Quo vadis pagina secunda?

Reich ist, wer Zeit zur Hand hat. Hat das mal ein schlauer Mensch gesagt? Falls nicht: Ist es denn nicht so? Gibt es denn heute nicht unzählige Dinge, die um unsere knapp bemessene Aufmerksamkeit und Zeit buhlen? Arbeit, Alltag, Freizeit – kaum etwas scheint heute so abwegig wie Müßiggang und Leerlauf.

Euch aufmerksamen Lesern der Seite Zwei wird nicht entgangen sein, dass mein vor einiger Zeit angekündigtes Ziel, die Beitragsfrequenz wenn nicht zu erhöhen, so doch zumindest konstant zu halten, in den vergangenen Wochen etwas gelitten hat. Doch keine Panik: An dieser Stelle folgt kein vorzeitiger Abgesang.

Vielmehr soll, letztlich auch zur eigenen Motivation, der kommende Weg etwas näher beschrieben, sozusagen ausgekundschaftet werden. Wohin also soll die Reise gehen?

Die Seite Zwei ist mittlerweile kein neues Blog mehr. Es hat sich ein ordentliches Beitragsarchiv angesammelt und es finden sich interessierte, manchmal sogar regelmäßige Leser ein. Das ist schön. Reicht das? Vielleicht. Gleichzeitig erscheint es mir geboten, die Sache etwas ernsthafter, organisierter anzugehen. Hier kommt ihr ins Spiel – Ihr, deren Blogs ich manchmal so neidvoll beäuge, die Regelmäßigkeit eurer Beiträge, die vielen Interaktionen und die aktive, lebendige Gemeinschaft, die ihr mit euren Leserinnen und Lesern geschaffen habt.

Zuvorderst soll es in Zukunft einen Plan geben, was wann geschrieben wird, um diesen nagenden Gedanken abzuschaffen, der mich immer wieder mit rostiger Stimme daran erinnert, dass ich mir doch noch eine Idee für den Blog ausdenken, noch ein Buch für eine Rezension lesen müsse. Pscht.

Jetzt kann man das gleich mal übertreiben und sich bei Scompler eine ganze Kampagne zusammenfrickeln. Ich fürchte aber, dass das den Anlass mit einer Wagenladung Aufwand erschlagen und in einem Aufwasch begraben würde. Am anderen Ende des Spektrums stehen dann Zettelwirtschaft und Excel-Tabellen, die bei mir sofort Assoziationen von Dachbodenmuff und verrosteten Scharnieren wecken. Gibt es da nicht etwas dazwischen? Habt ihr Erfahrungen mit Redaktionsplänen und was nutzt ihr dafür? Es gibt im Weltweitnetz doch sonst für alles eine Nischenlösung, warum also nicht auch für kleine Ein-Schreiberling-Buchblogs? Immerhin will ich hier nicht die Content-Strategie für ein neues Start-up organisieren …

Womit wir bei den sozialen Medien angekommen wären. Bislang streue ich meine Beiträge lediglich über die automatische Abonnenten-E-Mail und Twitter. Ahja, und an meinen alten Tumblr, der aber mittlerweile praktisch stillgelegt ist. (Nutzt das noch jemand? Kennt der- oder diejenige zufällig mein Passwort?) Das Ergebnis ist mau bis übersichtlich, mehr als den einen oder anderen Besucher erreiche ich darüber nicht. Da sind sogar die gelegentlich bei reddit gestreuten Links wirkungsvoller. Hier möchte ich auf jeden Fall ansetzen.

Mein privater Twitteraccount ist eine eher unkoordinierte Sammlung aus misanthropischem Frustgemurmel und Kulturmanagement-Themen, zwischen denen der Bücheranteil zuweilen unterzugehen droht. Hier will ich die Zielgruppen etwas schärfer trennen und der Seite Zwei einen eigenen Kanal widmen, auf dem es dann vorrangig nur noch um Literatur, das Lesen und Kulturthemen gehen soll. Digitale Kulturpolitik und Zynismus dann wie gehabt an gewohnter Stelle. Seit ein paar Tagen ist bereits der neue Kanal unter @seitezwei erreichbar. Apropos Erreichbarkeit: Die Seite Zwei ist seit ein paar Tagen auch direkt über die etwas freundlichere Adresse paginasecunda.net zu finden.

Nun sag, wie hast du’s mit Facebook?

