Weltraumschrott: Horst Müllers „Signale vom Mond“

Kürztlich kam mir der kleine „Zukunftsroman“ Signale vom Mond von Horst Müller aus dem Jahr 1960 in die Hände. Angesichts meines Faibles für frühe Science Fiction, insbesonder aus dem Ostblock, versprach das etwas abgegriffene Büchlein kurzweilige Unterhaltung an den Weihnachtstagen. Nun, zumindest die Illustrationen von Heinz Völkel sind einigermaßen launig.

Wir befinden uns in der nahen Zukunft, etwa 20 Jahre nach Ende des Krieges. Die Welt ist geteilt, wenngleich die „Überreste“ des Kapitalismus im Sterben liegen und mit dem Glanz der kommunistischen Staatengemeinschaft nicht mithalten können. Das Rennen um das Weltall hat Amerika verloren. Um die Erde kreist die hochmoderne Raumstation „Kosmos 1“, von deren Startrampe in wenigen Tagen eine bemannte wissenschaftliche Expedition zum Mond aufbrechen soll. Dennoch schießen die Amerikaner quer und können eine eigene Rakete „Phönix“ noch vor der Ost-Mission auf den Mond absetzen. Zwischendurch kam es zu einem Zwischenfall: Der wagemutige und renommierte Journalist Niels Jensen gerät bei einem Außeneinsatz um Kosmos 1 in einen Asteoridenschauer und wird abgetrieben. Merkwürdige Wesen retten ihn und setzen ihn vor dem gelandeten amerikanischen Raumschiff ab. Es kommt zu Verwicklungen und Intrigen, letztlich siegt die kommunistische Gesellschaft und bricht zwei Jahre später zu einer glanzvollen Mission zum Jupitermond Ganymed auf, der als Heimstatt der Außerirdischen identifiziert ist.

Signale vom Mond ist eine Weltraum-Abenteuergeschichte, die – würde man den Roman von seiner politischen Agenda befreien und sprachlich über das Niveau eines Schulaufsatzes heben – vielleicht unterhalten könnte. So aber ist die Geschichte um den heroischen Reporter ziemlich belanglos, da sie letzlich nur als Vehikel dient, die technologische, moralische und ideelle Überlegenheit des Ostens über den Westen zu demonstrieren.

Müllers Agenda ist dabei nicht einmal besonders elaboriert: Der Osten steht für die kollektive Menschheit (eine Weiterentwicklung von Ulbrichts „sozialistischer Menschengemeinschaft“), Gemeinschaft, Optimierung und eine helle Zukunft; während im Westen Kapital, Machtsucht, Eigennutz und Korruption herrschen. „Noch immer mächtige Finanzgruppen“ (S. 72) halten die Fäden einer scheinbar völlig machtlosen Regierung in der Hand, einzelne Charaktere sind nur auf den eigenen Vorteil bedacht, korrupt und suchtgesteuert. Im Prinzip ist jeder käuflich, finstere Ziele aller Art bis zur Erklärung offener Kampfhandlungen lassen sich ganz einfach mit der nötigen Menge Dollars erreichen. Wenig überraschend, in seiner Plumpheit aber doch bemerkenswert, ist die aggressive Ablehnung von Religiösität, aus der heraus Müller ausgerechnet tibetanische Mönche zu terroristischen Handlangern der Amerikaner macht.

Die Darstellung der Konfliktparteien ist ziemlich eindeutig.

Der Ostblock hingegen ist technologisch einwandfrei, überlegen und moralisch integer. Die kommunistische Weltgemeinschaft arbeitet zum Wohle aller uneigennützig zusammen und meistert den technologischen Fortschritt. Mit der Vorstellung von Aerotaxis und Bildtelefonen reiht sich Müller in damals gängige SciFi-Vorstellungen ein, ebenso wie mit dem scheinbar grenzenlosen Vertrauen in die Atomkraft, deren unendliche, saubere und sichere Energie alle Versorgungsprobleme gelöst hat. Aus heutiger Sicht ebenso interessant ist das absolute Vertrauen in die fast vollständige Automatisierung von Steuerungsprozessen und Berechnungen. Kurios: Nachrichten werden trotz aller Automation und Funk-Bild-Technik weiterhin per Rohrpost zugestellt.

