeLegende, die. Substantiv, feminin, abgeleitet vom lateinischen legenda – „das, was zu lesen ist“ oder „das Vorzulesende“. Schon hier ein erster Hinweis auf die Charakteristika der Legende. Der Duden erklärt: „kurze, erbauliche religiöse Erzählung über Leben und Tod oder auch das Martyrium von Heiligen“ und – damit kommen wir der Sache näher – „Person oder Sache, die so bekannt geworden ist, einen solchen Status erreicht hat, dass sich bereits zahlreiche Legenden um sie gebildet haben“. Vergleiche: „Mythos“.

Die Definitionen haben eines gemein: den Charakter des Erzählten, Kolportierten, Erdachten. Legenden sind, und das definiert der Duden weiter: „etwas, was erzählt, angenommen, behauptet wird, aber nicht den Tatsachen entspricht“. Was also, liebes „Streiflicht“, ist eine „wahrhaftige Legende“? Etwas, das „den Tatsachen entsprechend nicht den Tatsachen entspricht“?

Nun könnte man ein geschickt platziertes Oxymoron vermuten und die beste Intention unterstellen, nämlich eine selbstironische Brechung gleich zu Beginn – doch das darf im Fußballland Bayern angezweifelt werden. (Obwohl, „Uns Uwe“ war ja nie bei den Bayern, …) Insofern ist also davon auszugehen, dass die Legende hier ganz ironiefrei genutzt wurde, quasi als Hutantippen gegenüber Seeler und dessen Leistungen.

Aber auch damit wird die Bananenflanke nicht zum präzisen Torschuss, denn die Legende zielt nicht auf eine nachweisbare Wahrheit, sondern vermittelt Glaubenswahrheiten, gerne ausgeschmückt und dekoriert. Dass Fußball viel mit Glauben und Wünschen zu tun hat, mag stimmen, macht Seeler aber noch nicht zum Heiligen und schon gar nicht Märtyrer. Ganz im Gegenteil, zeichnet sich doch Uwe Seeler vor allem dadurch aus, dass er schon zu seinen aktiven Zeiten auf den ganzen melodramatischen Allürenquatsch verzichtete und in erster Linie einmal einfach guten Fußball spielte. Für hagiographisch interessante Wunder waren andere zuständig.

Ich tippe hier also auf eine Mischung aus „Gut gemeint ist nicht gut gemacht“ und die derzeit beliebte Überstilisierung von praktisch allem und jedem. Wenn der „Star“ nicht mehr reicht, muss halt die „Legende“ her. Allerdings zeigt das Beispiel, dass sich die Legende eben nur noch bedingt weiter steigern lässt. Spitzfindig? Vielleicht. Sich nach einem solchen Auftakt aber über die krummen Redewendungen Seelers zu amüsieren, liebes „Streiflicht“, ist doppelt schlechter Stil.


#einwortgibt den Ausschlag – Wohlfeile Provokationen im Privatfernsehen

Manche Dinge kann man sich nicht ausdenken. Manche Dinge sind so verquer, dass ich nicht genau weiß, ob und wie man darauf angemessen reagieren kann und sollte. Manches nimmt einem sprichwörtlich die Worte oder provoziert laute, unangemessene Reaktionen, die dann wiederum zu wortgewaltigen, zerstörerischen Selbstläufern werden. Doch ich greife voraus.

Vor zwei Tagen riefen die Organisatoren des Literaturfests München zu einer Blogparade unter dem Stichwort #einwortgibt auf. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, heißt es dazu bei Wittgenstein und unter dieser Prämisse soll ausgelotet werden, wie Sprache dabei helfen kann, Grenzen einzureißen, Begegnungen zu fördern und somit einen Dialog zu schaffen. Aber auch die Grenzen der Sprache sollten beleuchtet werden, ihre Fallstricke vielleicht, ihr Missbrauch. Ich hatte dazu spontan Ideen, eher auf der positiveren als der dunkleren Seite dieses Spektrums. Doch dann kam ProSieben.