Damit zur Gretchenfrage, zum dunkelblauen Elefanten im Raum. Kommt man drumherum? Sicher. Verpasst man damit ein ohnehin vorhandenes Netzwerk? Ebenso wahrscheinlich. An diesem Punkt bin ich gespalten und ratlos. Soll eine ‚Fanpage‘ her? Muss die Seite Zwei zu Facebook? Was sind eure Erfahrungen mit dem Giganten? Lohnt es sich für ein kleines Blog? Erreicht man darüber tatsächlich so viel mehr Leser? Da ich selbst das Netzwerk nicht nutze – und auch nicht vorhabe, es in Zukunft privat zu nutzen – kann ich auch hier auf kein bestehendes Netzwerk aufbauen und müsste von Grund auf neu beginnen. Während das sicherlich machbar ist, bleibt die Frage: Lohnt sich das? Hier würden mich eure Erfahrungen interessieren – sowohl als Leser- wie als Bloggerinnen.

Zum Abschluss noch ein Versprechen: Die Seite Zwei wird, auch wenn mal wieder Durststrecken und Löcher im Redaktionsplan auftreten sollten, so bald nicht verschwinden. Ich habe da noch Ideen für neue Formate, die ich gerne ausprobieren würde. Unter anderem möchte ich die Büchertouren ausbauen und öfters einmal von draußen berichten. Vielleicht kann man ja auch den #Montagskaffee wiederbeleben. Gibt es denn etwas, was ihr vermisst?

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Gelb, gelb, gelb sind alle meine Bücher – Reclams Universalbibliothek wird 150

Wer kennt sie nicht, die kleinen, gelben Bändchen der Reclam Universalbibliothek? Handlich, schmucklos und bodenständig bieten sie heute vor allem Schülern und Studenten einen kostengünstigen Zugang zur aktuellen Pflichtlektüre aus dem neuen Schuljahr oder zum Goethe-Seminar. Und damit teilen alle eine Gemeinsamkeit mit der heute ältesten Taschenbuchreihe Deutschlands: angefangen hat es mit Goethes Faust.

Die Geschäftsidee, mit der die Verleger Anton Philipp Reclam und sein Sohn Hans Heinrich im Jahr 1867 die Verlagswelt revolutionieren sollten, war so simpel wie Erfolg versprechend: bekannte Texte der Weltliteratur durch einen kleinen Preis einem breiten Publikum zugänglich machen. Möglich wurde dies, weil im Jahr 1865 erneut das Urheberrecht im Deutschen Bund geändert wurde. Demnach erlosch zum 9. November 1967 das Schutzrecht auf Texte aller Autoren, die vor dem 9. November 1837 verstorben waren. Eine Goldgrube für die damalige Verlagslandschaft.

In Leipzig war man dem Wettbewerb jedoch buchstäblich voraus: Im Hause Reclam hatte man die Gelegenheit erkannt und geklotzt statt gekleckert. Ganze 50 Bände hatte man im Verlagshaus Reclam bereits verkaufsfertig vorrätig, als zum Stichtag 1867 die Schutzrechte ausliefen. Dabei zeigte sich Reclam auf der Höhe der Zeit. Gedruckt wurde mit modernsten Drucktechniken, Vertrieb und Marketing wurden professionell mit besonderen Konditionen und aktiver Werbung aufgezogen.

Ein Erfolg: Die mit 5.000 Bänden für damalige Verhältnisse recht hohe Erstauflage der Nummer 1 – Goethes Faust – war innerhalb von Wochen vergriffen.

Hinter dem Konzept stand jedoch nicht nur das marktwirtschaftliche Interesse. Vielmehr war die Idee hinter der Taschenbuchreihe eine egalitär-bildungspolitische Vision: Mit den kleinen, sehr erschwinglichen Büchlein sollten Leser in Gesellschaftsschichten erschlossen werden, denen der Zugang zu Literatur und Büchern bislang vor allem aus finanziellen Gründen verwehrt war. Reclams Universal- sollte stets auch eine Bildungsbibliothek sein und das kulturelle Gedächtnis spiegeln. Multa et Multum – „Vieles für Viele“ ist bis heute das Motto.

Faksimile der Universal-Bibliothek 1, Leipzig 1867, © Reclam

Schon 1908 umfasste der Katalog stolze 5.000 Titel. Bis heute wurden über 20.000 Werke verlegt, 3.500 Bücher und 500 E-Books sind derzeit im Verlagsprogramm. Eine stolze Menge, die man – heute in Stuttgart – natürlich auch um eine Sonderedition erweitert. Besonders angetan bin ich von der Jubiläumsausgabe des ersten Bandes, der als Faksimile der Urfassung von 1867 erhältlich ist. Sicher ein schönes Stück für meine Sammlung an Faust-Ausgaben.

