Personalwechsel bei Neon

Es rumpelt auf dem Baumwall. Nach gerade einmal 15 Monaten hat Nicole Zepter die Chefredaktion von Neon und Nido wieder abgegeben, um sich – wie es heißt – wieder „ihren eigenen Projekten“ zu widmen. Nachfolgerin wird Ruth Fend, bislang Redaktionsleiterin bei Business Punk.

Wenn man glauben darf, was die Spatzen von den Dächern pfeifen, dann stand es schon länger nicht besonders gut um Zepter. Vielmehr habe ihr Weggang ein Personalproblem von Gruner + Jahr gelöst, habe doch intern kaum noch jemand die Berufung Zepters durch G+J-Produktchef Stefan Schäfer als personalpolitischen Rückgriff empfunden.

Man scheint also zufrieden in Hamburg. Schuldige und Nachfolgerin sind bestimmt, das Produkt ist zwar angeschlagen aber noch nicht verloren und nun wird alles besser, effizienter, kontrollierter. Ist dem so? Macht es sich der Verlag da nicht etwas zu einfach? Die anhaltende Absatzschwäche von Neon trat mitnichten erst nach dem Amtsantritt von Nicole Zepter ein. Schon vorher verlor das Lebensgefühl-Magazin der Nuller-Generation kontinuierlich Leserschaft und Käufer. Das nun allein der Unerfahrenheit und Überforderung von Zepter zuzuschreiben wäre doch etwas zu simpel.

G+J-Publisherin Wibke Dauletiar sprach dann auch von einer „schwierigen Marktsituation“, in der sich die grundsätzlich „etablierte und starke Marke“ Neon befinde. Derartige Binsenweisheiten sind aber weder aussagekräftig noch hilfreich und in der Verlagswelt dieser Tage eher Regel als Ausnahme. Zumal Zepter nicht die erste Chefredakteurin ist, die bei Neon durchgereicht wird: Die Gründer Timm Klotzek und Michael Ebert wechselten zum SZ Magazin, deren Nachfolger Vera Schröder und Patrick Bauer wehrten sich gegen den unbeliebten Zwangsumzug von München nach Hamburg und Oliver Stolle, der zumindest die Stimmung in der Redaktion stabilisierte, wurde von Stefan Schäfer ersetzt – durch Nicole Zepter.

Der hohe Durchsatz an Führungskräften macht es deutlich: Da stimmt es doch an der Substanz nicht mehr. Statt mit großem Werbehype einen „Relaunch“ zu stemmen, sollte sich der Verlag vielleicht einmal grundsätzlich fragen, wie es mit einem Magazin wie Neon weitergehen soll. Als das Heft 2003 auf den Markt kam, war es eine Sensation und sprach der – wie es die Welt so treffend formulierte – „Generation Konjunktiv“ aus der Seele: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“. Doch die damaligen zwanzig-irgendwas Jahre alten Leser sind heute – vielleicht nicht unbedingt erwachsen – aber doch reifer geworden und haben vermutlich kein Interesse mehr an WG- und Lebensfindungsgeschichten orientierungsloser Mittzwanziger.

Natürlich bleibt der eine oder andere der Zeitschrift seiner Studentenzeit treu. Aber lässt sich damit ein Geschäftsmodell tragen? Wohl kaum. Zu Hochzeiten hatte Neon eine Auflage von 255.000 verkauften Heften, zuletzt waren es noch 120.000. 13 Jahre reichen allemal, um eine ganze Generation weiter zu rücken, insbesondere in der schnelllebigen Medienlandschaft. Vielleicht hat sich Neon noch nicht ganz überlebt, und eventuell hat ein hochwertig produziertes Magazin auch unter mit ihren iPhones verwachsenen Hipstern seine Daseinsberechtigung. Klar ist aber, dass sich der Alltag junger Menschen drastisch geändert hat. Offenbar ist es auch bei Neon Zeit für drastische Schnitte.