Obwohl erst 1960 erschienen setzt Signale vom Mond mit seiner Schulbuch-Didaktik und dem sehr monochromen Weltbild die Ideale und den Geist der frühen DDR-Aufbauliteratur der 50er fort. Diese idealisierte eine sich schnell entwickelnde sozialistische Gesellschaft und machte sich die „ständige Entfaltung des realkommunistischen Wesens der neuen Gesellschaft“ (offizielle DDR-Darstellung) zum Thema. Man wollte mit der Literatur nicht nur einen Beitrag zum Aufbau der „sozialistischen Nation“ leisten, sondern gleichzeitig eine „sozialistische Nationalliteratur“ erschaffen, die fürderhin als „sozialistische Klassik“ Modellcharakter für die Literatur eines wiedervereinigten Gesamtdeutschlands unter kommunistischer Führung dienen sollte. Mit dem Alltag der Menschen – oder anspruchsvoller Literatur – hatte das jedoch überwiegend nichts zu tun.

Signale vom Mond versetzt den Aufbauroman aus der sozialistischen Produktion in eine nahe Zukunft, in der alle Menschen der Erde – zumindest des geläuterten und „besseren“, weil kommunistischen, Teils – gemeinsam Neues zu Gunsten der Menschheit schaffen. Auch die Erforschung des Alls ist ein kollektives Projekt. Gleichzeitig krankt der Roman am gleichen Problem wie die frühen Produktionserzählungen: Den Aufbau unternehmen Mitglieder der Intelligenz, das eigentlich herrschende Proletariat findet im Roman keine Erwähnung und dient allenfalls als Handlanger und Nebenfigur.

Ähnlich ergeht es übrigens den Frauen, denen in der kommunistischen Weltgemeinschaft zwar durchaus Erfolg in der Wissenschaft und Forschung zugetraut wird, ohne sie jedoch aus dem Fräuleinschema herauszuheben oder ihnen gar Führungspositionen einzugestehen. Einfluss auf die Handlung haben die beiden (!) Frauenfiguren keinen, sie dienen lediglich der „Liebesgeschichte“, deren Skript „Reporter macht sich über Wissenschaftlerin lustig, diese erkennt nach seinem Verschwinden ihren (!) Fehler und verliebt sich in Abwesenheit“ an Unerträglichkeit kaum zu überbieten ist.

Letztlich entspricht der Roman genau der Kritik von Eduard Claudius, der seinerzeit nach einer von ihm eingeläuteten Welle von Aufbauromanen den Anspruch der politischen Führung und Verleger kritisierte: Manche glaubten, so Claudius, „der Schriftsteller sei einem Computer ähnlich, in den man die Programmierungskarte hineinstecken könne, und blitzschnell, ehe man sich’s versieht, komme der fertige, nach Wunsch geschneiderte Roman heraus: ein Teil positiver Held in strahlend heller Sonne, zur notwendigen Kontrastierung ein wenig gewölkt, ein Teilchen wohldosierter Liebe, wie sie halt üblich ist, natürlich ein Gegenspieler, dieser aber schwach, schlecht und zuletzt unterliegend.“[1]

Horst Müller: Signale vom Mond
Bautzen: Domowina Verlag 1960.
202 Seiten, gebunden
vergriffen

[1]  (Zitiert nach: Emerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Berlin: Aufbau Taschenbuch 2005, S.139f.)

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„Alles begann mit einer Vermessenheit“ – Zur 100. Ausgabe der „allmende“

Man ist sich nicht mehr so ganz sicher, wer nun eigentlich die ausschlaggebende Idee hatte. Sicher ist, dass es wohl im Jahr 1980 war, im Hause Martin Walsers, vermutlich bei Zwetschgenkuchen und nach langen Diskussionen. Entstanden ist seinerzeit die Allmende. Eine alemannische Zeitschrift, deren 100. Ausgabe jetzt erschienen ist.

An jenem Gründungstreffen beteiligt waren damals neben Martin Walser auch Hermann Bausinger, Adolf Muschg, André Weckmann und Manfred Bosch – die damit zu den Herausgebern der Allmende wurden, unterstützt von Matthias Sprenger, der lange Jahre die Redaktion der Zeitschrift übernahm. Von Anfang an hatte die Zeitschrift das hehre Ziel, eine „grenzüberschreitende Kulturzeitschrift mit einer politisch-kritischen Ausrichtung“ zu sein, erklärt der heutige Herausgeber Hansgeorg Schmidt-Bergmann. Mit diesem Anspruch war die Allmende erkennbar ein Kind ihrer Zeit, fiel die Erstausgabe im Jahr 1981 doch in eine Zeit wichtiger politischer und gesellschaftlicher Um- und Aufbrüche, insbesonder im Südwesten der Bundesrepublik.

