Haiku. Sieben.

05-10-15

„Erhaben“, vom 5. Okt. 2015

Bereits im Oktober vergangenen Jahres überraschte das bislang auf dem Feld der Lyrik völlig unbekannte Autorenkollektiv „bEeMwE“ auf den Titelseiten der FAZ mit einer feinen Anthologie streng komponierter Haiku, die allerdings im deutschlandweiten Feuilleton weitestgehend unbeachtet blieb. Kleine Meisterstücke wie Offenbarung, Höhenflug oder Erhaben entzogen sich dem Blick der Kritiker, vielleicht auch und gerade durch ihre subtile Positionierung an ungewöhnlicher Stelle links neben dem Titel der Zeitung. „Hidden in Plain Sight“ wurde so praktisch zum subtil-inoffiziellen Untertitel der ersten, titellos gebliebenen Anthologie.

"Offenbarung", vom 15. Okt. 2015

„Offenbarung“, vom 15. Okt. 2015

Nun, etwa ein Jahr später, legt das Kollektiv einen weiteren Zyklus nach, der an gewohnter Stelle auf dem Titel der FAZ erscheint und gleichsam einer zweiten „Frankfurter Anthologie“ an den Erfolg des Vorgängers anzuknüpfen versucht. Wieder präsentieren die weiterhin unbekannten Autoren der Gemeinschaft Kurzlyrik im japanischen Haiku-Stil, stets in Verbindung mit polychromen Aquarellminiaturen.

Thematisch folgt die zweite Anthologie mit Titeln wie Verantwortung, Regeneration oder Vereinte Kraft aktuellen Trends. Motive und Topoi wie die Suche nach regenerativen Energien, der Klimawandel und die spannungsvolle Dichotomie zwischen technologisiert-moderner Urbanität und ökologisch-anachronistischem Landleben werden deutlich.

"Lautlos", vom 20. Sept. 2016

„Lautlos“, vom 20. Sept. 2016

Trotz der auf den ersten Blick unverkennbaren Gemeinsamkeiten kann diese zweite Ausgabe formell und qualitativ jedoch nicht mit dem Erstling mithalten. Stellenweise scheint den Autoren die vor einem Jahr noch vorhandene Leichtigkeit abhandengekommen zu sein, mit der etwa in Erleuchtung und den Versen „Der Strahl wie Sonnenlicht / Die Dunkelheit flieht“ große, gar existenzialistische Themen mit wenigen Worten umrissen und in hochkonzentrierte poetische Form gegossen wurden.

Formell brechen die neuen Stücke eher evolutionär als revolutionär mit der konventionellen 5-7-5-Form klassischer Haiku. Zugleich jedoch verlieren die neuen Gedichte an sprachlicher und inhaltlicher Qualität und Spannkraft. Die progressive Silbenstruktur in Verantwortung wird so konterkariert von den fast schon pathetisch anmutenden Versen „Das Beste aus zwei Welten, / weil wir nur eine haben.“

Die bislang erschienenen Haiku wirken farblos, flach und uninspiriert, ihre Sprache kann mit der Leichtigkeit des vergangenen Jahres nicht mithalten. Die bis heute erschienenen fünf Gedichte, wobei die Dopplung von Verantwortung jeweils am Freitag eine formelle Klammer zu bilden und die Signifikanz des Gesamtmotivs zu unterstreichen scheint, können insgesamt nur enttäuschen und lassen Haiku-Liebhaber in der Hoffnung auf Besserung bei einer möglichen nächsten Ausgabe zurück.

 

Anmerkung: Natürlich handelt es sich bei den Gedichten um eine clevere Marketing-Aktion, mit der die BMW Group im Oktober 2015 die Vorzüge des damals neu erschienenen BMW 7ers in poetischer Nonchalance präsentierte. Jetzt kommt der 7er in der Hybridversion iPerformance auf den Markt und in München versucht man anzuknüpfen. Leider verfehlt die Kampagne dieses Mal ihre Wirkung, was nicht ganz ohne Ironie bleibt: Der Hybrid-7er soll leicht und entspannt wirken, die Gedichte indes wirken etwas verkrampft und platt.


Montagskaffee #31

Guten Tag.