Die Tyrannei der Minderheit

„Die Tyrannei der Minderheit, die die Maske der Mehrheit angelegt hat“, hatte Odrade es genannt. „Der Untergang der Demokratie. Entweder wurde sie von ihren eigenen Exzessen besiegt oder von der Bürokratie aufgefressen.“

Idaho vernahm in dieser Beurteilung den Tyrannen. Wies die Geschichte überhaupt ein Wiederholungsmuster auf, dann hiermit. Einen Wiederholungs-Trommelwirbel. Zuerst ein Beamtengesetz, das die Lüge kaschierte, es sei die einzige Möglichkeit, demagogische Ausschreitungen und Vetternwirtschaft zu unterbinden. Dann: die Akkumulation von Macht in Bereichen, die der Wähler nicht einsehen konnte. Und schließlich: die Aristokratie.

Frank Herbert: Die Ordensburg des Wüstenplaneten. 1985.


Boza! Boo-zaa! Orhan Pamuks: „Diese Fremdheit in mir“

„In der Stadt konnte man inmitten einer Menschenmenge einsam sein, gerade das machte eine Stadt ja aus, dass man nämlich von lauter Menschen umgeben dennoch verbergen konnte, was für eine Fremdheit man im Kopf mit sich trug.“ (S. 117)

Mevlut ist kein besonderer Held. Weder wird Mevlut dazu beitragen, die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Istanbul in den 70er- und 80er-Jahren zu schlichten, noch heroisch für eine der Seiten  in den Kampf ziehen. Er wird sich weder für die Armen noch für die Unterdrückten einsetzen, keine Moschee stiften und kein Vermögen mit Spekulationen machen. Mevlut will nur Boza und Joghurt verkaufen, durch die Straßen Istanbuls wandern und seinen Gedanken nachhängen.

Erzählt Orhan Pamuk in Diese Fremdheit in mir also wieder die Geschichte eines endlosen Sehnens? Des Flanierens, des Sich-Ausgestoßen-Fühlens und des erfolglosen Strebens nach Geltung und Liebe? Man könnte es meinen, doch Pamuks Fremdheit ist mehr als eine Wiederholung der Topoi aus dem Museum der Unschuld. Pamuks Roman entzieht sich einer Klassifizierung, ist historisches Portrait von Stadt und Land und gleichermaßen Gesellschaftsstudie wie Entwicklungsroman und Liebesgeschichte. Vielleicht ist er auch, so unbefriedigend und schal diese Klassifizierung klingen mag, ein bisschen von allem.

Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mirWährend in Pamuks früheren Texten oft eine an der Handlung mehr oder weniger direkt beteiligte und daher unzuverlässige Erzählinstanz das Wort führte, lässt er in der Fremdheit nahezu alle wichtigeren Figuren – außer Mevlut selbst – zu Wort kommen. Wie in einer heiteren Familienrunde fallen sie einander und dem namenlosen Chronisten ins Wort, verbessern sich und geben unterschiedliche Blickwinkel auf das Geschehene zum Besten. Das gemeinschaftliche Erzählen erinnert ein wenig an die osmanische Kaffeehauskultur, als ein einzelner Erzähler eine Geschichte vortrug, zu der alle Anwesenden eigene Anekdoten und Varianten beizutragen hatten. Pamuk gelingt es damit, ein besonders vielschichtiges Bild seines Protagonisten zu zeichnen, seine Eigenheiten und Entscheidungen in stets anders belichteten Aufnahmen zu zeigen, die dem Leser ein eigenes Urteil über den Protagonisten ermöglichen.

Trotz besten Bemühens bleibt Mevlut Zeit seines Lebens Außenseiter: unter den Schuljungen an der Knabenschule ebenso wie unter den Straßenverkäufern Istanbuls. Mevlut bleibt der für Pamuk so typische, grüblerische Protagonist, der zwar stets am Leben beteiligt ist, aber doch gleichsam unbeteiligt an dessen Rändern steht, nicht reüssiert und stets fremd, stets Beobachter bleibt. Im Gegensatz zu früheren Figuren entstammt Mevlut aber nicht der gebildeten und gleichsam gelangweilten Oberschicht, sondern bleibt in den begrenzten Kreisen seiner Herkunft gefangen. Pamuks Blick auf die Arbeiterschicht zeigt: Auch hier gibt es Flaneure und Rebellen, Emporkömmlinge und Abgehängte. Die Schattierungen unterscheiden sich, nicht so sehr die Muster.