In Karlsruhe gründeten sich die Grünen, Bürgerproteste am Oberrhein verhinderten den Bau von Atomkraftwerken in Wyhl und Brokdorf und zeitgleich konstituierte sich in Baden-Württemberg die „Initiative Schreibender Frauen“. Es erschienen die politisch aufgeladenen Gedichte abendland von Kurt Matis oder Christoph Meckels Suchbild. Über meinen Vater. Gleichzeitig erlebte auch die Mundartdichtung eine Renaissance; „das Alemannische avancierte zu einer grenzüberschreitenden Sprache gegen die Regierenden“, so Schmidt-Bergmann.

Hermann Bausinger erinnert sich in seinem Beitrag an die Gründungssitzung und die damals schwierige Titelfindung im Hause Walser. Der Selbstbezug auf das Alemannische erwies sich dabei als geschickter Schachzug, konnten über den nicht politisch definierten Raum doch grenzübergreifend Regionen in Deutschland, Frankreich, Liechtenstein, dem Voralberg und der Schweiz angesprochen werden. Sprachlich hielt man sich ebenfalls größere Räume offen, sei doch selbst das Schwäbische ein Teil des Alemannischen – „was die Schwaben allerdings nicht wissen und die Alemannen nicht wissen wollen“.

Trotz dem mit der Übernahme der Zeitschrift durch Hansgeorg Schmidt-Bergmann vor 15 Jahren auf Gesamtdeutschland erweiterterm Blickfeld hat die heutige allmende ihren Heimatbezug nie ganz verloren und stellt noch immer südwestdeutsche Autoren und deren Veröffentlichungen an zentrale Stelle. In dieser regionalen Verhaftung liegt die „Vermessenheit“ begründet, die Manfred Bosch zufolge schon am Anfang der Allmende stand. Der Vermessenheit nämlich, dass sich für ein derart regionales Projekt, eine Literaturzeitschrift für den süddeutschen, alemannischen Raum, genug Interessenten, Leser und – natürlich – Abonnenten finden würden.

Dabei versuchte die Allemende mit Erfolg von Anfang an eine positive Reaktivierung und Umdeutung des Heimatbegriffs, nachdem dieser von den Nationalsozialisten barbarisch diskreditiert und von den eskapistischen Heimatfilmen der BRD-Nachkriegszeit zum Kitsch degradiert wurde. Gerade die Anti-AKW- und Friedensbewegung der 80er-Jahre demonstrierten, wie sich die Menschen grenzübergreifend für den Erhalt ihrer Heimat einsetzten, starre politische Grenzziehungen infrage stellten und übergreifende Probleme gemeinsam diskutierten. Im gleichen Sinne setzte und setzt sich die Allmende ein für eine „kritische Heimatkunde, literarisch und essayistisch, historisch wie gegenwartsbezogen“ (Manfred Bosch)

Illustre Runde – Mehr als 900 Autoren beteiligten sich bislang an 100 Ausgaben.

Das politische Spannungsfeld zwischen RAF-Attentaten, dem Ende der sozialliberalen Koalition und dem Erstarken der Frauenbewegung blieb im Verlauf der 80er-Jahre im Aufmerksamkeitsfeld der Allmende, die sich so zusehends zu einer wichtigen Chronistin der gesellschaftspolitischen Bewegungen und Diskurse im Südwesten des deutschen Sprachraums entwickelte – und es bis heute geblieben ist. Um diese zeitgeschichtliche Relevanz der Öffentlichkeit besser zugänglich zu machen, soll das Gesamtarchiv der Zeitschrift unter allmende-online.de mittelfristig vollständig digital erfasst und veröffentlicht werden.

Die 100. Ausgabe ist also ein triftiger Grund zu feiern. Nicht zuletzt, weil die allmende deutlich beweist, dass es auch in scheinbar durchdigitalisierten und durchglobalisierten Zeiten lohnt, eine (analoge) Literaturzeitschrift herauszugeben. Martin Walser und Adolf Muschg steuern zur Jubiläumsausgabe Auszüge aus ihren gegenwärtigen Romanprojekten Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte und Monsignore bei und läuten damit den auch in der 100. Ausgabe wieder namhaften Reigen der Autorinnen und Autoren ein. Enthalten sind unter anderem Arno Geigers Rede zur Verleihung des Alemannischen Literaturpreises 2017, die Reflektionen zur Heimat als Gefühl von Lena Gorelik sowie Essays von Wilhelm Genazino, Karl-Heinz Ott, Arnold Stadler, Sybille Lewitscharoff und Feridun Zaimoglu.