Heute geht es mal um Statistiken. Big Data ist ja das neue Ding und auch in der Verlags- und Buchbranche sucht man akribisch nach Möglichkeiten, aus Papier Daten zu gewinnen. Was mit kollektiven Anmerkungen im Kindle begann (gibt es die eigentlich noch?), mündet mittlerweile in Diensten wie Jellybooks, die kostenfreie E-Books anbieten und dafür fleißig wie die Eichhörnchen Nutzerdaten sammeln und an die Verlage weitergeben. Nun haben sich Jodie Archer und Matthew L. Jockers an das große Geheimnis der Buchbranche gewagt und einen Algorithmus entwickelt, der helfen soll, potenzielle Bestseller zu entdecken. Aus den Bestsellern der vergangenen 30 Jahre haben Archer und Jockers 2.799 Eigenschaften herausgesucht, die bei Bestsellern gehäuft auftreten. Starke weibliche Protagonisten, wenig Sex, eher Hunde als Katzen und so weiter. Sofort wird natürlich beteuert, damit nicht den Lektor abschaffen, sondern ihm nur ein neues Handwerkszeug zur Seite zu geben. Der Kulturpessimist in mir wittert aber eine neue Gleichförmigkeit der ganz „großen“ Erfolgsromane. Heitere Ironie: Des Algorithmus liebster Roman ist Dave Eggers‘ The Circle.

Keinen Algorithmus, aber gute alte Statistik hat Miriam von schiefgelesen bemüht, um die Cover deutscher Romane im internationalen Vergleich zu betrachten. Herausgekommen ist eine illustre Sammlung mit teilweise überraschenden Varianten. Geht man davon aus, dass das Cover eines Buches bereits einen ersten Eindruck seines Inhalts geben kann, könnte man bei manchem Beispiel völlig unterschiedliche Romane erwarten. Spannend fände ich auch mal einen ausführlichen Vergleich der Titel-Übersetzungen, da leisten sich deutsche Verlage bei Übersetzungen ja gelegentlich den einen oder anderen Griff ins Klo. Ich jedenfalls versuche, mich nicht allzu sehr vom Cover eines Romans beeinflussen zu lassen, oft herrscht da ja ein beeindruckender Konformismus immer gleicher Motive (einsame Bank am See, abwesend schauende Dame im historischen Kostüm, merkwürdig verlassen wirkende Stühle, Vogelschwärme …). Interessant daher der Ansatz einiger Buchhandlungen zu „Blind Dates“, etwa bei Elizabeth’s Bookshop im australischen Newtown, wo ausgewählte Bücher in Packpapier gepackt und von den Mitarbeitern nur mit einigen Schlagworten versehen verkauft werden. Überraschung!

Zeit zu Lesen gibt es ja jetzt genug, denn ganz grundsätzlich soll der Sommer ja jetzt vorbei sein, wenn man glauben mag, was man sich so auf der Straße erzählt. Den Bücherfreund freut es, was braucht es schon mehr als Bücher und  Kaffee … ganz ohne große Daten.

montagskaffee_31


Strandlektüre

Die Seite Zwei ist in den Sommerurlaub gefahren und hat in ihren Koffer gepackt … Sonnencréme, Stranddecke und natürlich: einen Stapel Bücher, der das Gepäck ganz wunderbar bereichert und beschwert. 

Mit auf die Reise gegangen sind: 

  • Zsuzsa Bánk – Die hellen Tage: Ein berührender Roman, der mit leisen Tönen gegen die Widrigkeiten des Lebens anschreibt und die berührende Geschichte dreier Freunde erzählt, die durch ihre Freundschaft auch ihre Mütter aus dunklen zurück in die hellen Tage führen. Voll melancholischer Heiterkeit.
  • Douglas Adams – Der elektrische Mönch: Wohl weniger bekannt als Per Anhalter durch die Galaxis, aber nicht minder unterhaltsam. Eine verrückte Mischung aus Detektiv- und Science-Fiction-Roman , die mit gewohnt herrlich absurder Komik glänzt. Die Anfangsszene in Camebridge erinnert mit den schrulligen Professoren an die unsichtbare Universität von Terry Pratchett.
  • Dan Abnett – Eisenhorn: Einer der besten, weil tatsächlich tiefgründigsten Warhammer-40.000-Romane. Abnett glänzt in der Trilogie um Inquisitor Gregor Eisenhorn mit glaubwürdigen Charakteren jenseits der üblichen Abziehbilderfiguren der gängigen Bolter-Geschichten und beschreibt den oft vernachlässigten zivilen Teil der düsteren WH40k-Zukunft.
  • Thomas Ligotti – Songs of a Dead Dreamer and Grimscribe: Doppelband mit den meisterhaft schaurigen Erzählungen Ligottis. Perfekt für die Abende auf der Terrasse bei Kerzenlicht und mit bestem Dank an den Büchergutschein von Marion.
  • Ernest Hemingway – Männer ohne Frauen: 14 Erzählungen des Altmeisters mit typischen „Männergeschichten“. Riecht nach Bier, Grill und Lagerfeuer. Heiteres Gegenmittel gegen zu viele Sonnenuntergänge und #hach-Momente.


