Eine neue Erinnerung

Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, fordert, den Besuch in einem Konzentrationslager zur Pflichtveranstaltung an deutschen Schulen zu machen. Auch wenn dem grundsätzlichen Gedanken beizupflichten ist, jeden Deutschen (und Europäer) im Laufe seines Heranwachsens mit dem realen Grauen der Konzentrationslager und nicht nur mit der abstrakten Theorie des Geschichtsunterrichts zu konfrontieren, kann eine gesetzliche Verpflichtung nicht der richtige Weg sein. Eine Verpflichtung gießt lediglich Wasser auf die Gebetsmühle, der „Schlussstrich“-Befürworter. Angesichts der jüngsten Zahlen einer dementsprechenden Befragung der Bertelsmann-Stiftung dürfte sich der Zentralrat mit seiner Forderung einen Bärendienst erweisen.

Der Aufforderung nach einem Ende der Auseinandersetzung mit dem Holocaust muss jedoch entschieden widersprochen werden. Gerade angesichts der sich in Europa verschärfenden Ressentiments gegen Muslime, einem nicht zu übersehenden Antisemitismus muslimischer Radikaler und noch immer anhaltendem Antiziganismus darf es kein Ende der Auseinandersetzung geben. Der Holocaust steht als schreckliches Sinnbild am Ende einer Kette von Missgunst, Angst, Fremdenfeindlichkeit und Unmenschlichkeit, die sich so nicht wiederholen darf.

Dabei allerdings darf die Auseinandersetzung nicht zur gelangweilten Pflichtübung verkommen. Weder Antisemitismus noch Völkermord sind bloße Vergangenheit. Selbstverständlich tragen jüngere Generationen keine persönliche Schuld am Nationalsozialismus und Holocaust, aber sie haben von ihren Eltern und Großeltern die Verpflichtung geerbt, die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten, sie auf die Gegenwart anzuwenden und aus dieser Vergangenheit zu lernen. Zu einer Aktualisierung der Methode muss es also gehören, den Fokus nicht mehr allein auf die deutsche Schuld zu legen, sondern Ursachen zu analysieren und auch zu untersuchen, weshalb ein solcher Völkermord vor den Augen der Welt möglich war. Zudem muss allen Tendenzen entgegengewirkt werden, die den Holocaust relativieren oder für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen.

Als ein Beispiel sei hierfür die kritische Auseinandersetzung mit der Nachkriegsliteratur zu nennen. Es kann heute nicht mehr genügen, Standardwerke der KZ-Befreiungsliteratur wie Bruno Apitz‘ Nackt unter Wölfen oder Anna Seghers‘ Das Siebte Kreuz im Schulunterricht zu lesen. Auch die Intention jener sozialistisch geprägten Literatur muss kritisch hinterfragt werden.

Seghers beschwört in ihrem Ausbruchsroman[1] einen wortlosen und klassenübergreifenden Zusammenhalt der Bevölkerung zum Schutze der Entflohenen, wie er so in der Realität wohl nur in Ausnahmefällen existiert hat. Ein Filmdokument der Gedenkstätte KZ Osthofen[2] zeigt, dass die Bevölkerung des Ortes bereits Ende der 1980er-Jahre vom Lager entweder nichts wissen wollte, dessen Existenz rundheraus abstritt oder man die Bedeutung des Lagers mit dem Verweis, dort habe man ja nur „echte Kriminelle“[3] eingesperrt, relativierte. Ob man in diesem Klima dem „Kriminellen“ Georg Heisler geholfen hätte, bleibt fraglich.

Während Anna Seghers 1938 aus dem mexikanischen Exil heraus noch die Hoffnung auf erfolgreichen Widerstand beschwor und versuchte, an der Allmacht des Faschismus zu rütteln, grenzt Apitz‘ Romanhandlung an Geschichtsklitterung. Sein 1958 veröffentlichter Roman schildert die Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, die so in der Realität nicht stattgefunden hat. Zwar zeigt auch Apitz im antifaschistischen Widerstand vereinte Menschen, lässt aber lediglich den Kommunisten aktive und gestalterische Rollen zukommen. Dabei unterschlägt er beispielsweise die nicht seltene Verstrickung und Kollaboration der Häftlings-Kapos mit der Lagerleitung. Zudem wird von Apitz das Leid der Juden verklärt und mit dem Klischee des sein Schicksal still erleidenden Juden belegt. Im Gegensatz zu den Kommunisten bleiben die jüdischen Häftlinge passiv und schwach, auch das von der Protagonistengruppe zu rettende – und selbst völlig hilflose – Kind ist jüdisch.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust muss auch weiterhin fest an den Schulen und im öffentlichen Diskurs verankert bleiben. Aber sie darf nicht in einer einseitigen Betrachtungsweise verharren und etablierte Gedenkmuster institutionalisieren. Bestehende Methoden und Formen des Erinnerns dürfen und müssen kritisch hinterfragt werden, nicht zuletzt auch um eine Vereinnahmung des Gedenkens zu verhindern. Der Fokus muss sich weg vom rein rekapitulierenden Blick auf die Vergangenheit hin zu einer vergleichenden Auseinandersetzung mit der Gegenwart verschieben. Die deutsche Verantwortung für den Holocaust ist nicht widerlegbar. Es darf in der Debatte jedoch nicht mehr nur um Schuld gehen, sondern darum, welche Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen sind und wie diese unser heutiges Zusammenleben beeinflussen. Der Besuch von Gedenkstätten sollte daher eine Selbstverständlichkeit sein, keine Pflicht.

[1] Die deutsche Industrial-Band „Feindflug“ greift das Thema in ihrem Stück Erinnerung ebenfalls auf, verlegt aber die Handlung in das Jahr 1936.

[2] Auf dieses Lager bezieht sich Seghers, verfremdet den Namen in ihrem Roman aber zu „Westhofen“.

[3] In Osthofen waren bis zur Schließung des Lagers 1934 zahlreiche politische Gefangene interniert. Auch die Definition dessen, was während des Nationalsozialismus bereits als „kriminell“ galt, wäre an dieser Stelle zu diskutieren.

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Über Tobias Illing

Germanist und Kulturmanager mit angeborener Lust zu Lesen und einem Zweitwohnsitz im Internet. Autor von https://paginasecunda.wordpress.com Zeige alle Beiträge von Tobias Illing

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