Büchertour #3 – Abbas Khider im Mainzer Ratssaal

So ganz will der Rahmen nicht zu ihm passen, zu Abbas Khider, dem 33. Mainzer Stadtschreiber, der im Rahmen der 18. Mainzer Büchermesse in der Mitte des Mainzer Ratssaales an einem kleinen Tischchen Platz genommen hat. Um ihn herum gedimmtes Licht, auf den Plätzen der Ratsdamen- und -herren gespannte Zuschauer. Der Saal ist gut gefüllt. Die Wappen der Partnerstädte, das aufwändige Blumengesteck am offiziellen Rednerpult, das Portrait von Bundespräsident Steinmeier – der Raum wirkt feierlich, es liegt etwas „offizielles“ in der Luft.

Abbas Khider scheint das nichts auszumachen. Weder der hochoffizielle Rahmen, noch das Fehlen der Kulturdezernentin, die noch irgendwo im Stau feststeckt. Es geht auch ohne ihre Ansprache. Kurz vor dem Ende seiner „Amtszeit“ in Mainz scheint sich Khider wohlzufühlen, sich mit den Mainzern und ihren Gepflogenheiten auszukennen. Also geht es auch ohne Eröffnung, vermutlich sogar noch besser und authentischer.

Denn mit seinen Erzählungen lässt Khider den Rahmen schnell in den Hintergrund treten. Mit einer förmlich greifbaren Energie erzählt er von den kleinen Unterschieden zwischen den Städten, zwischen München, Mainz und Berlin, die ihm als Einwanderer aus dem Irak noch deutlicher vor Augen treten als den Eingeborenen. Dabei sieht er die kleinen Dinge nicht nur, sondern erzählt von ihnen, beschreibt die Kuriositäten des Alltags und fängt sich damit wohl immer wieder den Vorwurf ein, ein Märchenerzähler zu sein. Doch nicht er erfinde die Märchen, sondern das Leben selbst.

Als anschauliches Beispiel liest er aus seinem jüngsten Roman Ohrfeige, dem Monolog eines Flüchtlings, der seiner gefesselten Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde seinen ganzen Frust und Werdegang berichtet. Auch das sei, vielleicht von der Geiselnahme abgesehen, alles so passiert, aus dem Leben gegriffen.

Khider liest dabei wie er spricht, erzählt und schreibt: mit Leidenschaft, Begeisterung und Nachdruck, gestenreich und mit vollem Körpereinsatz. Khider liest nicht nur einen Text vor, er inszeniert ihn, deklamiert und gestikuliert – selbst wenn er ganz in seinen Text vertieft ist, scheinen seine Hände nicht ruhen zu wollen.

Sein Text, Khiders vielbeachteter Roman Ohrfeige, erzählt vom Alltag eines Asylbewerbers im Jahr 2001. Es gibt kein „Wir schaffen das“ und keine „Flüchtlingskrise“, dafür aber den 11. September und ein an Hysterie grenzendes Misstrauen gegen alles auch nur annähernd Arabische. Hinter den Kulissen hat sich bei näherer Betrachtung nicht allzu viel geändert. Hysterie und Vorurteile vergiften auch heute die Beziehung zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen und noch immer ist der Umgang mit den Behörden ein Spießrutenlauf zwischen Unwille, Überforderung und Bürokratie.

Abbas Khider – „Ohrfeige“ © Hanser

Khiders Klammer, sowohl im Text als auch an diesem Nachmittag, ist das Geschichtenerzählen. Dass Menschen sich Geschichten ausdenken, um Zutritt, Schutz und Asyl zu bekommen, sei kein neues Phänomen seit 2015. Schon immer hätten sich Menschen auf der Flucht Geschichten ausgedacht, auch um ihre eigentliche Herkunft zu verschleiern. Egal ob europäische Einwanderer in den USA, jüdische Flüchtlinge in der Schweiz oder afghanische Asylbewerber im heutigen Deutschland: Das jeweilige System zwinge die Menschen dazu, Geschichten zu erfinden. Aus dieser Diskrepanz zieht Khider seinen erzählerischen Auftrag; um das „Warum“ hinter der Geschichte zu ergründen und um eine Brücke zu schlagen zwischen den „Vetretern des Systems“ und der aus der Not heraus erfundenen Geschichte.

Dass das Brückenbauen indes nicht immer einfach ist, demonstriert dieser Nachmittag mit seiner ganz eigenen Ironie: Parallel zur Veranstaltung wird der neue Teil der Schiersteiner Brücke eingerichtet. Die dafür nötige zweitägige Vollsperrung sorgt für eben jenes Verkehrschaos, dem aller Vermutung nach auch die Frau Kulturdezernentin und ihre Ansprache zum Opfer gefallen sind.