Mein Erstkontakt war übrigens auch – natürlich – die Schule. Ich weiß nicht mehr, welcher Titel es war, aber ich erinnere mich gut daran, als fast Einziger in der Klasse eine Reclam-Ausgabe vor mir liegen gehabt zu haben, während das Gros der Empfehlung gefolgt war, ein Hamburger Leseheft zu kaufen. Vor mir lag also dieses etwas abgegriffene Büchlein aus der recht umfangreichen Sammlung meiner Eltern. Obwohl noch im eher drögen Gilbbraun (das knallige Gelb kam erst 1970) überzeugte mich die schnörkellose Aufmachung sofort. Mein Studium hat dann dazu beigetragen, dass ich heute eine ähnlich umfangreiche Sammlung der kleinen gelben (aber auch orangenen, grünen und roten) Büchlein habe; viele davon voller Anmerkungen, Eselsohren, Kritzeleien, und dadurch ganz eigenem Charme.

Und ihr? Könnt ihr euch an euer erstes Reclam-Büchlein erinnern? Dass ihr eines habt, steht außer Frage. Es gibt wohl niemanden in diesem Land, der im Laufe seines Lebens nicht mindestens ein Büchlein der Universalbibliothek in den Händen hatte. Die meisten sicher sogar freiwillig.


Zum letzten Mal per Anhalter durch die Galaxis: Douglas Adams‘ „Lachs im Zweifel“

„Meine Lieblingsgeschichte ist, daß Branwell Brontë, der Bruder von Emily und Charlotte, an einem Kaminsims lehnend stehend gestorben ist, um zu beweisen, daß so was machbar ist.

Das stimmt natürlich nicht ganz. Meine absolute Lieblingsgeschichte handelt davon, daß junge Faultiere so ungeschickt sind, daß sie statt nach Ästen oft nach ihren eigenen Armen und Beinen greifen und dann vom Baum fallen. Dies hat jedoch nichts mit dem zu tun, was mich gerade beschäftigt, weil es mit Faultieren zu tun hat, wohingegen die Geschichte über Branwell Brontë sich um Schriftsteller dreht und darum, daß man sich wie eine Leiche auf Urlaub fühlt und irgend etwas tut, nur um zu beweisen, daß es machbar ist.“ (S. 144)

Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist die, in der ein gewisser Douglas Noël Adams erzählt, wie er einmal versuchte, das Tauchen mit einem Mini-U-Boot und Mantarochen zu vergleichen. Dabei beschreibt er ganz nebenbei dieses ganz besondere Lächeln der Australier, das man Down Under ausschließlich für Engländer reserviert hat, weil nur die es fertig bringen,  ihre Verbrecher als Höchststrafe aus dem nebelig-grauen England nach Australien zu verbannen – wo sie vielleicht auch ein bisschen surfen können.

Lachs im Zweifel erschien bereits im Jahr 2003 und vereint diese Geschichten unter einem Buchdeckel. Peter Guzzardi, langjähriger Freund von Douglas Adams, hat nach dessen tragischem und viel zu frühen Tod Adams‘ literarischen Nachlass gesichtet und diesen Sammelband herausgegeben, wohl auch als posthume Ehrung des großartigen Erfinders von Per Anhalter durch die Galaxis.

Doch Douglas Adams war mehr als das. Lachs im Zweifel schafft es, uns auch den technikbegeisterten Mac-Nutzer Adams vorzustellen, der den kleinen „Bammeldingern“, jenen unzähligen Adaptern und Kabeln, den Kampf ansagt; den Atheisten Adams, der von seiner trotzdem bestehenden Faszination für Religion spricht, und den Tierschützer Adams, der von Wanderungen im Nashornkostüm zum Kilimandscharo oder eben Tauchfahrten im Great-Barrier-Reef berichtet.

„In Wirklichkeit weiß ich nicht, woher meine Ideen kommen, oder auch nur, wo ich nach ihnen suchen sollte. Kein Schriftsteller weiß das. Das stimmt allerdings nicht ganz. Wer ein Buch über die Paarungsgewohnheiten von Schweinen schriebe, würde schon ein paar ganz gute Ideen aufschnappen, wenn er in einem Plastikregenmantel auf einem Bauernhof rumhängt, aber wenn man Romane schreiben will, dann besteht die einzige Lösung darin, Unmengen Kaffee in sich reinzuschütten und sich einen Schreibtisch zu kaufen, der nicht gleich zusammenbricht, wenn man verzweifelt den Kopf dagegen donnert.“ (S. 75)

Zusammengefasst sind Interviews, Redeauszüge und Essays des Engländers sowie die Anhalter-Kurzgeschichte Jung-Zaphod geht auf Nummer Sicher. Doch von literarisch größerem Interesse sind wohl die ersten elf Kapitel seines letzten, leider unvollendet gebliebenen Romans rund um den skurril-schrägen Privatdetektiv Dirk Gently. Der Roman blieb Fragment, nachdem Adams den Elan verlor und viele der Ideen doch lieber in einem neuen Anhalter-Roman verwenden wollte.