Personalwechsel bei Neon

Es rumpelt auf dem Baumwall. Nach gerade einmal 15 Monaten hat Nicole Zepter die Chefredaktion von Neon und Nido wieder abgegeben, um sich – wie es heißt – wieder „ihren eigenen Projekten“ zu widmen. Nachfolgerin wird Ruth Fend, bislang Redaktionsleiterin bei Business Punk.

Wenn man glauben darf, was die Spatzen von den Dächern pfeifen, dann stand es schon länger nicht besonders gut um Zepter. Vielmehr habe ihr Weggang ein Personalproblem von Gruner + Jahr gelöst, habe doch intern kaum noch jemand die Berufung Zepters durch G+J-Produktchef Stefan Schäfer als personalpolitischen Rückgriff empfunden.

Man scheint also zufrieden in Hamburg. Schuldige und Nachfolgerin sind bestimmt, das Produkt ist zwar angeschlagen aber noch nicht verloren und nun wird alles besser, effizienter, kontrollierter. Ist dem so? Macht es sich der Verlag da nicht etwas zu einfach? Die anhaltende Absatzschwäche von Neon trat mitnichten erst nach dem Amtsantritt von Nicole Zepter ein. Schon vorher verlor das Lebensgefühl-Magazin der Nuller-Generation kontinuierlich Leserschaft und Käufer. Das nun allein der Unerfahrenheit und Überforderung von Zepter zuzuschreiben wäre doch etwas zu simpel.

G+J-Publisherin Wibke Dauletiar sprach dann auch von einer „schwierigen Marktsituation“, in der sich die grundsätzlich „etablierte und starke Marke“ Neon befinde. Derartige Binsenweisheiten sind aber weder aussagekräftig noch hilfreich und in der Verlagswelt dieser Tage eher Regel als Ausnahme. Zumal Zepter nicht die erste Chefredakteurin ist, die bei Neon durchgereicht wird: Die Gründer Timm Klotzek und Michael Ebert wechselten zum SZ Magazin, deren Nachfolger Vera Schröder und Patrick Bauer wehrten sich gegen den unbeliebten Zwangsumzug von München nach Hamburg und Oliver Stolle, der zumindest die Stimmung in der Redaktion stabilisierte, wurde von Stefan Schäfer ersetzt – durch Nicole Zepter.

Der hohe Durchsatz an Führungskräften macht es deutlich: Da stimmt es doch an der Substanz nicht mehr. Statt mit großem Werbehype einen „Relaunch“ zu stemmen, sollte sich der Verlag vielleicht einmal grundsätzlich fragen, wie es mit einem Magazin wie Neon weitergehen soll. Als das Heft 2003 auf den Markt kam, war es eine Sensation und sprach der – wie es die Welt so treffend formulierte – „Generation Konjunktiv“ aus der Seele: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“. Doch die damaligen zwanzig-irgendwas Jahre alten Leser sind heute – vielleicht nicht unbedingt erwachsen – aber doch reifer geworden und haben vermutlich kein Interesse mehr an WG- und Lebensfindungsgeschichten orientierungsloser Mittzwanziger.

Natürlich bleibt der eine oder andere der Zeitschrift seiner Studentenzeit treu. Aber lässt sich damit ein Geschäftsmodell tragen? Wohl kaum. Zu Hochzeiten hatte Neon eine Auflage von 255.000 verkauften Heften, zuletzt waren es noch 120.000. 13 Jahre reichen allemal, um eine ganze Generation weiter zu rücken, insbesondere in der schnelllebigen Medienlandschaft. Vielleicht hat sich Neon noch nicht ganz überlebt, und eventuell hat ein hochwertig produziertes Magazin auch unter mit ihren iPhones verwachsenen Hipstern seine Daseinsberechtigung. Klar ist aber, dass sich der Alltag junger Menschen drastisch geändert hat. Offenbar ist es auch bei Neon Zeit für drastische Schnitte.