„Das Glück, das ihm das Leben verhieß, wurde ihm nur zuteil, wenn er fern von seinem Leben war, sich in andere Welten träumte.“ (S. 145)

Wieder ist es das Kino, das als Hort eines träumerischen Eskapismus eine Rolle spielt. Während Kemal im Museum noch dem türkischen Film anhing und später selbst in der Branche involviert war, findet der junge Mevlut aus dem Gecekondu seine Zuflucht in den zahlreichen Schmuddelkinos. Das Kino ist für Pamuks Figuren immer wieder Ort der Zuflucht und des Versteckens vor der Realität, an dem die Phantasie der Protagonisten nicht von der vermeintlichen Härte des Alltags zertreten wird.

Die Sehnsucht in den verschiedensten Spielarten bleibt für Pamuk das bestimmende Thema. Es ist die Sehnsucht nach Liebe, nach Teilhabe, Freiheit und Selbstverwirklichung, die auch Mevlut umtreibt und nur scheinbar ziellos durch die nächtlichen Straßen irren lässt. Pamuks Roman ist auch die Beschreibung einer ewigen Selbstfindung und Suche nach Identität in einer sich immer schneller verändernden Gesellschaft. Während frühere Figuren trotz bester Voraussetzungen eher aus Unlust an den Verhältnissen scheiterten, bleibt Mevlut ein Abgehängter, der seine Idealvorstellungen nicht mit seiner Sensibilität und der Härte des Alltags in Einklang bringen kann.

Dabei gelingt es Pamuk, über die innere Zerrissenheit Mevluts – der im einen Moment die Konventionen des Landlebens kritisiert, sich im nächsten Moment aber darüber ärgert, dass das Kopftuch seiner Frau so locker sitzt – die Zerrissenheit der gesamten Gesellschaf zu verdeutlichen. Immer wieder stehen die Figuren des Romans im Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen der Lebensart der westlich-orientierten Stadtbevölkerung und den konservativ-islamischen Traditionen des Landlebens. Pamuks Sittenportrait zeigt, wie althergebrachte Konventionen und Ehrvorstellungen auf eine zunehmend säkulare, modernisierte Welt prallen, in der arrangierte Ehen und Blutrache zunehmend zum anachronistischen Relikt werden.

Und doch kann keine der Figuren ihre Herkunft verleugnen, die bekannten Konventionen gänzlich ablegen. Während Mevlut Zeit seines Lebens Boza verkauft, jenes süß-säuerliche Getränk, das anfangs Lebensunterhalt, später nur noch Verbindung zu einer längst verlorenen Vergangenheit ist, äußern seine Verwandten offen ihre Animosität zu später in die Stadt migrierenden Türken aus Anatolien. Obwohl sie selbst diesem Milieu entstammen, zeigen die jungen Emporkömmlinge die so typische diffuse Angst der Bessergestellten, ihren vermeintlichen Wohlstand teilen zu müssen. So sehr sich die Familie bemüht, zur Stadt zu gehören und so sehr sie es gegenüber den auf den Dörfern verbliebenen Verwandten deutlich zu machen versucht, so sehr grenzt sie sich doch zugleich in ihrer Doppelmoral von der vermeintlich moralisch verdorbenen und ruchlos-dekadenten eigentlichen Stadtbevölkerung ab. Pamuk spiegelt damit geschickt nicht nur die Zerrissenheit der modernen Türkei zwischen einem säkular-offenen Europa und reaktionär-konservativer Politik, sondern auch die allgemein in Europa wachsende Angst vor dem Fremden, das in etablierte Bequemlichkeitsmuster eindringt und vermeintlich den eigenen Wohlstand zu gefährden droht.

Die große Politik scheint in Mevluts Leben stets Rahmenhandlung zu bleiben. Auf diese Weise gelingt es Pamuk ganz raffiniert, die großen politischen Ereignisse in der Türkei zu behandeln, selbst wenn Mevlut wie immer stets am Rande zu stehen scheint, ohne sich an den Umwälzungen aktiv zu beteiligen. Den Militärputsch von 1971 erlebt der Schüler Mevlut als eindrucksvolle Welle staatlicher Willkür, als merkwürdig autoritäre Reinigungsaktion der Straßen, in denen auf einmal die vertrauen Händler verschwinden. Auch an den nationalistischen und religiösen Spannungen zum Ende der 70er-Jahre beteiligt sich Mevlut kaum, hängt mal dieser, mal jener Seite an, ohne jedoch wirklich Stellung zu beziehen. So wie Mevluts Coming-of-Age scheinbar ins Leere zu verlaufen scheint, bleiben auch die Spannungen dieser Zeit ohne langfristige Lösung für die Türkei. Wie die jüngsten Ergebnisse eindrucksvoll verdeutlichen, ist der interne Kampf längst nicht beendet. Während des Putsches von 1980 ist Mevlut zwar selbst beim Militär, allerdings in der verschlafenen Provinzstadt Kars, also wieder an der Peripherie und ohne aktive Beteiligung. Ein interessantes Gedankenspiel wäre, ob er in dieser Zeit K. über den Weg läuft, dem Protagonisten aus Pamuks Nobelpreis-Roman Schnee.