Dazu ist es jedoch nie gekommen. Douglas Adams verstarb am 11. Mai 2001 in Santa Barbara, Kalifornien.

Douglas Adams: Lachs im Zweifel. Zum letzten Mal per Anhalter durch die Galaxis.
Hg. von Peter Guzzardi. Aus dem Englischen von Benjamin Schwarz.
Hamburg: Heyne 2003
320 Seiten, Hardcover
8,95 €


Du hast, Siegfried, scheint mir, etwas zu erzählen: Siegfried Lenz‘ „So zärtlich war Suleyken“

„Der Alarm“, sagte mein Großvater, „ist gekommen zur unrechten Zeit. Könnte man ihn nicht, bitte schön, nach dem Frühstück geben?“
„Es handelt sich“, schrie Trunz, „um einen Alarm auf Schmuggler. Sie sind gesichtet worden an der Grenze. Zu dieser Zeit, nicht nach dem Frühstück.“
„Dann muß ich“, sagte Hamilkar Schaß, „auf den Alarm verzichten.“ (S. 16)

Masuren liege, so stellt Siegfried Lenz in seinen „diskreten Anmerkungen“ am Schluss des Erzählbandes So zärtlich war Suleyken fest, gewissermaßen „im Rücken der Geschichte“ und habe daher bislang praktisch keine größeren Persönlichkeiten von Weltrang hervorgebracht. Dies sieht die dann doch überraschend umfangreiche Liste masurischer Persönlichkeiten auf Wikipedia offenbar anders. Da Lenz selbst in jener Liste vertreten ist, offenbart sich an dieser Stelle gleich ein erster der von Lenz augenzwinkernd und mit großer Herzlichkeit porträtierten masurischen Charakterzüge: hintergründige Bescheidenheit.

So zärtlich war Suleyken erschien 1955 als erster Erzählband des masurischstämmigen Autors und soll eine „zwinkernde Liebeserklärung“ sein an die Region, ihre Menschen und Eigenheiten. In 20 kurzen Erzählungen stellt Lenz das Personal eines kleinen, trotz Namensgleichheit fiktiven Örtchens vor, das repräsentativ jenes „unscheinbare Gold der menschlichen Gesellschaft“ repräsentiere, das dem Autor zufolge die masurische Bevölkerung ausmacht.

Und so zeigt sich Suleyken in den Erzählungen als liebenswerte, verschrobene, zuweilen ins karikaturenhaft Absurde gesteigerte Örtlichkeit. Deren Bewohner trotzen mit einer tief verwurzelten Bauernschläue und bodenständigem Realismus Einflüsterungen, Aberglaube und gewissermaßen allen Annäherungsversuchen von außerhalb. So ist für sie der Zirkus durchaus ein Ereignis, bei dem man sich mit den Nachbarn und Verwandten austauschen, vielleicht ein paar Salzgürkchen naschen und etwas flanieren kann; so recht verstehen, weshalb man in der Manege mit Messern auf die doch ausnehmend höfliche Zirkusbesitzerin werfen sollte, kann man indes nicht.

Der Erzähler, der immer wieder seine teils komplizierten Verwandtschaftsbeziehungen zum Figurenrepertoire beteuert, tritt zwar selbst nie als handelnde Figur auf, ist aber über die Vorgänge in der Stadtgeschichte bestens informiert. Da ihm Lenz Spuren des masurischen Dialekts in den Mund legt und immer wieder durch Zwischenfragen oder Einschübe Mündlichkeit fingiert, wirken die Erzählungen wie fundierte Tatsachenberichte. Das wiederum macht den Charme der Erzählungen aus, dass sie eben nicht von einem Außenstehenden dargeboten werden, der sich vielleicht über die manchmal gar zu schrulligen Bewohner amüsieren könnte. Lenz‘ Figuren sind weder Dorftrottel noch Einfaltspinsel, sie sind fest in ihrem bodenständigen Leben verankert, herzlich und höflich, für jeglichen Firlefanz aber vollständig unzugänglich.

Auf die Frage beispielsweise, ob denn die Prophezeiung der örtlichen Wahrsagerin für den Kneipenwirt Ludwig Karnickel auch in Erfüllung gegangen sei, antwortet dieser mit hintergründiger Schläue: „Es ist, Stanislaw Griegull, alles gekommen wie prophezeit. Nur manchmal, Gevatterchen, hat es gekostet ein wenig Mühe, alles richtig zu machen.“ (S. 110) Lenz nennt diese Eigenheit „unterschwellige Intelligenz“, die mit „landläufigen Maßstäben“ nicht greifbar, nicht näher zu definieren und doch „auf erhabene Weise unbegreiflich“ sei.