Eigentlich, so dachten wir, hätten wir alles gesehen. Jede Entgleisung und Provokation, jeden gezielten Angriff auf Moral, Anstand und guten Geschmack (Sind das nicht auch diese christlich-abendländischen Traditionen, die von einer überschneidenden Zielgruppe derzeit so oft im Fackelschein beschworen werden?). Alles dagewesen, zwischen Narumol und Ronald Schill im Adamskostüm, eigentlich fehlte nur noch die Real-Umsetzung von Running Man.

Denkste. Im verzweifelten Versuch, die Aufmerksamkeit der Zuschauer von ihren Smartphones abzulenken, denken sich die privaten und öffentlichen Sender immer neue Formate aus, die noch lauter, noch greller, noch tabubrechender um Quoten buhlen. Und weil es gerade so schrecklich „in“ ist, politisch unkorrekt zu sein, springt ProSieben mit der Zuverlässigkeit eines pawlowschen Reflexes auf den Zug auf. Der Hypetrain ist nie ausgebucht.

„Applaus und Raus“ soll also das neue Format sein, und es passt zur degenerierten Aufmerksamkeitsspanne des Privatfernsehens. Oliver Polak gibt den Late-Night-Host, dem reihenweise Gäste vorgeführt werden. Gerät das Gespräch ins Stocken, langweilt sich also Polak (oder fällt ihm nichts mehr ein), drückt er einen Knopf, der Gast ist raus, der Nächste bitte. Zappen innerhalb der Talkshow, irgendwie auch meta.

Aber leider von Beginn an unter üblen Vorzeichen. Einen Hooligan, der schon einmal jemanden ermordet hat könne sich Polak als Gast vorstellen. Oder einen der „Lügenpresse“-Schreier. „Normale Leute halt“, schwadronierte er gegenüber dem Tagesspiegel. Das traurigerweise einzig normale daran ist die Provokation mit Ansage. Es geht von Anfang an gar nicht um den Inhalt des Gesprächs, sondern nur um den gezielten Bruch selbstkonstruierter Tabus. Und Polak ist sich dessen durchaus bewusst. „Politische Korrektheit ist ja oft nur eine Masche, um sich mit einem Missstand nicht auseinandersetzen zu müssen“, sagt Polak und wünscht sich daher in bester „Ich bin Jude, ich darf das“-Manier Henryk M. Broder oder Adolf Hitler als Gäste. Ohne Konfrontation könne ja schließlich kein Dialog entstehen.

Stimmt, aber Polak muss sich fragen lassen, ob eine Talkshow im Spätprogramm eines Privatsenders zwischen „Circus Halligalli“ und „The Big Bang Theory“ der richtige Ort dafür ist. Oder ob die bewusste Verletzung sprachlich-gesellschaftlicher Konventionen nicht doch nur ein billiger Versuch ist, die Quoten aufzuputschen, auf dass sich die Zuschauer vor den Fernsehgeräten angesichts des kantigen Tabubruchs wohlig den Bauch kraulen können. Endlich sagt’s mal jemand.

Nein, das ist weder unterhaltsam noch dialogfördernd, das ist schäbig. Umso weniger überrascht es, dass der Sender als offiziellen Hashtag seiner Sendung für die sozialen Netzwerke die Entgleisung „#gastoderspast“ gewählt hat. Auch das eine wohlfeile Provokation, vermutlich auch, um sich ein wenig der Jugend anzubiedern, in Teilen derer sich „Spast“ hartnäckig im Wortschatz hält.

Spätestens damit hat die Sendung ihr Ziel erreicht, der Fäkalsturm liegt in der Luft, auch schlechte PR ist ja bekanntlich gute PR – und auch ich mache mich ja dessen gerade schuldig, der Ironie bin ich mir bewusst. Mit dem Überschreiten dieser sprachlichen Grenze bestätigen sich aber ganz deutlich alle zuvor zynisch geäußerten Vermutungen zur wahren Intention der Sendung und entlarven das Kalkül hinter der vermeintlichen Suche nach Dialog. weiterlesen