Büchertour #2 – Die Mainzer Büchermesse

Nein, mit internationalen Messegrößen wie Leipzig oder Frankfurt kann man sich nicht messen. Aber wollte man denn? Vermutlich eher nicht, legt man doch auch in anderen Dingen in Mainz eher Wert darauf, eben nicht Frankfurt zu sein. Wie oft ist es gerade die Mainzer Gemütlichkeit, dieser etwas kleinere Rahmen, die Zurückhaltung der Präsentation, die auch die jährliche Mainzer Büchermesse so attraktiv macht. Am vergangenen Wochenende fand im Mainzer Rathaus die 18. Auflage der Bücherschau statt.

Große Namen hat Mainz zur Genüge. Neben dem obligatorischen Herrn Gensfleisch schmückt man sich gerne mit der renommierten Universität, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, ZDF, SWR und Gutenberg-Museum. Zugleich aber weiß man nicht nur wegen der kecken Mainzelmännchen auf dem Lerchenberg, dass man mit dem zweiten Blick manchmal besser sieht. Und so ist die Mainzer Büchermesse vor allem eine Schau für die Kreativ- und Medienszene der Stadt abseits der großen Institutionen. Auch wenn die – selbstverständlich – mit vertreten sind.

Im Mittelpunkt stehen aber regionale Klein- und Traditionsverlage, Initiativen, mit Büchern verbundenes Kunsthandwerk sowie Lese- und Autorenförderprogramme. Kleine Perlen mit durchaus großer Bandbreite: Da stehen die „analytisch-kritischen Heimatbeschreibungen der Pfalz“ aus dem Bachstelz-Verlag neben den Reise- und Wanderführern aus dem Hause PMV oder den regionalen Krimis und Kochbüchern aus dem Leinpfad Verlag. Der Mini-Verlag C. W. Meisterburg befasst sich mit Themen, die Kinder zwar erleben, die aber auf dem klassischen Kinderbuchmarkt eher ausgelassen werden (beispielsweise der Schlaganfall von Opa Willi). Zeitgeschichtlich hochaktuelles von Lafontaine bis Noam Chomsky findet sich im Mainzer nomen Verlag, während sowohl der Verlag S. Fechner-Sabo als auch der Jüli-Verlag und Buchkünstler Matthias Harnisch die Freunde feiner Kunst und Poesie begeistern.

Zu den kleinen Besonderheiten zählen sicher der Esperanto-Buchversand und der kleine Kinzelbach-Verlag. Ersterer versorgt Leser auf der ganzen Welt mit einem ausschließlich in Esperanto gehaltenen Programm aus Lehrbüchern, Klassiker-Übersetzungen und original in Esperanto verfassten Titeln aus Belletristik, Poesie und Sachbuch. Donata Kinzelbach hingegen gibt in ihrem kleinen Verlag seit fast 30 Jahren ausschließlich Literatur aus dem Maghreb in deutscher Übersetzung heraus und engagiert sich auf diese Weise mit Hingabe für die friedliche Verständigung zwischen den Kulturen. Über 100 belletristische Titel und Sachbücher umfasst das Programm mitllerweile.

Meine persönliche Entdeckung ist jedoch die Kombination aus Ventil und gONZoverlag. Zuerst etwas irritiert vom doch recht breiten Spektrum zwischen Punkliteratur, veganen Kochbüchern und feinen Lyrikheftchen, wurde ich rasch aufgeklärt, dass es sich um zwei unabhänige Projekte handelt, die sich lediglich einen Stand teilten. Beide unabhängig, alternativ und abseits des Mainstream. Der 1999 entstandene Ventil Verlag widmet sich dabei eher einer bunten Mischung aus Subkultur, Gesellschaftstheorie, Musik- und Filmgeschichte, während der gONZoverlag von Miriam Spies äußerst lesenswerte und alternative Belletristik und Poesie präsentiert. Besonders gespannt bin ich auf Lee Hollis‘ Many Injured, More Dead, das bei Ventil erscheint und direkt mal auf die Leseliste gewandert ist.

Es lohnt sich, abseits der bekannten Wege zu gehen. Die Pfade mögen etwas weniger bequem anmuten, die Blumen am Wegesrand sind dafür umso vielfältiger und ausgefallener.


Quo vadis pagina secunda?

Reich ist, wer Zeit zur Hand hat. Hat das mal ein schlauer Mensch gesagt? Falls nicht: Ist es denn nicht so? Gibt es denn heute nicht unzählige Dinge, die um unsere knapp bemessene Aufmerksamkeit und Zeit buhlen? Arbeit, Alltag, Freizeit – kaum etwas scheint heute so abwegig wie Müßiggang und Leerlauf.

Euch aufmerksamen Lesern der Seite Zwei wird nicht entgangen sein, dass mein vor einiger Zeit angekündigtes Ziel, die Beitragsfrequenz wenn nicht zu erhöhen, so doch zumindest konstant zu halten, in den vergangenen Wochen etwas gelitten hat. Doch keine Panik: An dieser Stelle folgt kein vorzeitiger Abgesang.