So zärtlich war Suleyken ist eine launige, tiefgründige und zutiefst charmante Liebeserklärung an eine heute fast in Vergessenheit geratene Region. Schelmengeschichte und Posse, Gruselepisode und tapsig-dörfliches Liebesidyll wechseln sich, mit ebenfalls wechselndem und sich überschneidendem Figurenrepertoire ab. Es sind fiktive Erinnerungen an ein fiktives Örtchen – und doch machen Lenz‘ Erzählungen ein Stück Geschichte lebendig und ermöglichen einen kleinen, verschmitzten Blick in die Vergangenheit der Masuren.

Siegfried Lenz: So zärtlich war Suleyken
Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch 2013
128 Seiten, Taschenbuch
6,95€

Zitiert wurde nach der Ausgabe von 1983.


Nordseemorde: Tilman Spreckelsens „Das Nordseegrab“ und „Der Nordseeschwur“

Bevor wir zur Sache selbst kommen, eine Erkenntnis: Einen Nordseekrimi in eine Ferienwohnung an der Nordsee mitzunehmen, ist praktisch Eulen nach Athen tragen für Anfänger. Interessanterweise fand ich in unserem wirklich reizenden Domizil einen weiteren Storm-Krimi vor, was mir nicht nur verlängerte Lesefreude bescherte, sondern auch die Erkenntnis, dass ich mir mit dem Nordseeschwur Band drei einer Reihe organisiert und als Urlaubslektüre vorgenommen hatte.

Nun, glücklicherweise war mit dem Nordseegrab Band eins vorrätig, also konnte ich von vorne beginnen. Leider fehlt jetzt das Interim Der Nordseespuk, für das Verständnis von Band drei hatte das lobenswerterweise aber keine negativen Auswirkungen. Also, zur Sache.

„Der arme Lüdersen wird ermordet, praktisch vor meinen Augen, und vom Mörder fehlt jede Spur. Auf dem Pfingstmarkt wird ein Lichtbild mit acht Porträts ehrenwerter Bürger gezeigt, und der Besitzer der Bude schwört Stein und Bein, dass er es noch nie gesehen hat und nicht weiß, wie es in seinen Schaukasten kommt. Mein Klient ist immer noch in Haft und lügt mich an oder schweigt beleidigt. Und mein Schreiber wird am helllichten Tag grün und blau geprügelt – pardon, ich meine, er ist bös gestürzt. Immerhin singt Husums Jugend in meinem Chor, eher eifrig als talentiert, aber was will man machen. Und in acht Wochen treten wir zum ersten Mal auf, Söt. Ich wünschte, es wären acht Monate.“ (Das Nordseegrab, S. 113f.)

Husum im Jahr 1843. Der junge Anwalt Theodor Storm bekommt von seinem Vater, dem ehrenwerten Advokat und Koogschreiber Johann Casimir Storm, einen persönlichen Schreiber engagiert, damit Junior in seiner eigenen Kanzlei – selbstredend auf eigene Kosten – erst einmal eigene Erfahrungen sammeln möge, bevor er in die väterliche Kanzlei einsteigen und gegebenenfalls dereinst die väterliche Nachfolge antreten könne.

Bereits wenig später wird auf dem stormschen Dachboden ein Bottich mit Blut und einer Leiche gefunden, die sich als Wachspuppe von Storm Senior herausstellt. Eine Warnung? Immerhin hat der Täter, einem Menetekel gleich, eine in Blut geschriebene Liste mit Namen Husumer Kaufleute hinterlassen. Als einer der Herren wenig später bei einer Landpartie im Wald erschlagen wird, werden Storm und sein Schreiber Peter Söt aufmerksam und finden erste Spuren einer finsteren Verschwörung, in die ein ganzes Dorf verwickelt zu sein scheint.

Storms Schreiber Söt ist es, durch dessen Augen der Leser die Geschichte erlebt. Er ist zugleich Erzählinstanz und eigentlicher Protagonist des Romans. Insbesondere im ersten Band ist es Söts eigene zwielichtig-mysteriöse Vergangenheit, die einen nicht unwichtigen Part zur Handlung beizutragen scheint. Spielt Söt gar ein doppeltes Spiel mit Storm? Söts ungleich berühmterer Arbeitgeber gerät dabei eher zwischen die Fronten, als wirklich Handlungsträger zu sein. Storm ist weder klassischer Ermittler noch Detektiv aus Eigenantrieb, auch wenn seine Kanzlei scheinbar ganz ohne Zutun zum Dreh- und Angelpunkt der Kriminalgeschichte wird. Der Inhaber arbeitet viel engagierter daran, das kulturelle Leben des verschlafenen Husums zu beleben, schreibt an eigenen Gedichten und einer Sagensammlung der Region (ist aber heimlich frustriert, weil seine Freunde erfolgreicher publizieren) und übt den Anwaltsberuf eigentlich nur seines Vaters wegen aus, der wollte, dass der Sohnemann „etwas ordentliches“ studiert. Man kennt das. Lebte Storm im Jahr 2017, er würde ziemlich sicher twittern.