Ja, und dann ist da noch diese Liebesgeschichte, die sich mal explosionsartig impulsiv und melodramatisch, mal schleichend, hintergründig und sanft in den Vordergrund drängt. Diese Liebe, die mit einem scheinbar unüberwindlichen Hindernis und unter denkbar ungünstigsten Vorzeichen beginnt, sich dann aber frei vom vielleicht zu erwartenden Pathos zu einer zärtlichen und tiefen Beziehung entwickelt.

Orhan Pamuk gelingt auf knapp 600 Seiten ein komplexes, vielschichtiges und lebendiges Portrait der Türkei von 1969 bis 2012. Der stets unaufgeregte, manchmal grenzwertig nostalgisch-naive Blick Mevluts auf seine Zeit erzeugt eine nüchterne Distanz zu den erhitzten Umbrüchen und gesellschaftlichen Veränderungen, die in ihren Grundzügen bis in die heutige Türkei nachwirken. Dem Leser erlaubt es der feinsinnige Protagonist, mit distanziertem Blick in eine komplexe, von Irrungen und Umbrüchen geprägte Zeit einzutauchen, ohne sich in dogmatischen Ismen und erhitzter Politik zu verlieren – wohl auch, weil die tieferen Hintergründe in diesem Roman nicht ausgeführt werden. Mevlut selbst bleibt in all dieser Zeit ein fremder Beobachter, fremd gegenüber der von ihm so geliebten Stadt, ihren immer schneller wechselnden Bewohnern und seiner Familie – aber vor allem fremd gegenüber sich selbst.

Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mir. Abenteuer und Träume des Boza-Verkäufers Mevlut Karataş und seiner Freunde. Sowie: Ein aus zahlreichen Perspektiven erzähltes Panorama des Istanbuler Lebens zwischen 1969 und 2012.
Originaltitel: Kafamda Bir Turhaflık
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
München: Carl Hanser 2016
592 Seiten, gebunden
26,00 €


Ankaras Einflussnahme auf die Kultur in Europa

Bluttests für Bundestagsabgeordnete, Drohungen gegen Deutschland und die EU, Anschuldigungen gegen den Papst: Die Vehemenz, mit der der türkische Staatspräsident Recep Tayip Erdoğan auf die Armenien-Resolution des Bundestags und jeden Hinweis auf den Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915/16 reagiert, ist gleichermaßen schockierend wie entlarvend. Zuletzt durften deutsche Politiker ohne triftige Gründe die in der Türkei stationierten Bundeswehrsoldaten nicht besuchen und auch auf dem Gipfeltreffen der Nato in Warschau konnte keine diplomatische Lösung gefunden werden.

Ganz im Gegenteil, ließ die türkische Regierung doch verbreiten, man fordere die Bundesregierung auf, sich offiziell von der Armenien-Resolution zu distanzieren. Ohne diesen Schritt sei keine Lösung für den Dissens möglich. Die Vorstellung, die Bundesegierung könne sich tatsächlich von einer Entscheidung des Bundestags distanzieren, die sie nahezu einstimmig mitgetragen hat, ist nicht nur himmelschreiend absurd, sondern offenbart auch, welche Vorstellung von Demokratie, Herrschaft und Regierung Erdoğan verfolgt.

Die Armenien-Resolution und die Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Armeniern sorgt jedoch nicht nur für außen- und verteidigungspolitische Konflikte, sondern provozierte auch eine dreiste kulturpolitische Einmischung Ankaras. Gemeint ist damit nicht Erdoğans pikiert-beleidigte Reaktion auf die durchschaubare Provokation von Jan Böhmermann Ende April. Diese ist an anderer Stelle in aller Ausführlichkeit diskutiert worden.