Vielmehr soll, letztlich auch zur eigenen Motivation, der kommende Weg etwas näher beschrieben, sozusagen ausgekundschaftet werden. Wohin also soll die Reise gehen?

Die Seite Zwei ist mittlerweile kein neues Blog mehr. Es hat sich ein ordentliches Beitragsarchiv angesammelt und es finden sich interessierte, manchmal sogar regelmäßige Leser ein. Das ist schön. Reicht das? Vielleicht. Gleichzeitig erscheint es mir geboten, die Sache etwas ernsthafter, organisierter anzugehen. Hier kommt ihr ins Spiel – Ihr, deren Blogs ich manchmal so neidvoll beäuge, die Regelmäßigkeit eurer Beiträge, die vielen Interaktionen und die aktive, lebendige Gemeinschaft, die ihr mit euren Leserinnen und Lesern geschaffen habt.

Zuvorderst soll es in Zukunft einen Plan geben, was wann geschrieben wird, um diesen nagenden Gedanken abzuschaffen, der mich immer wieder mit rostiger Stimme daran erinnert, dass ich mir doch noch eine Idee für den Blog ausdenken, noch ein Buch für eine Rezension lesen müsse. Pscht.

Jetzt kann man das gleich mal übertreiben und sich bei Scompler eine ganze Kampagne zusammenfrickeln. Ich fürchte aber, dass das den Anlass mit einer Wagenladung Aufwand erschlagen und in einem Aufwasch begraben würde. Am anderen Ende des Spektrums stehen dann Zettelwirtschaft und Excel-Tabellen, die bei mir sofort Assoziationen von Dachbodenmuff und verrosteten Scharnieren wecken. Gibt es da nicht etwas dazwischen? Habt ihr Erfahrungen mit Redaktionsplänen und was nutzt ihr dafür? Es gibt im Weltweitnetz doch sonst für alles eine Nischenlösung, warum also nicht auch für kleine Ein-Schreiberling-Buchblogs? Immerhin will ich hier nicht die Content-Strategie für ein neues Start-up organisieren …

Womit wir bei den sozialen Medien angekommen wären. Bislang streue ich meine Beiträge lediglich über die automatische Abonnenten-E-Mail und Twitter. Ahja, und an meinen alten Tumblr, der aber mittlerweile praktisch stillgelegt ist. (Nutzt das noch jemand? Kennt der- oder diejenige zufällig mein Passwort?) Das Ergebnis ist mau bis übersichtlich, mehr als den einen oder anderen Besucher erreiche ich darüber nicht. Da sind sogar die gelegentlich bei reddit gestreuten Links wirkungsvoller. Hier möchte ich auf jeden Fall ansetzen.

Mein privater Twitteraccount ist eine eher unkoordinierte Sammlung aus misanthropischem Frustgemurmel und Kulturmanagement-Themen, zwischen denen der Bücheranteil zuweilen unterzugehen droht. Hier will ich die Zielgruppen etwas schärfer trennen und der Seite Zwei einen eigenen Kanal widmen, auf dem es dann vorrangig nur noch um Literatur, das Lesen und Kulturthemen gehen soll. Digitale Kulturpolitik und Zynismus dann wie gehabt an gewohnter Stelle. Seit ein paar Tagen ist bereits der neue Kanal unter @seitezwei erreichbar. Apropos Erreichbarkeit: Die Seite Zwei ist seit ein paar Tagen auch direkt über die etwas freundlichere Adresse paginasecunda.net zu finden.

Nun sag, wie hast du’s mit Facebook?

Damit zur Gretchenfrage, zum dunkelblauen Elefanten im Raum. Kommt man drumherum? Sicher. Verpasst man damit ein ohnehin vorhandenes Netzwerk? Ebenso wahrscheinlich. An diesem Punkt bin ich gespalten und ratlos. Soll eine ‚Fanpage‘ her? Muss die Seite Zwei zu Facebook? Was sind eure Erfahrungen mit dem Giganten? Lohnt es sich für ein kleines Blog? Erreicht man darüber tatsächlich so viel mehr Leser? Da ich selbst das Netzwerk nicht nutze – und auch nicht vorhabe, es in Zukunft privat zu nutzen – kann ich auch hier auf kein bestehendes Netzwerk aufbauen und müsste von Grund auf neu beginnen. Während das sicherlich machbar ist, bleibt die Frage: Lohnt sich das? Hier würden mich eure Erfahrungen interessieren – sowohl als Leser- wie als Bloggerinnen.