Während der Fall im Nordseegrab sehr persönlich ist, wird es im Nordseeschwur politisch. Ein Jahr nach der Handlung von Band eins beteiligt sich Storm daran, ein Volksfest in einem der umliegenden Dörfer zu organisieren, wo rasch auch politische Reden und Lieder angestimmt werden. Revolutionsgeruch scheint sich unter die Seeluft zu mischen. Noch vor Beginn des Festes wird ein mysteriöser Besucher Storms brutal ermordet und auch auf dem Festgelände ereignen sich bald brutale Übergriffe. Stehen die Ermordeten in Verbindung? Was haben Metternichs Geheimpolizei und der glücklose Revolutionär Harro Harring damit zu tun? Bewahrheiten sich gar die anonymen Warnungen vor einem „Blutbad“ beim Volksfest der Friesen?

Söt und Storm ergänzen sich gut, auch wenn Storm trotz der sich in der Kleinstadt ansammelnden Todesfälle vordergründig etwas unbeteiligt scheint. Söt hingegen durchblickt das Ausmaß des Falls etwas schneller, scheint aber seinerseits dunkle Gestalten anzuziehen und ist oft widerwillig mittendrin, statt nur dabei. Das wirkt stellenweise etwas konstruiert, ohne aber direkt unglaubwürdig zu sein. Immerhin ist Husum klein und das düstere Netzwerk, aus dem sich Söt erst nach und nach zu befreien beginnt, offenbar allgegenwärtig. Von dieser Vergangenheit sagt sich Söt zum Ende des ersten Bandes allerdings los, ohne aber in der Folge von „mörderischen“ Zwischenfällen verschont zu bleiben. Nach all den Verwicklungen und Todesfällen sollte sich Söt nach Band drei zumindest einmal fragen, ob er nicht das Unheil irgendwie anzuziehen scheint.

Insgesamt sind beide Romane unterhaltsam und launig erzählt, auch wenn die Motivationen der Figuren an manchen Stellen etwas im Unklaren bleiben. Gerade Storm hätte – obwohl er die Titelfigur ist – etwas mehr Aufmerksamkeit durchaus verdient. Historisch sind die Romane präzise, stimmig und aufwändig recherchiert; der studierte Germanist, Historiker und FAZ-Redakteur Spreckelsen lässt hier nichts anbrennen. Sprachlich und handwerklich sind seine Storm-Krimis absolut wasserdicht. Tilman Spreckelsen gelingt ein lebendiges, atmosphärisch dicht gezeichnetes „Was-wäre-wenn“-Bild über den jungen, noch unbekannten Theodor Storm, das sich nicht zuletzt durch sein ungewöhnliches und kauziges Protagonistenduo und die gerade richtige Prise Schimmelreiter-Mystik positiv von gängigen Regionalkrimi-Topoi abhebt.

Tilman Spreckelsen: Das Nordseegrab
Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch 2015
272 Seiten, Taschenbuch
9,99€

Tilman Spreckelsen: Der Nordseeschwur
Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch 2017
240 Seiten, Taschenbuch
9,99€


Insellektüre

Wie schon im vergangenen Jahr verabschiedet sich die Seite Zwei für einige Tage in den Jahresurlaub. Dieses Mal soll eine der Nordseeinseln angefahren werden und alle Beteiligten hoffen auf ein wenig Wettergnade.

Schlechtes Wetter ist aber an sich keine Ausrede, lesen kann man schließlich auch bei Sturm und Regen, dank beleuchtetem Tolino sogar bei Stromausfall. Der Vorteil der Digitalisierung lässt sich in diesem Jahr auch gleich erkennen: Der Stapel mitzutragender Bücher ist erheblich kleiner geworden.