Bereits im November 2015 initiierten die Dresdner Sinfoniker anlässlich des 100. Jahrestages des Völkermords an den Armeniern gemeinsam mit dem Gitarristen Marc Sinan das Konzertprojekt „aghet – ağıt“. Ağıt, türkisch für „Klagelied“, Aghet, armenisch für „Katastrophe“ und Synonym für den Genozid, der mit der Verhaftung armenischer Intellektueller begann und mit dem Tod von rund 1,5 Millionen Menschen endete. Die Konzerte sollen ein Zeichen der Versöhnung sein und entstehen als deutsch-armenisch-türkisch-jugoslawisches Gemeinschaftsprojekt.

Gefördert wurde und wird das Projekt, das im April und Mai in Dresden und Brandenburg an der Havel aufgeführt wurde und im November auch nach Belgrad, Jerewan und Istanbul kommen soll, auch von der EU-Kommission. Genau dort hat die türkische Regierung ihren Protest angesetzt. Mehrfach sei der türkische EU-Botschafter vorstellig geworden und habe die Institution aufgefordert, die finanzielle Unterstützung einzustellen, erklärte Markus Rindt, Intendant der Sinfoniker. Dieser „Angriff auf die Meinungsfreiheit“ hatte offenbar zumindest teilweise Erfolg, denn der Hinweis auf die finanzielle Unterstützung für „Aghet“ verschwand in der Folge von den Webseiten der Kommission.

Das Absurde daran ist, dass auch die Türkei ganz offiziell Partner und Geldgeber des Projekts ist. Auch am vorherigen Projekt des Komponisten Sinan war die Türkei anfangs beteiligt. Als jedoch in „Dede Korkut“ ebenfalls vom „Massaker“ die Rede war, zog schon damals die Regierung in Ankara ihre finanzielle Unterstützung zurück. In „Aghet“ jedoch wird der Völkermord explizit als solcher bezeichnet, eine Änderung entsprechender Passagen lehnt Sinan entschieden ab – entsprechend vorhersehbar also die türkische Reaktion.

„Was in unseren Theatern gespielt wird, dürfen weder Herr Erdoğan noch Herr Putin entscheiden“, kritisierte im April Grünen-Ko-Vorsitzender Cem Özdemir, einer der Hauptunterstützer der am 2. Juni vom Bundestag nahezu einstimmig[1] beschlossenen Armenien-Resolution.

„Drohungen mit dem Ziel, die freie Meinungsbildung des Deutschen Bundestags zu verhindern, sind inakzeptabel“, erklärte Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Erklärung vor der Abstimmung zur Resolution[2]. Ebenso inakzeptabel ist auch die Einmischung in das freie Kulturschaffen und die künstlerische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Über die „Hintertür“ der Kulturfinanzierung hat Ankara versucht, ein für die türkische Position unbequemes Kulturprojekt zu verhindern und damit auch den unternommenen Versöhnungsprozess torpediert. Es ist beinahe unbegreiflich, mit welcher Vehemenz die Regierung Erdoğan versucht, jegliche Kritik im Keim zu ersticken. Was im eigenen Land mit Tränengas und Gefängnis funktioniert, wird international mit Drohungen und Einflussnahme versucht. Das ist umso erstaunlicher, als sich Ankara wiederum jegliche Kritik an den eigenen Methoden als „Einmischung in innere Angelegenheiten“ aufs Entschiedenste verbittet.

Bei aller gebotenen Diplomatie, eine derartige Einflussnahme auf die Kultur ist nicht akzeptabel. Das Verhalten Erdoğans erlaubt keine Beschwichtigung und es ist auch die Aufgabe der Politik, dies offen zu thematisieren. „Die Appeasementpolitik Europas ist brandgefährlich und wendet sich gegen die türkische Zivilgesellschaft“, mahnt auch der Musiker Marc Sinan. Europa kann und darf es sich nicht erlauben, den Machtphantasien Erdoğans derartig freien Raum zu lassen, ohne dabei die derzeit so oft zitierten europäischen Ideale zu verraten.

[1] Plenarprotokoll der 173. Sitzung vom 02.06.2016, 17039 A.