Zum Abschluss noch ein Versprechen: Die Seite Zwei wird, auch wenn mal wieder Durststrecken und Löcher im Redaktionsplan auftreten sollten, so bald nicht verschwinden. Ich habe da noch Ideen für neue Formate, die ich gerne ausprobieren würde. Unter anderem möchte ich die Büchertouren ausbauen und öfters einmal von draußen berichten. Vielleicht kann man ja auch den #Montagskaffee wiederbeleben. Gibt es denn etwas, was ihr vermisst?


Gelb, gelb, gelb sind alle meine Bücher – Reclams Universalbibliothek wird 150

Wer kennt sie nicht, die kleinen, gelben Bändchen der Reclam Universalbibliothek? Handlich, schmucklos und bodenständig bieten sie heute vor allem Schülern und Studenten einen kostengünstigen Zugang zur aktuellen Pflichtlektüre aus dem neuen Schuljahr oder zum Goethe-Seminar. Und damit teilen alle eine Gemeinsamkeit mit der heute ältesten Taschenbuchreihe Deutschlands: angefangen hat es mit Goethes Faust.

Die Geschäftsidee, mit der die Verleger Anton Philipp Reclam und sein Sohn Hans Heinrich im Jahr 1867 die Verlagswelt revolutionieren sollten, war so simpel wie Erfolg versprechend: bekannte Texte der Weltliteratur durch einen kleinen Preis einem breiten Publikum zugänglich machen. Möglich wurde dies, weil im Jahr 1865 erneut das Urheberrecht im Deutschen Bund geändert wurde. Demnach erlosch zum 9. November 1967 das Schutzrecht auf Texte aller Autoren, die vor dem 9. November 1837 verstorben waren. Eine Goldgrube für die damalige Verlagslandschaft.

In Leipzig war man dem Wettbewerb jedoch buchstäblich voraus: Im Hause Reclam hatte man die Gelegenheit erkannt und geklotzt statt gekleckert. Ganze 50 Bände hatte man im Verlagshaus Reclam bereits verkaufsfertig vorrätig, als zum Stichtag 1867 die Schutzrechte ausliefen. Dabei zeigte sich Reclam auf der Höhe der Zeit. Gedruckt wurde mit modernsten Drucktechniken, Vertrieb und Marketing wurden professionell mit besonderen Konditionen und aktiver Werbung aufgezogen.

Ein Erfolg: Die mit 5.000 Bänden für damalige Verhältnisse recht hohe Erstauflage der Nummer 1 – Goethes Faust – war innerhalb von Wochen vergriffen.

Hinter dem Konzept stand jedoch nicht nur das marktwirtschaftliche Interesse. Vielmehr war die Idee hinter der Taschenbuchreihe eine egalitär-bildungspolitische Vision: Mit den kleinen, sehr erschwinglichen Büchlein sollten Leser in Gesellschaftsschichten erschlossen werden, denen der Zugang zu Literatur und Büchern bislang vor allem aus finanziellen Gründen verwehrt war. Reclams Universal- sollte stets auch eine Bildungsbibliothek sein und das kulturelle Gedächtnis spiegeln. Multa et Multum – „Vieles für Viele“ ist bis heute das Motto.

Faksimile der Universal-Bibliothek 1, Leipzig 1867, © Reclam

Schon 1908 umfasste der Katalog stolze 5.000 Titel. Bis heute wurden über 20.000 Werke verlegt, 3.500 Bücher und 500 E-Books sind derzeit im Verlagsprogramm. Eine stolze Menge, die man – heute in Stuttgart – natürlich auch um eine Sonderedition erweitert. Besonders angetan bin ich von der Jubiläumsausgabe des ersten Bandes, der als Faksimile der Urfassung von 1867 erhältlich ist. Sicher ein schönes Stück für meine Sammlung an Faust-Ausgaben.

Mein Erstkontakt war übrigens auch – natürlich – die Schule. Ich weiß nicht mehr, welcher Titel es war, aber ich erinnere mich gut daran, als fast Einziger in der Klasse eine Reclam-Ausgabe vor mir liegen gehabt zu haben, während das Gros der Empfehlung gefolgt war, ein Hamburger Leseheft zu kaufen. Vor mir lag also dieses etwas abgegriffene Büchlein aus der recht umfangreichen Sammlung meiner Eltern. Obwohl noch im eher drögen Gilbbraun (das knallige Gelb kam erst 1970) überzeugte mich die schnörkellose Aufmachung sofort. Mein Studium hat dann dazu beigetragen, dass ich heute eine ähnlich umfangreiche Sammlung der kleinen gelben (aber auch orangenen, grünen und roten) Büchlein habe; viele davon voller Anmerkungen, Eselsohren, Kritzeleien, und dadurch ganz eigenem Charme.