Die Tyrannei der Minderheit

„Die Tyrannei der Minderheit, die die Maske der Mehrheit angelegt hat“, hatte Odrade es genannt. „Der Untergang der Demokratie. Entweder wurde sie von ihren eigenen Exzessen besiegt oder von der Bürokratie aufgefressen.“

Idaho vernahm in dieser Beurteilung den Tyrannen. Wies die Geschichte überhaupt ein Wiederholungsmuster auf, dann hiermit. Einen Wiederholungs-Trommelwirbel. Zuerst ein Beamtengesetz, das die Lüge kaschierte, es sei die einzige Möglichkeit, demagogische Ausschreitungen und Vetternwirtschaft zu unterbinden. Dann: die Akkumulation von Macht in Bereichen, die der Wähler nicht einsehen konnte. Und schließlich: die Aristokratie.

Frank Herbert: Die Ordensburg des Wüstenplaneten. 1985.


Boza! Boo-zaa! Orhan Pamuks: „Diese Fremdheit in mir“

„In der Stadt konnte man inmitten einer Menschenmenge einsam sein, gerade das machte eine Stadt ja aus, dass man nämlich von lauter Menschen umgeben dennoch verbergen konnte, was für eine Fremdheit man im Kopf mit sich trug.“ (S. 117)

Mevlut ist kein besonderer Held. Weder wird Mevlut dazu beitragen, die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Istanbul in den 70er- und 80er-Jahren zu schlichten, noch heroisch für eine der Seiten  in den Kampf ziehen. Er wird sich weder für die Armen noch für die Unterdrückten einsetzen, keine Moschee stiften und kein Vermögen mit Spekulationen machen. Mevlut will nur Boza und Joghurt verkaufen, durch die Straßen Istanbuls wandern und seinen Gedanken nachhängen.

Erzählt Orhan Pamuk in Diese Fremdheit in mir also wieder die Geschichte eines endlosen Sehnens? Des Flanierens, des Sich-Ausgestoßen-Fühlens und des erfolglosen Strebens nach Geltung und Liebe? Man könnte es meinen, doch Pamuks Fremdheit ist mehr als eine Wiederholung der Topoi aus dem Museum der Unschuld. Pamuks Roman entzieht sich einer Klassifizierung, ist historisches Portrait von Stadt und Land und gleichermaßen Gesellschaftsstudie wie Entwicklungsroman und Liebesgeschichte. Vielleicht ist er auch, so unbefriedigend und schal diese Klassifizierung klingen mag, ein bisschen von allem.

Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mirWährend in Pamuks früheren Texten oft eine an der Handlung mehr oder weniger direkt beteiligte und daher unzuverlässige Erzählinstanz das Wort führte, lässt er in der Fremdheit nahezu alle wichtigeren Figuren – außer Mevlut selbst – zu Wort kommen. Wie in einer heiteren Familienrunde fallen sie einander und dem namenlosen Chronisten ins Wort, verbessern sich und geben unterschiedliche Blickwinkel auf das Geschehene zum Besten. Das gemeinschaftliche Erzählen erinnert ein wenig an die osmanische Kaffeehauskultur, als ein einzelner Erzähler eine Geschichte vortrug, zu der alle Anwesenden eigene Anekdoten und Varianten beizutragen hatten. Pamuk gelingt es damit, ein besonders vielschichtiges Bild seines Protagonisten zu zeichnen, seine Eigenheiten und Entscheidungen in stets anders belichteten Aufnahmen zu zeigen, die dem Leser ein eigenes Urteil über den Protagonisten ermöglichen.

Trotz besten Bemühens bleibt Mevlut Zeit seines Lebens Außenseiter: unter den Schuljungen an der Knabenschule ebenso wie unter den Straßenverkäufern Istanbuls. Mevlut bleibt der für Pamuk so typische, grüblerische Protagonist, der zwar stets am Leben beteiligt ist, aber doch gleichsam unbeteiligt an dessen Rändern steht, nicht reüssiert und stets fremd, stets Beobachter bleibt. Im Gegensatz zu früheren Figuren entstammt Mevlut aber nicht der gebildeten und gleichsam gelangweilten Oberschicht, sondern bleibt in den begrenzten Kreisen seiner Herkunft gefangen. Pamuks Blick auf die Arbeiterschicht zeigt: Auch hier gibt es Flaneure und Rebellen, Emporkömmlinge und Abgehängte. Die Schattierungen unterscheiden sich, nicht so sehr die Muster.