[2] Ebd., 17027 D.


Warum ich lese

Warum ich lese? Eine gute Frage. Und eine berechtigte obendrein. Lange Zeit habe ich mir darüber wenige bis keine Gedanken gemacht – Lesen war und ist praktisch ein selbstverständlicher Teil meines Lebens und gehört zu meinem Alltag, so lange wie ich mich zurückerinnern kann. Dann las ich kürzlich Uwe Kalkowskis Beitrag (praktisch eine Antwort auf Sandro Abbate) und sein entschiedenes Bekenntnis zum Lesen als Vehikel des Weiterkommens. Seitdem hängt mir die Frage an. Nicht wie nagender Zweifel, vielmehr wie eine grundsätzliche Überlegung. Ja, warum eigentlich?

Schon als Kind war Lesen für mich ein Weg, weiter zu kommen, die begrenzte Welt des Kinderzimmers in der Plattenbau-Dreiraumwohnung hinter mir zu lassen. Also begann ich mit dem überzeugenden Enthusiasmus eines Vierjährigen, meinem sicher schmunzelnden erwachsenen Umfeld Straßenschilder vorzulesen, die ich geschickt auswendig gelernt hatte.

Mein erstes Lieblingsbuch, Klaus Bär und die Umleitung von Dietlind Neven-du Mont, musste mir meine Mutter so oft vorlesen, dass ich es Wort für Wort auswendig konnte. Meine Mutter übrigens auch, und im Gegensatz zu mir kann sie es noch immer zitieren.

Später wurden Bücher dann tatsächlich zu einem Fluchtort, der mit großen Abenteuern und Erzählungen mehr zu bieten hatte, als dieses „Draußen“. Obwohl schon früh Videospiele in einen entschiedenen Wettbewerb traten, konnte kaum etwas das Lesen wirklich verdrängen.

Bücher sind Erinnerung, untrennbar mit Gefühlen, Stimmungen und Orten verbunden. S. W. Pokrowskis Ao der Mammutjäger, das ich – einem modernen Höhlenmenschen gleich – unter dem Esszimmertisch verschlungen habe. Die Jugendromane von Gudrun Pausewang lassen mich mein Klassenzimmer der ersten Jahre auf dem Gymnasium förmlich riechen, ähnlich der Küste Korsikas, an der ich die ersten Bände von Harry Potter aufsaugte und mir beim Lesen den schlimmsten Sonnenbrand meines Lebens holte. Übrigens griff ich aus purer Not zu Rowling, für die ich mich in pubertärer Ignoranz eigentlich schon zu alt wähnte: Mein eigenes Buch war zu schnell durch, also musste der Proviant meiner jüngeren Schwester geplündert werden.

Dass ich vermutlich als einziger meiner Klasse, bis auf Romeo und Julia (für pubertäre Jungs praktisch Folter) und Effi Briest (Oh Gott, die Langeweile!), fast alles in der Schullektüre heimlich doch ganz gut fand, war wohl der erste Indikator für meine spätere Studienfachwahl -auch wenn es erst des organisierten Stumpfsinns der Bundeswehr bedurfte, um mich zu überzeugen. Spätestens als ich im Panzer sitzend den Faust las, war es eigentlich klar und der Weg zur Germanistik prädestiniert. Die Neigung zu komplexerer Lektüre hat da sicherlich zusätzlich geholfen. Die Ausgabe von Der Name der Rose mit dem geschwärzten Schnitt habe ich als Kind mehrfach zur Seite legen müssen. Dass ich auch dafür erst das Labyrinth von Pubertät und Schule hinter mir lassen musste und gerade bei der recht humorfreien Armee den Weg durch die Abtei fand, darf getrost als Ironie des Lebens betrachtet werden.

Nein, das Studium der Germanistik hat mich der Literatur nicht entfremdet, eher meinen Geschmack und mein Urteil geschärft und mich mit der Fähigkeit (Oder dem Laster?) versehen, ständig mehrere Bücher gleichzeitig zu lesen.

Literatur ist und bleibt für mich essenziell. Ganz gleich, ob Höhenkamm, Graphic Novel oder Warhammer-Bolterroman: Lesen erweitert die Perspektive, regt Phantasie und Gedanken an und ermöglicht Einblicke in sonst verschlossene Welten. Von der ganz subjektiven Erfahrung abgesehen ist das Lesen als eine der ältesten Kulturtechniken überhaupt für das Funktionieren unserer Gesellschaft fundamental relevant – nicht nur, weil es den Wortschatz erweitert, sondern auch den Horizont und die Empathie.