Und ihr? Könnt ihr euch an euer erstes Reclam-Büchlein erinnern? Dass ihr eines habt, steht außer Frage. Es gibt wohl niemanden in diesem Land, der im Laufe seines Lebens nicht mindestens ein Büchlein der Universalbibliothek in den Händen hatte. Die meisten sicher sogar freiwillig.


Zum letzten Mal per Anhalter durch die Galaxis: Douglas Adams‘ „Lachs im Zweifel“

„Meine Lieblingsgeschichte ist, daß Branwell Brontë, der Bruder von Emily und Charlotte, an einem Kaminsims lehnend stehend gestorben ist, um zu beweisen, daß so was machbar ist.

Das stimmt natürlich nicht ganz. Meine absolute Lieblingsgeschichte handelt davon, daß junge Faultiere so ungeschickt sind, daß sie statt nach Ästen oft nach ihren eigenen Armen und Beinen greifen und dann vom Baum fallen. Dies hat jedoch nichts mit dem zu tun, was mich gerade beschäftigt, weil es mit Faultieren zu tun hat, wohingegen die Geschichte über Branwell Brontë sich um Schriftsteller dreht und darum, daß man sich wie eine Leiche auf Urlaub fühlt und irgend etwas tut, nur um zu beweisen, daß es machbar ist.“ (S. 144)

Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist die, in der ein gewisser Douglas Noël Adams erzählt, wie er einmal versuchte, das Tauchen mit einem Mini-U-Boot und Mantarochen zu vergleichen. Dabei beschreibt er ganz nebenbei dieses ganz besondere Lächeln der Australier, das man Down Under ausschließlich für Engländer reserviert hat, weil nur die es fertig bringen,  ihre Verbrecher als Höchststrafe aus dem nebelig-grauen England nach Australien zu verbannen – wo sie vielleicht auch ein bisschen surfen können.

Lachs im Zweifel erschien bereits im Jahr 2003 und vereint diese Geschichten unter einem Buchdeckel. Peter Guzzardi, langjähriger Freund von Douglas Adams, hat nach dessen tragischem und viel zu frühen Tod Adams‘ literarischen Nachlass gesichtet und diesen Sammelband herausgegeben, wohl auch als posthume Ehrung des großartigen Erfinders von Per Anhalter durch die Galaxis.

Doch Douglas Adams war mehr als das. Lachs im Zweifel schafft es, uns auch den technikbegeisterten Mac-Nutzer Adams vorzustellen, der den kleinen „Bammeldingern“, jenen unzähligen Adaptern und Kabeln, den Kampf ansagt; den Atheisten Adams, der von seiner trotzdem bestehenden Faszination für Religion spricht, und den Tierschützer Adams, der von Wanderungen im Nashornkostüm zum Kilimandscharo oder eben Tauchfahrten im Great-Barrier-Reef berichtet.

„In Wirklichkeit weiß ich nicht, woher meine Ideen kommen, oder auch nur, wo ich nach ihnen suchen sollte. Kein Schriftsteller weiß das. Das stimmt allerdings nicht ganz. Wer ein Buch über die Paarungsgewohnheiten von Schweinen schriebe, würde schon ein paar ganz gute Ideen aufschnappen, wenn er in einem Plastikregenmantel auf einem Bauernhof rumhängt, aber wenn man Romane schreiben will, dann besteht die einzige Lösung darin, Unmengen Kaffee in sich reinzuschütten und sich einen Schreibtisch zu kaufen, der nicht gleich zusammenbricht, wenn man verzweifelt den Kopf dagegen donnert.“ (S. 75)

Zusammengefasst sind Interviews, Redeauszüge und Essays des Engländers sowie die Anhalter-Kurzgeschichte Jung-Zaphod geht auf Nummer Sicher. Doch von literarisch größerem Interesse sind wohl die ersten elf Kapitel seines letzten, leider unvollendet gebliebenen Romans rund um den skurril-schrägen Privatdetektiv Dirk Gently. Der Roman blieb Fragment, nachdem Adams den Elan verlor und viele der Ideen doch lieber in einem neuen Anhalter-Roman verwenden wollte.

Dazu ist es jedoch nie gekommen. Douglas Adams verstarb am 11. Mai 2001 in Santa Barbara, Kalifornien.

Douglas Adams: Lachs im Zweifel. Zum letzten Mal per Anhalter durch die Galaxis.
Hg. von Peter Guzzardi. Aus dem Englischen von Benjamin Schwarz.
Hamburg: Heyne 2003
320 Seiten, Hardcover
8,95 €