„Das Glück, das ihm das Leben verhieß, wurde ihm nur zuteil, wenn er fern von seinem Leben war, sich in andere Welten träumte.“ (S. 145)

Wieder ist es das Kino, das als Hort eines träumerischen Eskapismus eine Rolle spielt. Während Kemal im Museum noch dem türkischen Film anhing und später selbst in der Branche involviert war, findet der junge Mevlut aus dem Gecekondu seine Zuflucht in den zahlreichen Schmuddelkinos. Das Kino ist für Pamuks Figuren immer wieder Ort der Zuflucht und des Versteckens vor der Realität, an dem die Phantasie der Protagonisten nicht von der vermeintlichen Härte des Alltags zertreten wird.

Die Sehnsucht in den verschiedensten Spielarten bleibt für Pamuk das bestimmende Thema. Es ist die Sehnsucht nach Liebe, nach Teilhabe, Freiheit und Selbstverwirklichung, die auch Mevlut umtreibt und nur scheinbar ziellos durch die nächtlichen Straßen irren lässt. Pamuks Roman ist auch die Beschreibung einer ewigen Selbstfindung und Suche nach Identität in einer sich immer schneller verändernden Gesellschaft. Während frühere Figuren trotz bester Voraussetzungen eher aus Unlust an den Verhältnissen scheiterten, bleibt Mevlut ein Abgehängter, der seine Idealvorstellungen nicht mit seiner Sensibilität und der Härte des Alltags in Einklang bringen kann.

Dabei gelingt es Pamuk, über die innere Zerrissenheit Mevluts – der im einen Moment die Konventionen des Landlebens kritisiert, sich im nächsten Moment aber darüber ärgert, dass das Kopftuch seiner Frau so locker sitzt – die Zerrissenheit der gesamten Gesellschaf zu verdeutlichen. Immer wieder stehen die Figuren des Romans im Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen der Lebensart der westlich-orientierten Stadtbevölkerung und den konservativ-islamischen Traditionen des Landlebens. Pamuks Sittenportrait zeigt, wie althergebrachte Konventionen und Ehrvorstellungen auf eine zunehmend säkulare, modernisierte Welt prallen, in der arrangierte Ehen und Blutrache zunehmend zum anachronistischen Relikt werden.

Und doch kann keine der Figuren ihre Herkunft verleugnen, die bekannten Konventionen gänzlich ablegen. Während Mevlut Zeit seines Lebens Boza verkauft, jenes süß-säuerliche Getränk, das anfangs Lebensunterhalt, später nur noch Verbindung zu einer längst verlorenen Vergangenheit ist, äußern seine Verwandten offen ihre Animosität zu später in die Stadt migrierenden Türken aus Anatolien. Obwohl sie selbst diesem Milieu entstammen, zeigen die jungen Emporkömmlinge die so typische diffuse Angst der Bessergestellten, ihren vermeintlichen Wohlstand teilen zu müssen. So sehr sich die Familie bemüht, zur Stadt zu gehören und so sehr sie es gegenüber den auf den Dörfern verbliebenen Verwandten deutlich zu machen versucht, so sehr grenzt sie sich doch zugleich in ihrer Doppelmoral von der vermeintlich moralisch verdorbenen und ruchlos-dekadenten eigentlichen Stadtbevölkerung ab. Pamuk spiegelt damit geschickt nicht nur die Zerrissenheit der modernen Türkei zwischen einem säkular-offenen Europa und reaktionär-konservativer Politik, sondern auch die allgemein in Europa wachsende Angst vor dem Fremden, das in etablierte Bequemlichkeitsmuster eindringt und vermeintlich den eigenen Wohlstand zu gefährden droht.