Was wäre die Welt ohne das „Was wäre, wenn …“ der Fiktion, die Möglichkeit, Alternativen zu erproben oder eindrücklich vor drohenden Gefahren zu warnen? Nein, eine Erzählung von Astrid Lindgren kann nicht das Elend der Welt bekämpfen. Aber ihre Geschichten können Alt und Jung ganz mühelos zum Lächeln bringen. Und ist das heute nicht auch schon viel wert?


Montagskaffee #30

Guten Tag.

“If you go home with somebody, and they don’t have books, don’t fuck ‚em!” John Waters hat das legendär-lakonisch zusammengefasst, und auch die Deutschen scheinen sich diesen Rat zu Herzen zu nehmen. Dies zumindest suggerieren die Ergebnisse einer Umfrage der Initiative „Vorsicht Buch!“. Die hat nämlich herausgefunden, dass 27,5 Prozent der Befragten über 14 Jahre im ersten unbeobachteten Moment in einer fremden Wohnung das Bücherregal inspizieren. Zeig mir deine Bücher und ich sage dir, wer du bist. Interessant: Der Trend ist besonders stark bei den 30- bis 39-Jährigen (32,7 Prozent!) und bei Gästen aus dem Saarland (31,7 Prozent) und Schleswig-Holstein (31,4 Prozent). Gewarnt sei indes vor Gästen aus Hamburg, 4,5 Prozent von denen scheuen sich nicht davor, auch mal einen Blick in geschlossene Schubladen zu werfen.

Der deutsche Penguin Verlag hat vor Kurzem sein erstes Programm für 2016/17 veröffentlicht und bietet in Taschenbuch und Broschur „Masse und Klasse“ gleichermaßen, also das Beste aus Literatur und Unterhaltung, populärem Wissen, Humor und anspruchsvollem Sachbuch. Das zumindest verkündet Verlagschef Thomas Rathnow in der eigens aufgezeichneten Videobotschaft. Dass ein Verlagschef selbst das Programm kurz vorstellt, ist zumindest einmal ungewöhnlich, die Art und Weise – nunja – zumindest gut gemeint. Modern und jung will man sich geben bei Penguin (und parallel Homer und Harper Lee verkaufen), aber so richtig locker-flockig kommt das noch nicht rüber. Die Mitten-im-Satz-Pause mit dem kleinen Pinguin muss man mir auch noch einmal erklären. Also lieber Herr Rathnow, bitte die Idee beibehalten! Vielleicht ist es beim nächsten Mal schon etwas spritziger!

Apropos locker-flockig. Wer für das Wochenende noch kurzentschlossen eine Beschäftigung sucht, der kann sich ja nach Temeswar begeben. Dort veranstalten die Forschungsplattform Elfriede Jelinek und das Elfriede Jelinek-Forschungszentrum am 9. und 10. Juni 2016 ein interdisziplinäres Symposium am Deutschen Staatstheater unter dem Titel „SCHREIBEN ALS WIDERSTAND. Elfriede Jelinek & Herta Müller“. Dabei sollen – als dritter Teil einer mehrteiligen Veranstaltungsreihe – nun die öffentlichen politischen Positionierungen von Jelinek und Müller und aktuelle Inszenierungen von Werken beider Autorinnen thematisiert werden.

 


Glückspost

GlückspostWer hätte das gedacht. Vergangene Woche hat die gute Marion von Schiefgelesen anlässlich des ersten Jahrestages ihres Blogs ein kleines Gewinnspiel veranstaltet und einen Bücherscheck verlost. Und nun darf geraten werden, wer gewonnen hat.

Die freudige Post hat mich heute erreicht und wird so schnell wie möglich in bedrucktes Papier umgesetzt. Eine entsprechende Rezension ist im Grunde schon versprochen und wird dann nachgereicht.

Allen, die Marion und ihr sehr feines Blog noch nicht kennen, sei ein Besuch bei ihr sehr ans Herz gelegt. Liebe Marion: Herzlichen Dank und auf ein seitenreiches zweites Jahr!


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