Auf dem Plan stehen auf jeden Fall:

  • Tilman Spreckelsen: Der Nordseeschwur: Ein gewisser Rechtsanwalt Theodor Storm mischt sich unter die Gäste des Husumer Sängerfests 1844, in dem sich die vorrevolutionären Stimmen bereits laut Bahn brechen. Dann plötzlich: ein Mord! Da es mittlerweile zu jeder Region einen Regionalkrimi gibt, warum auch nicht von der Nordsee? Der Nordseeschwur kam dem Urlaubsort nahe und scheint durch den historischen Kontext zumindest etwas vom 08/15-Schema abzuweichen.
  • Warren Ellis: Transmetropolitan 10: Der letzte Band der Transmetropolitan-Reihe. SciFi-Punk erster Güte. Ein Meilenstein der Comic-Geschichte, der mit Band 10 zu seinem fulminanten Ende kommt. Journalist Spider Jerusalems Kampf gegen den wahnsinnigen US-Präsidenten geht in die letzte Runde. Mit welch zynischer Präzision Ellis schon zur Jahrtausendwende heutige Zustände in der Welt und in den USA vorhergesagt hat, ist immer wieder beeindruckend. Und erschreckend.
  • Dan Abnett: Legion (e-Book): Ein Urlaub ohne Warhammer-40k-Bolterroman? Undenkbar! Legion von Altmeister Abnett befasst sich mit der mysteriösen Alpha Legion und ist der 7. Band der Horus Heresy-Reihe.
  • Der Tolino: Darauf ist eine illustre Sammlung an Klassikern, mit denen ich mich sicher auch befassen werde. Stanislaw Lem und Umberto Eco reizen mich dabei mal wieder besonders.

Büchertour #1 – „Die NS-Zeit im Comic“ in der Gedenkstätte KZ Osthofen

„Wer nicht eine Vergangenheit zu verantworten und eine Zukunft zu gestalten gesonnen ist, der ist vergeßlich.“ (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW, Bd. 8, S. 310f.)

Der Nationalsozialismus, seine Verbrechen und seine Akteure sind fast von Beginn an auch in der Welt des Comics thematisiert und verarbeitet worden. Große Figuren des amerikanischen Superheldencomics wie Captain America oder Hellboy sind ohne ihren Bezug zu den Nazis als Antagonisten und Schöpfer kaum denkbar. Auch für andere Comicfiguren waren Nazideutschland und seine Schergen bis 1945 und darüber hinaus dankbare Gegenspieler; vor allem im Interesse der US-Propaganda, die sogar Publikumsliebling Donald Duck für ihre Zwecke einspannte.

Da die Comicautoren nicht davor zurückschreckten, nach Kriegsende die ganze Perversion des Holocausts darzustellen, wurden entsprechende Comics rasch dem Horrorgenre zugeordnet und so einer breiteren Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit entzogen, wie Ralf Palandt von der Gesellschaft für Comicforschung am vergangenen Donnerstag anlässlich der Eröffnung der Sonderausstellung Die NS-Zeit im Comic in der Gedenkstätte KZ Osthofen berichtete.

Gedenkstätte KZ Osthofen

Diese Klassifizierung sorgte dafür, dass Comics mit Bezug zum Nationalsozialismus wie das gesamte Genre in den 50er-Jahren dem in den USA beginnenden Kulturkampf gegen Comics zum Opfer fielen. Mit der üblichen Verzögerung führten Proteste von Eltern, Politikern und Pädagogen auch in der Bundesrepublik zu einer öffentlichkeitswirksamen Diffamierung, in deren Folge nach Gründung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften erstmals 1954 Comics als „Ergebnis einer entarteten Phantasie“ indiziert und bis in die 60er-Jahre hinein als Teil „unterwertiger Literatur“ sogar öffentlich verbrannt wurden.

Vermutlich liegt auch darin das Schattendasein begründet, das Comic und Graphic Novel in Deutschland noch immer führen. Bis zum Ende der 90er-Jahre verhielten sich Comicverlage in Deutschland (mit wenigen Ausnahmen) äußerst zurückhaltend und entfernten Hakenkreuze und Verweise auf Nazideutschland. Noch 1995 wurden im thüringischen Sonneberg beim Alpha-Comic Verlag Bestände angeblich „nationalsozialistischen Inhalts“ von der Polizei beschlagnahmt. Stein des haltlosen Anstoßes: ein Poster zu Art Spiegelmans Comic Maus – Die Geschichte eines Überlebenden.

Spiegelmans autobiographisch beeinflusster Comic über den Holocaust wurde 1992 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und gilt bis heute als einer der einflussreichsten und ambitioniertesten Comics zu Holocaust und Nationalsozialismus, der trotz großer Kontroverse weltweit zu einer intensiven und ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema führte. Die Osthofener Ausstellung zeigt unter anderem einen von arte produzierten Dokumentarfilm über Spiegelman und sein Werk.