Die große Politik scheint in Mevluts Leben stets Rahmenhandlung zu bleiben. Auf diese Weise gelingt es Pamuk ganz raffiniert, die großen politischen Ereignisse in der Türkei zu behandeln, selbst wenn Mevlut wie immer stets am Rande zu stehen scheint, ohne sich an den Umwälzungen aktiv zu beteiligen. Den Militärputsch von 1971 erlebt der Schüler Mevlut als eindrucksvolle Welle staatlicher Willkür, als merkwürdig autoritäre Reinigungsaktion der Straßen, in denen auf einmal die vertrauen Händler verschwinden. Auch an den nationalistischen und religiösen Spannungen zum Ende der 70er-Jahre beteiligt sich Mevlut kaum, hängt mal dieser, mal jener Seite an, ohne jedoch wirklich Stellung zu beziehen. So wie Mevluts Coming-of-Age scheinbar ins Leere zu verlaufen scheint, bleiben auch die Spannungen dieser Zeit ohne langfristige Lösung für die Türkei. Wie die jüngsten Ergebnisse eindrucksvoll verdeutlichen, ist der interne Kampf längst nicht beendet. Während des Putsches von 1980 ist Mevlut zwar selbst beim Militär, allerdings in der verschlafenen Provinzstadt Kars, also wieder an der Peripherie und ohne aktive Beteiligung. Ein interessantes Gedankenspiel wäre, ob er in dieser Zeit K. über den Weg läuft, dem Protagonisten aus Pamuks Nobelpreis-Roman Schnee.

Ja, und dann ist da noch diese Liebesgeschichte, die sich mal explosionsartig impulsiv und melodramatisch, mal schleichend, hintergründig und sanft in den Vordergrund drängt. Diese Liebe, die mit einem scheinbar unüberwindlichen Hindernis und unter denkbar ungünstigsten Vorzeichen beginnt, sich dann aber frei vom vielleicht zu erwartenden Pathos zu einer zärtlichen und tiefen Beziehung entwickelt.

Orhan Pamuk gelingt auf knapp 600 Seiten ein komplexes, vielschichtiges und lebendiges Portrait der Türkei von 1969 bis 2012. Der stets unaufgeregte, manchmal grenzwertig nostalgisch-naive Blick Mevluts auf seine Zeit erzeugt eine nüchterne Distanz zu den erhitzten Umbrüchen und gesellschaftlichen Veränderungen, die in ihren Grundzügen bis in die heutige Türkei nachwirken. Dem Leser erlaubt es der feinsinnige Protagonist, mit distanziertem Blick in eine komplexe, von Irrungen und Umbrüchen geprägte Zeit einzutauchen, ohne sich in dogmatischen Ismen und erhitzter Politik zu verlieren – wohl auch, weil die tieferen Hintergründe in diesem Roman nicht ausgeführt werden. Mevlut selbst bleibt in all dieser Zeit ein fremder Beobachter, fremd gegenüber der von ihm so geliebten Stadt, ihren immer schneller wechselnden Bewohnern und seiner Familie – aber vor allem fremd gegenüber sich selbst.

Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mir. Abenteuer und Träume des Boza-Verkäufers Mevlut Karataş und seiner Freunde. Sowie: Ein aus zahlreichen Perspektiven erzähltes Panorama des Istanbuler Lebens zwischen 1969 und 2012.
Originaltitel: Kafamda Bir Turhaflık
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
München: Carl Hanser 2016
592 Seiten, gebunden
26,00 €


Ankaras Einflussnahme auf die Kultur in Europa

Bluttests für Bundestagsabgeordnete, Drohungen gegen Deutschland und die EU, Anschuldigungen gegen den Papst: Die Vehemenz, mit der der türkische Staatspräsident Recep Tayip Erdoğan auf die Armenien-Resolution des Bundestags und jeden Hinweis auf den Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915/16 reagiert, ist gleichermaßen schockierend wie entlarvend. Zuletzt durften deutsche Politiker ohne triftige Gründe die in der Türkei stationierten Bundeswehrsoldaten nicht besuchen und auch auf dem Gipfeltreffen der Nato in Warschau konnte keine diplomatische Lösung gefunden werden.

Ganz im Gegenteil, ließ die türkische Regierung doch verbreiten, man fordere die Bundesregierung auf, sich offiziell von der Armenien-Resolution zu distanzieren. Ohne diesen Schritt sei keine Lösung für den Dissens möglich. Die Vorstellung, die Bundesegierung könne sich tatsächlich von einer Entscheidung des Bundestags distanzieren, die sie nahezu einstimmig mitgetragen hat, ist nicht nur himmelschreiend absurd, sondern offenbart auch, welche Vorstellung von Demokratie, Herrschaft und Regierung Erdoğan verfolgt.

Die Armenien-Resolution und die Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Armeniern sorgt jedoch nicht nur für außen- und verteidigungspolitische Konflikte, sondern provozierte auch eine dreiste kulturpolitische Einmischung Ankaras. Gemeint ist damit nicht Erdoğans pikiert-beleidigte Reaktion auf die durchschaubare Provokation von Jan Böhmermann Ende April. Diese ist an anderer Stelle in aller Ausführlichkeit diskutiert worden.

Bereits im November 2015 initiierten die Dresdner Sinfoniker anlässlich des 100. Jahrestages des Völkermords an den Armeniern gemeinsam mit dem Gitarristen Marc Sinan das Konzertprojekt „aghet – ağıt“. Ağıt, türkisch für „Klagelied“, Aghet, armenisch für „Katastrophe“ und Synonym für den Genozid, der mit der Verhaftung armenischer Intellektueller begann und mit dem Tod von rund 1,5 Millionen Menschen endete. Die Konzerte sollen ein Zeichen der Versöhnung sein und entstehen als deutsch-armenisch-türkisch-jugoslawisches Gemeinschaftsprojekt.

Gefördert wurde und wird das Projekt, das im April und Mai in Dresden und Brandenburg an der Havel aufgeführt wurde und im November auch nach Belgrad, Jerewan und Istanbul kommen soll, auch von der EU-Kommission. Genau dort hat die türkische Regierung ihren Protest angesetzt. Mehrfach sei der türkische EU-Botschafter vorstellig geworden und habe die Institution aufgefordert, die finanzielle Unterstützung einzustellen, erklärte Markus Rindt, Intendant der Sinfoniker. Dieser „Angriff auf die Meinungsfreiheit“ hatte offenbar zumindest teilweise Erfolg, denn der Hinweis auf die finanzielle Unterstützung für „Aghet“ verschwand in der Folge von den Webseiten der Kommission.

Das Absurde daran ist, dass auch die Türkei ganz offiziell Partner und Geldgeber des Projekts ist. Auch am vorherigen Projekt des Komponisten Sinan war die Türkei anfangs beteiligt. Als jedoch in „Dede Korkut“ ebenfalls vom „Massaker“ die Rede war, zog schon damals die Regierung in Ankara ihre finanzielle Unterstützung zurück. In „Aghet“ jedoch wird der Völkermord explizit als solcher bezeichnet, eine Änderung entsprechender Passagen lehnt Sinan entschieden ab – entsprechend vorhersehbar also die türkische Reaktion.

„Was in unseren Theatern gespielt wird, dürfen weder Herr Erdoğan noch Herr Putin entscheiden“, kritisierte im April Grünen-Ko-Vorsitzender Cem Özdemir, einer der Hauptunterstützer der am 2. Juni vom Bundestag nahezu einstimmig[1] beschlossenen Armenien-Resolution.

„Drohungen mit dem Ziel, die freie Meinungsbildung des Deutschen Bundestags zu verhindern, sind inakzeptabel“, erklärte Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Erklärung vor der Abstimmung zur Resolution[2]. Ebenso inakzeptabel ist auch die Einmischung in das freie Kulturschaffen und die künstlerische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Über die „Hintertür“ der Kulturfinanzierung hat Ankara versucht, ein für die türkische Position unbequemes Kulturprojekt zu verhindern und damit auch den unternommenen Versöhnungsprozess torpediert. Es ist beinahe unbegreiflich, mit welcher Vehemenz die Regierung Erdoğan versucht, jegliche Kritik im Keim zu ersticken. Was im eigenen Land mit Tränengas und Gefängnis funktioniert, wird international mit Drohungen und Einflussnahme versucht. Das ist umso erstaunlicher, als sich Ankara wiederum jegliche Kritik an den eigenen Methoden als „Einmischung in innere Angelegenheiten“ aufs Entschiedenste verbittet.

Bei aller gebotenen Diplomatie, eine derartige Einflussnahme auf die Kultur ist nicht akzeptabel. Das Verhalten Erdoğans erlaubt keine Beschwichtigung und es ist auch die Aufgabe der Politik, dies offen zu thematisieren. „Die Appeasementpolitik Europas ist brandgefährlich und wendet sich gegen die türkische Zivilgesellschaft“, mahnt auch der Musiker Marc Sinan. Europa kann und darf es sich nicht erlauben, den Machtphantasien Erdoğans derartig freien Raum zu lassen, ohne dabei die derzeit so oft zitierten europäischen Ideale zu verraten.

[1] Plenarprotokoll der 173. Sitzung vom 02.06.2016, 17039 A.

[2] Ebd., 17027 D.