Reinhard Kleist: „Der Boxer“ / © Jannik Reinecke / Die Knipser

Den Hauptteil der Ausstellung nehmen jedoch Zeichnungen und Drucke dreier deutscher Comicbände ein, die sich mit ihrem biographischen Ansatz deutlich vom naziprügelnden Superheldenheft unterscheiden. Reinhard Kleist beschreibt in seinem 2012 erschienenen Comic Der Boxer das Leben von Hertzko Haft, der in Auschwitz für die SS boxen musste. In dunklen, schweren Strichen zeigt Kleist den Alltag Hafts, beim Arbeitseinsatz, in Auschwitz und als Schaukämpfer bei den brutalen, von der SS zur eigenen Belustigung organisierten Kämpfen. Kleists Zeichnungen, das zeigt der direkte Vergleich mit den jeweils parallel gezeigten Druckseiten, funktionieren auch ohne den noch fehlenden Text. Seine eindrucksvollen Illustrationen schildern den körperlichen und psychischen Verfall der Häftlinge,  ihre Verbitterung angesichts der alltäglichen Grausamkeiten – aber auch Hafts eisernen Überlebenswillen.

Moritz Stetter: „Bonhoeffer“ / © Jannik Reinecke / Die Knipser

Im Gegensatz zu den schroffer wirkenden Zeichnungen Kleists schildert Moritz Stetter das Leben Dietrich Bonhoeffers (Bonhoeffer, 2010) weicher, abstrakter und weniger naturalistisch. Trotz des verspielteren Stils bleibt Stetters Biographie des 1945 in den letzten Kriegstagen hingerichteten Widerständlers und Pfarrers Bonhoeffer ernsthaft, nachdenklich und persönlich. Dass auch Bonhoeffer schwarzweiß gezeichnet ist (eine Vorgabe des Verlags), unterstreicht die Düsternis mancher Szenen, gerade während der Haft; auch wenn Bonhoeffer bis zuletzt weder Hoffnung noch Glaube aufgegeben hat. Farbig ist lediglich ein in der Ausstellung gezeigtes alternatives Cover, das Stetter noch „um einiges ausdrucksstärker und eindrücklicher“ findet, wie er gegenüber den Kuratorinnen Ramona Dehoff und Martina Ruppert-Kelly betonte.

Barbara Yelin: „Irmina“ / © Jannik Reinecke / Die Knipser

Den größten Raum nimmt Irmina, der jüngste und mit insgesamt knapp 300 Seiten umfangreichste Band der Ausstellung ein. In ihrem 2014 erschienenen Comic schildert Barbara Yelin das Leben der jungen Fremdsprachensekretärin Irmina von Behdinger, die nach ihrer Ausbildung in London nach Deutschland zurückkehrt und sich dort auf der Suche nach Erfolg und Anerkennung immer mehr dem neuen System der Nationalsozialisten anpasst. Irminas Geschichte wird zu einer Parabel für die Entscheidung vieler Deutscher zwischen persönlicher Integrität, Wegsehen und eigener Vorteilsnahme im „Dritten Reich“. Als einzige der drei Autoren verwendet Yelin Farbe, bleibt aber bis auf wenige Ausnahmen zurückhaltend kühl. Grau-, Braun- und Blautöne dominieren ihre ausdrucksstarken, detailreichen und doch dynamisch-skizzenhaft erscheinenden Bilder, aus denen das Rot der Hakenkreuzfahnen wie eine blutende Wunde hervorsticht. Da Yelins Originale keinen gesetzten Text, wohl aber bereits Freiräume für Sprechblasen aufweisen, wirken sie wie unabsichtliche Verbildlichungen der im NS-Deutschland oft herrschenden Sprachlosigkeit.

Insgesamt harmoniert die zurückhaltende Präsentation der Grafiken sehr gut mit dem kargen Ambiente der Gedenkstätte und gibt den einzelnen Werken viel Raum, ihre eigene Wirkung zu entfalten. Weiterführende Informationen zum Themenfeld „NS im Comic“ bietet die Ausstellung indes leider nicht. Hierfür gibt es zwar ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen und Workshops, zumindest eine anfängliche Zusammenfassung, wie sie von Ralf Palandt im Rahmen der Vernissage erarbeitet wurde, wäre aber wünschenswert gewesen. Interessierte Leser finden jedoch eine sehr umfangreiche und eindrucksvolle Leseecke, in der rund 80 weitere Comics zum Thema bereitliegen.

Die äußerst sehenswerte Ausstellung Die NS-Zeit im Comic ist noch bis zum 10. Dezember bei freiem Eintritt in der Gedenkstätte KZ Osthofen zu sehen. Verantwortlich ist der Förderverein Projekt Osthofen in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz und der Stadt Worms.

Die gezeigten Comics:

Reinhard Kleist: Der Boxer. Die Überlebensgeschichte des Hertzko Haft.
Hamburg: Carlsen 2012
200 Seiten, gebunden
16,90€

Moritz Stetter: Bonhoeffer
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010
112 Seiten, eBook
11,99€

Barbara Yelin: Irmina
Berlin: Reprodukt 2014
288 Seiten, gebunden
39,00€